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Filmkritiken zum 30. Internationalen Filmfest Emden-Norderney

Und der Zukunft zugewandt (2019)

Zukunft und Vergangenheit, Lügen und Wahrheit, Sprechen und Schweigen: „Und der Zukunft zugewandt“ (2019) erzählt die Geschichte von Antonia, die gefangen zwischen Trauma und Hoffnung in den zwiespältigen Verhältnissen der DDR versucht, den Weg in ein normales Leben zurückzufinden.

Nach zehn langen Jahren in einem sowjetischen Arbeitslager Sibiriens wird Kommunistin Antonia Berger (Alexandra Maria Lara) zusammen mit ihrer Tochter Lydia (Carlotta von Falkenhayn) und zwei weiteren Frauen schließlich 1952 befreit und in die kleine Stadt Fürstenberg in der DDR gebracht. Die beiden bekommen eine Unterkunft, Arzt Konrad (Robert Stadlober) kümmert sich im Krankenhaus fürsorglich um das Wohlergehen der kranken Lydia, Antonia bekommt eine vielversprechende Arbeitsstelle zugewiesen und Mutter und Tochter werden von ihren Mitmenschen herzlichst empfangen. Die Zukunft scheint rosig, nur wird Antonias neugefundenes Glück von ihrer Vergangenheit überschattet. „Das Land sei noch nicht bereit, ihre Geschichte zu erfahren“, so Funktionär Leo (Stefan Kurt), der den Neuankömmlingen bei ihrer Ankunft durch einen Vertrag rechtlich verbietet, von ihrer Zeit in der Sowjetunion zu erzählen. Alles aus Angst, die noch junge Nation könnte davon in eine Krise geraten. Antonia sieht sich konfrontiert mit Menschen, die das grausame Regime Stalins verehren während sie selbst gezwungen ist, die Wahrheit zu verschweigen. Die Hoffnung auf ein besseres Leben in der kommunistischen DDR und vor allem Konrad, der es schafft sie von ihren finsteren Gedanken abzulenken, geben ihr unterdessen Zuversicht. Es stellt sich nur die Frage, inwiefern das Regime mit Antonias Geschichte umgehen wird und, ob sie ihr Schweigen letztendlich doch zu brechen wagt.

Sowohl der deutsche, als auch der englischsprachige Titel des Films schaffen es beide, die zwei konträren Seiten des Dargestellten widerzuspiegeln: „Und der Zukunft zugewandt“ beschreibt den Optimismus Antonias, in der DDR ihr Glück zu finden, als auch den ihrer Mitmenschen, welche nach den verheerenden Ereignissen des Zweiten Weltkrieges all ihr Vertrauen in den Kommunismus setzen und auf eine glänzende Zukunft hoffen. „Sealed Lips“ im Englischen hingegen verdeutlicht die dunklen Aspekte der Nachkriegszeit in Ostdeutschland: Während die Menschen der DDR ihre „Genossen“ aus dem Osten feiern, kennen nur wenige das wahre Gesicht der Sowjetunion, einem Land, in welchem Unschuldige wegen vermeintlicher Spionage verhaftet und in Arbeitslager gebracht werden. Dies ist auch das Schicksal Antonias. Zwar ist sie „der Zukunft zugewandt“,  nur das Verschweigen der Vergangenheit liegt wie ein dunkler Schleier auf ihr.

Alexandra Maria Laras Figur verkörpert gerade diesen Aspekt auf offenkundige Art und Weise. Den gesamten Film hindurch sieht man Antonia den nagenden Schmerz an, welchen ihr das Redeverbot bereitet. Aus Angst, zu viel aus ihrem vorherigen Leben preiszugeben und verhaftet zu werden, spricht sie kaum und zieht sich vor den Menschen aus ihrem Leben zurück. Quälende Gesichtsausdrücke unterstreichen dabei ihre Frustration mit dem Unrecht, das sie von ihren eigenen „Kameraden“ in der Vergangenheit erfahren hat und nun zum wiederholten Male, nur diesmal auf andere Weise, auch in der DDR erlebt. Die anderen Darsteller können ebenfalls mit ihrer Darbietung überzeugen. Von Arzt Konrad, der beim Tode Stalins vor Trauer einige Tränen verdrückt, zu Funktionär Leo Silberstein (Stefan Kurt), dessen Worte zu Antonia, „Wahrheit ist das, was uns nützt“, die verdrehte Wahrnehmung der Republik reflektieren. Besonders einprägsam ist zudem eine Szene, in welcher Antonia auf einen ehemaligen KZ-Insassen trifft. Dieser kann (oder will) Antonia ihre Geschichte nicht glauben und meint, richtige Arbeitslager hätte es nur zur NS-Zeit gegeben. Dies zeigt nochmals die völlige Unwissenheit oder auch Realitätsverleugnung der DDR-Bürger vor den Taten der Sowjetunion.

„Und der Zukunft zugewandt“ zeigt seinen Zuschauern und Zuschauerinnen Bilder aus wahren Begebenheiten, die sowohl Hoffnung widerspiegeln, aber auch die harte Realität eines zur damaligen Zeit weit verschwiegenen Themas aufzeigen. Regisseur und Drehbuchautor Bernd Böhlichs Film wirkt zwischenzeitlich recht schleppend und auch schwermütig, überzeugt allerdings mit ausgezeichneten Darstellern und einer brisanten Thematik.

Und der Zukunft zugewandt. Regie: Bernd Böhlich. Deutschland 2019: Mafilm – Martens Film- und Fernsehproduktions GmbH. Drama/Historie. 108 Minuten.

 

 

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