{"id":321,"date":"2022-12-15T23:10:41","date_gmt":"2022-12-15T22:10:41","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/?p=321"},"modified":"2022-12-15T23:13:09","modified_gmt":"2022-12-15T22:13:09","slug":"la-mirada-invisible-wenn-die-militaerdiktatur-in-die-schule-einmarschiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/2022\/12\/15\/la-mirada-invisible-wenn-die-militaerdiktatur-in-die-schule-einmarschiert\/","title":{"rendered":"La Mirada Invisible &#8211; Wenn die Milit\u00e4rdiktatur in die Schule einmarschiert"},"content":{"rendered":"<p><em><span style=\"font-size: 10pt;font-family: 'times new roman', times, serif\">eine Filmkritik von Moana Binz<\/span><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 10pt\">2010, Argentinien, 96 Minuten<\/span><br \/><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 10pt\">Regie: Diego Lerman<\/span><br \/><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 10pt\">AutorInnen: Mart\u00edn Kohan (Roman \u201eCiencias Morales\u201c), Diego Lerman, Mar\u00eda Meira<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 12pt\">Buenos Aires, Fr\u00fchjahr 1982, ein feierlicher Gesang \u00fcber Macht und Sieg ist leise zu h\u00f6ren, w\u00e4hrend man in einen langen kalten Flur blickt, umzingelt von Betonw\u00e4nden. Langsam, aber stetig kommen die Stimmen n\u00e4her und werden von lautem Stampfen im Takt der Musik begleitet. Pl\u00f6tzlich tauchen uniformierte Menschen um die Ecke kommend auf. Sie marschieren alle im selben Takt, bis ihnen die Befehle \u201eHalt!\u201c und \u201eDistanz!\u201c erteilt werden. Sind wir hier beim Milit\u00e4r?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 12pt\">Ganz und gar nicht! Es handelt sich um den Film \u201eLa Mirada Invisible\u201d (zu dt.: \u201cDer unsichtbare Blick\u201c, 2010) mit Diego Lerman als Regisseur und Drehbuchautor. Er basiert auf dem Roman \u201eCiencias Morales\u201c von Mart\u00edn Kohan und spielt sich gr\u00f6\u00dftenteils in der Schule \u201eEscuela Nacional de Buenos Aires\u201c ab. Jedoch tr\u00e4gt er sich zu Zeiten der Milit\u00e4rdiktatur unter Videla zu. Von dieser bekommt man im Schulgeb\u00e4ude aber auf dem ersten Blick nichts mit. Viel mehr herrscht innerhalb der vier grauen W\u00e4nde eine andere Diktatur. Es gibt eine strikte Ordnung und Regeln, die alle Sch\u00fclerInnen befolgen m\u00fcssen. Von der Farbe der Socken bis hin zum Ablauf der freien Pausen ist alles vorgeschrieben und nichts und niemand darf dagegen versto\u00dfen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 12pt\">Wir verfolgen das Leben einer jungen Dame namens Mar\u00eda Teresa Cornejo (Julieta Zylberberg), die von ihrer Gro\u00dfmutter Adela (Marta Lubos) und Mutter Elvira (Gaby Ferrero) liebevoll Marita genannt wird. Sie f\u00e4ngt gerade erst an, in der vorher genannten Schule als Aufpasserin zu arbeiten. Zu ihren Aufgaben geh\u00f6rt das F\u00fchren der Klassenlisten, die Betreuung der Sch\u00fclerInnen beim Nachsitzen und allem nachzugehen, was ihr verd\u00e4chtig erscheint. Sobald sie was findet, soll sie dem Direktor Bericht erstatten. So bemerkt sie bereits in den ersten Tagen durch Einsatz ihres scheinbar exzellenten Geruchssinnes, dass etwas faul ist. Ihr Verdacht: Einige Sch\u00fcler rauchen auf der Jungs-Toilette, da dies der einzige Raum ist, wo sie unbemerkt bleiben k\u00f6nnen. Daraufhin wendet sie die Technik des \u201eunsichtbaren Blickes\u201c an, welcher ihr von dem Direktor empfohlen wurde. Schlicht und einfach gesagt, bedeutet dies, sie soll alle still und heimlich im Auge behalten. Also beginnt sie, die Jungs-Toilette unbemerkt auszuspionieren.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 12pt\">Doch ist dies \u00fcberhaupt der wahre Grund, oder nur eine kleine Ausrede f\u00fcr etwas Anderes? Letzteres scheint f\u00fcr das Publikum erst einmal der Fall zu sein, da zwar das Jungs-WC gezeigt wird, jedoch sieht man die Beschuldigten weder rauchen noch findet Mar\u00eda Zigarettenstummel. Es wirkt so, als w\u00fcrde es ihr viel mehr um das Gef\u00fchl gehen, was damit einhergeht: Macht.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 12pt\">Zu dieser Zeit wurden unter anderem Frauen unterdr\u00fcckt und somit war es f\u00fcr sie nicht einfach, ihr Leben mit Freiheiten zu f\u00fchren. Normalerweise ist sie machtlos. Doch mit ihrer Spionagearbeit bekommt sie die \u00dcberhand. Pl\u00f6tzlich hat sie das Sagen. Dies \u00e4u\u00dfert sich schon zu Beginn der Beobachtungen durch die Vorstellung sexueller Fantasien ihrerseits von Sch\u00fclern. Es wirkt wie ein Machtmissbrauch als Ausgleich ihrer sonst fehlenden Freiheiten. Als sich jedoch der Hauptaufseher Carlos Biasutto (Osmar N\u00fa\u00f1ez) einmischt, kommt die Realit\u00e4t schneller auf sie zur\u00fcck, als sie gucken kann, denn er ist nicht nur ihr Vorgesetzter, sondern besitzt im Gegensatz zu Marita auch au\u00dferhalb der Schule mehr Macht.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 12pt\">Sieht man genauer hin, erkennt man noch weitere Auswirkungen der Milit\u00e4rjunta, die sich im Hintergrund oder in Form von Metaphern abspielen. Allerdings w\u00fcrde dies schon zu viel der Handlung vorwegnehmen. Deshalb liegt es an euch, diese selbst auszumachen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 12pt\">Aber was genau geschah eigentlich zu dieser Zeit?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 12pt\">General Jorge Rafael Videla putschte sich im Jahre 1976 mithilfe anderer Junta-Mitgliedern an die Macht und mit ihm kamen etwa Unterdr\u00fcckung, Verfolgung und Folter in das Leben der ArgentinierInnen. Viele verschwanden spurlos und tauchten nie wieder auf. Ein gro\u00dfer Teil der <em>desaparecidos<\/em> wurden h\u00f6chstwahrscheinlich get\u00f6tet und ihre Leichen ins Meer geworfen. Die Handlung des Films spielt sich im Jahre 1982 ab. Dieses Jahr war ein \u00e4u\u00dferst bedeutendes f\u00fcr den weiteren Verlauf der Regierung, da die Machenschaften auf den Falklandinseln zum Sturz der Diktatur und Einf\u00fchrung der Demokratie im folgenden Jahr f\u00fchrten (Eglau).<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 12pt\">Es handelt sich bei den Falklandinseln um eine kleine Inselgruppe s\u00fcd\u00f6stlich von Argentinien. Bis dahin waren sie ungekl\u00e4rtes Territorium von Argentinien und des Vereinigten K\u00f6nigreiches. Videla jedoch entschied die Inseln f\u00fcr Argentinien einzunehmen, obwohl sie keinen gro\u00dfen Nutzen f\u00fcr beide Seiten hatten. Doch genau deswegen erwartete er auch keinen R\u00fcckschlag. Falsch gedacht! Margaret Thatcher, britische Premierministerin von 1979 \u2013 1990, lie\u00df dies nicht auf sich sitzen, schickte kurzerhand Truppen gen Falklandinseln und gewann! F\u00fcr Argentinien war es ein Schlag ins Gesicht, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Dazu kam, dass europ\u00e4ische L\u00e4nder und die USA wegen des Angriffes auf das Gro\u00dfbritannien ihnen ebenfalls den R\u00fccken kehrten. Es schw\u00e4chte sie so sehr, dass die unterdr\u00fcckten ArgentinierInnen der Meinung waren, die Regierung w\u00e4re angreifbar \u2013 und dies sollte sich bewahrheiten! Durch Proteste gaben die ArgentinierInnen ihren Unmut preis und schafften es letztendlich raus aus der Unterdr\u00fcckung und rein in die Demokratie (Cassier).<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 12pt\">Der Film spiegelt also in gewisser Weise den H\u00f6hepunkt der Milit\u00e4rdiktatur wider.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 12pt\">Interessant ist au\u00dferdem, dass der Regisseur und Drehbuchautor Diego Lerman (46 Jahre) 1976 in Buenos Aires geboren wurde, also im Anfangsjahr der Milit\u00e4rjunta. Kein Wunder also, dass er bei einem Film Regie gef\u00fchrt hat, der in einer Zeit spielt, die seine Kindheit gepr\u00e4gt hat. Er ist au\u00dferdem bekannt f\u00fcr seine anderen Filme \u201eRefugiado\u201c (2015) und \u201eUna especie de familia\u201c (2018). Auch der Romanautor Mart\u00edn Kohan (55 Jahre), der das Buch schrieb, auf dem der Film basiert, wurde von dieser schweren Zeit gepr\u00e4gt. Ich w\u00fcrde behaupten sogar st\u00e4rker als Lerman, da es seine Teenagerjahre waren. Der Film wurde mit einem Cameo-Auftritt seinerseits bereichert, was darauf schlie\u00dfen l\u00e4sst, dass das Filmische die wichtigsten Aspekte seines Romans wiedergeben. Das Buch \u201eCiencias Morales\u201c stammt aus dem Jahr 2007, der Film ist von 2010. Also waren etwas mehr als 20 Jahre seit Ende der Milit\u00e4rdiktatur vergangen. Von dieser Zeit bis heute ist es immer noch wichtig f\u00fcr Argentinien und die Welt, diese grauenhafte Zeit aufzuarbeiten, was auf jeden Fall eine der Intentionen der beiden Medien war.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 12pt\">Meiner Meinung nach ist der Film etwas f\u00fcr alle DetailliebhaberInnen, die das Analysieren von Filmen sehr m\u00f6gen. Er wirkt nicht lang, hat jedoch nur mittelm\u00e4\u00dfiges Fesselungspotenzial. Viel mehr wird man unter stetiger Spannung zappeln gelassen, bis die Aufl\u00f6sung am Ende des Films eintritt. Au\u00dferdem ist Vorwissen \u00fcber Argentiniens Geschichte zu dieser Zeit sehr zu empfehlen. Einerseits spiegelt der Film einen Teil des allt\u00e4glichen, fast normalwirkenden Lebens in der Milit\u00e4rdiktatur wider. Andererseits bleiben einige Aspekte f\u00fcr mich offen. Die Interpretation zu der Milit\u00e4rdiktatur ist eindeutig interessant, wie zum Beispiel die Observierungen als Metapher f\u00fcr die Geschehnisse au\u00dferhalb zu benutzen. Jedoch kann die Handlung selbst eine unangenehme Wirkung auf einen haben, verwirrend wirken, ohne klare Aussage. Daher reicht es mir pers\u00f6nlich, den Film nur einmal gesehen zu haben. Trotz all dem ist zu sagen, dass ab und zu sehr sch\u00f6ne filmische Bilder dabei sind, der Film sehr emotional ist und Julieta Zylberberg ihre Rolle als Mar\u00eda schauspielerisch ausgezeichnet verk\u00f6rpert, denn es handelt sich um eine Rolle, die nicht sehr leicht zu spielen ist.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif;font-size: 12pt\">Doch \u00fcberzeugt euch selbst!<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><span style=\"font-size: 8pt\"><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif\">Quellen:<br \/><\/span><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif\">Cassier, Philip (2022\/13.06.): Der Krieg, der die Briten wieder zu Nationalisten machte. URL: <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/article239329929\/Falklandkrieg-Als-die-Briten-die-argentinische-Militaerjunta-schlugen.html\">https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/article239329929\/Falklandkrieg-Als-die-Briten-die-argentinische-Militaerjunta-schlugen.html<\/a> (15.12.2022).<br \/><\/span><span style=\"font-family: 'times new roman', times, serif\">Eglau, Victoria (2016\/30.05.): Die Gr\u00e4uel der Milit\u00e4rdiktatur. URL: <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/argentinien-die-graeuel-der-militaerdiktatur-100.html\">https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/argentinien-die-graeuel-der-militaerdiktatur-100.html<\/a> (15.12.2022).<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>eine Filmkritik von Moana Binz 2010, Argentinien, 96 MinutenRegie: Diego LermanAutorInnen: Mart\u00edn Kohan (Roman \u201eCiencias Morales\u201c), Diego Lerman, Mar\u00eda Meira Buenos Aires, Fr\u00fchjahr 1982, ein feierlicher Gesang \u00fcber Macht und Sieg ist leise zu h\u00f6ren, w\u00e4hrend man in einen langen kalten Flur blickt, umzingelt von Betonw\u00e4nden. 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