{"id":68,"date":"2019-06-23T22:36:54","date_gmt":"2019-06-23T20:36:54","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmfestkritiken\/?p=68"},"modified":"2019-06-23T22:44:26","modified_gmt":"2019-06-23T20:44:26","slug":"vorhang-auf-fuer-cyrano-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmfestkritiken\/2019\/06\/23\/vorhang-auf-fuer-cyrano-2018\/","title":{"rendered":"Vorhang auf f\u00fcr Cyrano (2018)"},"content":{"rendered":"<p align=\"JUSTIFY\">Vorhang auf f\u00fcr Cyrano (Originaltitel: <i>Edmond<\/i>) ist eine Kom\u00f6die des franz\u00f6sischen Schauspielers und Regisseurs Alexis Michalik. Es ist ein Projekt, das Michalik bereits 2017 auf die Theaterb\u00fchne gebracht hatte, nachdem er keinen Regisseur f\u00fcr eine Verwirklichung auf der Leinwand hatte finden k\u00f6nnen. Erz\u00e4hlt wird die fiktive Entstehungsgeschichte von Edmond Rostands Theaterklassiker <i>Cyrano de Bergerac<\/i>, der 1897 in Paris uraufgef\u00fchrt wurde und seitdem Stoff f\u00fcr zahlreiche Theater- und Filmadaptionen lieferte. Doch anders als beispielsweise die popul\u00e4re Verfilmung von Jean-Paul Rappeneau spielt in <i>Vorhang auf f\u00fcr Cyrano <\/i>nicht der gleichnamige Held mit der gro\u00dfen Nase die Hauptrolle, sondern sein Sch\u00f6pfer Edmond Rostand. Wobei das so nur bedingt richtig ist, denn: Regisseur Alexis Michalik, gleichzeitig f\u00fcr das Drehbuch verantwortlich und in der Rolle des Georges Feydeau zu sehen, l\u00e4sst Autor und Held zunehmend miteinander verschmelzen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Doch von Anfang an: Der talentierte, aber erfolglose Dichter Edmond Rostand (Thomas Soliv\u00e9r\u00e8s) steckt in einer Schaffenskrise. Sein letztes St\u00fcck wurde bereits nach der Premiere abgesetzt, seine romantischen Trag\u00f6dien in Versma\u00df sind aus der Zeit gefallen. F\u00fcr sein Comeback braucht er ein Meisterst\u00fcck, aber es fehlt die Inspiration; zwei Jahre vergehen und Edmond hat nichts zu Papier gebracht. Sarah Bernhardt (Cl\u00e9mentine C\u00e9lari\u00e9), ihrerzeit eine Schauspielerin von Weltruhm und als Hauptdarstellerin seines letzten St\u00fccks mit Edmond verbunden, stellt den Kontakt zu Constant Coquelin (Olivier Gourmet) her. Coquelin hat ein \u00e4hnliches Problem wie Rostand. Zwar ist er ein Schauspieler von Rang und Namen, doch schwindet der Ruhm des alternden Exzentrikers. Er hat sich mit den falschen Leuten der Pariser Theaterszene angelegt, ist verschuldet und braucht dringend einen Erfolg. Edmond kann Coquelin von sich \u00fcberzeugen und bekommt den Auftrag ein St\u00fcck f\u00fcr ihn zu schreiben. Doch seine Schreibblockade besteht nach wie vor, nur steht er nun zus\u00e4tzlich unter enormem Zeitdruck. Das \u00e4ndert sich, als er Jehanne (Lucie Boujenah), die neue Flamme seines besten Freundes, Leo (Tom Leeb), kennenlernt. Mit ihr teilt er den ausgepr\u00e4gten Hang zur Poesie und Romantik. Leo, ebenfalls Schauspieler, sieht blendend aus, aber kann mit Poesie nicht wirklich etwas anfangen. Edmond greift seinem Freund unter die Arme und verfasst f\u00fcr ihn Liebesbriefe an Jehanne. Dabei merkt er schnell: die Briefe schreiben sich wie von alleine, die Inspiration ist wieder da. Was als Gefallen f\u00fcr einen Freund anfing, wird nun zum Antrieb seiner Textproduktion. Weiterhin unter dem Namen seines Freundes, aber ohne dessen Wissen, tritt Edmond in einen regen Briefwechsel mit seiner neuen Muse. Wer das zugrundeliegende Theaterst\u00fcck kennt, wird gemerkt haben, dass Edmond und Leo beinahe deckungsgleich mit dessen Hauptprotagonisten, Cyrano und Christian, sind. Selbiges gilt f\u00fcr die Rahmenhandlung; Cyrano, poetisch begabt, aber durch eine riesige Nase &#8218;entstellt&#8216; ist in seine Cousine Roxanne verliebt. \u00dcberzeugt von der Aussichtslosigkeit seiner Liebe unterst\u00fctzt er als Ghostwriter den gutaussehenden, aber wenig geistreichen Christian in seinem Werben um Roxanne.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Handlung und die Konflikte des St\u00fcckes werden also ziemlich direkt auf den Entstehungsprozess des St\u00fcckes \u00fcbertragen. Das geht so weit, dass ganze Dialoge \u00fcbernommen werden. Das kann angesichts der Grundidee des Filmes kaum kritisiert werden. Das Problem dabei ist, dass der Film immer dann am unterhaltsamsten ist, wenn sich eine Szene gerade besonders treu am Theaterst\u00fcck orientiert, oder noch besser: wenn das B\u00fchnenspiel selbst gezeigt wird. Es sind diese Szenen, die gut gelungen sind. Das B\u00fchnenbild, die Theaterkulisse, Einblicke in die B\u00fchnentechnik der (vorletzten) Jahrhundertwende und nicht zuletzt ein Hineinwachsen der schauspielerischen Leistung in das Potenzial, das der Stoff pl\u00f6tzlich bietet. Tats\u00e4chlich l\u00e4sst die st\u00e4ndige Konfrontation der Kom\u00f6die des Films mit der Kom\u00f6die des Theaterst\u00fccks erstere in keinem sehr g\u00fcnstigen Licht erscheinen. Das liegt vor allem an den Dialogen. Abgesehen von der offensichtlichen Divergenz in der Form, Versma\u00df auf der einen Seite, ein eher umgangssprachlicher Ton aus der Feder Michaliks auf der anderen Seite, hebt sich vor allem der Humor des Films durch eine zuweilen \u201eklamaukige\u201c Plumpheit von seiner Theatervorlage ab. Und es ist kein Klamauk der guten Sorte, den es unbedingt gibt. Exemplarisch verwiesen sei hier auf eine Szene, in der sich ein russischer Herr mit Namen vorstellt, woraufhin Edmond \u201eGesundheit\u201c erwidert. Zugegeben, einer der h\u00e4rteren F\u00e4lle des Films, sehr viel origineller ist es die meiste Zeit aber auch nicht.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Ebenso wenig \u00fcberzeugend ist die Aufl\u00f6sung der obligatorischen Konflikte, die neben der Rahmenhandlung gesponnen werden und in deren Mittelpunkt sich immer der arme Edmond befindet. Namentlich sind es die Konflikte mit seiner Frau Rosemond (Alice de Lencquesaing), seinem Freund Leo und seiner Muse Jehanne. Im Hinblick auf Edmonds romantischen Briefwechsel mit Jehanne alles nachvollziehbare Konflikte. Die gute Nachricht f\u00fcr den bemitleidenswerten Autor: Er wird zwar mit ihnen konfrontiert, muss sich aber nicht mit deren L\u00f6sung herumschlagen \u2013 sie l\u00f6sen sich einfach in Luft auf. Das ist auf der einen Seite unbefriedigend, aber angesichts dessen, dass diese Konflikte sowieso eher halbherzig eingef\u00fchrt und aufgebaut wurden, auch irgendwie konsequent.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Noch recht zu Beginn des Films erhebt sich die Kamera von der Stra\u00dfe bis \u00fcber die D\u00e4cher zu einer Panorama-Aufnahme vom Paris des 19. Jahrhunderts. Durch die nicht gerade dezente digitale Bearbeitung dieser Einstellung (gedreht wurde \u00fcbrigens in Prag) und den in r\u00f6tliches Licht getauchten Himmel wirkt das alles sehr stilisiert. Und genau das, ein handzahmes, fast m\u00e4rchenhaft stilisiertes Bild zeichnet der Film von dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Dabei sind Kost\u00fcme, Kulissen und die Drehorte eigentlich sehr stimmig und erzeugen zun\u00e4chst eine gelungene Immersion \u2013 bis fr\u00fcher oder sp\u00e4ter Handlung und Dialoge geh\u00f6rig dazwischen-gr\u00e4tschen. So kann man es als ein lobenswertes Statement verstehen, wenn der schwarze Caf\u00e9-Besitzer Monsieur Honor\u00e9 (Jean-Michel Martial) einen ihm gegen\u00fcber rassistisch ausf\u00e4lligen Gast unter Beifall der \u00fcbrigen, ausschlie\u00dflich wei\u00dfen, G\u00e4ste des Caf\u00e9s verweist, doch ist es gleichzeitig ein Anachronismus. So traurig es ist, eine solche Szene d\u00fcrfte sich in dieser Form wohl kaum in einer Zeit und Gesellschaft abgespielt haben, in der Rassismus noch tief verwurzelt ist. Und wenn auch der vage Verdacht der Verharmlosung \u00fcber dieser Szene schwebt, so bleibt er angesichts des beherzten Pathos dieser Szene doch eher diffus. Man denkt sich \u201esicher gut gemeint\u201c und sch\u00e4mt sich fast f\u00fcr den Gedanken der b\u00f6sen Unterstellung.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Eine anderer Anachronismus und dar\u00fcber hinaus, wohl nicht nur eine dem 19. Jahrhundert, sondern \u00fcberhaupt jeder vergangenen und wahrscheinlich auch zuk\u00fcnftigen Zeit fremde Darstellung, ist die der Prostituierten. Glaubt man diesem Film waren die Bordelle dieser Zeit ein Hort der Gl\u00fcckseligkeit. Die Prostituierten sind immer bester Laune, in ihrem Beruf gehen sie derma\u00dfen auf, dass sie eigentlich gar keinen Feierabend mehr machen wollen. Nichts bereitet ihnen gr\u00f6\u00dfere Freude, als auch noch im Theater, in das sie freundlicherweise von ihren Zuh\u00e4ltern eingeladen werden, Schauspieler um ihre Aufregung zu erleichtern. \u00dcberfl\u00fcssig zu erw\u00e4hnen, dass besagter Schauspieler nat\u00fcrlich pl\u00f6tzlich wie ein junger Gott spielt. Nicht nur unter dem Aspekt der historischen Authentizit\u00e4t ist diese Darstellung kritikw\u00fcrdig. Aber wie komme ich bei der Kritik einer seichten Kom\u00f6die \u00fcberhaupt dazu \u00fcber historische Authentizit\u00e4t zu schreiben? Das liegt vielleicht daran, dass mich <i>Vorhang auf f\u00fcr Cyrano<\/i> suchend zur\u00fcckl\u00e4sst. Suchend nach dem Film \u2013 <i>was<\/i> ist dieser Film eigentlich? Was bleibt \u00fcbrig, wenn man, etwas hochtrabend formuliert, das geistige Eigentum des <i>echten <\/i>Rostand beiseite nimmt und nur den, genuin dem Film zuzuschreibenden Inhalt betrachtet? Irgendwie nicht viel, m\u00f6chte man meinen. Und es stellt sich die Frage, ob eine solche Trennung, die sich mir hier so aufdr\u00e4ngt, \u00fcberhaupt zul\u00e4ssig ist. Es spricht viel dagegen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">In einer der letzten Szenen unterhalten sich Sarah und Coquelin in dessen Garderobe. Ein St\u00fcck ist entstanden, das man noch in 100 Jahren spielen wird \u2013 in dieser Erkenntnis sind sich die beiden einig. \u00dcber den Film <i>Vorhang auf f\u00fcr Cyrano<\/i> kann man das gleiche wohl nicht sagen. Aber vielleicht will ist das auch gar nicht sein Anspruch.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Von Luca Cesari<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Vorhang auf f\u00fcr Cyrano | F\/B | 2018 | Kom\u00f6die | Alexis Michalik | 113 Min. | Thomas Soliv\u00e9r\u00e8s, Olivier Gourmet, Tom Leeb, Lucie Boujenah, Mathilde Seigner | FSK ab 0 freigegeben<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\">\nVorhang auf f\u00fcr Cyrano (Originaltitel: Edmond) ist eine Kom\u00f6die des franz\u00f6sischen Schauspielers und Regisseurs Alexis Michalik. Es ist ein Projekt,&hellip;\n<\/div>\n<div class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmfestkritiken\/2019\/06\/23\/vorhang-auf-fuer-cyrano-2018\/\" class=\"more-link\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\"> &ldquo;Vorhang auf f\u00fcr Cyrano (2018)&rdquo;<\/span>&hellip;<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2717,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_bbp_topic_count":0,"_bbp_reply_count":0,"_bbp_total_topic_count":0,"_bbp_total_reply_count":0,"_bbp_voice_count":0,"_bbp_anonymous_reply_count":0,"_bbp_topic_count_hidden":0,"_bbp_reply_count_hidden":0,"_bbp_forum_subforum_count":0,"footnotes":""},"categories":[207],"tags":[],"class_list":["post-68","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmfestkritiken\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/68","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmfestkritiken\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmfestkritiken\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmfestkritiken\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2717"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmfestkritiken\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=68"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmfestkritiken\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/68\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":75,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmfestkritiken\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/68\/revisions\/75"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmfestkritiken\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=68"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmfestkritiken\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=68"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmfestkritiken\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=68"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}