{"id":266,"date":"2021-12-20T16:17:54","date_gmt":"2021-12-20T15:17:54","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/?p=266"},"modified":"2021-12-20T19:56:28","modified_gmt":"2021-12-20T18:56:28","slug":"based-on-a-true-story-wahrheit-und-ethnozentrismus-im-biopic-blow","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/2021\/12\/20\/based-on-a-true-story-wahrheit-und-ethnozentrismus-im-biopic-blow\/","title":{"rendered":"Based on a true story? &#8211; Wahrheit und Ethnozentrismus im Biopic &#8222;Blow&#8220;"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">Biopics sind heutzutage beliebter denn je, gerade die Musik-Biographien boomen. Um nur einige der Gr\u00f6\u00dften der letzten Jahre zu nennnen:<i> Rocketman <\/i><i>(2019)<\/i><i>, Bohemian Rhapsody <\/i><i>(2018)<\/i><i>, <\/i><i>Hamilton (2020) oder The Dirt (2019). <\/i>Fast jeder Film dieses Genres ist mit dem Disclaimer versehen:<i> Based on a True Story.<\/i> Es geht also um Wahrheit, um die wahrheitsgem\u00e4\u00dfe Darstellung der Realit\u00e4t. Und diesen Anspruch erhebt ein Biopic. Nat\u00fcrlich muss so ein Film fiktionale Elemente einbauen und dramaturgische Kompromisse eingehen. Das wei\u00df doch jeder, k\u00f6nnte man meinen. Aber ist das so? Und tr\u00e4gt nicht schon jedes fiktionale Element zu einer Verzerrung einer vermeintlichen Wahrheit bei? Z\u00e4hlen nicht gerade solche Filme zu den bedeutendsten Einflussnehmern auf die Wahrnehmung der \u00f6ffentlichen Erinnerung? (vgl. Custen 1992) Diese Fragen f\u00fchren uns zu einer elementaren philosophischen Frage: Was ist Wahrheit?<\/p>\n<p align=\"justify\">In der Philosophie besch\u00e4ftigten sich poststrukturalistische, feministische und konstruktivistische Ans\u00e4tze ab den 1970er Jahren verst\u00e4rkt mit der Idee, dass wir vom Wahrheitsbegriff wegkommen m\u00fcssen. Denn: Die Wahrnehmung der Welt l\u00e4sst sich nicht auf eine allgemeing\u00fcltige Objektivit\u00e4t abstrahieren. Sie ist immer subjektiv und spezifisch. Das was wir als absolute, objektive Wahrheiten und Ideen begreifen, sind demnach lediglich subjektive Darstellungen der Welt. Daraus ist aber nicht zu schlussfolgern, dass die Realit\u00e4t (als Antagonistin zur Wahrheit) nicht der Analyse bed\u00fcrftig und w\u00fcrdig ist. Sie ist einfach nicht objektiv greifbar und in der Darstellung mit Vorsicht zu genie\u00dfen. In anderen Worten, wenn das Genre des Biopics den Anspruch erhebt eine <i>true story<\/i> zu erz\u00e4hlen, sollte kritisch hingeschaut werden.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der Film <i>Blow<\/i> (2001) von Ted Demme ist so ein Biopic, welches uns eine spezifische Darstellung der Realit\u00e4t liefert. Er handelt vom Drogenh\u00e4ndler George Jung der in den 70er und 80er Jahren zu den Gr\u00f6\u00dften der internationalen Drogenhandelszene geh\u00f6rte. Er kaufte direkt vom sagenumwobenen Pablo Escobar und trug ma\u00dfgeblich zum Aufstieg des Kokainkonsums in der breiten Masse der amerikanischen Gesellschaft bei. Dass diese Droge nur ein Jahr nach der Ver\u00f6ffentlichung des Films beim Tod des Regisseurs in seinem Blut gefunden wurde, ist vielleicht die tragische Ironie der Geschichte.<\/p>\n<p align=\"justify\">Das Geschehen im Film l\u00e4sst sich in vier Teile gliedern, sowohl inhaltlich und zeitlich als auch geografisch. Diese vier Teile sind zeitlich begrenzte Ausschnitte an jeweils bestimmten Orten, mit einer bedeutenden Szene aus Jungs Leben. Nat\u00fcrlich ist solch eine Gliederung gut gew\u00e4hlt, denn sie gibt dem Film eine Struktur, die es m\u00f6glich macht eine so lange Geschichte, von den 1950er bis in die 1990er, zu erz\u00e4hlen, doch sie l\u00e4sst auch viel aus, damit der Film seine \u201enat\u00fcrliche\u201c Spielfilml\u00e4nge bekommt. Hier w\u00e4ren wir wieder beim Anfangsproblem der Wahrheit und der Frage nach der <i>true story<\/i>.<\/p>\n<p align=\"justify\">Durch den gro\u00dfen zeitlichen Raum und den ausgew\u00e4hlten Stationen aus Jungs Leben bleibt im Film wenig Zeit f\u00fcr entschleunigte Momente des Durchatmens und des Innehaltens. Immer geht die Geschichte weiter. Ein neues Jahr. Ein neuer Ort. Neue Gesch\u00e4ftspartner. Noch mehr Drogen, noch mehr Geld. Daraus ergibt sich eine wunderbare Metapher zu Jungs Handelsprodukt: dem Kokain. Genauer gesagt, zum Rausch, der aus dem Konsum folgt. Denn ebenso l\u00e4uft sein Leben ab. Ein unaufh\u00f6rlicher Rausch aus Geld, Macht, und Besitz. Euphorie und Gl\u00fccksgef\u00fchle die Teil eines Rauschzustand sind, lassen sich ebenfalls in dieser Metapher wiederfinden und auf sein Leben \u00fcbertragen. Er sagt in seiner Zeit in Kalifornien, dass er gl\u00fccklich ist und das Leben lebt, was er immer leben wollte. Allerdings \u00fcbernimmt ihn eine Sucht dieses neuen Gl\u00fccks und mit fortschreitendem Film beginnt der Zerfall dieses Lebens, vergleichbar mit dem k\u00f6rperlichen Zerfall eines drogenabh\u00e4ngigen Menschen. Der spannende Punkt dieser Metapher und der Dramaturgie aber ist, dass der Film in bestimmten Momenten \u201en\u00fcchtern\u201c wird. Das sind die Momente, in denen Jung seine Eltern trifft. In diesen Szenen entschleunigt der Film auf drastische Art und ist f\u00fcr kurze Zeit stark dialoglastig. Vor allem die intimen Gespr\u00e4che mit seinem Vater stellen Jungs Leben auf existenzielle Weise in Frage, in denen der Vater immer nach der Pr\u00e4misse mit seinem Sohn spricht: \u201eIst es dir das alles Wert?\u201c Erm\u00f6glicht wird all dies allein durch die Innigkeit einer menschlichen Beziehung mit ihrer tiefen Emotionalit\u00e4t und langen Historizit\u00e4t. Zwar findet diese Reflexion zun\u00e4chst keinen Anklang beim Hauptcharakter, doch tun diese Entschleunigungen dem rasanten Film sehr gut.<\/p>\n<p align=\"justify\">Nichtsdestotrotz erz\u00e4hlt der Film bis auf diese Momente eine ziemlich austauschbare Geschichte eines aufsteigenden Drogenh\u00e4ndlers, der zwar etwas ungew\u00f6hnlich wirkt und durch seine innere Ruhe, Gewaltlosigkeit und monogamen Lebensweise aus dem Raster von stereotypischen Drogenh\u00e4ndler*innen herausf\u00e4llt, letztendlich aber tendenziell uninteressant, langweilig und gef\u00fchllos wirkt. Ein Lichtblick stellt dann lediglich der letzte Teil des Films dar. Dort setzt nun endlich auch die eigene Reflexion ein, hervorgerufen durch Jungs Niedergang und eine weitere menschliche Beziehung: Die von Jung und seiner Tochter. Durch sie entwickelt er \u00fcberhaupt erst eine empathische Art. Damit findet auch die wichtige Charakterentwicklung statt, vom narzisstischen, hin zum empathischen Menschen, die dem Charakter auch seine fehlende emotionale Tiefe verleiht. Offensichtlich ist dies ein fiktionales Element der Heldenreise. Und damit m\u00f6chte ich wieder am Anfang anschlie\u00dfen: Eine <i>true story<\/i> kann hier nicht erz\u00e4hlt werden, denn ein Biopic unterliegt unweigerlich narrativen Filmstrukturen. George Jung im Film und George Jung in der Realit\u00e4t sind zwei verschiedene Charaktere. Es ist mit gro\u00dfer Sicherheit davon auszugehen, dass George Jung in der Realit\u00e4t ein komplexerer Charakter als seine Darstellung im Film ist, die eine Entwicklung vom Narzissten zum empathischen Menschen in absoluter Weise ohne Schattierungen und Grauzonen zeichnet. Ich m\u00f6chte mich an dieser Stelle nochmal wiederholen. Mit dieser Kritik m\u00f6chte ich gewiss nicht daf\u00fcr pl\u00e4dieren nie wieder Biopics zu drehen, sondern es geht mir um eine nominelle Kritik am Wahrheitsbegriff und einen gesch\u00e4rften Blick auf dieses Genre, weil es so einen gro\u00dfen Einfluss auf die \u00f6ffentliche Erinnerung hat.<\/p>\n<p align=\"justify\">Problematisch wird es vor allem dann, wenn die Handlung in Lateinamerika stattfindet. Denn das Bild, was von den L\u00e4ndern Lateinamerikas und ihren Menschen im Film gezeichnet wird, ist ein zutiefst ethnozentrisches, behaftetet mit rassistischen Vorurteilen. Als Jung und seine Crew erstmals nach Mexiko kommen, um ihr Gesch\u00e4ft zu vergr\u00f6\u00dfern, wechselt die Lichtfarbe ins Grelle, Warme und Mariachi-Musik beginnt zu erklingen. Die Leute sprechen kein Englisch, wirken \u00e4rmlich, aber in gewisser Weise wird das Leben dort auch als paradiesisch, unbeschwert und als Sehnsucht dargestellt. Sp\u00e4ter im Film werden lateinamerikanische M\u00e4nner (!) nur noch in gewaltsamen bzw. Drogenhandel-betreffenden Zusammenh\u00e4ngen und in der kriminellen Form einer Bande gezeigt. Dass am Ende Jungs kolumbianischer Partner, Diego Delgado, der hinterlistige Verr\u00e4ter der beiden ist, verwundert folglich wenig. Dies sind sowohl auf kinematographischer, als auch auf filmdramaturgischer Ebene, typische Darstellungen Lateinamerikas im amerikanischen Kino. Sie erinnern an das, was Edward Said (2009[1978]) \u201eOrientalismus\u201c nannte, also den Diskurs der im Okzident \u00fcber den Orient gef\u00fchrt wird, mit seinem unterdr\u00fcckerischen, exotisierenden und konstruierenden Charakter. Diese charakteristischen Darstellungen finden wir ebenfalls in <i>Blow<\/i> in einem \u201eLateinamerikanismus\u201c wieder.<\/p>\n<p align=\"justify\">Auch das Frauenbild im Film ist wenig emanzipativ. Zwar befinden wir uns in der Handlung zum Teil in den 1970er Jahren an Orten feministischer Emanzipation, jedoch finden wir im Film keine emanzipierten Frauen wieder. Sie werden als \u201edumme blonde Stewardessen\u201c oder als \u201egeldgierige Ehefrauen\u201c dargestellt. Zudem ist zu jeder Stelle im Film die Frau nur im Bezug zu M\u00e4nnern zu sehen. Sie agiert niemals autonom, sondern dient dramaturgisch immer nur dem Zweck eine M\u00e4nnergeschichte zu erz\u00e4hlen. Dadurch erscheint sie als abh\u00e4ngiges Wesen und hier l\u00e4sst sich an Simone de Beauvoir (1949) \u201eDas andere Geschlecht\u201c anschlie\u00dfen. Der Mann ist das Subjekt, die Frau das Objekt. Der Mann ist das Eine, die Frau das Andere. Der Mann ist der Hauptcharakter, die Frau eine dramaturgische Zweckfunktion.<\/p>\n<p align=\"justify\"><i>B<\/i><i>low<\/i> ist ein durchschnittlicher Film. Durchschnittlich in seiner Qualit\u00e4t und seinen Darstellungen. Es gibt Lichtblicke, wie z.B. die Erz\u00e4hlstruktur oder auch die \u00c4sthetik, denn die Filmemacher*innen schaffen durch tolle Kost\u00fcme, detaillierte Sets und eine k\u00f6rnig-staubige 80er Jahre Retro-Kamera einen unverwechselbaren Look. Doch das sollte nicht davor t\u00e4uschen, dass hier viel wichtigere Aspekte, die Darstellungen Lateinamerikas und von Frauen problematisch sind und nicht zu einer w\u00fcnschenswerten Verbesserung der Situation beitragen, weil gerade das Biopic doch so stark die Wahrnehmung der Welt beeinflusst. Abschlie\u00dfend bleiben mir folgende Fragen h\u00e4ngen: Wo sind die Hollywood-Filme in denen ein Amerikaner der B\u00f6sewicht und eine Lateinamerikanerin die Heldin ist? Wo sind die Filme \u00fcber die Student*innen-Aufst\u00e4nde in Mexiko 1968? Oder die \u00fcber ausgebeutete Bananenarbeiter*innen in Guatemala? Was spricht gegen plebejische, periphere Unterhaltungsformen, wenn nicht ausschlie\u00dflich hegemoniale Diskurse der Unterdr\u00fcckung in der Metropole.<\/p>\n<p align=\"justify\"><b>Literatur:<\/b><\/p>\n<ul>\n<li>\n<p align=\"justify\">Custen, George F.: Bio\/pics: How Hollywood Constructed Public History, New Brunswick 1992.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p align=\"justify\">De Beauvoir, Simone: Das andere Geschlecht, Paris 1949.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p align=\"justify\">Said, Edward: Orientalismus, Frankfurt am Main, 2009 (New York, 1978).<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Biopics sind heutzutage beliebter denn je, gerade die Musik-Biographien boomen. Um nur einige der Gr\u00f6\u00dften der letzten Jahre zu nennnen: Rocketman (2019), Bohemian Rhapsody (2018), Hamilton (2020) oder The Dirt (2019). Fast jeder Film dieses Genres ist mit dem Disclaimer versehen: Based on a True Story. 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