{"id":291,"date":"2022-01-14T11:59:55","date_gmt":"2022-01-14T10:59:55","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/?p=291"},"modified":"2022-01-14T11:59:55","modified_gmt":"2022-01-14T10:59:55","slug":"der-romantische-tod","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/2022\/01\/14\/der-romantische-tod\/","title":{"rendered":"Der romantische Tod"},"content":{"rendered":"<p>Der alte Ed Tom Bell versteht die Welt nicht mehr. Seit Jahrzehnten arbeitet er in Texas als Sheriff an der Grenze zu Mexiko. Doch einen so brutalen Killer wie Anton Chigurh hat er in seiner Laufbahn noch nicht erlebt. Mit ruhiger Manier tritt dieser an seine Opfer heran, um sie dann schnell und kaltbl\u00fctig zu t\u00f6ten. Der texanische Sensenmann mit einer Sauerstoffflasche als Sense und der komischen Frisur verk\u00f6rpert die gnadenlose Pr\u00e4senz des Todes. Wo er auftaucht gibt es Tote. In jeder Szene, mit ihm werden Menschen verletzt oder ermordet. Bis auf eine. Die wohl st\u00e4rkste Szene des Films zeigt Chigurh im Gespr\u00e4ch mit einem Tankwart. Als dieser ihn auf sein Kennzeichen anspricht wird Chigurh misstrauisch und uns als Zuschauer schn\u00fcrt sich die Kehle zu. Daraufhin wirft er eine M\u00fcnze und l\u00e4sst den Tankwart ansagen, welcher richtig r\u00e4t. Chigurh \u00fcberl\u00e4sst dem Tankwart seine \u201eGl\u00fccksm\u00fcnze\u201c und verl\u00e4sst die Szene. Nach dieser 4-min\u00fctigen Atempause folgt ein Schnitt auf Llewelyn Moss, den vermeintlichen Helden des Films, und wir k\u00f6nnen uns entspannen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die Cohen Br\u00fcder nutzen hier einen Trick des Meisterregisseurs Alfred Hitchcock pers\u00f6nlich: die Bombe unter dem Tisch. Warum ist diese einfache Szene so bedrohlich? Ist es nicht einfach nur ein \u00fcberdramatisierter Dialog \u00fcber das Schicksal und eine kleine Wette beim M\u00fcnzwurf? Nicht ganz. Denn dies ist nicht Chigurhs erste Szene im Film. Sie erinnern sich; in jeder Szene bringt er Tod und Verderben. Wir <i>wissen<\/i> wozu er f\u00e4hig ist. Der Trick von Hitchcock war es, Spannung zu erzeugen indem man den Zuschauer auf eine m\u00f6gliche Gefahr hinzuweisen. Explodiert eine Bombe beim Abendessen, ist der Zuschauer kurz verwirrt und erschrocken. <i>Wei\u00df<\/i> der Zuschauer, dass die Bombe unter dem Tisch tickt ist er von Beginn der Szene angespannt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Chigurh ist diese Bombe. Wir haben seine bedachte und h\u00f6fliche Art in den vorherigen Szenen gesehen und wissen auch wie kaltbl\u00fctig er mordet. Noch besser wird die Szene weil wir erwarten, dass die Bombe explodiert. Wir haben den toten Tankwart bereits vor Augen. Aber wir <i>wissen <\/i>nicht, dass er stirbt. Dadurch bekommt der Dialog der Beiden eine Intensit\u00e4t, die uns an den Bildschirm fesselt. Jedes kleinste Detail wird untersucht, damit wir den Tankwart warnen k\u00f6nnen, der uns durch seine unschuldigen Nachfragen sofort ans Herz w\u00e4chst. Das Ganze wird untermalt mit dem grandiosen Soundtrack des Films. Dem Wind.<\/p>\n<p>Klingt zun\u00e4chst komisch, ist aber ernst gemeintes Lob. <i>No Country for old Men<\/i> verzichtet (fast) g\u00e4nzlich auf einen Soundtrack. Die Umgebung und der heulende Wind sind das Einzige, was die angespannte Stille unterbricht. Die Szenen bleiben ohne den Soundtrack so n\u00fcchtern, wie es der Tod selber ist. Dem Zuschauer wird kein Gem\u00fct aufgedr\u00e4ngt, keine Spannung oder Freude. Die Cohenbr\u00fcder transportieren dies \u00fcber ihr Drehbuch. Und das ist gro\u00dfartig. Damit soll dem Soundtrack und dem richtigen Einsatz von Musik nicht seine Wichtigkeit abgesprochen werden, aber wie der nicht vorhandene (!) Soundtrack in die Vision des Films passt ist fantastisch. Aber die Cohenbr\u00fcder gehen noch einen Schritt weiter. Die Machart des Films ist ein Spiegel zu seinem Protagonisten. Auch wenn der alte Sheriff und Llewelyn ebenfalls gro\u00dfe Rollen spielen ist Chigurh hier die Hauptfigur. Wir folgen in diesem Film vermeintlich dem charismatischen Anti-Helden Llewellyn, doch dieser flieht nur vor dem eigentlichen Protagonisten: Dem Tod.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die Kamera und der Sound charakterisieren Chigurh, w\u00e4hrend wir die gesamte Zeit glauben Llewelyn sei unser Held. Letzterer pr\u00e4sentiert sich uns als grummeliger Antiheld, der seine Familie besch\u00fctzen will und sein Herz am rechten Fleck hat. Durch einen Zufall, findet er bei der Jagd ein Schlachtfeld, welches einen geplatzten Drogendeal zeigt. Er findet dabei einen Koffer voller Geld, welcher ihn zur Zielscheibe f\u00fcr ein mexikanisches Kartell, aber auch Anton Chigurh macht. Das Katz und Maus Spiel mit Chigurh treibt ihn bis nach Mexiko, wo er durch seine Vergangenheit als Veteran Hilfe bekommt. Schlie\u00dflich glauben wir, dass er es mit Anton aufnehmen kann und der Film suggeriert einen gro\u00dfen Showdown. <i>No Country for Old Men <\/i>erz\u00e4hlt damit die Geschichte eines klassischen Westernfilms. Gut und B\u00f6se sind klar definiert und die finale Konsequenz ist das Duell zwischen unserem Helden und dem Schurken.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Doch dann nimmt der Film unsere Erwartungen, h\u00e4lt sie uns ein letztes Mal vor Augen um sie dann neben den toten Llewelyn Moss niederzulegen. Unser Held wird vom mexikanischen Kartell get\u00f6tet und wir sehen es nicht einmal. Wie der alte Sheriff Ed verstehen wir die Welt nicht mehr. Wir sind so festgefahren in unseren Sehgewohnheiten, dass wir uns hintergangen f\u00fchlen. Kein gro\u00dfes Duell, nichtmal Chigurh ist der Killer, sondern namenlose Kartellmitglieder, die wir kaum zu Gesicht bekommen haben. Aber die Cohenbr\u00fcder wollen genau dieses Gef\u00fchl beibehalten. Die letzte Szene mit Chigurh zeigt ihn in einem Autounfall, nachdem er Llewelyn Freundin besucht und sie (vermeintlich) umbringt. Es folgt aber keine Erkl\u00e4rung, wir sehen nicht einmal den anderen Fahrer. Anton zieht mit einem offenen Bruch davon, er bleibt bis zum Ende unaufhaltbar. Unzufriedenheit macht sich breit. Erst wird unser Held get\u00f6tet und der B\u00f6sewicht, ja <i>das <\/i>B\u00f6se kommt davon. Doch genau darin liegt die Grandiosit\u00e4t dieses Films. Es ist eben kein Land f\u00fcr alte M\u00e4nner. Die Romantik der alten Geschichten ist verflogen. Der Tod Llewelyns ist kein Plottwist, der nur zum schocken eingesetzt wird. Er ist der H\u00f6hepunkt, den wir nicht wollen, doch die Geschichte so einzigartig macht und uns die Idee des Autors deutlich macht. Das Leben ist kein Film. Das Gute gewinnt nicht immer. (Auto)Unf\u00e4lle passieren.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Als Gegensatz zu diesen n\u00fcchternen Erkenntnissen r\u00fcckt nach Llewelyns Tod der alte Sheriff Tom Ed Bell in den Mittelpunkt. Er beginnt den Film mit seinem Monolog \u00fcber seinen Vater und dessen Vater, welche bereits vor ihm Sheriff in Texas waren. Er symbolisiert das Alte. Er reitet noch mit dem Pferd zum Ort des geplatzten Drogendeals, ist der Lehrmeister f\u00fcr einen jungen Polizisten und sitzt viel. Und letzteres ist wieder ein Beispiel f\u00fcr bewusstes und gutes Drehbuchschreiben. Lassten Sie mich erkl\u00e4ren. In den meisten Szenen sitzt Tom, entweder im Diner, an seinem Arbeitsplatz oder mit seiner Frau am Esstisch. Er verl\u00e4sst seinen Heimatort kaum, wir wissen, dass er Texaner ist, wie schon seine Vorfahren. Von Anton Chigurh wissen wir nichts. Nicht wo er herkommt, wo er als n\u00e4chstes hinwill, durch seine M\u00fcnzw\u00fcrfe wissen wir nicht einmal ob er wirklich mordet. Diese Unberechenbarkeit wird verst\u00e4rkt weil Anton immer weiterzieht. In jeder Szene taucht er einfach auf und verschwindet wieder. Er t\u00f6tet zwei Mal nur f\u00fcr ein Auto um in Bewegung zu bleiben. Nicht einmal der Autounfall scheint ihn daran zu hindern.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Ed Bell verk\u00f6rpert f\u00fcr uns die alte Zeit, die Romantik. Anton Chigurh ist die unaufhaltbare Metapher f\u00fcr den Tod dieser alten Romantik. Er gewinnt schlie\u00dflich. Der ganze Film strotzt vor N\u00fcchternheit. Keine aufbrausende Filmmusik, keine bunten Farben, keine bombastische Action und schnelle Tode. Sheriff Bell scheint immer einen Schritt zu sp\u00e4t um Chigurh zu fassen, er kommt nicht mehr mit. Den letzten Funken Hoffnung, nimmt ihm sein Onkel, den er am Ende des Films aufsucht und um Rat bittet. Dieser erkl\u00e4rt ihm, dass diese Gewalt gar nichts Neues sei und erz\u00e4hlt von einem schrecklichen Mord vor vielen Jahren. Die Welt sei schon immer so gewesen. Danach gibt Tom auf und legt seinen Dienst nieder. Der letzte Geniestreich im Drehbuch. W\u00e4hrend Bell quasi als Nebencharakter auftritt, r\u00fcckt er die letzten 30 Minuten in den Fokus und bringt uns das Gef\u00fchl seiner Verzweiflung in dieser Szene so nah, dass man seine Hilflosigkeit sp\u00fcrt. Wie Bell erkennen wir als Zuschauer, dass man nicht immer die Welt ver\u00e4ndern kann, sondern auch umgekehrt. Irgendwann ver\u00e4ndert sie uns.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend ist zu sagen, dass das Gesamtpaket des Films seine Gr\u00f6\u00dfe ausmacht. Hier wurde die Vision der Cohenbr\u00fcder und ihrer Interpretation des Buches von Cormac McCarty so pr\u00e4zise auf die Leinwand gebracht, dass es wohl eine der besten Buchverfilmungen aller Zeiten darstellt. Die kinematischen Stilmittel sind sowohl auf den Ton, als auch auf die Charaktere zugeschnitten. Man k\u00f6nnte sie glatt als \u201eforeshadowing\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>f\u00fcr das brutal n\u00fcchterne Ende lesen. Ebenfalls brillieren die Schauspieler durch eine klare Bildsprache. Tommy Lee Jones als Sheriff Bell, bringt alleine durch seinen traurigen Blick seine Verzweiflung auf die Leinwand, w\u00e4hrend Javier Bardem eine t\u00f6dliche Ausstrahlung transportiert, welche die Figur Anton Chigurh perfekt abrundet. Was jedoch am meisten beeindruckt ist das grandiose Drehbuch des Films. Es transportiert eine Message auf so subtile und grandiose Art und Weise, die einen zum Nachdenken anregt und den Film so viel besser macht, wenn man ihn ein zweites Mal ansieht. Dies sei hier auch noch mal empfohlen, denn es kann sein, dass man nach dem ersten Schauen dasitzt und die Welt nicht mehr versteht.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der alte Ed Tom Bell versteht die Welt nicht mehr. Seit Jahrzehnten arbeitet er in Texas als Sheriff an der Grenze zu Mexiko. Doch einen so brutalen Killer wie Anton Chigurh hat er in seiner Laufbahn noch nicht erlebt. 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