{"id":348,"date":"2022-12-17T17:19:31","date_gmt":"2022-12-17T16:19:31","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/?p=348"},"modified":"2022-12-17T17:19:31","modified_gmt":"2022-12-17T16:19:31","slug":"post-mortem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/2022\/12\/17\/post-mortem\/","title":{"rendered":"Post Mortem"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;color: #000000\"><strong>\u201eDas Leid des chilenischen Milit\u00e4rputsches aus den Augen eines Autopsieprotokollanten.\u201c<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;color: #000000\">Bei dem Film \u201ePost Mortem\u201c handelt es sich um ein chilenisches Drama sowie einen d\u00fcsteren Liebesthriller aus dem Jahre 2010 unter Regie von Pablo Larrain. Larrain wurde am 19. August 1976 in Santiago de Chile geboren. Er studierte Film, gr\u00fcndete mit seinem Bruder eine Produktionsfirma und verarbeitete in den drei Spielfilmen Tony Manero, Post Mortem und No! die Geschichte der Milit\u00e4rdiktatur unter Augusto Pinochet.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;color: #000000\">Der Milit\u00e4rputsch von 1973 gilt also als historischer Kontext. Der ehemalige Pr\u00e4sident Salvador Allende wurde gest\u00fcrzt und die 17-j\u00e4hrige Diktatur von Augusto Pinochet eingeleitet. Es kam zu weitereichenden Menschenrechtsverletzungen. Die Ermordung und das Verschwindenlassen von politischen Gegnern begann bereits am Tage des Putsches und weiteten sich in den nachfolgenden Jahren aus.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;color: #000000\">Dies spiegelt sich bereits in der erste Szene wieder. Die Kamera wurde unterhalb eines Panzers angebracht. Man sieht den Unterboden des Panzers und die Stra\u00dfe mit Flugbl\u00e4ttern und h\u00f6rt die lauten Motorenger\u00e4usche der Maschine.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;color: #000000\">Im n\u00e4chsten Cut sieht man einen Mann am Fenster, der die Stra\u00dfe beobachtet. Die Maschinenger\u00e4usche sind nur noch ganz leicht zu h\u00f6ren. Er sieht wartend aus. Die Einstellungsgr\u00f6\u00dfe bleibt bestehen. Der Schnitt ist langsam. Es wirkt so, als w\u00fcrde die Kamera einfach weiterlaufen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;color: #000000\">Bei Post Mortem handelt es sich generell um einen stillen und langsamen Film. Bereits zu Beginn wird deutlich, dass sich die Menschen nur schwer ins Private zur\u00fcckziehen k\u00f6nnen. Auf die Panzeraufnahme folgt der direkte \u00dcbergang ins Privatleben des Mannes.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;color: #000000\">Sein Name ist Mario (Alfredo Castro) und er steht im Mittelpunkt von Larrains Drama. Er ist ein Mitarbeiter eines Leichenschauhauses. Genauer gesagt Assistent eines Pathologen in Santiago und daf\u00fcr verantwortlich die Kommentare der Mediziner w\u00e4hrend der Autopsie zu verschriftlichen. Er wohnt alleine und ist verliebt in seine Nachbarin Nancy Puelma (Antonia Zegers), auf die er so sehnlichst wartet in der ersten Szene. Sie ist Showt\u00e4nzerin und lebt mit ihrem j\u00fcngeren Bruder David und ihrem Vater, einem \u00fcberzeugten Kommunisten und Allende-Anh\u00e4nger, auf der anderen Stra\u00dfenseite. Zun\u00e4chst geht das Interesse ausschlie\u00dflich von Mario aus, denn sie l\u00e4sst ihn wiederholt abblitzen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;color: #000000\">Am 11. September findet in Nancys Haus eine Milit\u00e4rrazzia statt. Ihr Bruder und Vater werden festgenommen und auch Nancy ist zun\u00e4chst verschwunden. Mario beginnt infolgedessen eine hektische Suche und ist weiterem mentalen Druck auf der Arbeit ausgesetzt. Im Leichenschauhaus stapeln sich die Leichen wortw\u00f6rtlich die Treppen hoch und die Todesursachen sollen nach dem Milit\u00e4r verschleiert werden. Das \u00c4rzteteam ist \u00fcberfordert und st\u00f6\u00dft beim Anblick der toten Politiker, Demonstranten und Zivilisten an ihre Belastungsgrenze. Dies spiegelt sich in einem Nervenzusammenbruch von Marios Kollegin Sandra (Amparo Noguera) wieder, welcher aus meiner Sicht sehr eindrucksvoll anzuschauen war und den Film wirklich belebte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;color: #000000\">Eine weitere Szene die hervorzuheben ist, ist in der Mario und die \u00c4rzte eine Leiche obduzieren sollen. Sie sind umgeben von Milit\u00e4rs und erst allm\u00e4hlich stellt sich die Leiche als Salvador Allende heraus.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;color: #000000\">Nachdem Mario seine junge Nachbarin wiedergefunden hat, versteckt er sie auf seinem Hinterhof und versorgt sie mit einem Radio und Essen. Nancy steht weiterhin auf der Fahndungsliste des Milit\u00e4rs, da sie sich wiederholt mit jungen Aktivisten abgegeben hat. Dies wird deutlich, als sie sich spontan einer Demonstration anschlie\u00dft und als sie bei einem Abendessen bei Mario zu Hause sagt: \u201eBei mir sitzen den ganzen Abend M\u00e4nner und sprechen \u00fcber Politik.\u201c Sie empfindet weiterhin nichts f\u00fcr ihn und dies wird sich im Laufe des Filmes noch r\u00e4chen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;color: #000000\">Marios Gesicht bleibt in jeder Einstellungsebene starr und emotionslos. Er wirkt fast schon unsympathisch. In der letzten Einstellung begeht er eine Tat, welche erst durch die neuen instabilen politischen Verh\u00e4ltnisse erm\u00f6glicht wurde. Die Frage bleibt ob er daf\u00fcr je zur Rechenschaft gezogen wird.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;color: #000000\">Der Regisseur Pablo Larrain verwendet einige untypische filmische Mittel. Als Drehorte dienen vor allem Marios Haus, das Leichenschauhaus sowie sein roter Kleinwagen. Alle Schauspieler sind im Stile der 70er-Jahre gekleidet. Mario tr\u00e4gt immer ein\u00a0 wei\u00dfes Hemd mit einem gelben Cardigan und auf der Arbeit einen wei\u00dfen Kittel. Nancy ist hingegen prunkvoller gekleidet. Wie f\u00fcr eine Showt\u00e4nzerin \u00fcblich tr\u00e4gt sie Pelz und auff\u00e4lligen Schmuck.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;color: #000000\">Besonders hervorzuheben sind das Seitenverh\u00e4ltnis, das Farbschema und der Schnitt. Der Film hat fast schon ein Seitenverh\u00e4ltnis von 3:1, was sehr untypisch ist und ihn ultrabreit macht. Das Farbschema ist ebenfalls sehr ged\u00e4mpft und passt in die tristen 70er-Jahre in Chile. Der Schnitt ist zudem sehr langsam. Oft bleiben die Einstellungsgr\u00f6\u00dfen bestehen, auch wenn die Akteure nicht mehr im Bild sind.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;color: #000000\">Szenen bzw. Schaupl\u00e4tzen die mir besonders in Erinnerung blieben, waren als Mario, Sandra und Dr. Castillo in einer Totalen vor dem Obduktionstisch standen und als Sandra im Leichenschauhaus ihren Nervenzusammenbruch hatte. Au\u00dferdem war das Ende sehr einpr\u00e4gsam.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;color: #000000\">Im Gro\u00dfen und Ganzen fand ich die Handlungen verst\u00e4ndlich. Ein Hintergrundwissen \u00fcber die Abl\u00e4ufe in Lateinamerika bzw. vor allem Chile in den 70er-Jahren ist von Vorteil. Erst durch den Film wurden mir die Auswirkungen der politischen Spannungen auf das Privatleben der Bev\u00f6lkerung bewusst.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;color: #000000\">Aus meiner Sicht ist es daher ein durchschnittlicher Film. Wenn man an Standardfilme gew\u00f6hnt ist, in denen die Geschichte ziemlich geradlinig ist, dann ist dieser Film nichts f\u00fcr einen.\u00a0Er ist langsam und verbindet private und \u00f6ffentliche Spannung. Um zu verstehen, was vor sich geht, muss man wissen, was damals im Land vor sich ging.\u00a0Der Film mischt Geschichte mit schwarzem Humor und erz\u00e4hlt wichtige Dinge, ohne sie direkt zu sagen.\u00a0Er erz\u00e4hlt eindrucksvoll, was hinter den Kulissen ablief. Wenn man sich nur auf den Standard-Plot konzentriert, dann verfehlt man das Wesentliche.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;color: #000000\">Die ruhige Kamera und die d\u00fcstere graue Beleuchtung erm\u00f6glichen statische Einstellungen, die sich langsam ihrer Bedeutung und ihrem Kontext \u00f6ffnen. Der etwas unsympathische Protagonist Mario zeigt in einem d\u00fcsteren Finale seine wahre Entfremdung und seinen Eigennutz. Erst durch seine Augen werden das Leid und Unrecht des Putsches so richtig sichtbar.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;color: #000000\">Zusammenfassend ist es ein kluger Film mit starken Bildern. Dennoch finde ich ihn zu langweilig, trist und eint\u00f6nig. Larrain wollte genau dies durch das gew\u00e4hlte Farbschema, die Story und den Schnitt hervorheben, doch es sagt mir einfach nicht so zu. Ich mag eher actiongeladene, schnellere Filme mit einer geradlinigeren Geschichte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;color: #000000\">Wichtigste Informationen:<\/span><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;color: #000000\">Titel des Films: Post Mortem<\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;color: #000000\">Namen der beteiligten Schauspieler: Alfredo Castro, Antonia Zegers, Amparo Noguera, Marcello Alonso, Jaime Vadell<\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;color: #000000\">Name des Regisseurs\/ Directors: Pablo Larrain<\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;color: #000000\">Filmgenre\/ Filmart: Drama<\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;color: #000000\">Produktionsland: Chile, Mexiko, Spanien<\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;color: #000000\">Erscheinungsdatum: 05. September 2010 (Venice)<\/span><\/li>\n<li><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;color: #000000\">L\u00e4nge des Films: 98 Minuten<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDas Leid des chilenischen Milit\u00e4rputsches aus den Augen eines Autopsieprotokollanten.\u201c Bei dem Film \u201ePost Mortem\u201c handelt es sich um ein chilenisches Drama sowie einen d\u00fcsteren Liebesthriller aus dem Jahre 2010 unter Regie von Pablo Larrain. Larrain wurde am 19. August 1976 in Santiago de Chile geboren. 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