„1917”, 2019, USA/ Vereinigtes Königreich, 119 Minuten

6. April 1917. Erster Weltkrieg. Den jungen britischen Soldaten Blake (Dean-Charles Chapman) und Schofield (George MacKay) wird der Auftrag erteilt, am helllichten Tage eine Nachricht an Colonel Mackenzie zu überbringen. Dieser steht kurz vor einem Angriff auf die deutsche Frontlinie, die sich nach seinen Informationen im Rückzug befindet. Eine Falle, wie die Alliierten erfahren haben. Die 1600 Soldaten unter Mackenzie marschieren in den sicheren Tod, es sei denn Schofield und Blake, dessen Bruder unter Mackenzie dient, schaffen es, rechtzeitig eine Warnung zu übermitteln und so den Angriff zu verhindern. Für ihren Auftrag müssen die jungen Soldaten durchs Niemandsland, zwischen die Fronten und durch feindliches Gebiet.

In knapp 2 Stunden konzentriert sich der Film auf den Weg, den die jungen Soldaten auf sich nehmen müssen, um ihre Mission zu erfüllen. Dabei ist die Kamera stets auf Blake und Schofield gerichtet und der Film kommt ganz ohne erkennbare Schnitte aus – mit einer Ausnahme – so dass Zuschauende den Soldaten in Echtzeit den Ereignissen des Films folgen. Dafür wurde der Film so gedreht, dass er wie ein One-Shot wirkt, eine Illusion, die durch vielfaches Drehen derselben Szenen aus verschiedenen Winkeln, bis die Shots nahtlos aneinander gesetzt werden konnten, erreicht wurde. Für diese aufwändige Schnittarbeit war viel Vorarbeit für den Dreh nötig. Der Hauptfokus lag hierbei auf der Choreografie, die mehrere Monate geprobt wurde, bevor der Dreh begonnen hat. Es musste genauestens einstudiert werden, wie und wo die Schauspieler sich hinbewegen und wie sich die Kamera passend zu ihnen bewegt.
In 1917 sind die einzelnen Aufnahmen im Durchschnitt 7 Minuten lang, dieses Verfahren war für die gesamte Filmcrew eine neue Herausforderung, da das Verfahren das Gegenteil der gewöhnlichen Drehverfahren von Hollywoodfilmen darstellt, wo einzelne Einstellungen nur wenige Sekunden dauern. Besonders ist hierbei, dass auch der Aufbau des Sets an die Proben gebunden wurde, so dass die Kunstabteilung anhand der Proben festgestellt hat, wie einzelne Bausteine des Sets inszeniert wurden. Wichtig war hierbei auch, dass anhand der Sets nahtlos von einer Aufnahme in die nächste übergegangen werden konnte. Dazu war für jede Aufnahme ein eigenes Set nötig, das am Startpunkt der Endstelle der davorigen Aufnahme entsprach. Diese Schnitttechnik hat ebenfalls erfordert, dass der überwiegende Teil des Films in chronologischer Reihenfolge gedreht wurde, um die Übergänge genau bestimmen zu können. Bedingt durch den Anspruch, einen OneShot zu inszenieren, wodurch die Kamera viele Schwenke machen musste, in Platzverhältnissen, die entweder sehr eng in z.B. Schützengräben oder sehr weit in freier Natur waren und die Notwendigkeit, ohne sichtbare Crew zu filmen, musste der Film größtenteils auf Beleuchtungen verzichten. So wurde der Film größtenteils bei bewölktem Himmel gefilmt, um einen Schattenwurf zu verhindern. Dies passt, meiner Meinung nach, sehr gut in das Szenario eines Kriegsfilm, da es automatisch zu einer bedrückten Stimmung beiträgt und den Ernst der Story unterstreicht.

Weiter trägt auch die von Thomas Newman komponierte Musik maßgeblich dazu bei, die Atmosphäre und Stimmung des Films zu prägen. Die Musik unterstreicht die Stimmungen und Herausforderungen der Protagonisten. In den Ruinen und Schützengräben ist sie leise und unaufdringlich und unterstreicht so die bedrückte Stimmung, dann ist sie kraftvoll und prägnant, um den Schrecken und das Grauen der Schlacht auszudrücken. In Szenen der Pause oder Momenten der Hoffnung ist die Musik hingegen sanft und beruhigend. Die Zuschauenden werden emotional berührt und in die Handlung mit hineingezogen.

Nicht zuletzt durch den Schnitt und die Fokussierung auf Blake und Schofield erzählt der Film grandios eine Geschichte, ohne große Schlachten und actionreiche Kämpfe, wie es die meisten Kriegsfilme machen. Die Geschichte ist simpel und trotzdem mitreißend, zwei junge Soldaten, die das Grauen des Kriegs erleben. Als Zuschauende sehen wir, was die jungen Soldaten sehen: ganze Landschaften zerstört, die Überreste zerbombter Häuser, Schützengräben, Drahtzäune, Schlamm- bedeckte von Ratten zerfressene tote Soldaten. Wir wissen genauso wenig wie die Protagonisten, was passiert, sobald sie das Niemandsland betreten. Sind die Deutschen wirklich abgezogen? Oder wartet direkt hinter der nächsten Ecke der Tod? Ist der Angriff bereits geschehen? Aber was wir wissen, wird etwas passieren, das sagt uns unser Verstand. Wenn die jungen Soldaten geradewegs ihren Auftrag ohne Zwischenfälle erfolgreich abschließen, hätte es die Geschichte bestimmt nicht auf die Kinoleinwand geschafft. So spüren auch wir die anhaltende Bedrohung.

Regisseur Sam Mendes nennt als Inspiration für den Film die Geschichten, die ihm sein Großvater über den Ersten Weltkrieg erzählt hat. „And there was one particular story he told us of being tasked to carry a single message through no man’s land in dusk in the winter of 1916. He was a small man, and they used to send him with messages because he ran 5 1/2 feet, and the mist used to hang at about 6 feet in no man’s land, so he wasn’t visible above the mist. And that stayed with me. And that was the story I found I wanted to tell.“ erzählt Mendes NPR 2019. Dabei betont Mendes ebenfalls, dass die Geschichte des Films frei erfunden ist, sie hätte passieren können, ist aber nicht. Auch alle im Film vorkommenden Figuren seien rein fiktiv und von realen Personen, wie etwa Mendes Großvater inspiriert und mit dessen Erfahrungen verknüpft.

“1917” legt einen Fokus darauf zu zeigen welche Auswirkung Krieg auf die Menschen und die Gesellschaft hat, indem der Film zeigt, welche Herausforderungen die Protagonisten im Krieg erwartet und wie diese Erfahrungen sie ihr leben zeichnen wird, wie es der Erste Weltkrieg bei Millionen von Menschen gemacht hat. Der Film glorifiziert dabei weder den Krieg, noch ist es ein Anti-Kriegsfilm, da keine expliziten Anti-Kriegs Botschaften enthalten sind. “1917” zeigt den Krieg und die einhergehenden Schrecken unverblümt, ohne dabei über Gründe und Verlauf des Krieges zu urteilen. Es ist durch das bloße Zeigen von Krieg ohne Wertung den Zuschauenden selbst überlassen, wie Sie über Krieg urteilen. Und regt zum Nachdenken an. In Verbindung mit dem Aspekt der außergewöhnlichen Ästhetik des Films handelt es sich bei “1917” für mich um einen sehr sehenswerten fesselnden Kriegsfilm.