{"id":391,"date":"2023-02-02T00:19:58","date_gmt":"2023-02-01T23:19:58","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/?p=391"},"modified":"2023-02-02T00:19:58","modified_gmt":"2023-02-01T23:19:58","slug":"blutiges-familiengeschaeft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/2023\/02\/02\/blutiges-familiengeschaeft\/","title":{"rendered":"Blutiges Familiengesch\u00e4ft"},"content":{"rendered":"<hr \/>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif\">Film: El Clan<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif\">2015, Buenos Aires, Argentinien, 108 Minuten<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif\">Regie und Drehbuch: Pablo Trapero<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif\">Eine Filmkritik von Karina Zander<\/span><\/p>\n<hr \/>\n<p class=\"p1\"><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif\"><br \/>\nDie Kamera fokussiert seitlich das Gesicht eines jungen Mannes, dessen Konzentration auf den Fernseher gerichtet ist. Im Hintergrund ist eine K\u00fcche und eine junge Frau zu sehen. \u201eEssen ist fertig\u201c<span style=\"font-size: 8pt\"><sup>1<\/sup><\/span>, mit diesen Worten wird das Publikum abgeholt. Die dramatische Hintergrundmusik l\u00e4sst erahnen, dass jeden Moment etwas passieren wird, das die wohlige Stimmung im Haus zerst\u00f6ren wird. In der n\u00e4chsten Sekunde st\u00fcrmt die Polizei das Haus, das Glas der T\u00fcr zerspringt und die junge Frau st\u00f6\u00dft erschrocken einen Schrei aus. Gefolgt von den Schreien der Polizei, die den beiden jungen Leuten Handschellen anlegt. Eine weitere T\u00fcr wird eingetreten, die zum Keller f\u00fchrt. Das Publikum begibt sich zusammen mit den handelnden Personen in den stockdunklen Keller, dessen Raum mit heiterer Musik beschallt wird. Mit den Worten \u201eBewegung, bisschen schneller! Jetzt komm schon. Wo ist sie, verdammt noch mal?!\u201c<span style=\"font-size: 8pt\"><sup>2<\/sup><\/span> wird der junge Mann von einem der Polizisten in den Keller gezerrt. Doch wonach sucht die Polizei und was hat es mit dem Keller auf sich?<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif\">Nach dieser Er\u00f6ffnungsszene, die Trapero als Vorblende einsetzt, begibt sich das Publikum auf eine Reise in die Vergangenheit der Erz\u00e4hlung: Drei Jahre zuvor, Buenos Aires, 1982. Der Familienvater und Patriarch Arqu\u00edmedes Puccio (Guillermo Francella) verfolgt ungl\u00e4ubig die Nachrichten. Der argentinische Pr\u00e4sident Generalleutnant Leopoldo Fortunato Galtieri Castelli erkl\u00e4rt die Gefechte um die Falklandinseln f\u00fcr beendet und preist den beispiellosen Einsatz der Soldaten, die f\u00fcr ihr Vaterland k\u00e4mpften. Im Zuge dessen verliert Arqu\u00edmedes seinen Job beim argentinischen Geheimdienst und verlegt seine Gesch\u00e4fte auf Entf\u00fchrungen, L\u00f6segelderpressungen und Mord, was sich schnell zum Familiengesch\u00e4ft der Puccios entwickelt. Die Familie Puccio besteht aus sieben Familienmitgliedern und scheint nach au\u00dfen wie eine normale Familie, in ihrem Haus spielen sich jedoch dramatische Ereignisse ab.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif\">Nachdem eine Entf\u00fchrung trotz L\u00f6segeldzahlung in einem Mord endet, m\u00f6chte der \u00e4lteste Sohn Alejandro (Juan Pedro Lanzani), der von seinem Vater als Lockvogel eingesetzt wird, aus dem Familiengesch\u00e4ft aussteigen. Trotz seiner Zweifel, die ihm zum Au\u00dfenseiter der Familie machen, h\u00e4lt er dem Druck seines Vaters nicht stand. W\u00e4hrend Arqu\u00edmedes seine S\u00f6hne in die Gesch\u00e4fte einbeziehen m\u00f6chte, h\u00e4lt er seine T\u00f6chter von diesen fern. Dass sich etwas im Familienhaus abspielt, bleibt jedoch auch diesen nicht g\u00e4nzlich verborgen. Uneingeschr\u00e4nkte Unterst\u00fctzung erh\u00e4lt Arqu\u00edmedes durch seine Ehefrau Epifan\u00eda (Lili Popovich), die zwar unscheinbar wirkt, jedoch ebenfalls eine zentrale Rolle spielt. Das blutige Familiengesch\u00e4ft scheint ganz nach dem Plan des Familienoberhauptes Arqu\u00edmedes aufzugehen, bis eine letzte Entf\u00fchrung der Familie zum Verh\u00e4ngnis wird.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif\"><i>El Clan<\/i> ist ein argentinischer Kriminalfilm, der auf einem wahren Fall aus Buenos Aires beruht. Die Normalit\u00e4t und die Brutalit\u00e4t, die in dem Film nebeneinander herrschen, wirken sehr erschreckend. W\u00e4hrend sich im Wohnzimmer das harmonische Familienleben abspielt, er\u00f6ffnet sich im Keller und anderen R\u00e4umlichkeiten des Hauses eine andere Welt. Hier werden die Entf\u00fchrungsopfer festgehalten und gefoltert. Diese Ambivalenz wird in einer Szene besonders deutlich. Arqu\u00edmedes wird von der Kamera begleitet: In der K\u00fcche h\u00e4lt er sich mit seiner Frau auf, die gerade das Abendessen zubereitet. Ein zus\u00e4tzlicher Teller wird f\u00fcr das Opfer vorbereitet. Mit diesem Teller l\u00e4uft er weiter \u00fcber das belebte Wohnzimmer in die obere Etage, am Zimmer seiner Tochter vorbei, die er dar\u00fcber informiert, dass das Essen gleich fertig sei. Einige R\u00e4ume weiter \u00f6ffnet er die verriegelte T\u00fcr, hinter der sich angekettet ein Entf\u00fchrungsopfer befindet, dem ein Stoffbeutel \u00fcber den Kopf gezogen wurde.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif\">Brutale Szenen werden durch den Film hinweg mit heiterer Musik untermalen, was ebenfalls ziemlich verst\u00f6rend wirkt, jedoch nicht verwunderlich ist. Schlie\u00dflich behandelt der Film <i>El Clan<\/i> die Familiengeschichte der Puccios und somit die Sicht der Familie. Besonders tragisch kommt zum Vorschein, dass das Leben der Opfer f\u00fcr Arqu\u00edmedes keinerlei Wert besitzt. Es sind keine Menschen, sondern lediglich Fallnummern in seinen Gesch\u00e4ftsakten.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif\">Historisch l\u00e4sst sich <i>El Clan<\/i> in die \u00dcbergangszeit von der Milit\u00e4rdiktatur zur Demokratisierung<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>Argentiniens einordnen, da die Handlung in den Jahren 1982 bis 1985 spielt. Die argentinische Milit\u00e4rdiktatur forderte von 1976 bis 1983 nach Sch\u00e4tzungen von Menschenrechtsorganisationen ca. 30.000 Todesopfer, es kam w\u00e4hrenddessen zu unz\u00e4hligen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Darunter Geheimgefangenenlager, Kindsraub und Zwangsadoption, Entf\u00fchrungen und Ermordungen.<span style=\"font-size: 8pt\"><sup>3<\/sup><\/span> Die anhaltende Wirtschaftskrise, die ganz Argentinien traf und der verlorene Falklandkrieg leiteten 1982 letztendlich das Ende der argentinischen Milit\u00e4rdiktatur ein<span style=\"font-size: 8pt\"><sup>4<\/sup><\/span>. Der historische Kontext wird in dem Film an vielen Stellen deutlich. Arqu\u00edmedes verlor als Teil des argentinischen \u00dcberwachungsapparates seine Arbeit, als es zum Ende der Milit\u00e4rdiktatur kam. In dieser \u00dcbergangszeit entstand ein Machtvakuum, das letztendlich ein solches Gesch\u00e4ftsmodell wie das der Puccios erm\u00f6glichte. Durch weitere Einblendungen von beispielsweise politischen Reden findet im gesamten Filmverlauf eine historische Einordnung des Films <i>El Clan<\/i> statt.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif\">Der Filmregisseur Pablo Trapero gewann 2015 mit seinem Film <i>El Clan<\/i> auf den Internationalen Filmfestspielen von Venedig einen <i>silbernen L\u00f6wen<\/i> f\u00fcr die beste Regie<span style=\"font-size: 8pt\"><sup>5<\/sup><\/span> und 2016 den <i>Goya<\/i>, einen spanischen Filmpreis, in der Kategorie bester iberoamerikanischer Film<span style=\"font-size: 8pt\"><sup>6<\/sup><\/span>. Trapero gilt als einer der gr\u00f6\u00dften und kreativsten Filmschaffenden des lateinamerikanischen Kinos. Er wurde am 4. Oktober 1971 in San Justo, Argentinien geboren und erlebte die argentinische Milit\u00e4rdiktatur somit als Kind im Alter von vier bis zw\u00f6lf Jahren mit.<span style=\"font-size: 8pt\"><sup>7<\/sup><\/span> In den 1980er-Jahren, als Trapero gerade im Teenageralter war, sorgte der Puccio-Fall f\u00fcr viel Aufsehen in Argentinien. Es l\u00e4sst sich somit vermuten, dass die eigene Betroffenheit Traperos zu dieser Filmidee und schlie\u00dflich zur Umsetzung beigetragen hat.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif\">Mit seinem Film <i>El Clan<\/i> stellt Trapero auf besonders guter Weise dar, wie erschreckend einfach der Puccio-Clan in den letzten Z\u00fcgen der Milit\u00e4rdiktatur und auf dem Weg in die Demokratie unter Ausnutzung eines Machtvakuums ihre m\u00f6rderischen Taten umsetzen konnte. Ein Kinobesuch lohnt sich f\u00fcr alle Thriller- und Truecrime-Liebhaber:innen. Begebt euch auf eine Reise in die Vergangenheit und taucht ein in eine dunkle Zeit Argentiniens.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif\"><b>__________<br \/>\n<\/b><\/span><span style=\"font-size: 10pt;font-family: 'times new roman', times, serif\"><span style=\"font-size: 8pt\"><sup>1<\/sup><\/span> Trapero, Pablo: El Clan, Argentinien 2015, 0:02:28.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;font-family: 'times new roman', times, serif\"><span style=\"font-size: 8pt\"><sup>2<\/sup><\/span> Ebd., 0:02:56-0:03:01.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;font-family: 'times new roman', times, serif\"><span style=\"font-size: 8pt\"><sup>3<\/sup><\/span> Safatle, Pilar: Argentinische Milit\u00e4rdiktatur. Schatten der Vergangenheit, online in: <a href=\"https:\/\/taz.de\/Argentinische-Militaerdiktatur\/!5895061\/\">https:\/\/taz.de\/Argentinische-Militaerdiktatur\/!5895061\/<\/a>, 2022 (Stand: 31.01.2023).<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;font-family: 'times new roman', times, serif\"><span style=\"font-size: 8pt\"><sup>4<\/sup><\/span> Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung: Vor 40 Jahren: Beginn der Milit\u00e4rdiktatur in Argentinien, online in: <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/kurz-knapp\/hintergrund-aktuell\/223408\/vor-40-jahren-beginn-der-militaerdiktatur-in-argentinien\/\">https:\/\/www.bpb.de\/kurz-knapp\/hintergrund-aktuell\/223408\/vor-40-jahren-beginn-der-militaerdiktatur-in-argentinien\/<\/a>, 2016 (Stand: 31.01.2023).<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;font-family: 'times new roman', times, serif\"><span style=\"font-size: 8pt\"><sup>5<\/sup><\/span> Enz, Andrea: Pablo Trapero Biography, online in: <a href=\"https:\/\/www.imdb.com\/name\/nm0871086\/bio?ref_=nm_ov_bio_sm\">https:\/\/www.imdb.com\/name\/nm0871086\/bio?ref_=nm_ov_bio_sm<\/a> (Stand: 31.01.2023).<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;font-family: 'times new roman', times, serif\"><span style=\"font-size: 8pt\"><sup>6<\/sup><\/span> Academia de cine: Premios Goya 2016, online in: <a href=\"https:\/\/www.premiosgoya.com\/pelicula\/el-clan\/\">https:\/\/www.premiosgoya.com\/pelicula\/el-clan\/<\/a>, 2016 (Stand: 31.01.2023).<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;font-family: 'times new roman', times, serif\"><span style=\"font-size: 8pt\"><sup>7<\/sup><\/span> Enz, Andrea: Pablo Trapero Biography, online in: <a href=\"https:\/\/www.imdb.com\/name\/nm0871086\/bio?ref_=nm_ov_bio_sm\">https:\/\/www.imdb.com\/name\/nm0871086\/bio?ref_=nm_ov_bio_sm<\/a> (Stand: 31.01.2023).<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Film: El Clan 2015, Buenos Aires, Argentinien, 108 Minuten Regie und Drehbuch: Pablo Trapero Eine Filmkritik von Karina Zander Die Kamera fokussiert seitlich das Gesicht eines jungen Mannes, dessen Konzentration auf den Fernseher gerichtet ist. 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