{"id":3277,"date":"2022-01-22T13:04:11","date_gmt":"2022-01-22T12:04:11","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/?p=3277"},"modified":"2022-02-12T13:08:19","modified_gmt":"2022-02-12T12:08:19","slug":"sport-und-politik-die-olympischen-winterspiele-in-peking-2022","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/2022\/01\/22\/sport-und-politik-die-olympischen-winterspiele-in-peking-2022\/","title":{"rendered":"Sport und Politik &#8211; Die Olympischen Winterspiele in Peking 2022"},"content":{"rendered":"<div class=\"et_d4_element et_pb_section et_pb_section_0  et_pb_css_mix_blend_mode et_section_regular et_block_section\" >\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_0  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_4_4 et_pb_column et_pb_column_0  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_0  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><blockquote><p><i>\"The goal of the Olympic Movement is to contribute to building a peaceful and better world by educating youth through sport practiced without discrimination of any kind and the Olympic spirit, which requires mutual understanding with a spirit of friendship, solidarity and fairplay.<\/i><i>\" (1) - <\/i>The International Olympic Committee<\/p><\/blockquote><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_1  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_4_4 et_pb_column et_pb_column_1  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_1  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\">Im Februar dieses Jahres finden die Olympischen Winterspiele in Peking statt. Trotz Corona werden Zuschauer:innen erwartet. Zwar sind ausschlie\u00dflich Personen zugelassen, die sich dauerhaft in China aufhalten, doch selbstverst\u00e4ndlich werden die Spiele auch im Fernsehen \u00fcbertragen. Ob uns dieses Jahr auch Eindr\u00fccke abseits der Pisten, Schanzen und Bahnen gew\u00e4hrt werden, ist unklar. Denn internationale Medien sind in Peking nur dort gew\u00fcnscht, wo auch tats\u00e4chlich Sport getrieben wird. Viele Reporter:innen ausl\u00e4ndischer Medien berichten \u00fcber massive Einschr\u00e4nkungen ihrer Rechte. Vielerorts ist es verboten zu filmen, manche Orte sind f\u00fcr Ausl\u00e4nder:innen schlicht unzug\u00e4nglich. Komplizierte, stets wechselnde Richtlinien im Umgang mit dem Coronavirus werden h\u00e4ufig als Vorwand genutzt, um Journalist:innen abzuweisen. <\/div>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_2  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>Die Spiele in Peking sind hoch umstritten. Die kontinuierliche Versch\u00e4rfung der Menschenrechtslage in China bringt manche dazu, einen Boykott der Spiele zu fordern. Andere halten Olympia f\u00fcr symbolisch wichtig im Dialog zwischen der aufstrebenden Gro\u00dfmacht China und der westlichen Welt. Die Debatte um den Austragungsort Peking wurde schon einmal gef\u00fchrt. Bereits 2008 fanden Olympische Spiele in Peking statt, jedoch die Sommer-Variante. Damals wurde insbesondere der Umgang der chinesischen Regierung mit der tibetischen Protestbewegung, die brutal niedergeschlagen wurde, kritisiert. Bef\u00fcrworter:innen der Spiele in Peking 2008 argumentierten, Olympia sei eine Chance f\u00fcr China, sich international Respekt zu verschaffen und Verantwortung im globalen Kontext zu zeigen. Doch wie sich herausstellte, hat das olympische Spotlight, anders als erhofft, nicht f\u00fcr eine Demokratisierungswelle in China gesorgt.<\/p>\n<p>Die Menschenrechtslage in China hat sich seit 2008 nur verschlechtert. Besonders schockierend sind Berichte \u00fcber hunderte Internierungslager f\u00fcr die muslimische Minderheit der Uiguren in der chinesischen Provinz Xinjiang. Ebenso zu erw\u00e4hnen ist die Protestbewegung in Hongkong, auf dessen Forderungen die chinesische Regierung mit weiteren Repressionen reagierte. Zuletzt wurde das Verschwinden der chinesischen Tennisspielerin Peng Shuai thematisiert, die zuvor Vergewaltigungsvorw\u00fcrfe gegen einen Funktion\u00e4r der kommunistischen Partei erhoben hatte. Sportler:innen weltweit solidarisierten sich mit Shuai und fragten nach ihrem Verbleib. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) sah sich auf Druck der US-amerikanischen und britischen Regierung hin gezwungen, den Fall aufzukl\u00e4ren. Thomas Bach pers\u00f6nlich, der Chef des IOCs, hatte daraufhin die M\u00f6glichkeit, eine halbe Stunde mit der Athletin per Videokonferenz zu sprechen - und gab sich zufrieden. W\u00e4hrend des Gespr\u00e4chs beteuerte Shuai, es gehe ihr gut. Die Medien h\u00e4tten ihre Anschuldigung des sexuellen \u00dcbergriffs falsch aufgegriffen. Au\u00dferdem werde sie sich in Zukunft aus der Tenniswelt zur\u00fcckziehen. Doch Menschenrechtsorganisationen zweifeln an der Echtheit des Gespr\u00e4chs. Es sei offensichtlich, dass Shuai Antworten vorgegeben worden seien.<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_2  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_4_4 et_pb_column et_pb_column_2  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_3  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\">IES-Student und mein Kommilitone, Marcel Eichler, verfolgt die politische Debatte um die Olympischen Spiele bereits seit langem. F\u00fcr mich, die sich wenig mit den Olympischen Spielen selbst auskennt, daf\u00fcr in letzter Zeit aufmerksam den medialen Wirbel um Peking 2022 verfolgt hat, war Marcel der geeignete Kontakt, um sich \u00fcber genau dieses Thema auszutauschen. <\/div>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_4  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><blockquote>\n<p>Ella: Wirst du die Olympischen Spiele diesen Februar in Peking verfolgen? Oder bist du \u00fcberhaupt kein Wintersport-Fan?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Marcel:<i> F\u00fcr mich am interessantesten an den Olympischen Spielen ist die Er\u00f6ffnungs- und Abschlusszeremonie, weil sich dort jedes Land irgendwie inszenieren muss. Am Applaus des Publikums kann man dann immer erkennen, welche L\u00e4nder zu den guten Freunden des einlaufenden Landes geh\u00f6ren, was politisch interessant ist. Die Zeremonien werde ich also wahrscheinlich verfolgen, den sportlichen Teil eher weniger.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>E: Welche Probleme ergeben sich nun, dass die Spiele in Peking stattfinden werden?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>M: <i>Wenn autorit\u00e4re Staaten die Olympischen Spiele ausrichten, dann gibt es immer gro\u00dfe politische Bedenken, da ist China keine Ausnahme. Es ist jetzt das zweite Mal, dass Peking die Olympischen Spiele ausrichtet. 2008 war Peking schon einmal dran.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>E: 2008 waren es die Sommerspiele, nun sind es die Winterspiele. Hierf\u00fcr mussten zahlreiche neue Sportst\u00e4tten gebaut werden. Manche kritisieren den Austragungsort, weil dort kaum Schnee liegt und dementsprechend viel Kunstschnee produziert werden muss, was in keinster Weise nachhaltig ist. Doch Kunstschnee geh\u00f6rt schon lange zu den Winterspielen. Hauptkritikpunkt des Austragungsorts Peking ist die Menschenrechtslage in China. Anders als beim umstrittene Austragungsort der kommenden Fu\u00dfballweltmeisterschaft, Katar, lassen sich Menschenrechtsverletzungen in China nicht strukturell mit dem Bau der Sportst\u00e4tten in Verbindung bringen. Denkst du also, die Olympischen Spiele in Peking sind, anders als in Katar, <i>kein <\/i>Katalysator f\u00fcr die kontinuierliche Deliberalisierung chinesischer Politik?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>M: <i>Nein. Es w\u00fcrde mich sogar wundern, wenn es hier keine systematische Ausbeutung gegeben h\u00e4tte. Im Gegensatz zu Katar halte ich es jedoch f\u00fcr schwieriger, Informationen aus China herauszuschmuggeln.\u00a0<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>E: Du meinst also, der chinesische \u00dcberwachungsstaat hat sich so weit etabliert, dass es auch oder sogar insbesondere internationalen Journalist:innen erschwert wurde und wird, \u00fcber die Spiele zu berichten?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>M: <i>Genau. Ich bin mir sicher, dass es auch im Kontext der Vorbereitungen der Spiele zu Menschenrechtsverletzungen gekommen ist und nach wie vor kommen wird. Man hat sie nur nicht gesehen.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>E: Nun gibt es einen riesigen Diskurs, der sich weniger um die Spiele selbst als um die allgemeine politische Situation in China dreht. Forderungen nach einer Absage der Spiele werden laut, viele verlangen eine deutliches Bekenntnis zu den Menschenrechten. Diese Forderungen richten sich haupts\u00e4chlich an das IOC. Doch das IOC betont das Neutralit\u00e4tsgebot im Sport. Laut Paragraph 50 der Bestimmungen des IOC sollte es vermieden werden, dass die Spiele zur \u201cPlattform f\u00fcr Proteste, Demonstrationen oder die F\u00f6rderung politischer, religi\u00f6ser oder rassistischer Werbung\u201d (2) werden. Es folgt die Erkl\u00e4rung: \"Regel 50 dient nicht dem Zweck \u00f6ffentliche Diskussionen \u00fcber ein beliebiges Thema zu unterdr\u00fccken. Das IOC ist jedoch der Auffassung, dass man sich im Olympischen Dorf sowie an den Austragungsst\u00e4tten der Spiele auf den Sport konzentrieren sollte (...).\u201d (2)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>M: <i>Einerseits verstehe ich, dass das IOC sich aus den politischen Angelegenheiten raushalten m\u00f6chte und sich als politisch neutrale Institution versteht. Dennoch ist es offensichtlich, dass die Olympischen Spiele unm\u00f6glich unpolitisch sein k\u00f6nnen, einfach durch die Gr\u00f6\u00dfe. \u00dcberall da, wo mehrere Kulturen an einem Ort f\u00fcr einen gemeinsamen Zweck vereint werden, gibt es Politik. Es war vielleicht eine ehemals noble Idee, den Sport von der Politik trennen zu wollen, aber ich halte sie f\u00fcr unrealistisch. Solche L\u00e4nder wie Russland und China leben nunmal davon, ihre Athleten samt gigantischer politischer Delegation zu den Spielen zu senden, weil das ihr politisches Kapital ist. Diese L\u00e4nder nutzen die Spiele f\u00fcr ihre eigene, inl\u00e4ndische Propaganda. Fr\u00fcher beispielsweise, als die DDR und die BRD ein gemeinsames Team [jeweils 1956, '60 und '64] gestellt haben, wurde dies auch als politisches Signal aufgegriffen, und das wiederum fand das IOC gro\u00dfartig. Das ist ein Doppelstandard.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>E: Du meinst also, man sollte nicht vom Sport ablenken, aber diese Events zu depolitisieren findest du k\u00fcnstlich. Wie sollte das IOC denn eingreifen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>M:<i> Ich denke, das IOC befindet sich in einer Situation, in der es nichts richtig und alles falsch machen kann. Wenn sie sagen w\u00fcrden, wir canceln die Spiele in China, dann w\u00fcrde China vermutlich aus dem Komitee austreten. Dann w\u00fcrde das weltweit bev\u00f6lkerungsreichste Land nicht an den Olympischen Spielen teilnehmen. Das bedeutet nicht nur wirtschaftlich, sondern auch ideell Schaden, zumal die Spiele ein Ereignis der Einigung sind. Andererseits ist es gar nicht hinnehmbar, dass in China Menschenrechte mit F\u00fc\u00dfen getreten werden. Es entsteht ein Dilemma.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>E: Richtig, es stehen auch wirtschaftliche Interessen im Vordergrund. Welche zum Beispiel?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>M: <i>Das Olympische Komitee ist zwar nicht ganz so korrupt wie die FIFA, aber beinah. Internationale Sportverb\u00e4nde ziehen Korruption in gro\u00dfem Stil einfach an. Es gibt keine Disziplin, in der das nicht so ist. Allein die ganzen Werbevertr\u00e4ge. Der Sport soll unpolitisch sein, ist gleichzeitig aber eine riesige Werbeveranstaltung. Ich bin mir sicher, dass auch chinesische Firmen ein Interesse an der Austragung der Spiele in Peking haben, ebenso wie das IOC als deren Vertragspartner.\u00a0<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>E: Mal von der Komitee-Perspektive abgesehen, sind ja die Athletinnen und Athleten die zentralsten Akteur:innen der Spiele. Gibt es unter ihnen ein Bewusstsein f\u00fcr die politische Situation in China?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>M:<i> Ich denke, dass sich auch Sportlerinnen und Sportler zu Peking ge\u00e4u\u00dfert haben, gerade mit Blick auf die Proteste in Hongkong. Hongkong hat sogar ein eigenes Olympia-Team, das antritt. F\u00fcr sie wird es jedoch kaum m\u00f6glich sein, offen Kritik zu \u00e4u\u00dfern. In dem Fall w\u00fcrden sie vermutlich an China ausgeliefert werden, auch wegen des neuen Sicherheitsgesetzes.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>E: Vereinzelte deutsche Sportler:innen haben sich auch zu der Thematik ge\u00e4u\u00dfert. F\u00fcr sie steht meistens ihre eigene Karriere im Vordergrund. Unterst\u00fctzung f\u00fcr einen Boykott der Spiele gibt es hier nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>M:<i> Das kann ich nachvollziehen. Die Spiele finden nur alle vier Jahre statt, da kann so ein Ausfall das Karriere-Aus bedeuten, zumal sich einige der Athletinnen und Athleten auf dem H\u00f6hepunkt ihrer Leistungsf\u00e4higkeit befinden. So erging es beispielsweise den Sportlern, die zur Zeit des Kalten Krieges nicht an den Spielen 1980 in Moskau teilnehmen konnten.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>E: Nichtsdestotrotz werden manche Menschen systematisch \u00fcberhaupt daran gehindert, eine solche Karriere jemals anzutreten. Ich denke hier an die Uiguren, welche von der chinesischen Regierung zwangsinterniert werden und kulturelle Umerziehungsprogramme durchlaufen m\u00fcssen. Muss nicht irgendjemand auf diese Zust\u00e4nde aufmerksam machen? \u00a0 Was h\u00e4ltst du denn vom \u201cdiplomatischen Boykott\u201d, so wie es zun\u00e4chst die USA, sp\u00e4ter auch Gro\u00dfbritannien, Australien und Neuseeland, angek\u00fcndigt haben?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>M: <i>Das ist eine sehr elegante L\u00f6sung. Der Sport kann stattfinden, jedoch ohne jegliches politisches Prestige. H\u00e4ufig wundert man sich, was politische Vertreter:innen \u00fcberhaupt bei solchen Events zu suchen haben. Doch die Olympischen Spiele werden h\u00e4ufig automatisch mit den jeweiligen Staatsoberh\u00e4uptern in Verbindung gebracht. Ohne Biden, ohne Harris, ohne Blinken, eine leere Trib\u00fcne - das hat schon einen Effekt. Dann sitzen Xi Jinping, Putin und Kim Jong Un alleine da.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>E: Du h\u00e4ltst das also f\u00fcr ein wirkungsvolles Mittel. Kritiker:innen dieses Modells argumentieren, man bewirke so genau das Gegenteil der eigentlichen Intention - eine sichtbare Entpolitisierung der Spiele seitens der Westm\u00e4chte. So \u00fcberlie\u00dfe man die B\u00fchne einzig und allein China. W\u00e4re es denn nicht eine Chance f\u00fcr Politiker:innen, vor Ort Stellung zu beziehen? Oder w\u00e4re das zu provokant?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>M:<i> Ich f\u00e4nde das \u00e4u\u00dferst interessant, wenn alle Staats- und Regierungschefs ihre diplomatische Immunit\u00e4t nutzen w\u00fcrden, um Protestbanner aufzuspannen. Aber China wird wohl immer einen Weg finden, sich selbst als H\u00fcter der Olympischen Werte darzustellen und andere M\u00e4chte zu diskreditieren. Chinesische Propaganda ist da sehr geschickt. China wird seine B\u00fchne bekommen - ob mit oder ohne die anderen. Dass sich die EU einheitlich f\u00fcr einen Boykott der Spiele ausspricht, halte ich ohnehin f\u00fcr unwahrscheinlich. Nicht, wenn Ungarn mitmischt.\u00a0<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>E: Verstehe. Kritik wurde ja bereits bei der Vergabe der Spiele an Peking 2015 ge\u00e4u\u00dfert. Die Strategie des IOC, die durch die Austragung der Spiele gesteigerte internationale Aufmerksamkeit w\u00fcrde die Menschenrechtslage in China nur verbessern, sei gescheitert. Dies wird an den Sommerspielen 2008 festgemacht, seitdem sich die politischen Verh\u00e4ltnisse eher verschlechtert als verbessert haben. Was h\u00e4ltst du von dieser Taktik?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>M: <i>Die Idee, dass China durch mehr Aufmerksamkeit mehr f\u00fcr die Menschenrechte tun wird, halte ich f\u00fcr naiv. China ist das zweitm\u00e4chtigste Land der Welt und dementsprechend prominent. Ganz im Gegenteil, der \u201cfame\u201d bringt noch mehr Handelsvertr\u00e4ge mit sich, noch mehr Aufr\u00fcstung, noch mehr Zwangsarbeit. Die Idee des Boykott und der Sanktionen halte ich f\u00fcr besser.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>E: 2022 steht noch ein weiteres sportliches Gro\u00dfevent an, und zwar die Fu\u00dfballweltmeisterschaft in Katar. Der Diskurs um Katar \u00fcberlagert nahezu den \u00fcber Olympia, zumindest im fu\u00dfballaffinen Europa. Denkst du, dass der Umgang mit Olympia ausschlaggebend f\u00fcr den Umgang mit Katar ist? Oder kannst du dir vorstellen, dass sich bis dahin die Dinge \u00e4ndern?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>M:<i> Im Fu\u00dfball sehe ich mehr Chancen auf einen Boykott, allein weil es mehrere Fu\u00dfballevents pro Jahr gibt. Da w\u00e4re der wirtschaftliche Schaden vielleicht nicht ganz so hoch. Der Vierjahresrhytmus ist zwar gleich wie bei den Olympischen Spielen, aber immerhin gibt es j\u00e4hrlich weitere \u00fcberregionale Wettbewerbe. Aber nat\u00fcrlich w\u00fcrde dies Milliardenverluste f\u00fcr die Sponsoren bedeuten, deren Interessen f\u00fcr die FIFA bekanntlich an erster Stelle stehen. Sollten nun Teams wie Deutschland ank\u00fcndigen, die Spiele zu boykottieren, w\u00e4re dies ein echter Schaden. Ein walisischer Boykott w\u00e4re vermutlich tolerierbar.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>E: Die d\u00e4nische Mannschaft beispielsweise konnte Sponsoren \u00fcberzeugen, ihre Werbefl\u00e4chen f\u00fcr Pro-Menschenrechtsbotschaften zu nutzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>M: <i>Das ist ja mal was, da sehe ich Potenzial. Normalerweise sind solche Botschaften aber verboten. Ich erinnere mich an die Debatte w\u00e4hrend der Europameisterschaft, als die M\u00fcnchener Allianz-Arena w\u00e4hrend des Spiels gegen Ungarn in Regenbogenfarben erstrahlen sollte, als Zeichen gegen jenes neue Gesetz, welches sich gegen die LGBTIAQ+ richtet. Das hat die UEFA verboten, weil sie Ungarn als Spielstandort brauchten.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>E: Die Debatte um Katar wird gerade zus\u00e4tzlich dadurch angeheizt, dass FIFA-Chef Gianni Infantino seinen Hauptwohnsitz nach Katar verlegt haben soll. Aber bleiben wir bei Olympia! Nun wollen wir abstrahieren und kommen zur finalen Frage: Kann man Politik und Sport tats\u00e4chlich voneinander trennen? Sollte man dies?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>M:<i> Ich w\u00fcsste nicht, wie man es tun k\u00f6nnte. Alles ist politisch. Politik ist letztendlich nur die Ordnung unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens und Sport ist ein gro\u00dfer Teil davon. Die Idee, die Olympischen Spiele wieder auferstehen zu lassen, war auch eine politisch motivierte. [Der Franzose Pierre de Coubertin sah die Spiele zum Ende des 19. Jahrhunderts als Chance, einen europ\u00e4ischen Sportsgeist zu wecken und einen friedlichen Wettkampf ohne Waffengewalt zu veranstalten.] Bereits die antiken Olympischen Spiele waren politisiert. Gro\u00dfe Sportevents sind auch fester Bestandteil internationaler Diplomatie. Wird die politische Situation der Austragungsl\u00e4nder ignoriert, gleicht dies politischer Apathie.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>E: Vielen Dank f\u00fcr deine Einsch\u00e4tzung!<\/p>\n<\/blockquote><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_3  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_4_4 et_pb_column et_pb_column_3  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_5  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>Angesichts der laufenden Diskussion um die Politisierung des Sports und insbesondere den Paragraphen 50 im IOC Regelwerk positioniert sich das IOC laut Deutschlandfunk wie folgt: \u201cWenn man einen Protest [erlaubt], [muss] man alle erlauben, egal ob Anti-Rassismus Demonstration oder der Milit\u00e4rgru\u00df an einen Diktator.\u201d (3) Ich bin ziemlich perplex \u00fcber diese Logik. Wer denkt, eine Demonstration, die Aufmerksamkeit auf die nach wie vor rassistischen Gesellschaftsstrukturen lenken soll und die Forderungen nach Gleichberechtigung symbolisiert, sei gleichzusetzen mit einer Geste, die als Symbol von Repression und Gewalt gilt, der hat etwas grunds\u00e4tzlich missverstanden. Sich hier auf das \u201cNeutralit\u00e4tsgebot\u201d zu berufen, zeigt, wie flexibel das IOC mit der Interpretation Olympischer Werte umgeht. Denn <i>neutral <\/i>bedeutet im Zweifel auch nur die passive Anerkennung bestehender Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Die chinesische Regierung hat nun noch einmal deutlich gemacht, keinerlei Form politischen Protests zu tolerieren. \u00c4u\u00dferungen, die unvereinbar mit den Olympischen Werten seien oder sich gegen chinesische Gesetze sowie Regulierungen richteten, w\u00fcrden geahndet. So sei es m\u00f6glich, den Athletinnen und Athleten die Akkreditierung zu entziehen. Welche anderen Strafma\u00dfnahmen in Erw\u00e4gung gezogen werden, wurde nicht genannt. Unter anderem deutsche Sportler:innen wurden mittlerweile dazu aufgerufen, ihre privaten Handys zu Hause zu lassen und in Peking stattdessen eigens f\u00fcr die Spiele angefertigte Smartphones zu nutzen. Hintergrund ist die Angst vor Spionage durch den chinesischen Geheimdienst. Des Weiteren werden Sportler:innen vor der Abreise gewarnt, ihre Meinung zu den Spielen offen kund zu tun. Alles k\u00f6nne anschlie\u00dfend politisiert und von der chinesischen Regierung als inakzeptabel eingestuft werden.<\/p>\n<p>Es ist absurd, dass die vom IOC hoch gepriesenen Olympischen Werte sich nun gegen die Athletinnen und Athleten selbst wenden. Die chinesische Regierung hingegen nutzt dieses Label, um im Land das eigene Image aufzuwerten und ein ewig starkes China zu propagieren. Und das IOC - bleibt stumm.<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_4  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_4_4 et_pb_column et_pb_column_4  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_6  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>Quellen:<\/p>\n<p>(1) <a href=\"https:\/\/olympics.com\/ioc\/olympic-values\">https:\/\/olympics.com\/ioc\/olympic-values<\/a><\/p>\n<p>(2)<a href=\"https:\/\/cdn.dosb.de\/user_upload\/Olympische_Spiele\/PyeongChang_2018\/19b_Rule50_Q_A_GER.pdf\"> https:\/\/cdn.dosb.de\/user_upload\/Olympische_Spiele\/PyeongChang_2018\/19b_Rule50_Q_A_GER.pdf<\/a><\/p>\n<p>(3) <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/regel-50-der-olympischen-charta-die-stimmen-der-100.html\">https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/regel-50-der-olympischen-charta-die-stimmen-der-100.html<\/a><\/p>\n<p>Beitragsbild: Der \"Olympic Tower\" in Peking. Unsplash - Zhang Kaiyv<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":12782,"featured_media":3291,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_bbp_topic_count":0,"_bbp_reply_count":0,"_bbp_total_topic_count":0,"_bbp_total_reply_count":0,"_bbp_voice_count":0,"_bbp_anonymous_reply_count":0,"_bbp_topic_count_hidden":0,"_bbp_reply_count_hidden":0,"_bbp_forum_subforum_count":0,"_et_pb_use_builder":"on","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[207,849396,849544,345397,849398,849586,13870],"tags":[849591,849586,849590,849589,255,13870],"class_list":["post-3277","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-ella-baumann","category-europa-und-sport","category-interviews","category-marcel-eichler","category-olympia","category-sport","tag-boykott","tag-olympia","tag-olympische-winterspiele","tag-peking","tag-politik","tag-sport"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3277","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/12782"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3277"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3277\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3737,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3277\/revisions\/3737"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3291"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3277"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3277"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3277"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}