Im Schatten der Angst: Eine extraordinäre Darstellung des Beziehungsgeflechts zwischen Protagonist und Antagonist

Der Film Im Schatten der Angst (2019) von Till Endemann zeigt die forensische Psychiaterin Karla Eckhardt, welche als Gutachterin in Strafprozessen arbeitet, dabei, wie sie sich dem Fall des angeklagten Architekten Carsten Spanger annimmt. Sie soll beurteilen ob dieser als schuldfähig einzustufen ist. Carsten Spanger wurde festgenommen, weil entdeckt wurde, dass er eine Frau bei sich festhielt. In Karlas Gesprächen mit dem Angeklagten entwickelt sie die Theorie Carsten könne eine Serienmörder sein. Diese Theorie zu bestätigen macht sie sich zum Ziel.

Während die Psychiaterin tagsüber an dem Fall arbeitet, muss sie sich in der Nacht den Ängsten stellen, die in ihrer Kindheit begründet liegen. Im Verlauf des Films werden diese Ängste mit dem Fall Carsten Spangers verflochten, sodass die Spannungskurve sich bis zum Ende des Films steigert, während sich die zwei Erzählstränge miteinander verbinden. Damit einher gehen allerdings auch fehlende Ruhepausen für den Zuschauer, der in jeder Minute des Films den Spannungsbogen mitverfolgt. Der als schusselig dargestellte Praktikant Karlas, der vermutlich als Stimmungsaufheller für das Publikum eingebaut wurde, wird dieser Aufgabe nicht gerecht.

Vor allem mit Charakteren, die verschiedene Graustufen der Menschlichkeit und Moralität darstellen, beeindruckt der Film. Insbesondere Julia Koschitz‘ Karla ist hervorzuheben, deren Rolle als Psychiaterin in der Methodik an die von Benedict Cumberbatchs Sherlock Holmes erinnert, wenn Karla mit dem Angeklagten redet und dabei im Besonderen auf die Verhaltensweisen Carstens achtet. Bereits während der Einführung des Charakters wird sie als eine Person beschrieben, die auf Dinge achtet, welche anderen nicht auffallen. Filmisch dargestellt wird diese Eigenschaft Karlas, indem auffallende Verhaltensmuster des Angeklagten im close-up aus der Perspektive der Psychiaterin gefilmt werden. Obwohl sie insgesamt als eine „Gute“ Person dargestellt wird, versucht sie doch mit allen – auch fragwürdigen – Mitteln ihre Theorie zu bestätigen. Carsten, dem Karla eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert, wird als Gegenspieler nicht ausschließlich dämonisiert, sondern von der Psychiaterin als Mensch verstanden, der Hilfe benötigt und geheilt werden könne.

Damit schafft der Film es Protagonisten und Antagonisten menschlich darzustellen und die tragischen Momente, welche die Charaktere erleben oder erlebt haben sinnvoll nutzen, um aufzuzeigen, wie Menschen zu dem werden was sie sind.

Von Marc Mehling

Im Schatten der Angst | DE | 2019 | Drama | Till Endemann | 90 min. | Julia Koschitz, Justus von Dohnányi, Aaron Friesz, Michou Friesz, Marie-Christine Friedrich | FSK unbekannt

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