Liyana

Von: Felina Semmler

Der Film „Liyana“ handelt von fünf Kindern aus Afrika, die zusammen mit einer Kinderbuchautorin die Geschichte über das Mädchen Liyana erzählen. Gemeinsam entwickeln sie eine Geschichte, die von den Widrigkeiten und dunkeln Zeiten im Leben der Kinder geprägt ist. Liyana wird dabei zur Heldin, die in der Fiktion der Geschichte stellvertretend für die fünf erzählenden Kinder ihr angsteinflößendes und teils grausames Schicksal zum Positiven kehrt.

Der Film findet an zwei Schauplätzen statt. Einerseits werden die fünf Kinder, die zusammen mit der Kinderbuchautorin die Geschichte formulieren, sowie Ausschnitte aus ihrem Leben gezeigt. Andererseits wird die formulierte Geschichte in Form von animierten Bildern dargestellt. 

Die Kinder bauen, unter Anweisungen der Kinderbuchautorin, die Geschichte auf. Liyana lebt mit ihrer Mutter, ihrem Vater, ihrer Großmutter (Gogo) und ihren zwei kleinen Zwillingsbrüdern in Swasiland. Ihr Vater infiziert sich beim Ehebruch mit HIV und steckt ihre Mutter an. Der Vater stirbt daraufhin an Aids, die Mutter folgt kurze Zeit später. Liyana ist von dem Todeszeitpunkt ihrer Mutter, gemeinsam mit ihrer Großmutter Gogo, verantwortlich für ihre Brüder und das Überleben der Familie. Die fünf erzählenden Kinder teilen ähnliche Schicksale und sind darüber hinaus teilweise selbst mit dem HIV Virus infiziert. Liyanas Abenteuer startet mit dem Einbruch dreier Männer in ihr Haus. Bei dem Versuch ihre Brüder zu beschützen wird Liyana misshandelt und missbraucht. Die Männer entführen ihre kleinen Brüder. Liyana bleibt gefesselt mit ihrer Großmutter zurück. Sie hat sehr stark mit der Angst um ihre Brüder, aber auch sich selbst zu kämpfen und fürchtet sich davor zu versagen. Dennoch macht sie sich auf den Weg, um ihre Brüder zu retten. Diesbezüglich ist wichtig zu wissen, dass das Heim, in dem die fünf Kinder leben, einige Wochen vor dem Dreh des Filmes überfallen wurde. Sie verarbeiten demnach ebenfalls in diesem Teil der Geschichte ihre eigenen Erfahrungen. 

Auf ihrer Reise stellen die fünf Kinder Liyana zwei Glücksbringer und einen Bullen als Gefährte zur Seite. Diese sollen ihr aus manchen ausweglosen Situationen helfen, die ihr auf der Reise begegnen. Ein zentraler Punkt, der auf ihrer Reise von den Kindern beschrieben wird ist der Hunger. Der Hunger nimmt jeden Gedanken Liyanas ein und treibt sie soweit, dass sie darüber nachdenkt ein Stück ihres Freundes, dem Bullen essen zu wollen. Es scheinen demnach auch hier Erfahrungen der fünf Kinder zu sein, die innerhalb der Geschichte verarbeitet werden. 

Zum Ende der beschwerlichen Reise, auf der Liyana sich immer wieder daran erinnern muss, warum sie weiter muss, trifft Liyana wieder auf die drei Männer. Sie findet ihre Brüder gemeinsam mit anderen Kindern eingesperrt in einer Höhle. Liyanas Versuch ihre Brüder und die anderen 

Kinder zu befreien ist nicht von Erfolg gekrönt. Sie wird gefangen genommen und ringt erneut mit sich und ihren Ängsten. 

An dieser Stelle verdeutlichen die fünf Kinder die Problematik einer negativ geprägten Kindheit/ eines Lebens und formulieren den Gedanken, dass nicht alle Geschichten glücklich enden, sie jedoch ihre eigene Geschichte schreiben und selber für den Verlauf dieser verantwortlich sind. 

Gerade zum Ende des Filmes wird deutlich in welchem Ausmaß die fünf Kinder ihre eigene Geschichte in die Fiktion transferiert haben. Sie selbst sind elternlos, leben in einem Heim, in dem viele Kinder eine Familie bilden. Familie, das wird in dem Film deutlich, ist etwas, das für die Kinder und auch für Liyana sehr zentral ist. Während Liyana das Ziel verfolgt die Überbleibsel ihrer Familie zusammen zuhalten, besteht die familiäre Intention der fünf Kinder vermutlich eher in einem Zugehörigkeitsgefühl. 

Der Transfer der Erzählungen der Kinder in die Animation übermittelt, in dieser Umsetzung, ein unglaubliches Gefühl. Besonders durch die Nutzung der artikulierten Geräusche der Kinder zur Untermalung der Animation, gehen die beiden Darstellungsformen ineinander über und verschmelzen zu einem Bild. Hierbei stehen die beiden Inhalte des Filmes in einem starken Kontrast zueinander. Auf der einen Seite der dokumentarische Filmstil und auf der Anderen die animierten Bilder mit Popup-Charakter. Aber nicht nur akustische, sondern auch bildliche Elemente sind zwischen den beiden Darstellungsformen gewandert. Aufnahmen von Morgentau bedeckten Ästen finden sich ebenfalls in der animierten Version wieder. Die musikalische Unterlegung afrikanisch klingender Musik hat die bildliche Darstellung abrundend. Durch ihre ergänzende Unterstützung ist sie weniger aufgefallen, und hat mehr die emotionale Wirkung des Filmes transportiert. 

Die Natürlichkeit in der die fünf erzählenden Kinder, aber auch die Erwachsenen bildlich eingefangen wurden, hatte weniger etwas mit schauspielerischem Handwerk, als vielmehr mit Authentizität der Personen zu tun. Die Echtheit der Personen hat dazu geführt, dass ich mich in das Geschehen und die Charaktere, sowohl animiert als auch real, hineinversetzen konnte. Durch die in Bann nehmende Wirkung des Films habe ich die unterschiedlichen Stimmungswechsel mit gelebt und habe mich sehr mit den Charakteren identifiziert können. 

Aufgrund der Komplexität des Films lässt sich dieser nicht gänzlich in Worte fassen. Er hat viele Themen problematisiert und durch die Kinder verbildlicht. Er enthält viele eindrucksvolle Momente in denen man den Atem anhält, die Augen schließt und/oder einfach nur mitfühlt. Das Zusammenspiel aus dem Inhalt und den Bild- und Tonelementen ist etwas Einzigartiges. Obwohl der Film inhaltlich Grausames behandelt, wird dies in etwas unglaublich Positives und Inspirierendes gekehrt.

Liyana | Swasiland/Katar/USA | 2017 | Dokumentation/Animation | Aaron Kopp/Amanda Kopp | 77 min. | Gcina Mhlophe | FSK unbekannt

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