{"id":3818,"date":"2022-03-11T14:23:31","date_gmt":"2022-03-11T13:23:31","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/?p=3818"},"modified":"2022-03-11T14:23:37","modified_gmt":"2022-03-11T13:23:37","slug":"die-wilden-90er-in-litauen-eine-familie-erinnert-sich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/2022\/03\/11\/die-wilden-90er-in-litauen-eine-familie-erinnert-sich\/","title":{"rendered":"\u201eDie wilden 90er\u201c in Litauen &#8211; Eine Familie erinnert sich"},"content":{"rendered":"<div class=\"et_d4_element et_pb_section et_pb_section_0  et_pb_css_mix_blend_mode et_section_regular et_block_section\" >\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_0  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_4_4 et_pb_column et_pb_column_0  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_0  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>\u201eDie wilden 90er\u201c - diesen Begriff h\u00f6re ich zum ersten Mal von meinem litauischen Freund Paulius. \u201eWild?\u201c, frage ich nach. \u201eChaotisch, ohne Ordnung und klare Zukunftsperspektive\u201c, erhalte ich als Erkl\u00e4rung. Um diese Aussagen einordnen zu k\u00f6nnen, ist es notwendig, in der Geschichte des s\u00fcdlichsten der drei baltischen Staaten zur\u00fcckzugehen: Litauen erkl\u00e4rte sich am 11. M\u00e4rz 1990 im Rahmen der<a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/2022\/01\/03\/estland-und-die-singende-revolution\/\"> Singenden Revolution<\/a> als erste Sowjetrepublik unabh\u00e4ngig und markierte damit den Beginn des Zerbrechens der Sowjetunion. 50 Jahre zuvor hatte diese das mit ca. 3 Millionen Einwohner*innen bev\u00f6lkerungsreichste baltische Land v\u00f6lkerrechtswidrig annektiert. 1991 l\u00f6ste sich die UdSSR nach dem gescheiterten Augustputsch auf. Hierdurch erlangte Litauen seinen Status als eigenst\u00e4ndiger Staat wieder, der sich nun mit neuen Herausforderungen konfrontiert sah. Wirtschaftskrise sowie politische und gesellschaftliche Instabilit\u00e4t, auch aufgrund noch fehlender Institutionen und Beh\u00f6rden, zeichneten das Land \u00fcber das erste Jahrzehnt in Unabh\u00e4ngigkeit hinaus.<\/p>\n<p>Paulius Pakutinskas, 1990 geboren, erlebte diese Jahre als Teil seiner Kindheit. Auch diese charakterisiert er als wild. Wie bei vielen Kindern seiner Generation wurde sie durch die Abwesenheit der Eltern gepr\u00e4gt. So erinnert er sich an zahlreiche Tage, die er alleine drau\u00dfen verbrachte ohne Absprachen mit seinen Eltern. Die Erziehung \u00fcberlie\u00df man gr\u00f6\u00dftenteils der Schule, gemeinsame Zeit mit den Eltern gab es kaum. Diese hatten gr\u00f6\u00dfere Sorgen: Korruption, Arbeitslosigkeit, hohe Preise und Lebensmittelknappheit bestimmten den Alltag der Litauer*innen in den 90er Jahren. Nach dem Zerfall der Sowjetunion kletterte die Inflation in unbekannte H\u00f6hen. Hiervon versuchte man sich durch die Einf\u00fchrung einer vom Rubel unabh\u00e4ngigen \u00dcbergangsw\u00e4hrung zu erholen. Es mangelte dem Staat, der 50 Jahre lang zentralisierte Planwirtschaft nach Ma\u00dfst\u00e4ben Moskaus betrieben hatte, an eigenen wirtschaftlichen Strukturen. \u201eIch denke, in dieser Situation lag der Fokus weniger auf pers\u00f6nlichen Dingen, als darauf, Geld zu verdienen und unsere Familie durch die Krise zu bringen\u201c, meint Paulius. Er bekam als Kind selbst zu sp\u00fcren, dass das Geld fehlte. So konnte er sich wie viele seiner Klassenkamerad*innen Schulb\u00fccher nicht kaufen und an Exkursionen nicht teilnehmen. \u00dcber mehrere Wochen musste die Familie sparen, um sich eine Kleinigkeit leisten zu k\u00f6nnen.<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_1  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_1_2 et_pb_column et_pb_column_1  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_1  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>Der Vater der Familie wechselte in dieser Zeit mehr als einmal den Job. Die Mutter besa\u00df als Lehrerin zwar eine sichere Anstellung, das ohnehin niedrige Gehalt konnte die Schule ihr aber monatelang nicht p\u00fcnktlich auszahlen. Da die Familie einen Kredit f\u00fcr ihre Wohnung aufgenommen hatte, geriet sie in finanzielle Schwierigkeiten und musste sich bei Paulius\u00b4 Gro\u00dfeltern Geld leihen. Ona, die Gro\u00dfmutter meines Freundes, arbeitete vor der Unabh\u00e4ngigkeit in einer Lederfabrik, deren Betrieb im Zuge der Aufl\u00f6sung der Sowjetunion eingestellt wurde. Auch hier war das Geld also knapp. \u201eViele Fabriken schlossen damals und es gab eine gro\u00dfe Anzahl an Menschen, die mit einem Schlag arbeitslos wurden\u201c, berichtet sie heute. Auch dieser Umstand habe den Satz bedingt, der in den ersten Jahren oftmals zu h\u00f6ren war: \u201ePrie ruso viskas buvo gerai\u201c (Dt.: Unter den Russen war alles besser). Viele Litauer*innen waren entt\u00e4uscht. \u201eWie sollten wir es als kleines Land ohne Ressourcen und umgeben von gro\u00dfen m\u00e4chtigen Nachbarn alleine schaffen, aus dieser Situation herauszukommen?\u201c habe sie damals gedacht. Russische<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_column_1_2 et_pb_column et_pb_column_2  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_image et_pb_image_0\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<span class=\"et_pb_image_wrap \"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1070\" height=\"1287\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/IMG-20220128-WA0009.jpg\" alt=\"\" title=\"IMG-20220128-WA0009\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/IMG-20220128-WA0009.jpg 1070w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/IMG-20220128-WA0009-980x1179.jpg 980w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/IMG-20220128-WA0009-480x577.jpg 480w\" sizes=\"(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) and (max-width: 980px) 980px, (min-width: 981px) 1070px, 100vw\" class=\"wp-image-3823\" \/><\/span>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_blurb et_pb_blurb_0  et_pb_text_align_left  et_pb_blurb_position_top et_block_module et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_blurb_content\">\n\t\t\t\t\t\n\t\t\t\t\t<div class=\"et_pb_blurb_container\">\n\t\t\t\t\t\t\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"et_pb_blurb_description\"><p><span style=\"font-size: 10pt\">Edita mit ihren beiden Kindern Mitte der 90er Jahre\u00a0<\/span> <\/p><\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_2  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_4_4 et_pb_column et_pb_column_3  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_2  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>Sanktionen versch\u00e4rften die ohnehin angespannte wirtschaftliche Situation. Mehrere Korruptionsskandale ersch\u00fctterten die Politik und f\u00fchrten zu Misstrauen von Teilen der Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber dem entstehenden System. Die neue Verfassung, die sich an ihrem Vorl\u00e4ufer der litauischen Republik der Zwischenkriegsjahre 1918 - 1940 orientierte, trat nach erfolgreichem Referendum 1992 in Kraft und schuf eine parlamentarische Demokratie.<\/p>\n<p>Die Gro\u00dfeltern meines Freundes bekamen nach der Unabh\u00e4ngigkeit ihr in der Sowjetunion vergemeinschaftetes Land zur\u00fcck. Dies war nicht selbstverst\u00e4ndlich, sondern hing mit der Tatsache zusammen, dass ein entfernter Verwandter Verbindungen zur zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rde besa\u00df. Bis heute gibt es Rechtsstreitigkeiten \u00fcber die Zugeh\u00f6rigkeit bestimmter Landbereiche in Litauen. Durch die eigene Landwirtschaft konnte sich die Familie in den schwierigen Zeiten mit Lebensmitteln zum Teil selbst versorgen. \u201eDas war f\u00fcr unsere Familie wirklich ein Segen\u201c, erkl\u00e4rt mir Paulius\u00b4 Mutter Edita.<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_3  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_1_2 et_pb_column et_pb_column_4  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_image et_pb_image_1\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<span class=\"et_pb_image_wrap \"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"715\" height=\"851\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/IMG-20220128-WA0008.jpg\" alt=\"\" title=\"IMG-20220128-WA0008\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/IMG-20220128-WA0008.jpg 715w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/IMG-20220128-WA0008-480x571.jpg 480w\" sizes=\"(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 715px, 100vw\" class=\"wp-image-3821\" \/><\/span>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_blurb et_pb_blurb_1  et_pb_text_align_left  et_pb_blurb_position_top et_block_module et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_blurb_content\">\n\t\t\t\t\t\n\t\t\t\t\t<div class=\"et_pb_blurb_container\">\n\t\t\t\t\t\t\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"et_pb_blurb_description\"><p><span style=\"font-size: 10pt\">Ona bei der Arbeit in der Fabrik (Bild in den 80er Jahren aufgenommen)<\/span><\/p><\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_column_1_2 et_pb_column et_pb_column_5  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_3  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>Die Familie lebte damals wie heute in der zentral in Litauen gelegenen Kleinstadt Kedainiai, welche in den 90ern kein immer sicheres Pflaster darstellte. Schl\u00e4gereien auf der Stra\u00dfe geh\u00f6rten zum Alltag, ebenso Diebstahl und Messerstechereien. Paulius erinnert sich daran, dass sein Vater und er f\u00fcr gew\u00f6hnlich seine Mutter gemeinsam vom Supermarkt abholten, wenn es dunkel wurde. Einmal stie\u00dfen ihn mehrere M\u00e4nner vom Fahrrad, um dieses zu stehlen. \u201eDanach habe ich mit Karate und Selbstverteidigung angefangen\u201c, erz\u00e4hlt er. Zum Stadtbild geh\u00f6rten auch Stra\u00dfengangs, um die man besser einen Bogen machte. Manche Bezirke sollten die Menschen nachts daher nicht betreten. Edita berichtet von vor allem in gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten aktiven mafi\u00f6sen Strukturen. Gingen Besitzer*innen eines Ladens oder einer Firma auf die Schutzgelderpressungen nicht ein, wurden H\u00e4user in Brand gesteckt. Die Polizei schien machtlos, diesen Strukturen zu begegnen. \u201eDie Polizei war selbst total korrupt und als Institution schwach\u201c, erinnert sie sich.<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_4  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_4_4 et_pb_column et_pb_column_6  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_4  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>Auch die nach der Unabh\u00e4ngigkeit einsetzende Emigrationswelle hinterlie\u00df sp\u00fcrbare Folgen. So ist die Bev\u00f6lkerung seit 1991 um mehr als eine halbe Million Menschen geschrumpft. Oftmals verlie\u00dfen vor allem junge Menschen auf der Suche nach besseren Arbeitsbedingungen das Land, in den 90er Jahren stellte Gro\u00dfbritannien das beliebteste Auswanderungsziel dar.<\/p>\n<p>Anfang der 2000er bemerkte die Familie erste Verbesserungen im Alltag. Die \u00f6konomische Krise entsch\u00e4rfte sich schrittweise. Zunehmend stabilisierte sich der litauische Staat durch neu geschaffene Institutionen, Reformprozesse und den Aufbau internationaler Beziehungen. 2004 wurde Litauen, das seit seiner Unabh\u00e4ngigkeit eine Orientierung in Richtung Westen angestrebt hatte, Mitglied der Europ\u00e4ischen Union sowie der NATO.<\/p>\n<p>Heute geh\u00f6ren die \u201ewilden 90er\u201c der Vergangenheit an, haben aber Spuren hinterlassen. Die Ende der 80er und in den 90ern geborene Millenial-Generation in Litauen erlebte die sowjetische \u00c4ra selbst nicht mehr, dennoch wurde ihr Aufwachsen durch die Auswirkungen der Aufl\u00f6sung des Systems nachhaltig gepr\u00e4gt. Sie haben den Ruf, besonders individualistisch und eigenst\u00e4ndig zu sein, da sie fr\u00fch lernen mussten, alleine zurecht zu kommen. Paulius glaubt, er habe Dinge wertsch\u00e4tzen gelernt, die in seiner Kindheit nicht selbstverst\u00e4ndlich waren. \u201eWenn man diesen Jahren doch etwas Positives abgewinnen will\u201c, sagt er heute, \u201edann vielleicht, dass ich dadurch ein dickes Fell gewonnen habe.\u201c<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_5  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_4_4 et_pb_column et_pb_column_7  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_5  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt\"><b>Von Orientierungslosigkeit, Alkohol und den vermeintlichen Nazis im Westen<\/b><\/span><\/p>\n<p><em><b>Interview mit Paulius\u00b4 Onkel Arunas Go\u0161<\/b><b>tautas, 1970 geboren, \u00fcber die 90er Jahre in Litauen<\/b> <\/em><\/p>\n<p><i>Arunas Go<span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">\u0161<\/span><\/i><i>tautas erlebte den \u00dcbergang von der Sowjetunion zum heutigen Litauen als 20-J\u00e4hriger, der gerade seinen zweij\u00e4hrigen sowjetischen Milit\u00e4rdienst im russischen Murmansk leistete. Das Interview fand mit litauischer \u00dcbersetzung statt.<\/i><span style=\"color: #000000\"><i><br \/><\/i><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p lang=\"en-US\"><b>How do you remember the first years after Lithuania gained independence?<\/b><\/p>\n<p lang=\"en-US\" style=\"text-align: left\" align=\"JUSTIFY\">It was a fast changing moment. One minute you were living in one system and the next minute you were already establishing and creating something new. Everything started to change radically after 11th March, 1990 <i>(Anm. d. Red.: Tag der litauischen Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung)<\/i>. I remember I was in the army and my duties were coming to an end. I started my time in military in one system and finished it in another one. Those were crazy times. For me as a young 20 year old it was too much. I felt so lost and without a place when I got back from the army. I felt very uncertain how my future would look like. At that moment I didn\u2019t understand clearly what was going on. I remember that when I got back, there was so much uncertainty. You were not sure how you were going to live a year later or in a 10-year period from that day \u2013 you were not even sure about the next day. Many factories, companies and institutions were closed, lots of losses and shutdowns. At that moment I was living from part-time-jobs, so for me it wasn\u2019t very bad, but I know that for other people those years from the 90s to the end of the century were especially difficult. The salaries were low, social guarantees were unreliable and the legal system was very shady.<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_6  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_1_2 et_pb_column et_pb_column_8  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_6  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p lang=\"en-US\"><b>How safe was it to live in Lithuania in that time?<\/b><\/p>\n<p lang=\"en-US\">I remember that you could open any newspaper and it would be full of stories about crime, mafia wars, shooting, looting, thievery etc. Mafia shootings and attacks were happening everywhere on a weekly basis. It was a difficult time to keep your car outside, leave your home unattended or carry big amounts of cash with you. When you would call the police to tell them about an incident happening they would reply that they were too busy and did not have any capacities to send anybody.<\/p>\n<p lang=\"en-US\"><b>What other problems were burdensome? <\/b><\/p>\n<p><span lang=\"en-US\">We all had financial worries. Back then there was no trading or fiscal system. People were making money by trading goods on the black market. Since the tax system was still in a developing stage, commerce specialists had their golden age. Living off your regular salary was very difficult, so you definitely needed a side work or even several to earn some more money. Blat <\/span><span lang=\"en-US\"><i>(Anm. d. Red.: Das russische Wort \u201cBlat\u201d bedeutet \u00fcbersetzt Vetternwirtschaft und steht als Begriff f\u00fcr ein korruptes System u.a. aus Schwarzmarkt, informellen Absprachen und Einflussnahme in der Politik)<\/i><\/span><span lang=\"en-US\"> was common everywhere.<\/span><\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_column_1_2 et_pb_column et_pb_column_9  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_image et_pb_image_2\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<span class=\"et_pb_image_wrap \"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"851\" height=\"1496\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/IMG-20220128-WA0004.jpg\" alt=\"\" title=\"IMG-20220128-WA0004\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/IMG-20220128-WA0004.jpg 851w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/IMG-20220128-WA0004-480x844.jpg 480w\" sizes=\"(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 851px, 100vw\" class=\"wp-image-3822\" \/><\/span>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_blurb et_pb_blurb_2  et_pb_text_align_left  et_pb_blurb_position_top et_block_module et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_blurb_content\">\n\t\t\t\t\t\n\t\t\t\t\t<div class=\"et_pb_blurb_container\">\n\t\t\t\t\t\t\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"et_pb_blurb_description\"><p><span style=\"font-size: 10pt\">Ein 2-j\u00e4hriger Wehrdienst war in der Sowjetunion verpflichtend<\/span><\/p><\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_7  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_4_4 et_pb_column et_pb_column_10  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_7  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p><span lang=\"en-US\"> If you didn\u00b4t have any connections or contacts, you couldn\u00b4t find a good job. Procedures like nepotism and corruption through family connections were deeply rooted in the Soviet system. After the independence the system was legally different, but everything else was still the same. <\/span><\/p>\n<p lang=\"en-US\"><b>What was your job situation like? <\/b><\/p>\n<p lang=\"en-US\">One of my colleagues proposed to go to Germany, because the work we had was just a part-time-job and we needed money. We went there as a group of four co-workers in hope of finding just any job to earn some money. My expectations were very different from reality. I remember a lot of propaganda on the news, where they were telling us that Western Europe was full of crimes and Nazis and Fascists. In general they made it sound like a very bad place to be. But when I got there everything was so different. I was so impressed by everything I saw: Cars, buildings, people. The sense of community was very strong. People were so generous and helpful, they always turned to you if you needed help or support. You could feel that a human being was getting respect and was valued there - unlike in our Soviet world, where everyone was forced to believe, that we had the strongest community bound, but in truth everybody was just fighting to survive and I think the dignity of the human being was destroyed.<\/p>\n<p lang=\"en-US\"><b>What role did alcohol play in society at that time? <\/b><\/p>\n<p lang=\"en-US\">A big role. Uncertainty about your pension, insurance or your work situation - everything was very fragile, so alcohol was one of those things, that helped to forget about things. I was also involved in drinking, but when I went to Germany, I realized that drinking can also be understood differently. I believe that drinking was a way to escape the depression and false hopes and it gave you this feeling of pretending to be somebody that you\u00b4re actually not.<\/p>\n<p lang=\"en-US\"><b>What was your opinion on independence before and after it actually happened? <\/b><\/p>\n<p lang=\"en-US\" style=\"text-align: left\" align=\"JUSTIFY\">If you would have asked me back then, when I was in my 20s, I would have said, that we didn\u2019t need independence. I\u00b4m speaking about that shock I got after coming back from army and finding myself in a completely different system. But if you ask me now, when I\u2019m 30 years older, I tell you I\u2019m very happy, that it happened. I remember I always wanted to come back to Lithuania to live here, I didn\u2019t want to move anywhere else <i>(Anm. d. Red.: Arunas pendelte 10 Jahre bis Anfang der 2000er zwischen Litauen und Deutschland, wo er f\u00fcr ein Bauunternehmen t\u00e4tig war).<\/i> In the 2000s things started getting better and you could personally feel the change. When I look at my country now I\u00b4m thinking: \u201cWow, I cannot believe how much we achieved in just 20 years\u201d. The gap between Western and Eastern Europe is getting smaller and smaller every year. Our institutions are very effective now: police, military, special forces. We have systems, that can compete with other countries and be rated as equal. We were left without a thing: no money, no infrastructure, no working institutions, but just chaos and uncertainty. And slowly you see that things are changing for the better. And look at Lithuania today: The crime rate is the smallest in history, corruption is suppressed.<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":13654,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_bbp_topic_count":0,"_bbp_reply_count":0,"_bbp_total_topic_count":0,"_bbp_total_reply_count":0,"_bbp_voice_count":0,"_bbp_anonymous_reply_count":0,"_bbp_forum_subforum_count":0,"_et_pb_use_builder":"on","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[207,849566,849609,849391,345397],"tags":[849611,52057,846561,849574],"class_list":["post-3818","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-ariane-brachmann","category-baltikum","category-ies-erklaert-europa","category-interviews","tag-90er","tag-litauen","tag-sowjetunion","tag-unabhaengigkeit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3818","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/13654"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3818"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3818\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4010,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3818\/revisions\/4010"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3818"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3818"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3818"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}