{"id":5135,"date":"2022-11-10T09:38:53","date_gmt":"2022-11-10T08:38:53","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/?p=5135"},"modified":"2022-11-10T09:38:59","modified_gmt":"2022-11-10T08:38:59","slug":"wir-verlassen-die-strassen-nicht-bis-ihr-nicht-gegangen-seid-proteste-im-iran-oder-die-iranische-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/2022\/11\/10\/wir-verlassen-die-strassen-nicht-bis-ihr-nicht-gegangen-seid-proteste-im-iran-oder-die-iranische-revolution\/","title":{"rendered":"\u201eWir verlassen die Stra\u00dfen nicht, bis ihr nicht gegangen seid\u201c \u2013 Proteste im Iran oder die Iranische Revolution"},"content":{"rendered":"<div class=\"et_d4_element et_pb_section et_pb_section_0  et_pb_css_mix_blend_mode et_section_regular et_block_section\" >\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_0  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_4_4 et_pb_column et_pb_column_0  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_0  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>Der Tod der 22-j\u00e4hrigen \u201eMahsa\u201c Amini am 16. September dieses Jahres war Ausl\u00f6ser der am l\u00e4ngsten anhaltenden Protestwelle im Iran seit der Islamischen Revolution 1979. Vor mehr als 40 Jahren hatte hier der schiitische Geistliche Chomeini die Islamische Republik ausgerufen. Als Folge dessen wurden im Verlauf insbesondere Frauenrechte massiv eingeschr\u00e4nkt, Oppositionelle verfolgt und Proteste, zuletzt 2019, mit Gewalt niedergeschlagen.<\/p>\n<p>Aminis Vorname lautete eigentlich Jina, ein kurdischer Name, der aus diesem Grund auf ihrem iranischen Pass so nicht stehen durfte. Bei einem Besuch in Teheran wurde sie durch die Gasht-e Ershad, die sogenannte Sittenpolizei, wegen ihres angeblich nicht ordnungsgem\u00e4\u00df sitzenden Kopftuches verhaftet. Wenige Tage sp\u00e4ter verlor sie unter ungekl\u00e4rten Umst\u00e4nden in Haft das Bewusstsein und verstarb in einer Klinik. W\u00e4hrend die staatliche Seite von einer chronischen Erkrankung der jungen Frau spricht, dementiert Aminis Familie dies und glaubt, dass sie an Misshandlungen verstorben ist. CT-Aufnahmen sollen \u00e4u\u00dfere Kopfverletzungen und eine Hirnblutung als Todesursache zeigen.<\/p>\n<p>In den sozialen Medien verbreitete sich wenig sp\u00e4ter ein Video, welches Frauen bei der Beerdigung Aminis zeigte, die demonstrativ ihr Kopftuch abnahmen \u2013 ein Affront gegen die strengen Regeln der Islamischen Republik und der Beginn einer sich im ganzen Land ausbreitenden Protestbewegung. \u00dcberall im Land ziehen seitdem Frauen in der \u00d6ffentlichkeit ihr Kopftuch ab, verbrennen es und fordern eine Absetzung des Regimes. Der Slogan \u201eJin, Jiyan, Azadi\u201c (kurdisch f\u00fcr Frau, Freiheit, Leben) begleitet die t\u00e4glich stattfindenden Demonstrationen.<\/p>\n<p>Aber es sind l\u00e4ngst nicht nur Frauen auf den Stra\u00dfen. Menschen quer durch die Gesellschaft \u00e4u\u00dfern ihren Unmut und fordern den Sturz des Regimes. Anders als in den vorherigen Protestbewegungen (1999, 2009, 2019) beteiligen sich auch ethnische Minderheiten wie Kurd*innen, T\u00fcrk*innen und Belutsch*innen. Der Protest \u00e4u\u00dfert sich in Form von Streiks bis hin zu Aktionen von Grundschulklassen. Das Regime reagiert hierauf mit \u00e4u\u00dferster H\u00e4rte. Die Anzahl der bisherigen Todesopfer und Festnahmen ist unklar, immer wieder kommt es zu Abschaltungen und Drosselungen des Internets.<\/p>\n<p>Die Menschen wollen dieses System nicht mehr, denn das Fass sei \u00fcbergelaufen, erkl\u00e4rt mir meine Freundin Azadeh*. Ihre Mutter stammt aus dem Iran, gemeinsam mit ihrem Bruder floh sie Anfang der 80er Jahre \u00fcber die T\u00fcrkei und Italien in die USA, als dieser in den ersten Golfkrieg gegen den Irak eingezogen werden sollte. Azadeh selbst wuchs mit ihren beiden Geschwistern in den USA und in Deutschland auf, hat den Iran oft besucht und schildert mir ihre Perspektive auf die Iranische Revolution, wie sie ihrer Meinung nach betitelt werden sollte.<\/p>\n<p>*Ich habe den Namen meiner Freundin auf ihren Wunsch hin ge\u00e4ndert \u2013 Azadeh ist ein gel\u00e4ufiger Name im Iran und bedeutet \u00fcbersetzt \u201eFreidenker(in)\u201c.<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_1  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_1_2 et_pb_column et_pb_column_1  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_1  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>Azadehs Mutter, die die iranische Staatsb\u00fcrgerschaft besitzt, war wenige Wochen nach Jina Aminis Tod im Iran. Sie berichtet von Protestierenden, die \u201eTod dem Diktator\u201c von den Balkonen in Teheran rufen, von Frauen, die in der iranischen Hauptstadt ohne Kopftuch durch die Stra\u00dfen laufen. Azadeh ist \u00fcberzeugt davon, dass es keinen Schritt zur\u00fcckgeben kann. Es sind nicht nur Menschenrechtsverletzungen, die die Menschen gegen das Regime aufgebracht haben. Massive Inflation und Korruption pr\u00e4gen das Land. Viele Mullahs und Regierungsmitglieder entsenden ihre eigenen Kinder in den Westen, um dort eine freiheitliche Bildung zu genie\u00dfen, w\u00e4hrend im Iran Frauen massive Repressionen erfahren. \u201eDieses Regime lebt aus nichts als L\u00fcgen\u201c, meint sie.<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_column_1_2 et_pb_column et_pb_column_2  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_image et_pb_image_0\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<span class=\"et_pb_image_wrap \"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2560\" height=\"1707\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/artin-bakhan-N4cN5SMwUH4-unsplash-scaled.jpg\" alt=\"\" title=\"artin-bakhan-N4cN5SMwUH4-unsplash\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/artin-bakhan-N4cN5SMwUH4-unsplash-scaled.jpg 2560w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/artin-bakhan-N4cN5SMwUH4-unsplash-1280x854.jpg 1280w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/artin-bakhan-N4cN5SMwUH4-unsplash-980x653.jpg 980w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/artin-bakhan-N4cN5SMwUH4-unsplash-480x320.jpg 480w\" sizes=\"(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) and (max-width: 980px) 980px, (min-width: 981px) and (max-width: 1280px) 1280px, (min-width: 1281px) 2560px, 100vw\" class=\"wp-image-5153\" \/><\/span>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_blurb et_pb_blurb_0  et_pb_text_align_left  et_pb_blurb_position_top et_block_module et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_blurb_content\">\n\t\t\t\t\t\n\t\t\t\t\t<div class=\"et_pb_blurb_container\">\n\t\t\t\t\t\t\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"et_pb_blurb_description\"><p>Weltweit solidarisieren sich Menschen mit den Protesten im Iran, hier bei einer Demonstration in Stockholm.<\/p><\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_2  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_4_4 et_pb_column et_pb_column_3  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_2  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>Azadehs Gro\u00dfmutter erlebte den \u00dcbergang zur Islamischen Republik ab 1979 und bekam die Einschr\u00e4nkungen f\u00fcr Frauen, die durch die Wiedereinf\u00fchrung der Scharia manifestiert wurden, deutlich zu sp\u00fcren: Sie wurde vom Taxi nicht mehr mitgenommen, wenn sie kein Kopftuch trug oder die alten Stra\u00dfennamen verwendete. Die Sittenpolizei zog sie in einen Wagen und wischte ihr die Schminke aus dem Gesicht. Eines Tages teilte man ihr auf der Arbeit mit, dass sie dort nicht mehr unverschleiert t\u00e4tig sein k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Mit 14 hatte sie Azadehs Gro\u00dfvater geheiratet, der homosexuell war und neben seiner Scheinehe eine Beziehung zu einem Mann f\u00fchrte. Queer sein ist im Iran brandgef\u00e4hrlich und kann bis zu einem Todesurteil f\u00fchren. \u201eMan redet deshalb in der Familie normalerweise hier\u00fcber gar nicht und teilt dies h\u00f6chstens mit ausgew\u00e4hlten guten Freunden \u2013 wobei man sich genau \u00fcberlegen muss mit wem.\u201c, berichtet meine Freundin.<\/p>\n<p>Ihre Oma lie\u00df sich sp\u00e4ter scheiden. Da sie hierdurch wieder in die Obhut ihres Vaters gefallen w\u00e4re \u2013 eine Ausreise beispielsweise ist nur mit Erlaubnis des Ehemannes bzw. Vaters m\u00f6glich \u2013 heiratete sie erneut, diesmal einen bereits verheirateten Mann als dessen Zweitfrau. Die Liste an weiteren Ungleichheiten erscheint endlos: Das Erbrecht schreibt einer Tochter nur halb so viel zu wie einem Sohn, vor Gericht z\u00e4hlt die Zeugenaussage einer Frau halb so viel wie die eines Mannes, bestimmte Berufe d\u00fcrfen nicht ausge\u00fcbt werden. All dies steht im krassen Gegensatz zur Realit\u00e4t, in der Iranerinnen beispielweise deutlich h\u00e4ufiger als M\u00e4nner hohe Bildungsabschl\u00fcsse erzielen \u2013 an den Universit\u00e4ten wurde daher eine M\u00e4nnerquote eingef\u00fchrt. \u201eFrauen sind im Iran halb so viel wert wie M\u00e4nner \u2013 wenn \u00fcberhaupt.\u201c, beschreibt Azadeh. Da nur V\u00e4ter die iranische Staatsb\u00fcrgerschaft an ihre Kinder weitergeben k\u00f6nnen, besitzt sie selbst keine. Auf R\u00fcckfrage bei einem Amt in Teheran erkl\u00e4rte ihr der Beamte, wie sie dennoch einen Pass erhalten k\u00f6nne: Er habe zwei S\u00f6hne, von denen sie einen heiraten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Sie selbst war als Kind j\u00e4hrlich im Iran, was sie in sehr guter Erinnerung hat. F\u00fcr sie bedeutete Teheran ein gro\u00dfes Abenteuer und an die Gegebenheiten konnte sie sich anpassen in dem Bewusstsein, dass ihr dortiger Aufenthalt zeitlich begrenzt war. Mit 10 Jahren mussten auch sie und ihre Schwester sich dort verschleiern, wurden von Fremden auf der Stra\u00dfe f\u00fcr ihre Kleidung kritisiert. Zuletzt verbrachte sie 2017 einen Monat in Teheran f\u00fcr ein Praktikum in einem \u00f6ffentlichen Krankenhaus. Hier sp\u00fcrte sie einen deutlichen Unterschied zum liberaleren Norden der Stadt, einem reicheren Stadtteil, in welchem Frauen zum Teil auch ohne Kopftuch (bei fehlender Polizeipr\u00e4senz) und mit Leggins unter dem vorgeschriebenen Mantel unterwegs sind. Bei ihrem ersten Tag in der Klinik wurde sie aufgefordert ihre Leggins mit ihrer Tasche zu verstecken. Sie musste ein Maghnaeh tragen, eine deutliche strengere Kopfbedeckung als im Allgemeinen von den Frauen in Teheran getragen.<\/p>\n<p>Das Thema Kopftuch traute sie sich bis vor Beginn der Protestbewegung nicht als solches zu kritisieren, da sie nicht islamophob auftreten wollte. Seit September aber hat sie ihre Meinung hierzu deutlich ge\u00e4ndert. Vor allem Interviews und Reden der iranischen Menschenrechtlerin Masih Alinejad, welche in New York im Exil lebt, haben dazu beigetragen. \u201eJetzt verstehe ich, dass die Kritik am Kopftuch nicht ausdr\u00fcckt, dass dieses an sich schlecht ist, sondern dass es um die Entscheidungsgewalt geht, ob ich ein Kopftuch trage oder nicht.\u201c, sagt sie.<\/p>\n<p>Alinejad geh\u00f6rt zu den wichtigsten Exil-Oppositionellen und meist verteufelten Figuren durch das Regime in Teheran. Mehrmalig wurden Versuche unternommen, sie in den Iran zu entf\u00fchren. Zuletzt wurde ein Anschlagversuch wenige Wochen nach dem Attentat auf Salman Rushdie auf sie vereitelt, sie lebt unter FBI-Schutz. Dennoch setzt sie sich weiterhin gegen das Regime, gegen den Zwang zum Hijab und f\u00fcr Frauenrechte im Iran ein, wobei sie auch nicht vor polarisierenden Aussagen zur\u00fcckschreckt. Zuletzt verglich sie das Kopftuch mit der Berliner Mauer. Als feste Instanz des Mullah-Regimes m\u00fcsse es fallen, um die Islamische Republik zu Fall zu bringen. Auf Instagram folgen ihr 8 Millionen Menschen, hier postet sie unter anderem seit Jahren Videos iranischer Frauen, die sich ohne Kopftuch zeigen.<\/p>\n<p>Neue Medien spielen f\u00fcr die Protestbewegung eine entscheidende Rolle: Neben Videos sind es zunehmend Sprachnachrichten, die Menschen aus dem Iran ins Ausland senden. Viele der Protestierenden nehmen ihre Handys zu den Demonstrationen nicht mehr mit, da bestimmte Inhalte bei einer Festnahme gegen sie verwendet werden k\u00f6nnen. Pro-oppositionelle Hackergruppen reagierten auf die wiederkehrenden Unterbrechungen des Internets, in dem sie zeitweise das Fernsehen, \u00fcber das staatliche Sender ihre Propaganda verbreiten, lahmlegten. Teheran versucht seit l\u00e4ngerem, ein vom Rest der Welt unabh\u00e4ngiges Internet zu erschaffen. Hierin soll nach Recherchen von Correctiv, netzpolitik.org und der taz ein Unternehmen bei D\u00fcsseldorf involviert sein, dem nun vorgeworfen wird, dazu beigetragen zu haben, das Internet im Iran einzuschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Neben diesem Verdacht sind es vor allem das Vers\u00e4umnis einer fr\u00fchen und klaren Stellungnahme der deutschen Regierung sowie die als unzureichend empfundenen Sanktionen, die Berlin vorgeworfen werden. Dass man weiter auf ein Atomabkommen baut, h\u00e4lt Azadeh f\u00fcr einen schweren Fehler: \u201eEs ist ein Abkommen mit einer Regierung, die sehr wahrscheinlich jetzt fallen wird, aber dieses Abkommen gibt ihnen eine Legitimation zu existieren. Das w\u00e4re h\u00f6llischer Wahnsinn und Betrug gegen\u00fcber allen Iraner*innen, die gerade auf die Stra\u00dfe gehen und sterben.\u201c<\/p>\n<p>Positiv sieht sie die zunehmende Aufmerksamkeit aus dem Ausland. So hat sie sich zun\u00e4chst schwergetan, Informationen zu den Protesten zu finden. Nun aber werden die Artikel l\u00e4nger und der Druck auf die Regierungen gr\u00f6\u00dfer, sich klar zu positionieren. Gerade Deutschland als gr\u00f6\u00dfter Handelspartner des Irans innerhalb der EU, kommt ihrer Meinung nach hierbei eine Schl\u00fcsselposition zu. Baerbock, die eine feministische Au\u00dfenpolitik angek\u00fcndigt hat, muss diese nun umsetzen. Handlungsm\u00f6glichkeiten sollen durch wirksame Sanktionen (vergleichbar mit denen gegen Russland) genommen werden.<\/p>\n<p>Eine Petition mit 11 Forderungen (u.a. Einfrieren der Verm\u00f6gen von Personen und Organisationen, die an Gewalt gegen Protestierende beteiligt sind; Aussetzungen der Verhandlungen zum Atomabkommen) an die Bundesregierung kann man bis zum 22.11 <a href=\"https:\/\/epetitionen.bundestag.de\/petitionen\/_2022\/_10\/_07\/Petition_139993.nc.html\">hier<\/a> unterschreiben.<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_3  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_1_3 et_pb_column et_pb_column_4  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_3  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>Eine besondere Bedeutung hat Musik f\u00fcr die Protestbewegung. Shervin Hajipour, ein bisher relativ unbekannter iranischer S\u00e4nger, schrieb den Song \u201eBaraye\u201c (F\u00fcr), in welchem er die Gr\u00fcnde aufz\u00e4hlt, f\u00fcr die es sich lohnt im Iran auf die Stra\u00dfen zu gehen. Das Lied entwickelte sich zur Protesthymne, dessen Verbreitung dem Regime nicht gelang zu verhindern. Hajipour wurde hierf\u00fcr zeitweise verhaftet, nach seiner Freilassung distanzierte er sich auf Instagram von seinem Protestsong. User*innen schlugen daraufhin vor, das Lied um die Zeile \"Because of forced Instagram Stories\" zu erg\u00e4nzen. Anzuh\u00f6ren ist der Song mit englischen Untertiteln <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=TPyHuCZzsVA\">hier<\/a>.<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_column_2_3 et_pb_column et_pb_column_5  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_with_border et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_4  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p><strong>Auszug aus \u0628\u0631\u0627\u06cc (Baraye)<br \/><\/strong><\/p>\n<p>\u0628\u0631\u0627\u06cc \u062f\u0627\u0646\u0634\u200c\u0622\u0645\u0648\u0632\u0627\u060c \u0628\u0631\u0627\u06cc \u0622\u06cc\u0646\u062f\u0647\u00a0\u00a0 F\u00fcr die Studierenden, f\u00fcr die Zukunft<\/p>\n<p>\u0628\u0631\u0627\u06cc \u0627\u06cc\u0646 \u0628\u0647\u0634\u062a \u0627\u062c\u0628\u0627\u0631\u06cc\u00a0\u00a0 F\u00fcr das aufgezwungene Paradies<\/p>\n<p>\u0628\u0631\u0627\u06cc \u0646\u062e\u0628\u0647\u200c\u0647\u0627\u06cc \u0632\u0646\u062f\u0627\u0646\u06cc\u00a0\u00a0 F\u00fcr diejenigen, die im Gef\u00e4ngnis sind<\/p>\n<p>\u0628\u0631\u0627\u06cc \u06a9\u0648\u062f\u06a9\u0627\u0646 \u0627\u0641\u063a\u0627\u0646\u06cc\u00a0\u00a0 F\u00fcr die afghanischen Kinder<\/p>\n<p>\u0628\u0631\u0627\u06cc \u0627\u06cc\u0646\u200c\u0647\u0645\u0647 \u00ab\u0628\u0631\u0627\u06cc\u00bb \u063a\u06cc\u0631\u062a\u06a9\u0631\u0627\u0631\u06cc\u00a0\u00a0\u00a0 F\u00fcr das wiederholende F\u00dcR<\/p>\n<p>\u0628\u0631\u0627\u06cc \u0627\u06cc\u0646\u200c\u0647\u0645\u0647 \u0634\u0639\u0627\u0631\u0647\u0627\u06cc \u062a\u0648\u062e\u0627\u0644\u06cc \u00a0 F\u00fcr alle leeren Paroli<\/p>\n<p>\u0628\u0631\u0627\u06cc \u0622\u0648\u0627\u0631 \u062e\u0648\u0646\u0647\u200c\u0647\u0627\u06cc \u067e\u0648\u0634\u0627\u0644\u06cc \u00a0 F\u00fcr den Schutt der billig gebauten H\u00e4user<\/p>\n<p>\u0628\u0631\u0627\u06cc \u0627\u062d\u0633\u0627\u0633 \u0622\u0631\u0627\u0645\u0634\u00a0\u00a0 F\u00fcr den Seelenfrieden<\/p>\n<p>\u0628\u0631\u0627\u06cc \u062e\u0648\u0631\u0634\u06cc\u062f \u067e\u0633 \u0627\u0632 \u0634\u0628\u0627\u06cc \u0637\u0648\u0644\u0627\u0646\u06cc\u00a0\u00a0 F\u00fcr die Sonne nach langen N\u00e4chten<\/p>\n<p>\u0628\u0631\u0627\u06cc \u0642\u0631\u0635\u200c\u0647\u0627\u06cc \u0627\u0639\u0635\u0627\u0628 \u0648 \u0628\u06cc\u200c\u062e\u0648\u0627\u0628\u06cc\u00a0\u00a0 F\u00fcr Beruhigungspillen und Schlaflosigkeit<\/p>\n<p>\u0628\u0631\u0627\u06cc \u0645\u0631\u062f\u060c \u0645\u06cc\u0647\u0646\u060c \u0622\u0628\u0627\u062f\u06cc\u00a0\u00a0 F\u00fcr den Mensch, das Heimatland und die Ortschaft<\/p>\n<p>\u0628\u0631\u0627\u06cc \u062f\u062e\u062a\u0631\u06cc \u06a9\u0647 \u0622\u0631\u0632\u0648 \u062f\u0627\u0634\u062a \u067e\u0633\u0631 \u0628\u0648\u062f\u00a0\u00a0 F\u00fcr das M\u00e4dchen, das sich w\u00fcnschte ein Junge zu sein<\/p>\n<p>\u0628\u0631\u0627\u06cc \u0632\u0646\u060c \u0632\u0646\u062f\u06af\u06cc\u060c \u0622\u0632\u0627\u062f\u06cc\u00a0\u00a0 F\u00fcr die Frau, das Leben, die Freiheit<\/p>\n<p>\u0628\u0631\u0627\u06cc \u0622\u0632\u0627\u062f\u06cc\u00a0\u00a0 F\u00fcr Freiheit<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_4  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_4_4 et_pb_column et_pb_column_6  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_5  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>Auch andere K\u00fcnstler*innen solidarisierten sich mit den Protesten. Der Rapper Toomaj Salehi sitzt wegen seiner regierungskritischen Texte weiterhin in Haft. Mitte Oktober kam es im ber\u00fcchtigten Evin-Gef\u00e4ngnis in Teheran zu einem Brand mit einer unklaren Anzahl an Todesopfern. In diesem Gef\u00e4ngnis wurden bereits seit den 70er Jahren unter dem Schah Menschen inhaftiert, gefoltert und zum Tode verurteilt. So auch eine Freundin von Azadehs Mutter, die sieben Jahre lang anfangs mit ihrem Sohn inhaftiert wurde f\u00fcr ihre Mitgliedschaft in einer kommunistischen Gruppierung Ende der 70er Jahre. \u201eDie Menschen werden mundtot gemacht, eingesperrt und gezwungen sich \u00f6ffentlich im Fernsehen zu entschuldigen oder gegenteilige Aussagen zu machen.\u201c, erkl\u00e4rt Azadeh.<\/p>\n<p>Zu den Opfern des Regimes z\u00e4hlen auch ethnische Minderheiten. Die Tatsache, dass gerade der Tod einer Kurdin (einer unter vielen!) der Funke f\u00fcr die Proteste darstellte, ist bemerkenswert. So hat der Iran laut Azadeh ein massives Rassismus-Problem, ethnische Minderheiten werden deutlich benachteiligt. Beispielsweise stellt die gro\u00dfe Bev\u00f6lkerungsgruppe der Afghan*innen eine fast rechtlose Gruppe dar, die nicht legal arbeiten kann und \u00fcber keinerlei soziale Absicherung verf\u00fcgt. Deren Kinder erhalten - ohne Aufenthaltsgenehmigung - keinen (und selbst mit dieser nur einen eingeschr\u00e4nkten) Zugang zum iranischen Bildungssystem und f\u00fcllen die Stra\u00dfen Teherans. Die Proteste, die all diese unterschiedlichen Bev\u00f6lkerungsgruppen vereinen, k\u00f6nnten auch ein Umdenken in diesem Bereich ansto\u00dfen.<\/p>\n<p>Es gibt aber auch skeptische Stimmen. So berichtet mir meine Freundin, dass ihre Oma keine gro\u00dfe Hoffnung auf die Proteste setzt. Um weitere Todesopfer zu verhindern, solle man ihrer Meinung daher lieber zuhause bleiben. Azadeh aber glaubt, dass die jungen Menschen die L\u00fcgen und Regeln des Systems nicht mehr ertragen werden. Sie bewundert diese Generation, die ja selbst nichts als die Islamische Republik kennt und dennoch so mutig f\u00fcr ihre Freiheit eintritt. Sie selbst, erkl\u00e4rt sie mir, habe noch nie eine so klare politische Meinung zu einem Thema gehabt habe wie zu den Protesten, die sie pers\u00f6nlich sehr ber\u00fchren. Daher w\u00fcnscht sie sich, dass sich mehr Menschen in Europa, insbesondere auch Feminist*innen, die bisher davor zur\u00fcckschreckten das Kopftuch zu kritisieren, positionieren. Der Musiker Toomaj formulierte dies in seinem Lied Soorakhe Moosh (Mauseloch) drastisch so: \u201eAge dast ro cheshmat gozashti dastat khoonian\u201c (Wenn du deine H\u00e4nde auf deine Augen legst, sind deine H\u00e4nde blutig).<\/p>\n<p>Die Demonstrationen halten trotz aller Repressionen und der damit verbundenen Gefahren f\u00fcr die teilnehmenden Menschen an. Als einer der Milit\u00e4rf\u00fchrer vor wenigen Tagen drohte, es handele sich um den letzten Tag der Proteste, reagierten die Protestierenden mit dem Slogan: Es seien die letzten Tage der Islamischen Republik.\u00a0<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":13654,"featured_media":5145,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_bbp_topic_count":0,"_bbp_reply_count":0,"_bbp_total_topic_count":0,"_bbp_total_reply_count":0,"_bbp_voice_count":0,"_bbp_anonymous_reply_count":0,"_bbp_forum_subforum_count":0,"_et_pb_use_builder":"on","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[207,849566,1013606],"tags":[1013607,1013608],"class_list":["post-5135","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-ariane-brachmann","category-iran","tag-iran","tag-proteste-2022"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5135","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/13654"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5135"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5135\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5184,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5135\/revisions\/5184"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5145"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5135"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5135"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5135"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}