{"id":400,"date":"2023-04-29T15:18:19","date_gmt":"2023-04-29T13:18:19","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/?p=400"},"modified":"2023-04-29T15:18:19","modified_gmt":"2023-04-29T13:18:19","slug":"die-unbekannten-kriegsverbrecherprozesse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/2023\/04\/29\/die-unbekannten-kriegsverbrecherprozesse\/","title":{"rendered":"Die unbekannten Kriegsverbrecherprozesse"},"content":{"rendered":"<p style=\"font-weight: 400\">\u201eVerschollene Filmsch\u00e4tze: 1946. Die Tokioter Prozesse\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Jahr: 2022, Land: Frankreich, Spieldauer: 26 Minuten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Regie: Serge Viallet, Franck Mazuet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Autor: Daniel Pr\u00fc\u00df<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Die N\u00fcrnberger Prozesse kennt in Deutschland beinahe jeder. Der Kriegsverlauf im europ\u00e4ischen zweiten Weltkrieg kann von zahllosen Menschen nachgezeichnet werden. Dass der Krieg jedoch auch auf der, von uns aus gesehenen, anderen Seite der Welt stattfand ist schon deutlich weniger Menschen bekannt. Auch im Pazifik herrschte eine dramatische und jahrelange Schlacht zwischen den Alliierten und den, mit dem dritten Reich verb\u00fcndeten, Japanern. Mit dem Abwurf der Atombomben \u00fcber Hiroshima und Nagasaki endete auch an dieser Kriegsfront der Krieg mit dem Sieg der Alliierten. Ebenso wie bei den ber\u00fchmten N\u00fcrnberger Prozessen, bei welchem die Hauptkriegsverbrecher des nationalsozialistischen dritten Reiches ihrer Strafe zugef\u00fchrt wurden, gab es auch in Tokio 1946 Kriegsverbrecherprozesse gegen die 28 Hauptverantwortlichen des unmenschlich gef\u00fchrten japanischen Krieges.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Die Regisseure Serge Viallet und Franck Mazuet haben es sich 2022 zur Aufgabe gemacht, mit dem Film \u201e1946. Die Tokioter Kriegsverbrecherprozesse\u201c, welcher in der arte-Filmreihe \u201eVerschollene Filmsch\u00e4tze\u201c erschien, die Wissensl\u00fccken zu diesem, in Europa recht unbekannten, Teil der Weltgeschichte zu schlie\u00dfen. Laut der Filmbeschreibung sollen die folgenden Fragen in diesem Werk beantwortet werden: Wieso zieht sich der Prozess \u00fcber zweieinhalb Jahre hin? Wer sind die Richter? Warum sind es elf Richter? Und was erf\u00e4hrt die japanische \u00d6ffentlichkeit durch diesen Prozess?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Irritation gleich von Beginn an<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Wo bei Filmen eigentlich eine pomp\u00f6se Titelmusik den Zuschauer empf\u00e4ngt und ihm dabei den spannungsgeladenen Weg in ein Abenteuer ausrollt ist bei diesem Film: Nichts. Der Zuschauer wird durch ein Knistern begr\u00fc\u00dft, fast so als wenn ein analoger Film vor unseren Augen in eine Abspielvorrichtung eingelegt wurde und der alte Mann im Kino den \u201eAbspielen\u201c-Knopf dr\u00fcckt. Der knisternde Ton wird durch Lichtspiele untermalt, welche sich uns nicht zu bekannten Formen formen wollen. Schlie\u00dflich sehen wir ein Bild eines alten Filmbandes. Dazu wird, ganz im Stile eines jahrzehntealten Streifens, die zweisprachige Nennung der am Film beteiligten Personen und dessen Titel genannt. Sp\u00e4testens mit dem Abspielen des instrumentellen Er\u00f6ffnungs-Jingles bekommt der Zuschauer das unweigerliche Gef\u00fchl, er w\u00fcrde sich gerade tats\u00e4chlich im Jahre 1946 befinden und einen aktuellen Film schauen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Der Erz\u00e4hler als Dirigent der Bilder<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Im Anschluss an dieses Intro, welches sich doch so sehr von modernen (Dokumentar-)Filmen unterscheidet meldet sich zum ersten Mal der Erz\u00e4hler. W\u00e4hrend wir sehen, wie einige M\u00e4nner mit Aktentaschen aus einem Bus steigen, welcher von Wachen umstellt ist, ordnet der Erz\u00e4hler diese Bilder sofort ein und l\u00e4sst uns wissen, dass diese M\u00e4nner ehemalige f\u00fchrende Politiker Japans sind, welche gerade aus dem Gef\u00e4ngnis gekommen sind und nun das Gericht betreten, um f\u00fcr die von ihnen begangenen Kriegsverbrechen zu b\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Erneut bemerken wir Unbekanntes: Es gibt keinerlei Musik die der Untermalung dient. Auch die Bilder tragen keinen Ton mit sich. Und so l\u00e4sst uns der Sprecher in seinen Satz- und Wortpausen mit den bewegten, aber stummen Bildern alleine.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Nach 2:55 Minuten erneut ein auff\u00e4lliges Mittel: Der Sprecher scheint die Bilder zu \u201edirigieren\u201c. Er ist es, der fordert, dass die eben gezeigten Bilder eines auff\u00e4llig gekleideten Mannes noch einmal abgespielt und in verlangsamter Geschwindigkeit gezeigt werden. Seine ge\u00e4u\u00dferte Verwunderung \u00fcber das Gesehene legt den Grundstein f\u00fcr die Erkundung dieser geschichtstr\u00e4chtigen Bilder, die wir noch \u00fcber die kommenden 23 Minuten gemeinsam vornehmen werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Immer wieder werden solche Eingriffe in das Abspielen des Films gemacht. Nicht nur wird das Gezeigte dadurch verdeutlicht, es wird dem ganzen Film auch der Anstrich gegeben, als wenn man mit dem Erz\u00e4hler in einem Raum s\u00e4\u00dfe und dieser dem Zuschauer in einer Privatvorstellung sein privates Filmmaterial vorspielt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Der Bruch der Bildspiele<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Diese Pr\u00e4sentation der Bilder wird nur durch drei Aspekte im Verlauf des Films unterbrochen: Zum einen werden dem Betrachter immer wieder mit einfachen Karten die japanischen Gebietseroberungen und die entscheidenden, weil brutalen, Schlachten gezeigt. Zum anderen wird mit weiteren Grafiken dem Betrachter unter anderem die Aufteilung des Gerichtssaals vorgestellt. Final werden insbesondere am Ende des Films, aber auch bereits in der ersten Viertelstunde, Fotos neben die gezeigten Aufnahmen gelegt. Diese Fotos zeigen die politischen Akteure in ihren Machtpositionen und legen einen klaren Gegensatz zu den von Wachen umgebenen Personen die auf der Anklagebank im ehemaligen japanischen Verteidigungsministerium auf ihr Schicksal warten. Die direkte Nebeneinanderstellung der Bilder ist dabei ein kraftvolles Element um das Schicksal der Kriegsverbrecher zu betonen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Weitere Unterbrechungen in dem scheinbar vorgegebenen Filmspiel bilden einzelne grafische Einblendungen, in welchem dem Zuschauer wie mit einer Schablone ein einzelner Aspekt, meistens ein bestimmter Angeklagter in einer bestimmten Situation, aus dem Bild gehoben wird. Auch hierbei wird keine Farbe, sondern eine schwarz-wei\u00dfe und sehr einfache Schablone verwendet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Die Bilder lernen sprechen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Erst nach einem knappen Drittel des Films sprechen die Bilder zum ersten Mal. Vorher werden die legend\u00e4ren Bilder des Angeklagten Okawa gezeigt, wie er dem prominentesten Angeklagten in der Runde, Hideki Tojo, einen Klaps auf den Hinterkopf verpasst. Der Erz\u00e4hler berichtet uns von der Unruhe die nach diesem Klaps im Gerichtssaal entsteht. Um diese zu h\u00f6ren und nicht nur zu sehen werden die schon f\u00fcr stumm verstandenen Bilder schlie\u00dflich doch noch aus ihrer Ruhe entlassen und d\u00fcrfen uns Kunde tun. In der Folge wird dieser erstmalige Stilbruch noch h\u00e4ufiger und in immer k\u00fcrzeren Abst\u00e4nden vorgenommen. Aussagen wie die des prominenten Angeklagten Hideki Tojo, des letzten Kaisers von China, Pu Yi, welcher als Zeuge aussagte oder die Urteilsspr\u00fcche am Ende des fast zweieinhalb Jahre andauernden Prozesses werden mit der originalen Tonspur unterlegt. Anhand dieses Stilmittels sehen wir Geschichte nicht nur, wir h\u00f6ren sie auch aus erster Hand. Aufgrund des radikalen Stilbruchs, dem H\u00f6rbar-Machen der Bilder nach voriger Stille, werden die h\u00f6rbaren Passagen besonders hervorgehoben. Dadurch bietet sich dem Erz\u00e4hler die M\u00f6glichkeit diese Stellen besonders zu betonen und an ihnen, mithilfe der anderen, bereits erw\u00e4hnten, Stilmittel, beispielhaft einige Anekdoten des Prozesses hervorzuheben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Das Ende der Farblosigkeit<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Ganz am Ende des Filmes, es wird gerade die Bedeutung(slosigkeit) des Prozesses f\u00fcr die japanische Erinnerungskultur hervorgehoben, gibt es doch noch einen weiteren radikalen Stilbruch. Wenn der Zuschauer schon fast auf den Abspann wartet und sich Gedanken macht, wie er denn den weiteren Tag nach dem Film angehen m\u00f6chte, zeigt sich dieser pl\u00f6tzlich farbig. Wir sehen zuerst die gewohnt schwarz-wei\u00dfe Welt in welcher ein Schrein zu sehen ist in welchem japanischen Soldaten gedacht wird. Mit einem Mal wandelt sich das Bild und wir sehen den gleichen Schrein in Farbe. Der Erz\u00e4hler ordnet das zu Sehende ein: Wir befinden uns nun nicht mehr im Jahre 1946, sondern im Jahre 1978. Der Schrein ehrt ab diesem Jahr auch die Hingerichteten der Kriegsverbrecherprozesse. Ein Fakt, welcher dem Erz\u00e4hler sauer aufst\u00f6\u00dft. Er m\u00f6chte, und auch dort sehen wir wieder das betonende Element der radikalen Stilbr\u00fcche, den Zuschauer noch ein letztes Mal aus seinem Sessel hervorholen und ihm an diesem Beispiel zeigen, wie die Kriegsverbrecherprozesse in seinen Augen nur wenig an der japanischen Erinnerungskultur an diesen schrecklichen Krieg \u00e4ndern konnte. Verglichen mit den, am Anfang des Films gezeigten, Bildern von wartenden Besuchern des Prozesses und der dort aufgeworfenen Frage inwiefern der Prozess in der Lage sein wird die japanische Gesellschaft zu ver\u00e4ndern, wird hier das Ende des gespannten Bogens erreicht und ein Fazit zur sich selbst eingangs gestellten Frage gestellt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Die Fakten sprechen eine starke Sprache<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Wie bereits in den vorangegangenen Zeilen betont, stellen die meist sachlich vorgetragenen Fakten das R\u00fcckgrat des Films. Diese werden untermalt durch die stilistischen Mittel. Dabei werden selbst aufgeworfene Fragen immer beantwortet. So werden auch die hier ebenfalls am Anfang dieser Kritik gestellten Fragen beantwortet: Der Prozess zieht sich \u00fcber die lange Dauer, da die Verlesungen und Vernehmungen durch die mehrfache \u00dcbersetzung enorm viel Zeit dauern. Einige der Richter werden uns vorgestellt, die Anzahl mit der symbolischen Anzahl von 11 durch Japan angegriffenen L\u00e4ndern begr\u00fcndet. Auch die Rolle der japanischen \u00d6ffentlichkeit wird, wie eben dargestellt beleuchtet. Zwar bekam diese s\u00e4mtliche Schilderungen der Taten ihrer Landsleute dargeboten, angenommen und eine wirkliche Kultur des Erinnerns gab es jedoch nicht wirklich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Alles in allem erf\u00fcllt der Film die an ihn gestellten Anforderungen mit Bravour. Er schafft es einen so sachlichen Kern zu vermitteln, ohne jedoch dabei f\u00fcr den Zuschauer zu irgendeiner Zeit langweilig zu werden. Durch die zahlreichen Stilbr\u00fcche wird die Aufmerksamkeit immer wieder von Neuen angeregt und das Gef\u00fchl in einer pers\u00f6nlichen Vorstellung mit dem Erz\u00e4hler und seinem Assistenten zu sein ist ein sehr ungewohntes Gef\u00fchl, schafft es aber eine so noch nie dagewesene N\u00e4he zum Bildschirm zu sp\u00fcren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Der Film schlie\u00dft wie er begann: Knacken. Schnittbilder. Musik. Namen. Ende. Dankesch\u00f6n.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eVerschollene Filmsch\u00e4tze: 1946. Die Tokioter Prozesse\u201c. Jahr: 2022, Land: Frankreich, Spieldauer: 26 Minuten. Regie: Serge Viallet, Franck Mazuet. Autor: Daniel Pr\u00fc\u00df Die N\u00fcrnberger Prozesse kennt in Deutschland beinahe jeder. Der Kriegsverlauf im europ\u00e4ischen zweiten Weltkrieg kann von zahllosen Menschen nachgezeichnet werden. 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