{"id":72,"date":"2019-06-23T22:42:25","date_gmt":"2019-06-23T20:42:25","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmfestkritiken\/?p=72"},"modified":"2019-06-23T22:42:25","modified_gmt":"2019-06-23T20:42:25","slug":"gluecklich-wie-lazzaro-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmfestkritiken\/2019\/06\/23\/gluecklich-wie-lazzaro-2018\/","title":{"rendered":"Gl\u00fccklich wie Lazzaro (2018)"},"content":{"rendered":"<p align=\"JUSTIFY\"><i>Gl\u00fccklich wie Lazzaro <\/i>(Originaltitel: <i>Lazzaro Felice)<\/i> ist ein Drama von der italienischen Filmemacherin Alice Rohrwacher. Dabei war sie sowohl f\u00fcr die Regie, als auch f\u00fcr das Drehbuch verantwortlich. Der Film wurde zum ersten mal am 13. Mai 2018 bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigt. Dabei wurde Alice Rohrwacher in der Kategorie <i>Bestes Drehbuch <\/i>geehrt.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Inviolata ist ein kleines, isoliertes Bergdorf in dem es scheint als w\u00e4re die Zeit die letzten f\u00fcnfzig Jahre stillgestanden. Und dieser Eindruck ist durchaus nicht falsch, denn <i>unber\u00fchrt<\/i>, als das man <i>inviolata<\/i> \u00fcbersetzen kann, war das Dorf von allen tiefgreifenden Ver\u00e4nderungen der letzten Jahrzehnte. In erster Linie trifft das auf die Abschaffung der Halbpacht ( ital. <i>Mezzadria<\/i>) zu, einem halbfeudalistischem Modell landwirtschaftlicher Landnutzung, das auf einem asymmetrischen Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis und auf den Punkt gebracht: Ausbeutung basiert. In einem solchen Verh\u00e4ltnis w\u00e4hnen sich die Bewohner Inviolatas nach wie vor, ihre einzige Verbindung zur Au\u00dfenwelt und dringend ben\u00f6tigten Vorratslieferungen ist ihre Gutsherrin, die Marchesa Alfonsina de Luna (Nicoletta Braschi).<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Ausbeutung ist ein zentrales Thema des Films \u2013 und das in vielf\u00e4ltigster Form. An der Spitze der hierarchischen Ausbeutungskette steht dabei die Marchesa in Form einer strukturellen Ausbeutung, ganz unten der junge Lazzaro (Adriano Tardiolo), dessen Ausbeutung allein auf seiner grenzenlosen Gutm\u00fctigkeit beruht. Der Name Lazzaro ist nicht beliebig gew\u00e4hlt. Tats\u00e4chlich basiert sein Charakter auf der biblischen Figur des Lazarus, in erster Linie bekannt f\u00fcr seine wundersame Wiederauferstehung. Er ist ein Heiliger, der durch Legenden und als Vorlage f\u00fcr Literatur, Film und Theater um zahlreiche positive Attributierungen erweitert wurde. In dieser \u00fcber die Jahrhunderte gewachsenen Gestalt \u2013 als Heiliger, wie auch popkultureller Figur \u2013 wird Lazarus nun also in die moderne Welt geworfen. Als Konsequenz ist der Film voll von Anspielungen und Symbolik. Dabei kann gerade die Symbolik in ihrer Vielzahl mitunter etwas erschlagend und zu plakativ wirken.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Wie bereits erw\u00e4hnt ist Lazzaro in erster Linie durch Gutm\u00fctigkeit, den Segen (oder Fluch) immer nur das gute in den Menschen zu sehen und \u2013 das ist in diesem Fall nicht zu viel verraten \u2013 durch eine gewisse Todes-Resilienz, charakterisiert. Es ist besagte Gutm\u00fctigkeit, die so weit geht, dass die Assoziation der Naivit\u00e4t immer mitschwingt. Und damit entlarvt der Film eine Mentalit\u00e4t, in der Wohlwollen und der Wille gutes zu tun, n\u00e4her an der charakterlichen Kategorie der Naivit\u00e4t angesiedelt sind, als sie es m\u00f6glicherweise sein m\u00fcssten. Tats\u00e4chlich scheint es in der Figur der Antonia (junge Antonia: Agnese Graziani, \u00e4ltere Antonia: Alba Rohrwacher) nur eine Person zu geben, die Lazzaros positive Eigenschaften nicht als Schw\u00e4che zu sehen scheint. Umso bezeichnender ist es, dass selbst sie nicht von der allgemeinen Instrumentalisierung des Lazzaro ausgenommen wird. All das macht den mit 127 Minuten Spiell\u00e4nge nicht gerade kurzen Film auch ein bisschen zu einem Leidensweg \u2013 obwohl die Figur des Lazzaro es wahrscheinlich gar nicht als solchen wahrnimmt. Dabei darf nicht verschwiegen werden, dass <i>Gl\u00fccklich wie Lazzaro<\/i> in Bild und Ton sehr atmosph\u00e4risch ist und die schauspielerischen Leistungen durchweg \u00fcberzeugen. Trotz phasenweiser L\u00e4ngen und obwohl der Film dem Zuschauer durchaus etwas zumutet (und wahrscheinlich genau das beabsichtigt), ist <i>Gl\u00fccklich wie Lazzaro<\/i> ein sehenswerter Film. Das abschlie\u00dfende Urteil, das der Film \u00fcber die moderne Gesellschaft f\u00e4llt, kann man als zu pessimistisch erachten, zum Nachdenken regt es allemal an.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">\nVon Luca Cesari<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Gl\u00fccklich wie Lazzaro | I\/D\/F\/CH | 2018 | Drama | Alice Rohrwacher | 127 Min. | Adriano Tardiolo, Agnese Graziani, Alba Rohrwacher, Luca Chikovani, Tommaso Ragno, Sergi Lopez, Nicoletta Braschi | FSK 12<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\">\nGl\u00fccklich wie Lazzaro (Originaltitel: Lazzaro Felice) ist ein Drama von der italienischen Filmemacherin Alice Rohrwacher. 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