{"id":39,"date":"2019-06-23T17:41:05","date_gmt":"2019-06-23T15:41:05","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmfestkritiken\/?p=39"},"modified":"2019-06-23T17:41:06","modified_gmt":"2019-06-23T15:41:06","slug":"filmkritik-zu-und-der-zukunft-zugewandt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/filmfestkritiken\/2019\/06\/23\/filmkritik-zu-und-der-zukunft-zugewandt\/","title":{"rendered":"Filmkritik zu Und der Zukunft zugewandt"},"content":{"rendered":"<p>Marina Wahl<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">\u201eUnd der Zukunft zugewandt\u201c ist ein Werk, welches auf Gespr\u00e4chen und Berichten von Zeitzeugen beruht. Es handelt sich um eine Leidensgeschichte einer jungen Mutter \u2013 einer Kommunistin \u2013 die zu Zeiten des Nazi-Regimes in die Sowjetunion geflohen war. Der Film setzt im Jahr 1952 an. Im Fokus der Handlung steht die Frau Antonia Berger (gespielt von: Alexandra Maria Lara). Zu Beginn wird dem Zuschauer ihr Leiden in den Arbeitslagern der Sowjetunion bewusst, in dem die Handlung mit der Erschie\u00dfung ihres Mannes beginnt. Es gibt einen Sprung in die DDR. Antonia und zwei ihrer Freundinnen werden zur\u00fcck in die DDR geholt. Fort an sollen sie ihr Leben dort verbringen. Jedoch ist eine Bedingung f\u00fcr ihre neu gewonnene Freiheit die Verschwiegenheit \u00fcber ihre erlittenen Leiden. Es w\u00fcrde die DDR nicht \u00fcberstehen, wenn die Wahrheit publik werden w\u00fcrde \u2013 so wird es ihnen von einem Vertreter der DDR erkl\u00e4rt. Der Film folgt Antonias wieder Eingliederung in die Gesellschaft und auch, wie schwer ihr und den beiden anderen Damen das Schweigen \u00fcber die Grausamkeiten der Kommunistin in der Sowjetunion f\u00e4llt.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Der Film ist mit seinen 108 Minuten ein durchschnittlicher langer Film. Die L\u00e4nge des Werks ist seine gr\u00f6\u00dfte Schwachstelle und seine gr\u00f6\u00dfte Waffe: Mit zwei Zeitspr\u00fcngen, direkt zum Mauerfall, die im ersten Moment als \u00fcberfl\u00fcssig erscheinen, wird die Handlung aufgebrochen. Und doch \u2013 es bleibt die Frage \u00fcber den Film hinweg: <i>Wohin soll die Geschichte gehen? Wann endet diese Tortour, die in diesem Moment begleitet wird? Endet es erst mit dem Mauerfall?<\/i> Im ersten Moment wirkt der Film zu lange \u2013 doch die Spielzeit wird hier klar als ein Stilmittel eingesetzt. Es handelt sich um keine Willk\u00fcr, um keinen Schnittfehler \u2013 sondern um eine bewusste Einsetzung des eigenen Zeitgef\u00fchls. Der Zuschauer wird in die Position von Antonia Berger versetzt: <i>Wohin soll mein Weg gehen? Wann endet meine Tortour, die ich in diesem Moment durchleben muss? Wann endet mein Schweigen? <\/i>Der Zuschauer soll sich bewusst, die gleichen Fragen stellen, die sich der Charakter mutma\u00dflich selbst gestellt haben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Ebenso intelligent wird das Schweigen dem Zuschauer vor Augen gef\u00fchrt. Antonia Berger ist eine schweigsame Pers\u00f6nlichkeit \u2013 h\u00e4ufig werden Fragen in den Raum gestellt, auf die sie keine Antwort gibt und es \u00e4ndert nichts an den Handlungen des Fragenden. Das auferlegte Schweigen wird visualisiert. Durch die genutzten Spr\u00fcnge innerhalb der Zeitlinie, zum Mauerfall, wird noch etwas verdeutlicht: Das Schweigen hat f\u00fcr Antonia Berger nie aufgeh\u00f6rt. Sie hat zu lange gek\u00e4mpft, als dass sie den Kommunismus aufgeben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Innerhalb des Werks wird sich auf einen kleinen Cast beschr\u00e4nkt. Viele Darsteller sind im Hintergrund zu sehen, doch wiederkehrend sind nur die Personen um Antonia herum. Der Arzt Konrad (gespielt von: Robert Stadlober) nimmt die zweite Hauptrolle in dem Film ein. Durch diesen sehr \u00fcberschaubaren immer wiederkehrenden und namentlich erw\u00e4hnten Cast f\u00e4llt es dem Zuschauer leichter, die verschiedenen Zusammenh\u00e4nge und Verkn\u00fcpfungen zu verstehen. Trotz dieses kleinen Cast ist es in den ersten Minuten schwierig der Handlung zu folgen \u2013 die Momente, in denen keine Namen benutzt werden. In denen verschwimmen die Gesichter \u2013 das Leid soll in diesen anf\u00e4nglichen Minuten nicht auf Antonia Berger beschr\u00e4nkt werden \u2013 sondern es wird verdeutlicht, dass das folgende Schicksal, welches verfolgt wird, nur eines von vielen ist. Ein Beispiel, von vielen, die \u00fcber Jahre geschwiegen oder nie aus den Lagern wieder heraus kamen. Es ist eine intelligente Erz\u00e4hlweise, die unterschwellig ihre Beachtung findet.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Dieser Film ist keiner, der in den ersten Minuten nach dem Schauen mit positiven Worten \u00fcberh\u00e4ufen wird. Doch je l\u00e4nger die Bilder, die Art und Weise auf einen wirkt, je l\u00e4nger sich \u00fcber die Handlung und ihre Erz\u00e4hlstrategien ausgetauscht wird, desto mehr wird man diesen Film m\u00f6gen. Auch, wenn er eine eigene, grobe Art hat, seine Geschichte und die damit verbundenen Leiden zu erz\u00e4hlen, seine gef\u00fchlt \u00fcbertriebene L\u00e4nge und seine Szenen, die sich wie L\u00fcckenf\u00fcller angef\u00fchlt haben, werden mit ihrer eigenen Wichtigkeit versehen. Am Ende ist es das, was es sein m\u00f6chte. Ein Film, der auf Berichten von Zeitzeugen beruht \u2013 eine Geschichte, die nur das Leben schreiben kann und jede Emotion \u2013 ob Hass, Wut oder Trauer \u2013 kann mit ihr Verbunden werden.<\/p>\n<p>Titel: Und der Zukunft zugewandt | Regie: Bernd B\u00f6hlich | Laufzeit: 108 Minuten | Land: Deutschland | Jahr: 2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\">\nMarina Wahl \u201eUnd der Zukunft zugewandt\u201c ist ein Werk, welches auf Gespr\u00e4chen und Berichten von Zeitzeugen beruht. 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