{"id":7990,"date":"2024-11-04T17:03:23","date_gmt":"2024-11-04T16:03:23","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/?p=7990"},"modified":"2024-11-04T17:03:23","modified_gmt":"2024-11-04T16:03:23","slug":"die-eurokrise-und-griechenland-teil-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/2024\/11\/04\/die-eurokrise-und-griechenland-teil-ii\/","title":{"rendered":"Die Eurokrise und Griechenland &#8211; Teil II"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/?p=7985&amp;preview=true\">Hier geht es zum ersten Teil des Artikels<\/a>, der sich mit den Hintergr\u00fcnden der Eurokrise besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-weight: 400\">Um zu verstehen was der soziale \u201eKahlschlag\u201c in Griechenland angerichtet hat, ist es einleitend unbedingt notwendig, sich Zahlen und Statistiken zu vergegenw\u00e4rtigen (die Daten beziehen sich auf den Zeitraum Januar 2010 &#8211; Januar 2014):<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><strong>&#8211; Der private Konsum ist\u00a0um 23,45% gesunken. <\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><strong>&#8211; Das durchschnittliche Einkommen sank von 1744\u20ac auf 1511\u20ac. <\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><strong>&#8211; Die Arbeitslosigkeit ist von 11,9 % auf 27,4 % gestiegen. Insbesondere ein drastischer Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit von 30,3 % auf 56,2 % ist extrem problematisch. <\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><strong>&#8211; Im Zeitraum vom nahm die Zahl der von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedrohten Personen um 27,7% zu (Eurostat, 2023).<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-weight: 400\">Wenn man weitere Daten analysiert, alarmieren vor allem die Auswirkungen, die sich aus den Einsparungen im Gesundheitssektor ergeben: <\/span><span style=\"font-weight: 400\">W\u00e4hrend Griechenland 2010 noch 9,6 % des BIP f\u00fcr Gesundheitsausgaben aufbrachte, waren es 2014 nur noch 7,89 %. Das entspricht einer Ausgabensenkung von 17,8 %! (Eurostat, 2023).<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-weight: 400\">Die unmittelbare Folge aus der zunehmenden Verarmung der Bev\u00f6lkerung, sowie dem R\u00fcckbau des Gesundheitswesens wird von Kentikelenis et al. (2011: 1457)<sup style=\"font-size: 9.666666px\">1<\/sup><\/span><span style=\"font-weight: 400\">\u00a0unter anderem so zusammengefasst: <\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-weight: 400\"><i>\u201cSuicides rose by 17% in 2009 from 2007 and unofficial 2010 data quoted in parliament mention a 25% rise compared with 2009. The Minister of Health reported a 40% rise in the first half of 2011 compared with the same period in 2010. The national suicide helpline reported that 25% of callers faced financial difficulties in 2010 and reports in the media indicate that the inability to repay high levels of personal debt might be a key factor in the increase in suicides\u201d<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-weight: 400\">Damit diese Ergebnisse in einen Kontext gesetzt werden: Der direkte Zusammenhang zwischen Armut und schlechterer Gesundheit wurde schon von mehreren Studien belegt, um hier das Robert-Koch-Institut (Lampert et al., 2005)<sup style=\"font-size: 9.666666px\">2<\/sup><\/span><span style=\"font-weight: 400\"> zu zitieren: \u201cVor allem von Armut betroffene Bev\u00f6lkerungskreise sind verst\u00e4rkt durch Krankheiten und Beschwerden beeintr\u00e4chtigt, sch\u00e4tzen ihre eigene Gesundheit und gesundheitsbezogene Lebensqualit\u00e4t schlechter ein und unterliegen einem h\u00f6heren vorzeitigen Sterberisiko.\u201d <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Neben erh\u00f6hter Suizidalit\u00e4t in der Bev\u00f6lkerung war au\u00dferdem ein signifikanter Anstieg neuer HIV-Infektionen zu verzeichnen. Dieser r\u00fchrt vor allem von intraven\u00f6sem Drogenkonsum und der Zunahme von Prostitution (und damit einhergehendem ungesch\u00fctztem Geschlechtsverkehr). <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Es ist wichtig zu verstehen, dass die Zunahme dieser Ph\u00e4nomene direkt mit Verarmung im Zusammenhang stehen. Die Krise hatte in Griechenland nicht nur Folgen f\u00fcr die Wirtschaft, sondern vor allem f\u00fcr die Zivilbev\u00f6lkerung. Teilweise auch lebensbedrohliche.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><b>Reaktionen der Zivilgesellschaft<\/b><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-weight: 400\">Auch wenn sich viele Menschen machtlos f\u00fchlten, gab es doch klare Reaktionen auf den politischen Kurs der griechischen Regierung und der EU.\u00a0<\/span><span style=\"font-weight: 400\">Zahlreiche Gewerkschaften und Sozialverb\u00e4nde riefen dazu auf, sich zu wehren.\u00a0<\/span><span style=\"font-weight: 400\">Die Proteste manifestierten sich in verschiedenen Formen, darunter Massendemonstrationen, Streiks im \u00f6ffentlichen Sektor und Besetzungen von Pl\u00e4tzen wie dem Syntagma-Platz vor dem griechischen Parlament. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Teilweise kam fast das ganze Land zum Stillstand. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Die Demonstranten auf den Stra\u00dfen von Athen und anderen St\u00e4dten forderten ein Ende der Sparpolitik, mehr Unterst\u00fctzung f\u00fcr Arbeitslose und eine gerechtere Verteilung der Lasten der Krise. Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten und Altersgruppen, von Arbeiter*innen \u00fcber Student*innen bis hin zu Rentner*innen, die von der Krise betroffen waren, traten geschlossen auf und trugen somit die Protestwelle. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Teilweise kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei, jedoch beschr\u00e4nkte sich der Gro\u00dfteil auf friedlichen Protest. <\/span>Ich m\u00f6chte betonen, dass ich die Standhaftigkeit und Entschlossenheit der griechischen Zivilbev\u00f6lkerung, die sich bemerkenswerterweise und mit gro\u00dfer Entschlossenheit gegen die Folgen der Eurokrise zur Wehr setzt, \u00e4u\u00dferst bewundernswert finde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><b>Situation heute und das Zugungl\u00fcck von Tembi<\/b><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-weight: 400\">Seit Mitte 2022 steht Griechenland nicht mehr unter der EU-Finanzaufsicht und somit zunehmend wieder auf eigenen Beinen. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Wie tief die Spuren der Sparpolitik heute dennoch sind, zeigt sich an einem sehr traurigen Ereignis, welches sich am 28. Februar 2023 ereignete: <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Zwischen den Orten Evangelismos und Tembi stie\u00df ein Reisezug frontal mit einem entgegenkommenden G\u00fcterzug zusammen. Es ist der schwerste Eisenbahnunfall in der Geschichte Griechenlands. 57 Menschen starben, weitere 85 Menschen wurden verletzt, darunter 25 schwer. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Bei der Aufarbeitung im Nachhinein wurde die Ursache des Unfalls schnell auf menschliches Versagen zur\u00fcckgef\u00fchrt. Der diensthabende Fahrdienstleiter, der f\u00fcr den betroffenen Streckenabschnitt zust\u00e4ndig war, gab die Abfahrt des Reisezuges frei, ohne <\/span><span style=\"font-weight: 400\">die Weiche auf das Gleis der Regelfahrtrichtung umzustellen. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Auch die griechische Regierung einigte sich schnell auf diese Version des Unfallhergangs.\u00a0<\/span><span style=\"font-weight: 400\">Aber was hat das ganze jetzt mit Sparpolitik zu tun? <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Hierbei kommt die kaputtgesparte Infrastruktur ins Spiel, welche die Trag\u00f6die \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glicht hat. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Im Zuge der Privatisierungsma\u00dfnahmen wurden auch die griechischen Bahnen verkauft, was Jahre der Unterfinanzierung und Unterbesetzung zur Folge hatte. Des Weiteren wurden Vorkehrungen zur Verhinderung solcher Unf\u00e4lle, die heutzutage Standard sind, nicht umgesetzt. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Auf der betroffenen Strecke gaben die Stationsleiter an den Bahnh\u00f6fen ihre Anweisungen noch per Funk an die Lokf\u00fchrer weiter und es gab weder ein elektronisches Leit- oder \u00dcberwachungssystem, noch Ampeln, die bei Gefahr auf Rot schalten k\u00f6nnten. <\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_8002\" style=\"width: 256px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8002\" class=\"wp-image-8002 size-medium\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/e25bf4ca-be6c-4787-8e1c-82e826bd76c6-246x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"246\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-8002\" class=\"wp-caption-text\">Graffiti w\u00e4hrend eines Protestes, anl\u00e4sslich des Zugungl\u00fccks von Tembi<\/p><\/div>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-weight: 400\">Das Ungl\u00fcck im Tembi-Tal war leider absehbar. Bereits 2019 verh\u00e4ngte die EU-Kommission eine Geldstrafe von zwei Millionen Euro gegen Griechenland aufgrund unzureichender Sicherheitsstandards im Zugverkehr und im\u00a0 April 2022 warnte ein Experte in einem Brief vor m\u00f6glichen Zugungl\u00fccken. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Die bittere Erkenntnis ist, dass diese Menschen wahrscheinlich nicht gestorben w\u00e4ren, wenn ausreichend in die Modernisierung der Infrastruktur investiert worden w\u00e4re.\u00a0<\/span><span style=\"font-weight: 400\">Der Unfall h\u00e4tte verhindert werden k\u00f6nnen. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Es zeigt sich vor allem eines: Wenn Profite und Sparzwang vor Sicherheit stehen, sind Menschenleben in Gefahr. 57 Menschen, darunter viele junge Studierende, bezahlten diese Tatsache mit ihrem Leben.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Folgen der griechischen Schuldenkrise und der Sparpolitik sind auch heute, mehr als ein Jahrzehnt sp\u00e4ter, noch sp\u00fcrbar. Zwar konnte Griechenland 2022 die direkte EU-Finanzaufsicht verlassen und hat begonnen, seine Wirtschaft langsam zu stabilisieren, doch die Einschnitte in das soziale und gesundheitliche Netz, die w\u00e4hrend der Krise vorgenommen wurden, pr\u00e4gen weiterhin den Alltag vieler Menschen. In einer globalen Zeit, in der Krisen \u2013 ob wirtschaftlich, sozial oder klimatisch \u2013 ganze Gesellschaften ersch\u00fcttern k\u00f6nnen, ist das griechische Beispiel ein sehr eindringliches. Klar wird, wie wichtig es ist, Krisenpolitik nicht nur auf Zahlen und Finanzpl\u00e4ne zu reduzieren, sondern vor allem die Menschen und ihre Lebensrealit\u00e4t im Blick zu behalten. Die Zeit ist reif f\u00fcr Alternative Wirtschaftsformen, die das Wohl aller und nicht einiger weniger im Fokus haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014-<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-weight: 400\"><sup>1<\/sup>\u00a0 Kentikelenis, A. et al. (2011) \u2018Health effects of financial crisis: omens of a Greek tragedy\u2019, The Lancet, 378(9801), pp. 1457\u20131458. Available at: <\/span><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1016\/S0140-6736(11)61556-0\"><span style=\"font-weight: 400\">https:\/\/doi.org\/10.1016\/S0140-6736(11)61556-0<\/span><\/a><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\"><sup>2<\/sup>\u00a0 Lampert, T. et al. (2005) \u2018Armut, soziale Ungleichheit und Gesundheit\u2019<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-weight: 400\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hier geht es zum ersten Teil des Artikels, der sich mit den Hintergr\u00fcnden der Eurokrise besch\u00e4ftigt. &nbsp; Um zu verstehen was der soziale \u201eKahlschlag\u201c in Griechenland angerichtet hat, ist es einleitend unbedingt notwendig, sich Zahlen und Statistiken zu vergegenw\u00e4rtigen (die Daten beziehen sich auf den Zeitraum Januar 2010 &#8211; Januar 2014): &#8211; Der private Konsum [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":15240,"featured_media":7991,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_bbp_topic_count":0,"_bbp_reply_count":0,"_bbp_total_topic_count":0,"_bbp_total_reply_count":0,"_bbp_voice_count":0,"_bbp_anonymous_reply_count":0,"_bbp_topic_count_hidden":0,"_bbp_reply_count_hidden":0,"_bbp_forum_subforum_count":0,"footnotes":""},"categories":[207,547280,1013714],"tags":[1013719,1013717,1013716,1013720],"class_list":["post-7990","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-debatte-europa","category-eurokrise","tag-armut","tag-eurokrise","tag-griechenland","tag-protest"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7990","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/15240"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7990"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7990\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9882,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7990\/revisions\/9882"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7991"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7990"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7990"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7990"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}