{"id":7985,"date":"2024-03-30T01:31:49","date_gmt":"2024-03-30T00:31:49","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/?p=7985"},"modified":"2024-11-04T17:05:56","modified_gmt":"2024-11-04T16:05:56","slug":"die-eurokrise-und-griechenland-teil-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/2024\/03\/30\/die-eurokrise-und-griechenland-teil-i\/","title":{"rendered":"Die Eurokrise und Griechenland &#8211; Teil I"},"content":{"rendered":"<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-weight: 400\">Vor wenigen Monaten verstarb Wolfgang Sch\u00e4uble und die Nachrichten waren voll mit Nachrufen, Beileidsbekundungen und Portraits \u00fcber ihn. Nat\u00fcrlich ging die Information seines Todes nicht an mir vorbei, sodass ich ins Gr\u00fcbeln kam und mich versuchte zu erinnern, mit welcher Art von Politik oder politischen Ereignissen ich ihn denn eigentlich in Verbindung brachte.\u00a0<\/span><span style=\"font-weight: 400\">Als Kind verfolgte ich gerne die Nachrichten und abseits davon, dass er Finanzminister unter Merkel war, ist mir noch im Ged\u00e4chtnis geblieben, dass Sch\u00e4ubles Name immer dann regelm\u00e4\u00dfig in der Berichterstattung auftauchte, wenn es um die Eurokrise oder Griechenland ging. In dem Zusammenhang ist mir au\u00dferdem die Wut der griechischen Bev\u00f6lkerung auf vor allem deutsche Politiker, noch sehr pr\u00e4sent. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Wie ich es behalten habe, war der Grundtenor der Nachrichten immer der, dass die griechische Bev\u00f6lkerung drastisch sparen m\u00fcsste, um \u201ewieder auf Kurs\u201c zu kommen. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Da dies nun aber schon einige Jahre her ist und ich zu Beginn der Krise gerade einmal 7 Jahre alt war, konnte ich mir nicht mehr genau in Erinnerung rufen, was damals eigentlich genau passiert ist. Somit will ich mich im Folgenden den Fragen nach der Eurokrise, Griechenland im Mittelpunkt dieser Problematik und der Wut der griechischen Bev\u00f6lkerung widmen und probieren, das Geschehene und die Folgen genauer zu beleuchten.\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-weight: 400\">Um in das Thema einf\u00fchren zu k\u00f6nnen, muss man erstmal verstehen, was sich unter dem Begriff Eurokrise \u00fcberhaupt verstehen l\u00e4sst und wie sie entstanden ist. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Es kann gesagt werden, dass die Eurokrise eine der bedeutendsten Finanzkrisen des 21. Jahrhunderts ist, deren genauen Ursprung zu benennen sich allerdings als \u00e4u\u00dferst komplex erweist. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Meist wird beschrieben, dass die Krise durch eine Kombination aus schwachen Bankensystemen, unzureichender fiskalpolitischer Disziplin und strukturellen Problemen in verschiedenen Mitgliedstaaten der Eurozone ausgel\u00f6st wurde.\u00a0<\/span><span style=\"font-weight: 400\">Zentrales Problem w\u00e4re dabei die \u00fcberm\u00e4\u00dfige Verschuldung einiger EU-Mitgliedstaaten, insbesondere Griechenlands, die durch unzureichende Kontrolle der \u00f6ffentlichen Finanzen und unsolide Haushaltsf\u00fchrung verst\u00e4rkt wurde.\u00a0<\/span><span style=\"font-weight: 400\">Dazu muss gesagt werden, dass eine hohe Staatsverschuldung an sich nicht immer zur Krise f\u00fchrt, sondern vielmehr an der Reaktion der Finanzm\u00e4rkte auf die jeweilige \u00f6konomische Situation der betroffenen L\u00e4nder liegt. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Nicht zu vernachl\u00e4ssigen sind au\u00dferdem die Folgen der Weltwirtschaftskrise von 2008, die enorme Auswirkungen auf die Realwirtschaft aller L\u00e4nder hatte. Ebenso trugen die hohen Handelsungleichgewichte innerhalb <\/span><span style=\"font-weight: 400\">der Eurozone zur Versch\u00e4rfung der Krise bei.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-weight: 400\">Aber hat die EU nicht eigentlich klare Regeln f\u00fcr die Fiskal- und Schuldenpolitik der bestehenden und zuk\u00fcnftigen Mitgliedstaaten? <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Im Maastricht-Vertrag ist festgehalten, dass das Verh\u00e4ltnis zwischen dem geplanten oder tats\u00e4chlichen \u00f6ffentlichen Defizit und dem Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen nicht mehr als 3% betragen darf. Au\u00dferdem ist das Verh\u00e4ltnis zwischen dem \u00f6ffentlichen Schuldenstand und dem Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen auf 60% festgelegt. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Anw\u00e4rter auf eine Mitgliedschaft will die EU vor der Aufnahme somit gem\u00e4\u00df den festgelegten Regeln \u00fcberpr\u00fcfen, was sich in der Realit\u00e4t jedoch meist als deutlich weniger streng darstellt. So betraf es auch Griechenland.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-weight: 400\">Trotz des Bem\u00fchens um Stabilit\u00e4t und Wachstum im Rahmen des europ\u00e4ischen Integrationsprozesses litt das Land unter chronischen Haushaltsdefiziten, hoher Staatsverschuldung und ineffizienten Verwaltungsstrukturen. Griechenland k\u00e4mpfte<\/span><span style=\"font-weight: 400\"> mit wirtschaftlicher Instabilit\u00e4t und der Problematik, seine ausufernden \u00f6ffentlichen Finanzen unter Kontrolle zu behalten. In den Jahren vor der EWU-Aufnahme (Europ\u00e4ische W\u00e4hrungsunion) waren Reformbem\u00fchungen unzureichend, was zu einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage f\u00fchrte und das Vertrauen in die Stabilit\u00e4t des griechischen Finanzsystems untergrub.\u00a0<\/span><span style=\"font-weight: 400\">Obwohl den EU-Verantwortlichen diese Situation durchaus bekannt war, trat Griechenland 2001 der EWU bei.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-weight: 400\">Bis 2007 stiegen die Leistungsbilanzdefizite der Eurostaaten Griechenland, Irland, Portugal, Spanien, auch GIPS genannt, stark an. Die festen Wechselkurse in der Eurozone verhinderten eine Anpassung durch W\u00e4hrungsabwertungen, in dessen Folge die Auslandsverschuldung von Griechenland zwischen 2001 und 2007 auf 14,5 % des BIP explodierte. Dies war haupts\u00e4chlich auf die exzessive Kreditaufnahme von Unternehmen und privaten Haushalten zur\u00fcckzuf\u00fchren, wobei die Privatverschuldung sogar h\u00f6her war als die Staatsschulden. Die Finanzkrise von 2008 offenbarte die Unf\u00e4higkeit vieler Kreditnehmer, ihre Schulden zur\u00fcckzuzahlen, was zu Bankenpleiten und einem starken Vertrauensverlust f\u00fchrte. Griechenland war besonders stark betroffen, mit einem R\u00fcckgang des BIP um fast 3,5% im Jahr 2009 und einem Anstieg der Staatsverschuldung auf 145 % des BIP im Jahr 2010, nachdem das Land hohe Betr\u00e4ge f\u00fcr die Bankenrettung aufbringen musste<sup style=\"font-size: 9.666666px\">1<\/sup>. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Die finanziellen Probleme Griechenlands und die Angst vor einem Staatsbankrott f\u00fchrten letztendlich dazu, dass ausl\u00e4ndische Geldgeber Anfang 2010 ihre griechischen Staatsanleihen umgehend loswerden wollten. Zudem kam hinzu, dass f\u00fcr Anleihen des griechischen Staates enorm hohe Risikopr\u00e4mien f\u00e4llig wurden, womit sie noch unattraktiver f\u00fcr den Finanzmarkt wurden. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Der griechischen Regierung blieb nichts anderes \u00fcbrig, als die EU nach Hilfe zu fragen.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-weight: 400\">Die EU probierte, mit allen Mitteln die Krise in den Griff zu bekommen, weshalb im Mai 2010 ein tempor\u00e4rer Rettungsschirm verabschiedet wurde. Nach z\u00e4hen Verhandlungen stellten schlie\u00dflich der IWF (Internationaler W\u00e4hrungsfonds) und die anderen L\u00e4nder des Euro-Raums, Griechenland 110 Milliarden in Form eines Kredits zur Verf\u00fcgung. Im Gegenzug dazu musste sich die griechische Regierung zu umfassenden Konsolidierungsma\u00dfnahmen verpflichten. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Die von Griechenland aufgestellte Strategie umfasste unter anderem: <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Stellenstreichungen im \u00f6ffentlichen Dienst (150.000 Beamte bis 2015),\u00a0<\/span><span style=\"font-weight: 400\">Schlie\u00dfung bzw. Zusammenlegung \u00f6ffentlicher Einrichtungen unter Fachministerien und im Sozialversicherungssektor, K\u00fcrzung der Geh\u00e4lter von Angestellten im \u00f6ffentlichen Dienst, K\u00fcrzungen von Sozialleistungen und Renten, Einsparungen im Gesundheitswesen, Ma\u00dfnahmen zur Erh\u00f6hung der Steuereinnahmen, Privatisierung staatlichen Eigentums (Ver\u00e4u\u00dferungen von H\u00e4fen, Flugh\u00e4fen, Energieanbietern und Immobilien sollen bis Ende 2015, 50 Milliarden Euro einbringen), Liberalisierungen von Investitionen, Exporten und \u00f6ffentlichen Dienstleistungen<sup style=\"font-size: 9.666666px\">2<\/sup>.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-weight: 400\">\u00dcber die n\u00e4chsten Jahre wurden Griechenland weitere Kredite in Milliardenh\u00f6he zur Verf\u00fcgung gestellt, die allerdings strengen Vereinbarungen unterlagen. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Zur \u00dcberpr\u00fcfung der griechischen Sparma\u00dfnahmen wurde von Seite der Geldgeber die sogenannte \u201eTroika\u201c eingesetzt. Hierbei handelt es sich um einen Zusammenschluss der Europ\u00e4ischen Zentralbank, Europ\u00e4ischen Kommission und dem IWF. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Dieses Gremium reiste regelm\u00e4\u00dfig nach Athen und kontrollierte die Arbeit der griechischen Regierung. Erst nach der jeweiligen Einsch\u00e4tzung und Empfehlung der Troika wurden weitere Kredite erm\u00f6glicht.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><span style=\"font-weight: 400\">Was man unter dem Begriff der Eurokrise verstehen kann und warum gerade Griechenland im Fokus stand, betrachte ich mit dem oben stehenden Text als grob beantwortet. Nun bleibt noch die Frage nach der Wut und der Verzweiflung. Deutlich n\u00e4her kommt man dieser, bei der Betrachtung der Situation gro\u00dfer Teile der griechischen Bev\u00f6lkerung, die sehr unter dem harten Sparkurs der Troika litten. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">Welche sozialen Auswirkungen die Eurokrise und die damit einhergehende Austerit\u00e4tspolitik in Griechenland hinterlie\u00df, m\u00f6chte ich im zweiten Teil dieses Artikels behandeln. <\/span><span style=\"font-weight: 400\">So viel sei vorweggenommen, es ist erschreckend und alarmierend zugleich.<\/span><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/2024\/11\/04\/die-eurokrise-und-griechenland-teil-ii\/\">Hier geht es zum zweiten Teil<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014<\/p>\n<p><sup>1 <\/sup>\u00a0Neub\u00e4umer, R. (2011) \u2018Eurokrise: Keine Staatsschuldenkrise, sondern Folge der Finanzkrise\u2019, Wirtschaftsdienst, 91(12), pp. 827-833. Available at:<a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1007\/s10273-011-1308-5\"> https:\/\/doi.org\/10.1007\/s10273-011-1308-5<\/a><\/p>\n<p><sup>2<\/sup> \u00a0Hoffmann, R.T. and Krajewski, M. (2012) \u2018Staatsschuldenkrisen im Euro-Raum und die Austerit\u00e4tsprogramme von IWF und EU\u2019, Kritische Justiz, 45(1), pp. 2-17.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor wenigen Monaten verstarb Wolfgang Sch\u00e4uble und die Nachrichten waren voll mit Nachrufen, Beileidsbekundungen und Portraits \u00fcber ihn. 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