Liyana (2017)

Liyana (2017) ist eine interessante Mischung aus Animation und Dokumentation. Junge Waisenkinder aus dem afrikanischen Swasiland erfinden dabei zusammen mit Autorin und Aktivistin Gcina Mhlope die fiktive Geschichte eines mutigen Mädchens und verarbeiten darin all ihre Erlebnisse, Hoffnungen und Träume.

In einem abgeschieden gelegenen Waisenhaus in Swasiland leben einige afrikanische Jungen und Mädchen, die in ihrem Leben schon mit zahlreichen Grausamkeiten konfrontiert wurden. Die Kinder sind sowohl mit Tod und Krankheit, aber auch häuslicher Gewalt und Hungersnot vertraut und können im Heim nun endlich eine den Umständen entsprechend normale Kindheit führen. Dort sollen sie nun zusammenarbeiten und sich gemeinsam eine Geschichte ausdenken, die auf ihren Erfahrungen und ihrer Fantasie beruht und ihnen dabei helfen soll, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Auf diesem Wege entsteht Liyana, ein etwa 10-jähriges Mädchen, das zusammen mit seinen Eltern, seiner Großmutter und seinen beiden Zwillingsbrüdern, in einer kleinen Lehmhütte in Afrika wohnt. Liyanas Leben ist schon früh durch Leid geprägt: Ihr Vater ist Alkoholiker und gewalttätig, schlägt seine Frau und Kinder und steckt sich schon bald mit HIV an, was auch schließlich zu seinem Tod führt. Auch Liyanas Mutter erkrankt daran und lässt Liyana und ihre Brüder als Vollwaisen alleine mit der gebrechlichen Großmutter zurück. Eines Tages tauchen schließlich einige Räuber auf, misshandeln und fesseln das Mädchen und verschleppen die beiden Jungen. Auf Rat der Großmutter begibt sich Liyana darauf zusammen mit einem freundlichen Bullen auf eine gefährliche Reise vorbei an Steppen, Wüsten, Bergen und Stränden und bestritt allerlei Gefahren, um ihre Brüder nach Hause zurückzuholen und aus den Fängen der Räuber zu befreien.

Der Film liefert seinen Zuschauern und Zuschauerinnen Einblicke in das Leben der afrikanischen Waisenkinder und schafft es auf spezielle Art und Weise diesen Kontrast zwischen der Unschuld der Kinder und den grausamen Erlebnissen zu schaffen, mit welchen diese bereits in ihrem jungen Leben konfrontiert wurden. So spielen sie in der einen Szene mit selbstgebastelten Tieren aus Holz, machen Späße beim Turnen im Garten und streiten sich um die größte Portion beim Mittagessen. In der nächsten hingegen begleitet die Kamera sie bei einem Arztbesuch, wo einige der Kinder Medikamente gegen AIDS erhalten und ein kleiner Junge völlig angsterfüllt einen Test machen muss, der bestimmt, ob er an der Krankheit leidet oder nicht. Auch an Liyanas Erlebnissen, die in Form von animierten Bildern gezeigt werden, ist diese starke Ambivalenz zu spüren. Das Leben des Mädchens wird schon früh durch Schicksalsschläge überschattet und auch der Überfall durch die Räuber hinterlässt ein mulmiges Gefühl. Denn der Zuschauer erfährt, dass auch die Kinder im Waisenhaus einige Monate zuvor eine solche Situation durchleben mussten, was sie nun in Liyanas Geschichte verarbeiten. Man vergisst schnell, dass diese grausame Handlung von Kindern erzählt wird. Nur manche Szenen, die einem hier und da ein Lächeln entlocken, erinnern an die Unschuld und das junge Alter der Erzähler. Hier lassen die Kinder ihrer Fantasie freien Lauf und schicken ihre Figur beispielsweise über einen Fluss voller Krokodile, die dann allesamt in Reih und Glied von einem Baumstamm hinunterhängen oder aber lassen sie vergnügt am Strand spielen.

Die Animationen sind dabei sehr bunt und fantasievoll gezeichnet. Malerische Szenen zeigen die vielfältige Landschaft Afrikas mit traumhafte Sonnenuntergängen, trockenen Wüsten, steilen Berggipfeln, tropischen Wäldern und Sandstränden. Auch die Figuren sind wunderschön animiert. Vor allem Liyana mit ihren außergewöhnlichen Haaren hat einen großen Wiedererkennungswert und obwohl sie in der Animation keine Stimme hat, wächst sie einem sofort ans Herz. Sehr viele Emotionen werden nämlich durch die gezeigten Bilder und die Erzählung der Kinder erzeugt. Besonders berührt vor allem die Wüstenszene. In dieser überlegt Liyana vor lauter Hunger und Verzweiflung sogar, ihren treuen Begleiter, den Bullen, zu essen, bevor dieser sie vor einer lauernden Hyäne rettet und sie sich schließlich um entscheidet. In einer Welt, in der wir wahren Hunger im Grunde nicht mehr kennen, lässt einen eine solche Darstellung nachdenklich werden.

Gegen Ende des Filmes wird die „Message“ der Kinder klar: Sie sind die Schreiber ihrer eigenen Geschichte und wollen, so wie Liyana, an ihren Zielen festhalten und das Beste aus ihrem Leben machen. Eine wunderschöne Botschaft, welche die Stärke und Zuversicht der Waisenkinder zeigt und es auch vermag, die Zuschauerinnen und Zuschauer zu inspirieren.

Liyana. Regie: Aaron Kopp, Amanda Kopp. USA 2017: Intaba Creative. Dokumentarfilm/Animation. 77 Minuten.

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