{"id":419,"date":"2023-05-05T10:55:04","date_gmt":"2023-05-05T08:55:04","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/?p=419"},"modified":"2023-05-05T10:55:04","modified_gmt":"2023-05-05T08:55:04","slug":"eine-freiheit-ohne-happy-end","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/2023\/05\/05\/eine-freiheit-ohne-happy-end\/","title":{"rendered":"Eine Freiheit ohne Happy End"},"content":{"rendered":"<p align=\"CENTER\"><span style=\"font-size: 12pt;color: #000000\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Filmt<\/span>itel: 12 Years a Slave<\/span><\/p>\n<p align=\"CENTER\"><span style=\"font-size: 12pt;color: #000000\">Entstehungszeit und -ort: 2013, USA<\/span><\/p>\n<p align=\"CENTER\"><span style=\"font-size: 12pt;color: #000000\">Laufzeit: 129 Minuten<\/span><\/p>\n<p align=\"CENTER\"><span style=\"font-size: 12pt;color: #000000\">Regie: Steve McQueen<\/span><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"font-size: 12pt;color: #000000\">,,Ich will nicht \u00fcberleben. Ich will leben\u201c. Das sagt Solomon Northup bei seiner Verschleppung auf ein Dampfschiff in den US-amerikanischen S\u00fcden. Nachdem er ausgepeitscht wurde und einer seiner Mitgefangenen vor seinen Augen erstochen wurde. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, auf eine R\u00fcckkehr zu seiner Familie, steht im Vordergrund. Doch in dieser Szene, die noch recht am Anfang des Films steht, wissen weder Solomon noch die Zuschauer:innen, wie viel Leid der Protagonist noch aushalten muss und von wie vielen Gewalttaten er Zeuge wird.<\/span><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"font-size: 12pt;color: #000000\">Der Film beginnt beschaulich. Die Hauptfigur, Solomon Northup, wird den Zuschauer:innen als intelligenter und begabter Musiker und Familienvater vorgestellt,. In der Gesellschaft der Kleinstadt Saratoga Springs, im Bundesstaat New York, in welcher er lebt, ist er ein angesehener Mann. Zwei M\u00e4nner, die vorgeben Schausteller zu sein, engagieren Solomon f\u00fcr musikalische Darbietungen in ihren Zirkusshows. Auf den ersten Blick erscheint die Welt von Solomon eine Idylle zu sein, w\u00fcssten wir nicht, dass der Film im Jahr 1841 spielt und h\u00e4tten wir nicht in der ersten kryptischen Szene einen Ausblick auf den Verlauf des Films bekommen.<\/span><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"font-size: 12pt;color: #000000\">Denn schon kurz nach seiner Ankunft mit den beiden Schaustellern in Washington D.C., wacht Solomon angekettet in einer Zelle auf. Seine Befreiungsversuche misslingen und ein Mann tritt ein. Dieser nennt Solomon einen Sklaven. Als er seine Situation erkl\u00e4ren m\u00f6chte, wird er ausgepeitscht. Die Kamera zeigt Solomon von unten, mit dem Folterer im Hintergrund. Der Fokus liegt auf den Qualen des Protagonisten. Auch der n\u00e4chste Shot von Kameramann Sean Bobbitt zeigt eine Ungleichheit auf. Die Folterkammer wird von au\u00dfen gezeigt und als das Bild nach oben f\u00e4hrt, k\u00f6nnen die Zuschauer:innen einen Blick auf das Kapitol der Vereinigten Staaten werfen. In diesem Geb\u00e4ude unweit der Folterkammer soll der Willen des Volkes repr\u00e4sentiert werden. Zu dieser Zeit aber, wird nur der Willen der wei\u00dfen Bev\u00f6lkerung angeh\u00f6rt, w\u00e4hrend schwarze Menschen in Teilen des Landes und in diesem Fall unmittelbar in der N\u00e4he des Kongressgeb\u00e4udes keinerlei Rechte besitzen. Dieser Shot zeigt auch den schmalen Grat zwischen Freiheit und Unfreiheit, in denen schwarze Menschen zu dieser Zeit leben mussten.<\/span><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"font-size: 12pt;color: #000000\">Bei seiner Verschleppung in den S\u00fcden der Vereinigten Staaten, planen Solomon und seine Mitgefangenen eine Revolte an Bord des Dampfschiffes, auf dem sie festgehalten werden. Als einer seiner Mitgefangenen erstochen wird und Solomon die Leiche des Mannes \u00fcber Bord wirft, wird ihm klar, dass es f\u00fcr ihn zun\u00e4chst doch darum gehen wird, zu \u00fcberleben. Doch wie sich im Verlauf des Films zeigt, ist seine Hoffnung auf eine R\u00fcckkehr zu seiner Familie nicht verschwunden.<\/span><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"font-size: 12pt;color: #000000\">Angekommen in New Orleans wird die Entmenschlichung der Sklaven weiter aufgezeigt. Zun\u00e4chst wird Solomon ein neuer Name zugewiesen. In der n\u00e4chsten Szene zeigt die Kamera ein Haus, in dem viele Sklaven \u00fcber mehrere R\u00e4ume verteilt stehen und K\u00e4ufer sie begutachten. Die Entmenschlichung in dieser Szene ist kaum zu \u00fcberbieten. Die Sklaven d\u00fcrfen nicht reden, werden nach k\u00f6rperlichen Merkmalen den potenziellen K\u00e4ufern angepriesen. Als Eliza von ihren Kindern getrennt wird, wird Solomon gezwungen Geige zu spielen. Das Spiel der Geige und die verzweifelten Schreie sowie das Weinen der Mutter, zeigen einen Gegensatz auf, der, wie die gesamte Situation, nur schwer zu ertragen ist.<\/span><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"font-size: 12pt;color: #000000\">Willk\u00fcr spielt auf den Farmen eine gro\u00dfe Rolle. Wer gegen den Willen der Plantagenbesitzer handelt, wird beseitigt. So geschieht es mit Eliza, die nach dem Verlust ihrer Kinder weiter trauerte. Was mit ihr geschah, wurde nicht explizit dargestellt, allerdings tauchte sie in dem Film nicht mehr auf. Nach einem Streit zwischen Solomon und einem Plantagenaufseher, wollte dieser Solomon aufh\u00e4ngen. Dies wurde zwar verhindert, allerdings wurde Solomon lange Zeit nicht vom Seil befreit. So wirkte die Szene, in der Solomon an einem Galgen h\u00e4ngt, jedoch gerade noch mit den Zehenspitzen den Boden erreicht, wie eine Ewigkeit. Der Todeskampf stand im Vordergrund. Doch nicht nur in dieser Situation. Es ist ein Sinnbild des allt\u00e4glichen Kampfs ums \u00dcberleben auf den Plantagen im S\u00fcden der USA. Im Hintergrund der Szenerie gehen andere Sklaven ihren T\u00e4tigkeiten nach. Niemand hilft Solomon, was als Zeichen der Machtlosigkeit interpretiert werden kann.<\/span><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"font-size: 12pt;color: #000000\">Dass die Plantagenbesitzer die Sklaven, die f\u00fcr sie arbeiten, als Eigentum betrachten und nicht als Menschen, gibt Edwin Epps, auf dessen Plantage sich Solomon nach dem Streit mit dem Aufseher auf der vorherigen Plantage befindet, zu. Epps rechtfertigt seine Handlungen auch mit der Bibel. Eine Szene zeigt auch die Arbeit der Sklaven auf einer Plantage, w\u00e4hrend im Hintergrund eine Predigt zu h\u00f6ren ist. Dies veranschaulicht die Ansicht und die Rechtfertigungsversuche der Plantagenbesitzer mit religi\u00f6sen Inhalten.<\/span><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"font-size: 12pt;color: #000000\">Die Gewalt, die in diesem Film h\u00e4ufig vorkommt, wird explizit dargestellt. Der Fokus des Films, aber auch der Gewaltszenen liegt dabei auf den Menschen, die misshandelt werden. Das Leiden, die Schmerzen und die Angst in den Gesichtern der Sklaven sorgen f\u00fcr ein Gef\u00fchl des Schreckens, dass es in den Zuschauer:innen ausl\u00f6st. Doch dieses Gef\u00fchl f\u00fchrt mit der zunehmenden Eskalation der Gewalt zu einem Abstumpfen. Sowohl bei Solomon als auch bei den Menschen, die diesen Film sehen. Weil diese Gewalt st\u00e4ndig pr\u00e4sent ist, gibt es fast schon einen Gew\u00f6hnungseffekt. Es ist wie ein Schrecken, der nicht mehr endet. Wie etwas, dass zum Leben der Sklaven und zum Anschauen des Films dazugeh\u00f6rt, ja sogar ein gro\u00dfer Bestandteil dessen geworden ist.<\/span><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"font-size: 12pt;color: #000000\">Der Blick f\u00fcr das Leid der Menschen, die versklavt wurden, macht diesen Film so sehenswert. An einigen Stellen m\u00f6chte man diesen Film beendet, weil das Grauen nicht mehr aufzuh\u00f6ren scheint und genau das ist es, was die Sklaverei in den USA bedeutete. Leid und das in den allermeisten F\u00e4llen ein Leben lang. Die Abh\u00e4ngigkeit von einem Menschen und dessen willk\u00fcrlicher Behandlung.<\/span><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"font-size: 12pt;color: #000000\">Dass Solomon am Ende wieder ein freier Mann wird und nach Hause zu seiner Familie zur\u00fcckkehrt, kann nicht als Happy End betrachtet werden. Ohne Schuld, ohne Recht sich zu wehren, wurde ihm viel Leid angetan und zw\u00f6lf Jahre seines Lebens wurden ihm geraubt. F\u00fcr die absolute Mehrheit der Sklaven in den USA h\u00f6rte das Leid erst mit dem Tod auf. F\u00fcr sie wurde Solomons Hoffnung, leben zu k\u00f6nnen, nicht erf\u00fcllt.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Filmtitel: 12 Years a Slave Entstehungszeit und -ort: 2013, USA Laufzeit: 129 Minuten Regie: Steve McQueen ,,Ich will nicht \u00fcberleben. Ich will leben\u201c. Das sagt Solomon Northup bei seiner Verschleppung auf ein Dampfschiff in den US-amerikanischen S\u00fcden. Nachdem er ausgepeitscht wurde und einer seiner Mitgefangenen vor seinen Augen erstochen wurde. 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