{"id":384,"date":"2023-02-01T11:03:44","date_gmt":"2023-02-01T10:03:44","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/?p=384"},"modified":"2023-02-01T11:03:44","modified_gmt":"2023-02-01T10:03:44","slug":"norteado-dein-norden-endet-in-tijuana","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/2023\/02\/01\/norteado-dein-norden-endet-in-tijuana\/","title":{"rendered":"Norteado \u2013 Dein Norden endet in Tijuana"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 10pt\"><em>eine Filmkritik von Moana Binz<\/p>\n<p><\/em><\/span><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 10pt\">2009, Mexiko \/ Spanien, 95 Minuten<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 10pt\">Regie: Rigoberto P\u00e9rezcano<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 10pt\">Autoren: Edgar San Juan, Rigoberto P\u00e9rezcano<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 12pt\">Als der Mann die Augen \u00f6ffnet, ist alles grell, dann erkennt er ein Meer aus Sand, Steinen und kleinen Pflanzen vor sich. Die Luft sirrt nur so vor Hitze. Sein Gesicht sieht gequ\u00e4lt aus, wobei seine lange dunkle Kleidung und die schwere Reisetasche nicht hilfreich sind. Er scheint orientierungslos, guckt in alle Richtungen. Alles sieht gleich aus, sein Ziel ist noch nicht in Sicht. Doch er k\u00e4mpft sich weiter, immer der Nase lang voran mit seinem letzten Schluck Wasser, bis das Ende pl\u00f6tzlich von allen Seiten auf ihn zugelaufen kommt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 12pt\">Hierbei handelt es sich um einen Ausschnitt des Films \u201eNorteado\u201c, welcher im Jahr 2009 ver\u00f6ffentlicht und von Rigoberto P\u00e9rezcano als Regisseur und mit Edgar San Juan als Drehbuchautoren produziert wurde. Wer kein mexikanisches Spanisch beherrscht, kann mit dem Titel vermutlich nichts anfangen. Eventuell assoziiert man ihn mit dem Norden, weil das \u201eNorte\u201c diesem Wort noch leicht zuzuschreiben ist. Seine \u00dcbersetzung lautet allerding \u201eorientierungslos\u201c oder auch \u201everloren\u201c. Dies l\u00e4sst einen gro\u00dfen Freiraum f\u00fcr Interpretationen, doch der englische Titel kann mehr Aufschluss \u00fcber die Handlung des Films geben: \u201eNorthless\u201c, also zu Deutsch \u201eohne Norden\u201c.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 12pt\">Der Film zeigt die Reise des Mexikaners Andr\u00e9s Garc\u00edas (Harold Torres), der in den Norden zu fliehen versucht. Zuvor lebte er in Oaxaca, eine Stadt im S\u00fcden Mexikos, aber nun ist er auf der Reise zu seinem ersten Stopp: Tijuana. Er verlie\u00df seine Frau und Kinder in der Hoffnung auf ein besseres Leben und h\u00f6herem Einkommen im Norden. Dabei bezieht er sich nicht auf den Nordpol, sondern lediglich auf die USA. Allerdings scheint es, als ob sein Norden in Tijuana endet. Andr\u00e9s hat keine Erlaubnis, legal die Grenze zu \u00fcberqueren. Trotzdem versucht er wie etliche weitere Lateinamerikaner*innen dies ohne Visum zu tun. Schon anfangs scheitert er einige Male und wird immer wieder von der US-amerikanischen Grenzwache gefangen und zur\u00fcck nach Tijuana gebracht \u2013 zu seinem Gl\u00fcck gewaltlos. Mit jedem Tag wird sein Erspartes knapper und so entscheidet er sich, erst einmal eine Weile dort zu bleiben und zu arbeiten. Doch je l\u00e4nger er bleibt, desto schwieriger wird es f\u00fcr ihn, sich von dem Ort der Transition zu trennen. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind drei Personen: Ela (Alicia Laguna), die ihm Arbeit und eine Unterkunft bietet, seine Arbeitskollegin Cata (Sonia Couoh) und Asensio (Luis C\u00e1rdenas), der ihm bei der Umsetzung seines Plans helfen m\u00f6chte, wo er kann. Dadurch werden sie von Fremden zu Bekannten und schlie\u00dflich sogar zu Freunden. Oder ist dies nur das Ergebnis der Einsamkeit, die in diesem Ort alle zu umgeben scheint?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 12pt\">\u201eNorteado\u201c beeindruckt mit seiner eindrucksvollen Wirkung auf das Publikum. Seine langatmigen Szenen, dem wenigen Dialog sowie ruhigen Kamerafahrten und der wenigen Nutzung von Hintergrundmusik regt er zum Denken an. P\u00e9rezcano bringt mit seinem \u201eslow cinema\u201c das Geschehen und die Gef\u00fchle seiner Protagonist*innen gekonnt r\u00fcber. Dabei schafft er ein Gleichgewicht zwischen der Einsamkeit und der Lust am Leben, die dieser Weg mit sich bringt. Auch mit \u00e4sthetischen Bildern, die zum Nachdenken anregen und einen Einblick in die Gef\u00fchlswelt Garc\u00edas bieten, kann der Film punkten. So sieht man zum Beispiel den Grenzzaun einige H\u00fcgel rauf und runter entlang verlaufen. Auf einem dieser H\u00fcgel filmt die Kamera gen unten, sodass man schr\u00e4g \u00fcber den Zaun sehen kann. Dadurch bekommt die Zuschauer*innen einen Eindruck, wie nah und doch fern Andr\u00e9s in Tijuana seinem Ziel ist. Er kann es schon fast sehen, doch dieser hohe d\u00fcnne Zaun zeigt, dass jetzt der schwerste Teil f\u00fcr ihn kommt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 12pt\">Da P\u00e9rezcano selbst aus Oaxaca kommt, kann man davon ausgehen, dass das Thema w\u00e4hrend seiner Jugend eine gro\u00dfe Rolle gespielt hat. Sei es durch Erz\u00e4hlungen oder eigene Verwandte und Freunde, die sich f\u00fcr diese Reise entscheiden mussten. Diese Verbundenheit zum Thema l\u00e4sst die Geschichte noch glaubw\u00fcrdiger erscheinen. Diverse internationale Filmfestivals best\u00e4tigen seinen Erfolg, da der Film mehrmals besonders in Europa mit Preisen ausgezeichnet wurde (IMDb).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 12pt\">Das Ausbleiben der Preise in Nordamerika deutet auf die Aktualit\u00e4t des Themas hin. Illegale Einwanderungen von Mexiko in die USA gibt es schon seit Jahrzehnten und wird immer noch gr\u00f6\u00dftenteils totgeschwiegen. Diskutiert wird lediglich, wie die Grenze undurchdringbarer gemacht werden kann, jedoch nicht wie die Probleme der Latinos gel\u00f6st werden k\u00f6nnten. Die Gr\u00fcnde wechseln immer, doch der Ausl\u00f6ser f\u00fcr diese sind vor allem die instabilen Situationen in den L\u00e4ndern, wie etwa Inflationen, Korruption oder Gewalt. Lateinamerikaner*innen sehen als einzigen Ausweg, in die \u201ewestlichen\u201c L\u00e4nder zu ziehen, wobei der Westen eher ein Konzept darstellt als eine Richtungsangabe. Jedoch ist der USA die illegale Einwanderung ein Dorn im Auge, dabei sind sie f\u00fcr die Instabilit\u00e4t mitverantwortlich. So suchten sie sich mit der Sowjetunion als Schauplatz des Kalten Krieges die L\u00e4nder Lateinamerikas aus. Aufgrund ihres Machtspiels sollte sich jedes Land entscheiden, auf wessen Seite es steht \u2013 der kapitalistischen Seite der USA oder der kommunistischen Seite der Sowjetunion. Damit zwangen sie ein System auf die L\u00e4nder, welche darauf nicht vorbereitet waren. W\u00e4hrenddessen schwappten etliche nordamerikanischen Produkte in den S\u00fcden \u00fcber, wie beispielsweise Coca-Cola, Musik und mehr. Sie zeigten, wie sch\u00f6n der \u201eAmerican Dream\u201c sein kann und verleiten somit bis heute noch viele Leute, nach diesem zu greifen \u2013 meist erfolglos.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 12pt\">Der Protagonist Andr\u00e9s Garc\u00eda stellt definitiv kein Einzelfall dar und genau diese N\u00e4he zur Realit\u00e4t ist es, die \u201eNorthless\u201c eher wie eine Dokumentation als ein Spielfilm wirken l\u00e4sst. Die Charaktere sind zwar ausgedacht, doch die Ereignisse, die P\u00e9rezcano und San Juan auf die Leinwand bringen, zeigen keine Fiktion. Sie verleihen lediglich Betroffene eine Stimme, welches sie nahbar macht und bedeutender wirken l\u00e4sst als eine blo\u00dfe Zahl der illegalen Einwanderungsnummer.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 12pt\">Wer jetzt jedoch denkt, man m\u00fcsse sich auf brutale Szenen von Begegnungen an der Grenze einstellen, der hat sich gewaltig geschnitten. Doch genau da liegt mein Kritikpunkt. Andr\u00e9s versucht anfangs mehrmals die Grenze zu \u00fcberqueren, und l\u00e4uft stets \u201enur\u201c der US-amerikanischen Polizei in die Arme. Tatsache ist jedoch, dass es viel mehr Gefahren in der W\u00fcste gibt, und ich rede nicht nur von Tieren. Frauen m\u00fcssen schon auf dem Weg zur Grenze, bei der Durchquerung der L\u00e4nder aufpassen, nicht vergewaltigt zu werden. Auch sonst werden viele M\u00e4nner und Frauen von gewaltbereiten Menschen \u00fcberfallen, die sie zusammenschlagen, ausrauben oder sogar t\u00f6ten. Jedoch ist dies nur eine kleine Kritik, da es durchaus unterschwellig erw\u00e4hnt wird.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 12pt\">Abschlie\u00dfend kann ich sagen, dass ich den Film interessant fand, weil der Regisseur es schafft ein wichtiges Thema f\u00fcr jeden zug\u00e4nglich zu machen. Auch wenn der Film ein langsamer ist, verliert er trotzdem nicht die Spannung. Des Weiteren legt er den Fokus nicht auf die \u00dcberquerung an sich, sondern alles dazwischen: die Hintergrundgeschichten, Gef\u00fchle, das soziale Leben und einiges mehr. Genau dieser Grund rechtfertigt auch das Fehlen der Gewalt. Und im Nachhinein ergibt der spanische Titel \u201eNorteado\u201c doch einen Sinn. Andr\u00e9s ist orientierungslos, nicht nur in der W\u00fcste, sondern auch wenn es um seine Gef\u00fchle geht. Verfolgt er weiter seine Mission in die USA zu migrieren oder bleibt er lieber in Tijuana bei seinen neu-gewonnenen Freunden \u2013 so kurz vor dem Ziel? W\u00fcrde er es \u00fcberhaupt schaffen, unerkannt einzuwandern oder h\u00e4tte er beim n\u00e4chsten Mal nicht ganz so viel Gl\u00fcck mit dem Fehlen der Gewalt?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 12pt\">Der Film ist es auf jeden Fall wert einmal gesehen zu werden, was die diversen Auszeichnungen nur unterstreichen. Also nichts wie los, zum n\u00e4chsten Kino fahren und sich mit ein bisschen Popcorn auf den Film einlassen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 12pt\">Ihr werdet es nicht bereuen!<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\"><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif\">Quellen:<br \/>\n<\/span><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif\">IMDb: Rigoberto<em> P\u00e9rezcano. Awards. <\/em>o.D. <a href=\"https:\/\/www.imdb.com\/name\/nm1574929\/awards\/?ref_=nm_awd\">https:\/\/www.imdb.com\/name\/nm1574929\/awards\/?ref_=nm_awd<\/a> (31.01.2023)<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>eine Filmkritik von Moana Binz 2009, Mexiko \/ Spanien, 95 Minuten Regie: Rigoberto P\u00e9rezcano Autoren: Edgar San Juan, Rigoberto P\u00e9rezcano Als der Mann die Augen \u00f6ffnet, ist alles grell, dann erkennt er ein Meer aus Sand, Steinen und kleinen Pflanzen vor sich. Die Luft sirrt nur so vor Hitze. 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