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Filmkritiken zum 30. Internationalen Filmfest Emden-Norderney

KEINHEIMATFILM

Keinheimatfilm ist kein Heimatfilm und setzt sich dennoch mit dem Verlassen einer alten und dem Hoffen auf eine neue Heimat auseinander. 

Der Dokumentarfilm begleitet sieben Monate lang geflüchtete Menschen, die 2015 im Münsterland in einer Notunterkunft unterkommen. Er lässt die Menschen zu Wort kommen und gibt ihnen eine Platform ihre Geschichten zu erzählen. In spontanen und zum Teil sehr emotionalen Aufnahmen erzählen und philosophieren die Erwachsenen und Kinder über ihre Heimat und Familie, über Krieg und ihre Flucht, über Gerechtigkeit und Schicksal und über Hoffnung. 

Die Regisseurin Susanna Wüsteneck ist beinahe überall dabei und nimmt auch den Zuschauer und die Zuschauerin mit. Beim Deutschunterricht, Stricken und Musizieren mit Freiwilligen Helfern, beim jesidischen Neujahrsfest, aber auch beim „ganz normalen“ Sexy-Selfie-machen oder Puppen-spielen ist sie dabei und Spannt so die Brücke Ausnahmesituation und Normalität und baut ganz subtil Berührungsängste ab. Der Dokumentarfilm erzählt aber nicht nur Geschichten über Flucht und Hoffnung, sondern bietet auch Einblicke in das Geschehen einer auf die schnelle aus dem Boden gestampften Notunterkunft, den bürokratischen und oftmals nicht nachvollziehbaren Wahnsinn der Flüchtlingspolitik und die Einfühlsamkeit und emotionale Mitgenommenheit der dort arbeitenden Personen.

Susanna Wüsteneck bleibt zwar visuell hinter der Kamera, ihre Anwesenheit ist aber dennoch immer präsent. Das wird nicht nur dadurch deutlich, dass sie angesprochen wird, auf Rückfragen antwortet, mit ihr gelacht wird, oder den Verwandten per Video-Anruf vorgestellt wird. Auch die Kameraaufnahmen wirken manchmal eher wie aus privaten Familienaufnahmen. Es wackelt und ruckelt wenn Wüsteneck sich bewegt und lässt sie als Kamerafrau nicht einfach verschwinden und vergessen. Dies alles unterstreicht eine Art Vertrauensbasis, eine persönliche Beziehung, die zwischen der Regisseurin und den Geflüchteten entstanden ist und sich auch auf den Zuschauer und die Zuschauerin überträgt.  Es macht den Dokumentarfilm zu einem Besonderen.

Keinheimatfilm. Deutschland 2018. Dokumentation. Regie: Susanna Wüsteneck. 77 Min.

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