{"id":351,"date":"2022-12-21T17:48:27","date_gmt":"2022-12-21T16:48:27","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/?p=351"},"modified":"2022-12-21T17:48:27","modified_gmt":"2022-12-21T16:48:27","slug":"colonia-dignidad-es-gibt-kein-zurueck-oder-kurzer-abstecher-ins-folterlager","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/2022\/12\/21\/colonia-dignidad-es-gibt-kein-zurueck-oder-kurzer-abstecher-ins-folterlager\/","title":{"rendered":"Colonia Dignidad &#8211; Es gibt kein Zur\u00fcck oder kurzer Abstecher ins Folterlager"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left\"><strong>TW: Sexuelle Gewalt, Folter<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Regie: Florian Gallenberger<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Genre: Thriller<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;text-align: left\">L\u00e4nge: 110 Min<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Erscheinungsjahr: 2015<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Pov: Du l\u00e4ufst an einem Maschendraht Zaun entlang, der nicht nur hoch sondern auch elektrisch geladen ist, vorbei an einem Schild, welches dich in gro\u00dfen Buchstaben mit einem \u201eKEEP OUT\u201c praktisch anschreit, bis hin zu einem h\u00f6lzernen Tor dessen \u00dcberschrift sich Colonia Dignidad liest.\u00a0Du klopfst, nicht all zu laut und doch bestimmt, an das Tor, denn du hast eine Mission. Dein Freund wurde von einer Sekte entf\u00fchrt, die sich &#8211; vielleicht, du wei\u00dft es eigentlich auch nicht so genau &#8211; auf der anderen Seite befindet und du hast dir bei der Arbeit eine Woche freigeschaufelt, um ihn aus den F\u00e4ngen dieses Folterlagers zu befreien. Eine alte Frau, mit eisernem Blick, \u00f6ffnet das Guckloch und sagt: \u201eGr\u00fc\u00df Gott\u201c. Daraufhin erwiderst du das gleiche, als w\u00e4re es das \u201eSesam \u00d6ffne dich\u201c, in Sekten Sprache. Als h\u00e4ttest du es geahnt wird dir der Weg frei gemacht um dich &#8211; ganz tempor\u00e4r, versteht sich von selbst und ja auch nur f\u00fcr eine Woche, richtig? \u2013 als neues Mitglied zu begr\u00fc\u00dfen. Das ist deine Chance deinen Meisterhaften Plan in die Tat umzusetzen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Es schreibt sich das Jahr 1973 und der Beginn des Monats September, es l\u00e4uft \u201eAin\u2019t no sunshine\u201c und wir schauen, wie durch einen Filmkamerafilter &#8211; grain ist wieder in -, \u00a0der jungen deutschen Flugbegleiterin, Lena (Emma Watson), zu wie sie zu einem \u00dcberraschungsbesuch in Chile landet um ein paar Tage mit ihrem Freund, Daniel (Daniel Br\u00fchl), zu verbringen. Der ebenfalls deutsche Fotograf lebt und arbeitet seit ein paar Monaten in dem Lateinamerikanischem Land. Er engagiert sich bei einer linken AktivistInnengruppe, welche hinter Pr\u00e4sident Salvador Allendes Politik steht, durch die Illustration von Postern und dem Verteilen von Flugbl\u00e4ttern auf Protesten. A true white savior. Schon seit Beginn von Staatsoberhaupt Allendes Amtszeit, 1970, sorgte seine, auf demokratischem Wege gewonnene, Stichwahl, f\u00fcr Unruhen. Die Lage spitzt sich immer weiter zu und der politische Konflikt sollte die Luft eigentlich elektrisch Aufladen, stattdessen erhaschen wir einen Blick auf Daniels nacktes Hinterteil, weil jener, nur mit einer Sch\u00fcrze bekleidet, das Fr\u00fchst\u00fcck f\u00fcr seine Freundin vorbereitet. \u00a0Am Morgen des 11ten Septembers rei\u00dft Pinochet, mithilfe des US Amerikanischen Milit\u00e4rs, durch einen Putsch, die Macht an sich. Der Pr\u00e4sidentenpalast wird bombardiert, anschlie\u00dfend gest\u00fcrmt und im Laufe der Ereignisse nimmt sich Allende das Leben. Jede Person die mit sozialdemokratischem Aktivismus in Verbindung gebracht werden kann, muss jetzt mit gr\u00f6\u00dfter Vorsicht handeln. Eine Diktatur hat begonnen und sie wird f\u00fcr lange Zeit kein Ende in Sicht lassen. Daniel wird \u00fcber die Lage und die m\u00f6glichen Konsequenzen die dies f\u00fcr ihn haben k\u00f6nnte, telefonisch informiert und verl\u00e4sst \u00fcberst\u00fcrzt, in einer Hand die Kamera, an der anderen Lena, die Wohnung um zu fliehen. \u00a0Kurz darauf wird das P\u00e4rchen vom Milit\u00e4r festgenommen, da Daniel, seinem Beruf gerecht werden wollend, Bilder der \u00dcbernahme auf den Stra\u00dfen, macht. Der junge Mann wird als Allende Sympathisant wiedererkannt und in einem wei\u00dfen Bus mit einem roten Kreuz auf der T\u00fcr, entf\u00fchrt. Lena bleibt zur\u00fcck und beginnt direkt nach ihrer Freilassung, mit den wenigen Anhaltspunkten die sie hat, die Suche nach ihrem Liebsten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Die junge Frau sp\u00fcrt, ganz ohne Angst, die AktivistInnengruppe auf, zu der sich Daniel zugeh\u00f6rig f\u00fchlt und fragt nach dem wei\u00dfen Bus mit dem roten Kreuz, da dies ihr einziger Anhaltspunkt ist. Der ZuschauerInnen h\u00f6rt das erste Mal den Namen \u201eColonia Dignidad\u201c und kann beginnen sich ein grobes Bild von dem Ort zu machen an den Daniel verschleppt wurde. \u201eKolonie W\u00fcrde\u201c, aus dem spanischen \u00dcbersetzt, ist eine Sekte die von dem Laienprediger Paul Sch\u00e4fer angef\u00fchrt wird und stark abgeschottet von der Au\u00dfenwelt existiert. Die AktivistInnen gehen davon aus, dass Pinochet dort Gefangene, in den unterirdischen Kellern, Foltern l\u00e4sst und Daniel dasselbe widerfahren wird. Lena folgt dieser F\u00e4hrte und verschafft sich einen weiteren \u00dcberblick \u00fcber die Situation durch einen Besuch bei Amnesty International. Der Mitarbeiter der ihr gegen\u00fcbersteht versichert ihr, dass die Siedlung nichts von dem sei, was sie glaubt. Gleichzeitig macht er ihr mit Handzeichen klar, dass man sie abh\u00f6rt und stellt sicher, dass sie frei sprechen k\u00f6nnen. Die Zusammenarbeit zwischen Regierung und Colonia Dignidad wird zunehmend deutlicher. Was undeutlich bleibt, f\u00fcr uns ZuschauerInnen, und Lena, ist, dass Paul Sch\u00e4fers Sociedad Benefactora y Educacional Dignidad, nicht das erste Modell dieser Art ist welches er entworfen und erfolgreich umgesetzt hat. Er kam 1961 auch nicht alleine, sondern mit \u2013 mal mehr und mal weniger &#8211; freiwilligen Anh\u00e4ngerInnen, fl\u00fcchtend aus Deutschland nach Chile und begang damit die wohl gr\u00f6\u00dfte Massen Entf\u00fchrungen in der Geschichte der Bundesrepublik. Paul Sch\u00e4fer oder auch Pius, steht zwar nicht als Vorsitzender auf der Gr\u00fcndungsurkunde, daf\u00fcr ist er allerdings das Sprachrohr Gottes, f\u00fcr alle innerhalb der Siedlung. Er machte die Regeln, seine Worte sind Gesetz. Was er will ist bedingungslose Hingabe und diese erh\u00e4lt er auch. Das System das er sich aufgebaut hat, sichert ihn von innen nach au\u00dfen ab und l\u00e4sst ihm freie Hand in s\u00e4mtlichen Menschenrechtsverletzungen, die er zu tun pflegt.\u00a0Alles allerdings kein Problem. Lena l\u00e4sst sich nur fix mit einem Brief bei ihrem Piloten entschuldigen, sie w\u00fcrde noch eine Woche in Chile bleiben \u2013 warum auch nach Hilfe fragen &#8211; und so nimmt die fiktive Liebesgeschichte, mit der sich aufopfernden Lena als Hauptprotagonistin, die immer ganz knapp einem schrecklicherem Schicksal entrinnt, vor dem Hintergrund eines wahren, knochenmarkersch\u00fctternden Ereignis seinen Lauf.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Direkt nach Lenas Ankunft in der Kolonie beginnen sich die beunruhigenden und r\u00e4tselhaften Geschehnisse zu h\u00e4ufen. Die alte Frau, mit dem eisernen Blick, nimmt ihr ihren Reisepass und alle anderen Habseligkeiten ab und versichert ihr, dass sie diese von nun an nicht mehr brauchen wird. Kurz darauf tritt ein stumm weinender, blonder Junge aus einer T\u00fcr. Er reagiert nicht auf Lenas besorgte Frage nach seinem Wohlbefinden. Die alte Frau befiehlt ihr, ihn in Ruhe zu lassen und das blonde Kind wird von einer Frau abgeholt, die wahrscheinlich nicht seine Mutter ist. \u201eDu bist dran\u201c, wird ihr gesagt und sie fragt: \u201eWomit?\u201c. Diese Frage, l\u00e4sst einen in Antizipation zittern. Ja, Lena, womit bist du dran? Was ist diesem Jungen in Sch\u00e4fers B\u00fcro widerfahren? Wirst du sein Leiden teilen?\u00a0Ihre Aufnahme erfolgt prompt, abgesegnet durch Pius selbst. Die alte Frau, dessen Name Gisela ist, f\u00fchrt sie zu ihrer neuen Bleibe, die sie sich mit anderen Frauen teilt und dort lernt sie Doro kennen. Doro wirkt ganz entz\u00fcckt davon, dass Lena von Drau\u00dfen kommt. Es ist ein leicht verst\u00f6rendes Bild was sich einem gibt, dass der Bezug zur Au\u00dfenwelt ein so geringer ist, dass das Konzept von Drau\u00dfen jemanden so belustigen k\u00f6nnte. Mit jedem Schritt den Lena weiter in das Leben der Colonia Dignidad, stolpert, kommt sie Daniel zwar n\u00e4her, doch der Fortschritt gibt sich nur schleppend zu erkennen. Frauen und M\u00e4nner, sowie Eltern und Kinder, leben radikal von einander getrennt. Diese Geschlechter und Alterstrennung sichert Sch\u00e4fer den Erhalt seines gr\u00f6\u00dften Verbrechens, welches hier allerdings nur angedeutet wird. Die systematische Vergewaltigung der Kinder. Schon in Deutschland wurden etliche Klagen wegen sexuellen Missbrauchs gegen Sch\u00e4fer erhoben und im Anschluss wieder fallen gelassen. In Colonia Dignidad jedoch steht ihm nichts mehr im Weg.\u00a0 Die Kinder haben keine Bezugsperson an die sie sich wenden k\u00f6nnen. Alle in der Siedlung werden mit Medikamenten still gestellt. Die Arbeit ist hart und es wird 7 Tage die Woche, f\u00fcr bis zu 16 Stunden gearbeitet. Oft ohne einen einzigen Tropfen Wasser. Die junge Frau aber, schreckt vor nichts zur\u00fcck um Daniel auf sich Aufmerksam zu machen selbst als ihr klar wird, dass irgendetwas anders ist. In Colonia Dignidad denken alle, das Daniel, nun Hans, eine geistige Beeintr\u00e4chtigung hat, als Folge der Elektroschock Folter nach seiner Ankunft. In diesem Wissen lebt auch Lena, bis sie die Chance auf einen Gegenbeweis bekommt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;text-align: justify\">Die wahre Geschichte steht im Schatten einer ausgedachten, romantisierten Heldentat einer Frau die das Ausma\u00df der Situation untersch\u00e4tzt und eines White Saviors welcher sich f\u00fcr geistig behindert ausgibt \u2013 ah, und sich in der Englischen Fassung mit einem Schimpfwort selbstbezeichnet \u2013 um so aus einer Sekte zu entfliehen die in all den Jahren ihres Bestehens nur 5 erfolgreiche Fluchtversuche vorzuweisen hat. Unter anderem deswegen, weil Paul Sch\u00e4fer sich auf die Verschwiegenheit und Kooperation der deutschen Botschaft in Chile verlassen konnte und auf Pinochets Deckung von Seiten der Regierung aus, weil die unterirdischen Keller tats\u00e4chlich Folterlager waren und sie mit Waffen und Giftgas handelten. Nicht nur fehlt die N\u00e4he zur tats\u00e4chlichen grausamen Realit\u00e4t und die Zentrierung des gr\u00f6\u00dften und motivationsf\u00f6rdernden, sexual Verbrechen an den Kindern, um welches sich die restliche Struktur von Colonia Dignidad aufbaute, sondern auch die M\u00f6glichkeit wahrhaftig mit den SchauspielerInnen mitzufiebern. Es schien fast, als w\u00fcrde die Zeit in Colonia Dignidad, trotz aller traumatischer Erlebnisse keine psychologischen Spuren hinterlassen zu haben und dabei wurde es doch so sch\u00f6n foreshadowing betrieben, mit Pius Worten: \u201eFoltern kann jeder, aber jemanden zu brechen ohne ihn \u00e4u\u00dferlich zu verletzen, das ist eine Kunst\u201c. Eine verpasste Chance, in vielerlei Hinsichten. Je mehr man \u00fcber Colonia Dignidad liest, ganz gleich wo, desto eindeutiger wird einem, dass Sch\u00e4fers Verbrechen viele Schichten haben. Wenn man sich Interviews von ehemaligen Bewohnern der Siedlung durchliest, l\u00e4uft es einem Eiskalt den R\u00fccken runter. Allein, dass Colonia Dignidad heutzutage kein verlassenes St\u00fcck Land ist, sondern unter dem Namen Villa Bavaria als TouristInnen Attraktion weiter existiert, ist gruseliger als der Film basierend auf den wahren Vebrechen. Hier wurde nur an der Oberfl\u00e4che gekratzt und ein kleiner Einblick gegeben, der mir keine Sekunde genug Herzklopfen verursachte um mitzufiebern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TW: Sexuelle Gewalt, Folter Regie: Florian Gallenberger Genre: Thriller L\u00e4nge: 110 Min Erscheinungsjahr: 2015 Pov: Du l\u00e4ufst an einem Maschendraht Zaun entlang, der nicht nur hoch sondern auch elektrisch geladen ist, vorbei an einem Schild, welches dich in gro\u00dfen Buchstaben mit einem \u201eKEEP OUT\u201c praktisch anschreit, bis hin zu einem h\u00f6lzernen Tor dessen \u00dcberschrift sich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":14559,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_bbp_topic_count":0,"_bbp_reply_count":0,"_bbp_total_topic_count":0,"_bbp_total_reply_count":0,"_bbp_voice_count":0,"_bbp_anonymous_reply_count":0,"_bbp_forum_subforum_count":0,"footnotes":""},"categories":[207],"tags":[],"class_list":["post-351","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/351","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14559"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=351"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/351\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":352,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/351\/revisions\/352"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=351"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=351"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=351"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}