{"id":251,"date":"2021-12-17T14:43:58","date_gmt":"2021-12-17T13:43:58","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/?p=251"},"modified":"2021-12-17T14:43:58","modified_gmt":"2021-12-17T13:43:58","slug":"sicario-day-of-the-soldado-mythos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmkritik\/2021\/12\/17\/sicario-day-of-the-soldado-mythos\/","title":{"rendered":"Sicario Day of the Soldado-Mythos"},"content":{"rendered":"<p>Man kann nicht \u00fcber <i>Sicario Day of Soldado <\/i>sprechen ohne dabei seinen Vorg\u00e4nger zu erw\u00e4hnen. Denis Villeneuve schuf mit diesem Film 2015 ein Meisterwerk, dessen Mix aus bombastischen Bildern und Sounddesign immer noch einzigartig sind. Dementsprechend horchte ich mit gro\u00dfen Ohren als bekannt wurde, dass Stefano Salima das Regiezepter \u00fcbernahm um <i>Sicario<\/i> seinen Nachfolger zu schenken. Erhalten geblieben sind Drehbuchautor Taylor Sheridan, Josh Brolin als der brutale CIA-Agent Matt Graver und Benicio del Torro als Sicario Alejandro. Letztere machen ihre Sache weiterhin sehr gut und sind die intensivsten Charaktere des Films. Sie werden durch das Fernbleiben von Emily Blunt als Kate Macer zu unseren Hauptcharakteren und deutlich greifbarer als noch im vorherigen Teil. Diese Vermenschlichung kann man sich sowohl positiv als auch negativ auslegen. Zum einen entstehen wirklich sch\u00f6ne, ruhige Momente und das in einem der brutalsten Film des Jahres &#8211; das FSK 18 ist hier wirklich angemessen. Aber findet sich auch hier das Dilemma, welches vielen Charakteren und besonders Antihelden immer wieder in Fortsetzungen widerf\u00e4hrt? Verlieren sie ihren Mythos? Das Ungesagte machte diese harten und erbarmungslosen Charaktere erst so interessant. Durch die Figur von Kate Macer gab uns der Film eine Identifikationsfigur, die mit der Brutalit\u00e4t genauso \u00fcberfordert war wie der Zuschauer. Im zweiten Teil wird nun eine j\u00fcngere weibliche Figur eingef\u00fchrt, die ebenfalls mitten ins Chaos gest\u00fcrzt wird und dabei wundervoll den Horror ihrer Situation portr\u00e4tiert.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die letzte wichtige Ver\u00e4nderung ist das Sounddesign, welches gl\u00fccklicherweise nah am grandiosen Soundtracks des ersten Teils ankn\u00fcpft. Nach dem tragischen Tod des Komponisten J\u00f3hann J\u00f3hansson \u00fcbernahm die isl\u00e4ndische Komponistin und enge Freundin von J\u00f3hansson, Hildur Gu\u00f0nad\u00f3ttir,<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>die Arbeit am Score des Films. Ihr noch intensiverer Stil erschafft eine derartige Atmosph\u00e4re, dass sie definitiv mit J\u00f3hansson mithalten kann. Ihr Hintergrund als Cellospielerin wird ebenfalls bemerkbar, wenn die sanften Streicher zum Ende des Filmes einsetzen und vom dr\u00f6hnenden Bass erg\u00e4nzt werden um Tragik und Spannung zu vereinen. Einzig alleine die Intensit\u00e4t von J\u00f3hanssons \u201eThe Beast\u201c kann nicht ganz erreicht werden und dessen Einsatz erzeugt auch beim Einsatz im zweiten Teil eine G\u00e4nsehaut, die nur wenige Filmsoundtracks erschaffen k\u00f6nnen. Der Soundtrack in <i>Sicario Day of Soldado<\/i> ist damit eine gelungene Ankn\u00fcpfung an den Vorg\u00e4nger und schafft es wie im ersten Teil, eine Nervosit\u00e4t in die Situationen zu bringen, die einen nicht mehr losl\u00e4sst bis wieder Ruhe eingekehrt ist.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Nachdem nun der Elefant im Raum abgehakt wurde, m\u00fcssen wir zun\u00e4chst \u00fcber die Handlung sprechen. Fortsetzungen bedeuten im Filmgesch\u00e4ft meistens h\u00f6her, schneller, weiter. Und das ist mit Sicario 2 nicht anders. Mehr Action, mehr Gewalt und Bombast. W\u00e4hrend es im ersten Teil noch um Vergeltung f\u00fcr Alejandro und das FBI geht, hei\u00dft das Ziel im zweiten Teil einen Krieg zwischen den Kartellen in Mexico anzuzetteln. Ausl\u00f6ser daf\u00fcr ist ein islamistischer Anschlag durch Selbstmordattent\u00e4ter, welche anscheinend \u00fcber Mexiko in die USA geschmuggelt wurden. Um nun die Kartelle zu schw\u00e4chen versucht man sie durch eine Entf\u00fchrung gegeneinander anzuzetteln. In einer Geheimoperation entf\u00fchren Matt Graver und sein Team die 16-j\u00e4hrige Isabell Reyes, die Tochter des Kartellanf\u00fchrers Carlos Reyes und schieben es einem anderen mexikanischen Kartell in die Schuhe. Isabell wird in die USA gebracht und sp\u00e4ter von der DEA \u201ebefreit\u201c, welche sie vorher selber entf\u00fchren um ihr weis zu machen, dass sie den USA aus den F\u00e4ngen eines befeindeten Kartells befreit wurde.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Klingt kompliziert? Ist es auch. Als Zuschauer bleibt aber kaum Zeit sich dar\u00fcber den Kopf zu zerbrechen, denn danach nimmt die Handlung ordentlich Fahrt auf und stellt die beiden Hauptcharaktere vor neue Konflikte. Wir betrachten ihre Handlungen nicht mehr aus dem Auge einer rechtschaffenen Ermittlerin, sondern kriegen einen Einblick in ihre Entscheidungen, welche sie den schmalen Grad zwischen Mensch und Monster wandeln lassen. So gibt es eine Szene in der Alejandro auf einen tauben Farmer in Mexico trifft und sich per Zeichensprache mit ihm unterh\u00e4lt. Diese gesamte Szene sorgt f\u00fcr einen ber\u00fchrenden Moment, den Regisseur Salima wundervoll einige Sekunden einfach so stehen l\u00e4sst und Alejandro nat\u00fcrliche Tiefe verleiht. Matt Graver wird am Ende vor eine schwerwiegende Entscheidung gestellt, die wunderbar vom Drehbuchautor Sheridan eingef\u00fcgt wurde. Seine Entscheidung wird nicht erkl\u00e4rt, sondern <i>gezeigt<\/i>. Durch diese starken Szenen schafft es das Drehbuch einige seiner Schw\u00e4chen, wie die zu komplizierte Entf\u00fchrung, wieder wett zu machen. Sheridan hat verstanden wie er seine brutalen Antihelden genau auf diesem schmalen Grad wandeln l\u00e4sst, ohne ihnen ihre Glaubw\u00fcrdigkeit zu nehmen. Sowohl Alejandro als auch Matt gehen f\u00fcr ihre Ziele buchst\u00e4blich \u00fcber Leichen, zeigen uns durch ihre Handlungen aber auch, dass sie nicht bedingungslos handeln. Diese Entscheidungen m\u00fcssen jedoch von einem Film vern\u00fcnftig verpackt werden um Glaubw\u00fcrdigkeit zu erzeugen. Wenn Charaktere willk\u00fcrlich handeln, geht diese Verloren. Gerade bei Figuren in der moralischen Grauzone birgt es ein Risiko sie vor gravierende Entscheidungen zu stellen, die sie f\u00fcr den Zuschauer eindeutig in die Kategorie B\u00f6se oder Gut einteilen. So kann der \u201eMythos\u201c um eine interessante Figur verschwinden. Sheridan schafft es allerdings die Figuren konstant auf dem schmalen Grad wandeln zu lassen, indem er ein gnadenloses Setting aufbaut indem es zeitweise unm\u00f6glich ist eine \u201egute\u201c Entscheidung zu treffen. <span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die wohl gr\u00f6\u00dfte St\u00e4rke des Films ist eben wie die verschiedenen Charaktere mit der Situation umgehen, in die sie geworfen werden.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><i>Alle <\/i>Charaktere stecken in einer Maschinerie fest. Wie im ersten Teil baut Sheridan wieder einen Nebenschauplatz auf, der sich um den jugendlichen Miguel dreht, welcher durch seinen gro\u00dfen Cousin als \u201eCoyote\u201c angeheuert wird. Als Coyote schmuggelt er mexikanische Immigranten \u00fcber die Grenze und macht seine ersten Erfahrungen mit dem Leben in einer Gang. Der Schmuggel von Menschen ist eiskalt durchgeplant, wie Vieh werden sie in Bussen an die Grenze gebracht, von Miguel durch Fl\u00fcsse gescheucht, wobei \u201eVerluste\u201c einkalkuliert werden, und schlie\u00dflich<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>auf der anderen Seite in einem Lastwagen weggebracht. Vor seinem ersten Einsatz sagt Miguels Cousin den Satz: \u201eThey\u2019re sheep, treat them like such.\u201c<\/p>\n<p>Aber auch auf der andere Seite ist neben der ganzen Kriegsmaschinerie wenig Platz f\u00fcr den Menschen. Mit W\u00e4rmebildkameras, Hubschraubern und Drohnen bleibt dem Milit\u00e4r nichts verborgen und sie sind sich jederzeit der Position ihrer Gegner bewusst. Menschen k\u00f6nnen \u00fcberall geortet werden, Zugriff auf jede Kamera und \u00fcberm\u00e4chtige Waffengewalt. Was h\u00e4lt sie also auf? Zumindest nicht die mexikanischen Kartelle. Wie im ersten Teil wird auch hier alles was nicht amerikanisch ist \u00fcber den Haufen geschossen, w\u00e4hrend unsere \u201eHelden\u201c meist mit Sch\u00fcrfwunden davonkommen. Letzteres wird besonders zum Ende des Films \u00fcberdeutlich, wo dem Film dann doch die n\u00f6tige Konsequenz fehlt. Diese \u00dcberlegenheit zeigt Kameramann Dariusz Wolski, indem er wundervolle Kontraste aufbaut, zwischen der kargen und ruhigen mexikanischen Landschaft und den dr\u00f6hnenden Maschinen des Milit\u00e4rs. Erkennbar ist jedoch auch das gewollte Wiedererkennen der Bilder zum ersten Teil. Wenn die Autos des Milit\u00e4rs die Grenze passieren und sich in einer Drohenaufnahme Polizeiautos einreihen, k\u00f6nnte man diese Szene quasi eins zu eins aus dem ersten Teil \u00fcbernehmen. Das mag als nette Hommage gemeint sein, sollte dann aber pointierter platziert werden, denn diese \u00c4hnlichkeiten kommen h\u00e4ufiger vor, wenn man drauf achtet.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>W\u00e4hrend das US-Milit\u00e4r relativ eindimensional dargestellt wird, bestechen die Protagonisten durch ihre Vielschichtigkeit. Sowohl Alejandro als auch Matt sind teils <i>skrupellos<\/i>, zeigen uns durch ihre Handlungen aber auch, dass sie nicht<i> bedingungslos <\/i>handeln. Diese Entscheidungen m\u00fcssen jedoch von einem Film vern\u00fcnftig verpackt werden um Glaubw\u00fcrdigkeit zu erzeugen. Wenn Charaktere willk\u00fcrlich handeln, verlieren sie diese. Gerade bei Figuren in der moralischen Grauzone birgt es ein Risiko sie vor gravierende Entscheidungen zu stellen, die sie f\u00fcr den Zuschauer eindeutig in die Kategorie B\u00f6se oder Gut einteilen. Sheridan macht es uns Zuschauern aber nicht so leicht und beh\u00e4lt sich seine Protagonisten in der Grauzone. Ein Ultimatum zum Ende stellt Matt vor eine gravierende Entscheidung, die er unerwartet aber <i>nachvollziehbar <\/i>trifft und somit greifbar bleibt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Alejandro wird noch weiter in das Zentrum der Handlung ger\u00fcckt und erh\u00e4lt Szenen, die an die Geschehnisse aus dem vorherigen Teil und seiner Vorgeschichte ankn\u00fcpfen. Dass er jetzt eine Vaterrolle \u00fcbernimmt, ist zwar etwas vorhersehbar, dennoch organisch in die Geschichte geschrieben, dass man es Sheridan verzeihen kann. Da alle Zeichen auf einen dritten Teil stehen, wird Alejandro am Ende zudem eine neue Aufgabe gestellt, die vern\u00fcnftig ausgef\u00fcllt Material f\u00fcr einen spannenden dritten Teil stellen kann.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Sicario Day of the Soldado ist anders als sein grandioser Vorg\u00e4nger. Aber das ist auch gut so. Eine gelungene Fortsetzung, welche filmisch etwas zu sehr am Vorg\u00e4nger h\u00e4ngt, beim Sound jedoch genau die richtige <i>Note<\/i> getroffen hat um den Vorg\u00e4nger zu beerben. W\u00e4hrend die Handlung teilweise zu Verwirrung f\u00fchren k\u00f6nnte, sind die Charaktere perfekt ausgeschrieben und von (fast) allen Schauspielern perfekt portr\u00e4tiert worden. Da es sich um einen Actionfilm handelt soll auch noch erw\u00e4hnt werden, dass die Action hier nicht so pointiert wie bei Villeneuve vorkommt, sondern in h\u00f6herer Frequenz, aber mit \u00e4hnlich gutem Spannungsaufbau. F\u00fcr ein gelungenes Sequel gilt anscheinend bei der Action immer noch die gleiche Formel: <i>h\u00f6her, schneller\u2026<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kann nicht \u00fcber Sicario Day of Soldado sprechen ohne dabei seinen Vorg\u00e4nger zu erw\u00e4hnen. Denis Villeneuve schuf mit diesem Film 2015 ein Meisterwerk, dessen Mix aus bombastischen Bildern und Sounddesign immer noch einzigartig sind. 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