{"id":7926,"date":"2024-05-12T10:30:13","date_gmt":"2024-05-12T08:30:13","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/?p=7926"},"modified":"2024-05-12T10:30:13","modified_gmt":"2024-05-12T08:30:13","slug":"bodenstaendige-erinnerung-stolpersteine-in-bremen-und-ihre-botschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/2024\/05\/12\/bodenstaendige-erinnerung-stolpersteine-in-bremen-und-ihre-botschaft\/","title":{"rendered":"Bodenst\u00e4ndige Erinnerung &#8211; Stolpersteine in Bremen und ihre Botschaft"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor ein paar Wochen bin ich durch die \u00f6stliche Vorstadt Bremens spaziert und meine Aufmerksamkeit hat sich auf den Boden gerichtet. Ganze 5 Stolpersteine befinden sich vor einer Altbauwohnung in der Feldstra\u00dfe. Als ich zuhause angekommen bin, hat mich der Moment nicht losgelassen und ich habe im Internet nach den Namen gesucht. Alle f\u00fcnf Personen wurden nach Minsk deportiert und ermordet. Ich debattiere mit mir selbst, ob die Platzierung der Steine den Betroffenen vom Holocaust gerecht ist und m\u00f6chte mit euch meine Gedanken teilen. Aber vorab- eine kurze Erkl\u00e4rung, wie Stolpersteine \u00fcberhaupt entstanden sind:<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich hat der deutsche K\u00fcnstler Gunter Demnig die Stolpersteine in den 1990er ins Leben gerufen. Die Idee ist als Teil seines Kunstprojektes entstanden und soll an die j\u00fcdischen Opfer des Holocausts erinnern. Die ersten Stolpersteine wurden im Jahr 1992 in K\u00f6ln verlegt. Seitdem hat sich das Projekt \u00fcber ganz Deutschland und auch andere L\u00e4nder Europas ausgebreitet. Jeder Stolperstein tr\u00e4gt den Namen, das Geburtsdatum, das Datum der Deportation und oft auch das Todesdatum des Opfers.<\/p>\n<p>Die Bezeichnung \u201eStolpersteine\u201c kommt daher, dass die die Steine die Passanten zum \u201eStolpern\u201c bringen sollen &#8211; nicht k\u00f6rperlich, sondern im \u00fcbertragenen Sinne, indem sie zum Innehalten und zur Reflexion \u00fcber die Geschichte und das Schicksal der Opfer anregen.<\/p>\n<p>Doch tun wir das alle? Die Platzierung am Boden wirkt rein logisch betrachtet suboptimal. Menschen laufen hektisch durch die Stadt, Kinder rennen chaotisch umher und Dreck sammelt sich auf dem Boden. Eine merkw\u00fcrdige Wahl f\u00fcr eine Gedenkst\u00e4tte.\u00a0 Klar, sind die Steine sichtbar, aber auch nur mit viel Aufmerksamkeit. Der Fakt, dass auf die Stolpersteine getreten wird, galt f\u00fcr mich schon immer als unmoralisch. In der modernen Welt mit Gro\u00dfst\u00e4dten und riesigen Einkaufsmeilen, scheint ein Stolperstein fehl am Platz zu sein. Es verdient mehr Wertsch\u00e4tzung und Sichtbarkeit. Als ich durch Bremen und andere Gro\u00dfst\u00e4dte gelaufen bin, wirkten Stolpersteine auf mich schon fast verloren. M\u00fcssten die Gedenkst\u00e4tten nicht lieber aufrecht stehen, damit die vorbeilaufenden Menschen sich auf Augenh\u00f6he damit auseinandersetzen k\u00f6nnen? Zumindest sei diese Option doch ehrw\u00fcrdiger und respektvoller. Ein Boden scheint nicht der ad\u00e4quate Ort f\u00fcr Denkm\u00e4ler zu sein. Warum hat man also trotzdem beschlossen so viele Stolpersteine auf den Boden zu platzieren?<\/p>\n<p>Nach meiner Meinung muss der Boden hier wie eine Metapher verstanden werden- ein Boden, der von hastigen Schritten gepr\u00e4gt ist, gebaut und zerst\u00f6rt wurde und unser Grund ist, warum wir laufen k\u00f6nnen, tr\u00e4gt Erinnerungen und Geschichte mit sich. Die Wahl des Bodens als Tr\u00e4ger klingt paradox, aber gerade in seiner Allgegenw\u00e4rtigkeit schafft er eine N\u00e4he, die sich kaum leugnen l\u00e4sst. Es fordert die Leute f\u00f6rmlich auf, auf den Boden zu schauen und f\u00fcr einen kurzen Moment Ruhe zu bewahren, mitten im st\u00e4dtischen Trubel. \u00a0Deswegen scheint der Boden doch keine schlechte Wahl f\u00fcr Stolpersteine zu sein. Gerade in dieser Bodenst\u00e4ndigkeit liegt die St\u00e4rke, weil die Steine durch ihre Platzierung im Boden eine Verbindung zur Realit\u00e4t und zur unmittelbaren Umgebung herstellen. Sie sind buchst\u00e4blich im Alltag von Menschen verankert und erinnern daran, dass die Opfer des Holocausts einst ganz normale B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger waren, die in den gleichen Stra\u00dfen und Vierteln lebten wie wir heute. Wenn wir uns b\u00fccken, um ihre Inschriften zu lesen, erkennen wir, dass diese Erinnerungen Teil unseres t\u00e4glichen Lebens sind, eingebettet in den Stoff unserer Stadt. Es soll uns erinnern, wie schnell das Gew\u00f6hnliche ins Unvorstellbare \u00fcbergehen kann. Um die Sichtbarkeit zu erh\u00f6hen, k\u00f6nnte man als kreative Erg\u00e4nzung die Steine farbig umranden oder beleuchten, damit ein Stolperstein nicht nur ein fl\u00fcchtiger Gedanke bleibt.<\/p>\n<p>Ich hoffe mein Gedankengang zu dem Thema hat dazu beigetragen, dass ihr nicht nur \u00fcber Stolpersteine stolpert, sondern, dass ihr euch stets daran erinnert, aufrecht zu gehen- mit Respekt vor der Vergangenheit und Verantwortung f\u00fcr die Zukunft.<\/p>\n<p>Lasst mich gerne eure Meinung zu dem Thema h\u00f6ren und bis zum n\u00e4chsten Mal!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Vor ein paar Wochen bin ich durch die \u00f6stliche Vorstadt Bremens spaziert und meine Aufmerksamkeit hat sich auf den Boden gerichtet. Ganze 5 Stolpersteine befinden sich vor einer Altbauwohnung in der Feldstra\u00dfe. Als ich zuhause angekommen bin, hat mich der Moment nicht losgelassen und ich habe im Internet nach den Namen gesucht. Alle f\u00fcnf [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":15244,"featured_media":7927,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_bbp_topic_count":0,"_bbp_reply_count":0,"_bbp_total_topic_count":0,"_bbp_total_reply_count":0,"_bbp_voice_count":0,"_bbp_anonymous_reply_count":0,"_bbp_topic_count_hidden":0,"_bbp_reply_count_hidden":0,"_bbp_forum_subforum_count":0,"footnotes":""},"categories":[197027,1013673,1013674,1013616],"tags":[704049,21087,364639],"class_list":["post-7926","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-bremen-und-umzu","category-geschichte","category-kultur","category-shoah","tag-erinnerung","tag-geschichte","tag-zweiter-weltkrieg"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7926","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/15244"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7926"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7926\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8485,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7926\/revisions\/8485"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7927"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7926"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7926"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7926"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}