{"id":7822,"date":"2024-03-09T13:53:11","date_gmt":"2024-03-09T12:53:11","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/?p=7822"},"modified":"2024-03-09T13:53:15","modified_gmt":"2024-03-09T12:53:15","slug":"its-a-part-of-our-history-we-cant-run-away-anywhere-from-it-inga-hilbig-ueber-sowjetische-denkmaeler-in-litauen-ihre-briefmarkensammlung-und-warum-das-n","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/2024\/03\/09\/its-a-part-of-our-history-we-cant-run-away-anywhere-from-it-inga-hilbig-ueber-sowjetische-denkmaeler-in-litauen-ihre-briefmarkensammlung-und-warum-das-n\/","title":{"rendered":"\u201eIt\u2019s a part of our history, we can\u2019t run away anywhere from it\u201d \u2013 Inga Hilbig \u00fcber sowjetische Denkm\u00e4ler in Litauen, ihre Briefmarkensammlung und warum das neue De-Sowjetisierungsgesetz heikel ist"},"content":{"rendered":"<div class=\"et_d4_element et_pb_section et_pb_section_0  et_pb_css_mix_blend_mode et_section_regular et_block_section\" >\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_0  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_4_4 et_pb_column et_pb_column_0  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_0  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>\u201eEvery time I see the Green Bridge in the very center of Vilnius, I think it just looks so desolate, looks so empty, as if this bridge was really ripped of its essence. And I feel such a big pity. I really couldn\u2019t imagine this bridge without those statues. And I think that it was a very bad decision to remove them.\u201d Inga Hilbig (44) ist Soziolinguistin an der Universit\u00e4t Vilnius, w\u00e4hrend meines Auslandssemesters besuchte ich ihr Seminar zu gesellschaftlich-kulturellen Aspekten Litauens. Hier erz\u00e4hlte sie uns Studierenden die Geschichte der \u017daliasis tiltas, der Gr\u00fcnen Br\u00fccke, die den Norden und S\u00fcden von Vilnius \u00fcber den Fluss Neris miteinander verbindet. Hier befanden sich seit 1952 vier Statuen, die im sowjetischen Stil Arbeiterschaft, Studierende, Bauern und Soldaten darstellen. 2015 wurden sie offiziell wegen ihres schlechten Zustands entfernt. Diese Entscheidung war unter den Bewohner*innen von Vilnius umstritten. Offiziell sollten die Statuen zwar nach einer Renovierung wieder an ihren Platz zur\u00fcckkehren \u2013 sobald die Stadt das Geld hierf\u00fcr habe \u2013, Inga erinnert sich allerdings, dass schon damals niemand diesem Versprechen Glauben schenkte.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich befinden sich die vier Skulpturen mittlerweile in Besitz des Nationalmuseums in Vilnius. Dass sie so ihren Platz auf der Br\u00fccke im Zentrum der Stadt verloren haben, sieht Inga als eine vertane Chance, die sowjetische Vergangenheit im \u00f6ffentlichen Raum weiter aufzuarbeiten: \u201ePlaques would have suited there perfectly. It really could have shown our past and the Soviet identity that was constructed and forced upon us at that time and would make Vilnius distinct from many Western European places who haven\u2019t experienced what we have experienced. I really regret this decision of our municipality. And many people did.\u201d Gleichzeitig kann sie aber auch manche \u00e4lteren Menschen verstehen, die zum Beispiel als Dissident*innen stark unter dem sowjetischen System gelitten haben und f\u00fcr die ein Spaziergang \u00fcber die Gr\u00fcne Br\u00fccke aufgrund genau dieser Statuen mit sehr negativen Gef\u00fchlen verkn\u00fcpft war.<\/p>\n<p>So schnell steckt man inmitten des Konflikts um die verbliebenen sowjetischen Denkm\u00e4ler in Litauen und bei der Frage: Sollen diese aus der \u00d6ffentlichkeit entfernt oder als Teil der Geschichte Litauens bewahrt werden? Der Angriffskrieg Russlands 2022 hat diesem gesellschaftlichen Diskurs, der mit unterschiedlicher Intensit\u00e4t seit der Unabh\u00e4ngigkeit 1990 gef\u00fchrt wurde, neue Brisanz verliehen. Doch bereits die Annexion der Krim und der Beginn des Krieges im Osten der Ukraine 2014 haben die Atmosph\u00e4re in Litauen ver\u00e4ndert. Die Bedrohung durch Russland l\u00e4sst die Auseinandersetzung mit den Relikten ihrer eigenen sowjetischen Vergangenheit f\u00fcr viele Litauer*innen in einem existenziellen Licht erscheinen. \u201ePeople are angry and afraid. I think these are the two most important emotions leading all those initiatives and actions\u201d, glaubt Inga. Im Mai letzten Jahres trat das sogenannte De-Sowjetisierungsgesetz in Kraft. Es verbietet die Propagierung totalit\u00e4rer und autorit\u00e4rer Regime und ihrer Ideologien in der \u00d6ffentlichkeit und legt fest, auf welche Weise Objekte mit entsprechender Symbolik entfernt werden. Vorschl\u00e4ge hierf\u00fcr sollen St\u00e4dte und Gemeinden dem sogenannten <a href=\"http:\/\/genocid.lt\/centras\/en\/\">Forschungszentrum f\u00fcr Genozid und Widerstand<\/a> in Vilnius vorlegen. Dieses besch\u00e4ftigt sich vornehmlich mit Verbrechen der sowjetischen Besatzung (und verwendet hierf\u00fcr den in Mittel- und Osteuropa recht verbreiteten, aber umstrittenen Begriff des Genozids). Unter Beratung durch eine inter-institutionelle Kommission mit Mitgliedern aus Wissenschaft und Politik wird hier die letztendliche Entscheidung getroffen.<\/p>\n<p>Auf diese Weise verschwinden nun viele der letzten sowjetischen Denkm\u00e4ler in Litauen aus der \u00d6ffentlichkeit \u2013 Statuen wie die auf der Gr\u00fcnen Br\u00fccke, aber auch auf Friedh\u00f6fen. Inga berichtet: \u201eNow they are also removing monuments of Soviet soldiers in cemeteries all over the country. There\u2019s really a big question and I think not a very clear distinction in some cases if that\u2019s a monument depicting and glorifying the Soviet ,liberators\u2019 that came here and ,forgot\u2019 to leave or a joint gravestone. The decision was to keep the gravestones out of respect for the dead, but to remove those statues who are supposed to glorify the Red Army.\u201d Hier zeigt sich die gro\u00dfe Krux des Gesetzes, denn so einfach l\u00e4sst sich die Frage zum Teil gar nicht beantworten, was noch als Form der Erinnerung z\u00e4hlt und was schon als Symbol des sowjetischen Regimes und damit m\u00f6glicherweise als Stoff f\u00fcr Propaganda des Kremls dienen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Wie kompliziert diese Frage sein kann, l\u00e4sst sich auch am Umgang mit kommunistischen litauischen Schriftsteller*innen aufzeigen. Zu den wohl umstrittensten Pers\u00f6nlichkeiten dieser Kategorie geh\u00f6rt Petras Cvirka. Der junge \u00fcberzeugte Kommunist hatte die Inkorporation Litauens in die UdSSR 1940 bef\u00fcrwortet und war ein Jahr sp\u00e4ter aufgrund der deutschen Besatzung nach Moskau emigriert. Nach seiner R\u00fcckkehr \u00fcbernahm er neben politischen \u00c4mtern in der Kommunistischen Partei den Vorsitz des sowjetischen Schriftstellerverbands, den er bis zu seinem fr\u00fchen Tod 1947 innehatte. Bereits Anfang der 90er gab es heftige Diskussionen \u00fcber das Schicksal seiner Statue, die durch die sowjetischen Beh\u00f6rden 1959 an einer zentral gelegenen Kreuzung in Vilnius errichtet worden war. W\u00e4hrend er dem einen Lager als politisch problematische Figur gilt, ist die andere Seite der Auffassung, dass seine politischen Ansichten von seinem Wirken als Schriftsteller zu trennen sind. Zudem habe seine kommunistische \u00dcberzeugung zuletzt unter dem Eindruck der Repressionen unter Stalin Risse bekommen. Inga meint: \u201eFor me all this is not white and black. This collaboration issue is very sensitive. Some people are quick to put the other into two categories: A traitor or a patriot, this is it. But there are so many shadows of grey. For many people he is just a communist who we should forget. For some others, including me, he was a talented writer who made really bad decisions in his life and came to quite a tragic end.\u201d Cvirkas Statue wurde im Herbst 2021 aus der Innenstadt von Vilnius entfernt.<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_1  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_1_2 et_pb_column et_pb_column_1  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_1  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>Ich begegnete Petras Cvirka am Eingang zu Gr\u016bto Parkas wieder (siehe Titelbild), vermutlich einem der seltsamsten Orte, an denen ich bisher war. Bei Minusgraden besuchte ich den im S\u00fcden Litauens gelegen Park, der den Spitznamen \u201eStalin\u2019s world\u201c tr\u00e4gt. Hier sind Statuen und Monumente sowie weitere Exponate aus der Sowjetzeit, die in Litauen nach der Unabh\u00e4ngigkeit demontiert und aussortiert wurden, in einer Art Freilichtmuseum ausgestellt. Gleichzeitig ist es aber auch ein Tierpark, f\u00fcr Kinder gibt es einen Spielplatz nach sowjetischer Bauart. Auf dem Gel\u00e4nde begegnet man Stalin, Lenin und litauischen Kommunist*innen in allen Formen und Gr\u00f6\u00dfen, w\u00e4hrend nebenan Hasen durch den Schnee h\u00fcpfen, V\u00f6gel unbek\u00fcmmert ihre Kreise um die Statuen ziehen und sowjetische Musik durch Lautsprecher schallt.<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_column_1_2 et_pb_column et_pb_column_2  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_image et_pb_image_0\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<span class=\"et_pb_image_wrap \"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2560\" height=\"1920\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/20231126_135238-scaled.jpg\" alt=\"\" title=\"20231126_135238\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/20231126_135238-scaled.jpg 2560w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/20231126_135238-1280x960.jpg 1280w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/20231126_135238-980x735.jpg 980w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/20231126_135238-480x360.jpg 480w\" sizes=\"(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) and (max-width: 980px) 980px, (min-width: 981px) and (max-width: 1280px) 1280px, (min-width: 1281px) 2560px, 100vw\" class=\"wp-image-7825\" \/><\/span>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_2  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_1_2 et_pb_column et_pb_column_3  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_2  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>Wacht\u00fcrme und Stacheldraht s\u00e4umen den Pfad, auf dem man sich durch den Park bewegt. Ein urspr\u00fcnglicher Plan, die Besucher*innen mit einem den Deportationsz\u00fcgen nachempfundenen Waggon durch das Gel\u00e4nde fahren zu lassen, wurde aufgrund \u00f6ffentlicher Emp\u00f6rung wieder verworfen. Daf\u00fcr finden Reenactments statt, bei denen man zum Beispiel Lenin \u201epers\u00f6nlich\u201c treffen kann. Der 2001 er\u00f6ffnete Park ist eine Privatinitiative und bis heute umstritten. Einigen Litauer*innen war es nach der Unabh\u00e4ngigkeit ein Dorn im Auge, dass die sowjetischen Denkm\u00e4ler nicht einfach vernichtet wurden. Andere finden, dass die Ausstellung in dieser Art Erlebnispark unangemessen ist und die durch das sowjetische Regime begangenen Verbrechen verharmlost.<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_column_1_2 et_pb_column et_pb_column_4  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_image et_pb_image_1\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<span class=\"et_pb_image_wrap \"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2560\" height=\"1920\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/20231126_140239-scaled.jpg\" alt=\"\" title=\"20231126_140239\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/20231126_140239-scaled.jpg 2560w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/20231126_140239-1280x960.jpg 1280w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/20231126_140239-980x735.jpg 980w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/20231126_140239-480x360.jpg 480w\" sizes=\"(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) and (max-width: 980px) 980px, (min-width: 981px) and (max-width: 1280px) 1280px, (min-width: 1281px) 2560px, 100vw\" class=\"wp-image-7826\" \/><\/span>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_blurb et_pb_blurb_0  et_pb_text_align_left  et_pb_blurb_position_top et_block_module et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_blurb_content\">\n\t\t\t\t\t\n\t\t\t\t\t<div class=\"et_pb_blurb_container\">\n\t\t\t\t\t\t\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"et_pb_blurb_description\"><p style=\"text-align: center\"><strong><span style=\"font-size: 12pt\">Eindr\u00fccke aus dem Gr\u016btas Park<\/span><\/strong><\/p><\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_3  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_4_4 et_pb_column et_pb_column_5  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_3  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>Im Vergleich zum Abbau sowjetischer Denkm\u00e4ler nach der Unabh\u00e4ngigkeit, hat die heutige Diskussion seit der Invasion der Ukraine 2022 laut Inga eine andere Qualit\u00e4t. So debattiert man beispielsweise selbst dar\u00fcber, Gullydeckel auszutauschen, auf denen noch \u201eLitauische Sozialistische Sowjetrepublik\u201c zu lesen ist: \u201eEven such small things are supposed to disappear for us to get rid of it all for good\u201c. Dies h\u00e4lt sie f\u00fcr den falschen Ansatz. Ihrer Meinung nach sollten sowjetische Denkm\u00e4ler stattdessen mit kritischen Infotafeln versehen werden, aber an Ort und Stelle bleiben. Der aktuelle Krieg h\u00e4tte die Diskussion aber in eine v\u00f6llig andere Richtung verschoben: \u201eBefore the full scale Ukrainian war started, I was thinking: Now we can afford it all. We can just keep those signs in our public spaces and we are okay with that. We are independent, we are free, we are secure. We can finally have a healthier attitude and relationship with that past, some detachment. There\u2019s nothing we can really forget because it\u2019s there, it\u2019s in our collective memory, all those losses and traumas. We can simply keep those things and just turn them into representations of our history. I don\u2019t think that in Lithuania - which is firmly a part of the Western world by now - I don\u2019t think that some people could be affected by those monuments and names of the streets and feel nostalgic for the Soviet past or turn into pro-Putin people, especially after this most brutal war in Ukraine has started. There are threats, yes, but I don\u2019t see those material Soviet relicts as a threat for our national security.\u201d<\/p>\n<p>Im Gegenteil, meint sie, kann die kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, auch im \u00f6ffentlichen Raum, die Gesellschaft gegen\u00fcber der Propaganda aus Russland resilienter machen. Behauptungen aus dem Kreml, \u201ebaltische Faschisten\u201c w\u00fcrden auf den Denkm\u00e4lern f\u00fcr sowjetische Kriegshelden herumtrampeln, werde au\u00dferdem die Grundlage entzogen. Hierbei ist aus Ingas Sicht allerdings zu ber\u00fccksichtigen, dass die Diskussionen in Estland und Lettland andere sind. Litauen sei im Vergleich zu den beiden n\u00f6rdlicheren L\u00e4nder, die einen wesentlich h\u00f6heren Anteil an russischsprachiger Minderheit haben, in einer einfacheren Position. Dass Russlands Narrativ von der \u201eRettung ethnischer Russ*innen\u201c in den anderen zwei baltischen L\u00e4ndern mehr Angst ausl\u00f6st, kann Inga sich gut vorstellen. Nur etwa 5% der Bev\u00f6lkerung Litauens sind russischsprachig. In der Debatte \u00fcber die sowjetischen Denkm\u00e4ler, berichtet Inga, h\u00f6rt man keine Stimmen aus dieser Community. \u00dcber deren Positionierung zum Krieg sagt sie: \u201eThe majority of them are pro-Ukrainian, just like the majority of the ethnic Lithuanians.\u201d Auch von der ukrainischen Gesellschaft unterscheidet sich Litauen ihrer Meinung nach deutlich: \u201eI can understand that Ukrainians need to do that de-Sovietization in a very radical way because they were colonized so much more than we were because they lived longer under the Soviets. But in our case, I think we are so fit, we are so nationally conscious, so anti-Soviet, anti-Putin\u2019s Russia that we can still afford keeping those things and teach our children how to look at them and what it all represents.\u201d<\/p>\n<p>Inga erz\u00e4hlte mir, dass sie diese Position nicht von Anfang an vertrat. Direkt nach der Unabh\u00e4ngigkeit teilte sie den gro\u00dfen Enthusiasmus in Litauen, alles Sowjetische m\u00f6glichst schnell loszuwerden, in dem Glauben, dass es nichts mehr mit der neuen litauischen Identit\u00e4t zu tun haben werde. Von diesem Gef\u00fchl gepackt, zerriss sie mit 12 Jahren den Teil ihrer Briefmarkensammlung, der sowjetische Symbole und Personen wie Lenin abbildete. \u201eI think it really manifests very well how we all felt at that time, big and small: Well, we are done with that. Weg damit!\u201d, erinnert sie sich. Heute tut es ihr um ihre Briefmarkensammlung leid. R\u00fcckblickend beschreibt sie, wie sich ihre Perspektive ver\u00e4ndert hat: \u201eIt took a while; it took maybe two decades. I think the same happened to many other people in this country. We had to have a distance. When we look from a distance everything starts falling into place, everything is maybe less emotional and you start to come to terms or even appreciate the things that happened. Well, of course not in a sense of \u2018Oh, so nice that we were occupied, it was really cool!\u2019 But it\u2019s a part of our story. It\u2019s a part of our history. And we can\u2019t escape it, we can\u2019t run away anywhere from it. That\u2019s what we were doing all those decades, we were just turning our backs to the East and while rushing to the West, we were trying to get rid of the Soviet mentality, of the pieces of furniture we had in our flats, renovate everything whenever we could do that financially, etc. And then as the time passed, we stopped and we looked back and then it all looked a bit different. Maybe more cooled and even as a feature that makes us distinct with our past. You know, we are not like Germans, we are not like French, we are not like British. We have this Soviet layer in us and when we get more conscious about it, it\u2019s maybe healthier for us. It\u2019s a healthier way to deal with the past than just run away from it and erase everything.\u201d<\/p>\n<p>Beim \u00dcberqueren der Gr\u00fcnen Br\u00fccke blickt man heute auf leere Sockel, auf denen bis 2015 die vier Statuen standen. Tats\u00e4chlich entsteht so der Eindruck, dass hier etwas fehlt, das in aller Eile entfernt werden musste. Wodurch die sowjetischen Skulpturen zuk\u00fcnftig ersetzt werden sollen, ist zum jetzigen Zeitpunkt unklar. Klar erscheint allerdings, dass weitere Diskussionen \u00fcber was und wie in Litauen erinnert werden soll, bevorstehen.<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":13654,"featured_media":7828,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_bbp_topic_count":0,"_bbp_reply_count":0,"_bbp_total_topic_count":0,"_bbp_total_reply_count":0,"_bbp_voice_count":0,"_bbp_anonymous_reply_count":0,"_bbp_topic_count_hidden":0,"_bbp_reply_count_hidden":0,"_bbp_forum_subforum_count":0,"_et_pb_use_builder":"on","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[207,849566,345397,1013659],"tags":[21087,52057,846561],"class_list":["post-7822","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-ariane-brachmann","category-interviews","category-litauen","tag-geschichte","tag-litauen","tag-sowjetunion"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7822","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/13654"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7822"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7822\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7884,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7822\/revisions\/7884"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7828"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7822"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7822"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7822"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}