{"id":3255,"date":"2022-03-18T14:40:17","date_gmt":"2022-03-18T13:40:17","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/?p=3255"},"modified":"2022-03-18T14:40:17","modified_gmt":"2022-03-18T13:40:17","slug":"zweites-interview-mit-einer-ddr-zeitzeugin-umgang-mit-einer-neuen-wirklichkeit-teil-22","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/2022\/03\/18\/zweites-interview-mit-einer-ddr-zeitzeugin-umgang-mit-einer-neuen-wirklichkeit-teil-22\/","title":{"rendered":"Zweites Interview mit einer DDR-Zeitzeugin: Umgang mit einer neuen Wirklichkeit (Teil 2\/2)"},"content":{"rendered":"<p><em>Willkommen zur\u00fcck, liebe Leser*innen,<\/em><\/p>\n<p><em>zum zweiten Teil dieses Interviews. Im ersten Teil sprach eine Zeitzeugin \u00fcber die Zeit nach dem Mauerfall aus ihrer Sicht, und hier geht es um die weiterreichenden Reaktionen der Politiker*innen, und der Gesellschaft des Landes.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wie war die internationale Reaktion? Wurde dar\u00fcber \u00fcberhaupt berichtet?<\/strong><\/p>\n<p>Doch, wurde. Und ich glaube, in der Masse hat man sich schon gefreut, oder Anteil genommen, weil das da Familien zerrissen hatte und Menschen bespitzelt wurden, das wusste ja die ganze Welt. Aber man hatte schon auch Zweifel daran, obs ne gute Idee war, ein ehemals faschistisches Land, das ja nicht umsonst unter Alliierten aufgeteilt worden war, wieder so zusammenzuf\u00fcgen, ich wei\u00df, das Gro\u00dfbritannien da skeptisch war und wenn ich mir heute ankucke, wie hoch der Anteil von Nazis und Faschisten ist, muss ich leider sagen, zurecht.<\/p>\n<p><strong>Wie sehr fiel der Tourismus der Westdeutschen auf? Was haben die so gemacht?<\/strong><\/p>\n<p>Es wurde eher sehr unangenehm. Vorher kamen eigentlich nur Leute, die Familie besucht haben und pl\u00f6tzlich kamen Leute, die Gesch\u00e4fte machen wollten und die fielen durch ein unfassbar arrogantes, herablassendes Verhalten auf, als ob wir alle bl\u00f6d w\u00e4ren und sie uns jetzt zeigen w\u00fcrden, wie man ein richtiger Kapitalist ist. Das war absto\u00dfend. Obs nen richtigen Osttourismus in dem Sinne gegeben hat, wei\u00df ich nicht. Ob da wirklich welche ihren Urlaub verbracht haben, in dem halb zerfallenen Land, das kann ich mir nicht vorstellen.<\/p>\n<p><strong>Gab es in irgendeiner Form eine Erh\u00f6hung der Gewaltbereitschaft vonseiten der Sicherheitskr\u00e4fte, wollte man etwaige Ausschreitungen unterdr\u00fccken? War das eine Gefahr?<\/strong><\/p>\n<p>W\u00fcsste ich nicht, eigentlich waren alle gl\u00fccklich. Die Frage war eher, ob da nicht westdeutsche Drogenbarone einmarschiert sind, was h\u00e4tte da so ein kleiner Ossipolizist mit seinem Fahrrad ausrichten sollen. Das hie\u00df nicht umsonst friedliche Revolution. Ich hab das vonseiten der Leute, die das gemacht haben, gesehen. Es hat auch keiner irgendwie Polizisten beleidigt oder so, wir waren immer sehr h\u00f6flich, wir haben die gegr\u00fc\u00dft, wir wussten, das sind auch nur arme Schweine, die ihren Job machen. Auf sowas waren die auch nullst vorbereitet. Nat\u00fcrlich wussten die aber auch, der Westen kuckt zu, sonst w\u00e4re da auch schneller der Schlagstock raus gewesen.<\/p>\n<p><strong>Hast du pers\u00f6nlich dar\u00fcber nachgedacht die DDR zu verlassen, und was waren deine Gr\u00fcnde daf\u00fcr bzw. dagegen?<\/strong><\/p>\n<p>Ein Jahr sp\u00e4ter. Das ist kompliziert. Ich hab damals ne Ausbildung gemacht und mein Ausbildungsbetrieb war MTV Halle, die Materialtechnische Versorgung der Landwirtschaft. Da bin ich B\u00fcrokauffrau geworden und kurz nachdem ich meinen Abschluss hatte, wurde das Ding pl\u00f6tzlich einer Baumarktkette aus Bottrop verkauft. Und statt im B\u00fcro zu sitzen, habe ich pl\u00f6tzlich Supermarktregale einger\u00e4umt. Das war ein bisschen schlimm, weil das war auch so ein Segment wie Tedi f\u00fcr Baumarkt, also das war so richtiger Schei\u00df und du konntest sehen, wie den naiven DDR-Leuten die Kohle aus der Tasche gezogen wurde, so richtig \u00fcbel. Und gleichzeitig war es pl\u00f6tzlich m\u00f6glich, dass ich an der p\u00e4dagogischen Hochschule studiere, die mich vorher eingestuft hatte als besonders geeignet, aber nicht genommen hatte, wegen einer Drei in Mathe. Ich musste mehrere F\u00e4higkeiten in Tests beweisen und ich habe das richtig gut gemacht, aber dann kam mein Zeugnis mit der Mathenote und damit war mein Traum geplatzt, was zu der Ausbildung f\u00fchrte. Und pl\u00f6tzlich hie\u00df es, ja, man kann da wieder hinkommen, kann losgehen. Und das Schr\u00e4ge war aber, dass ich auf ein Lehramt studierte f\u00fcr ein System, das es gar nicht mehr gab, aber da immernoch nach alten ostdeutschen Richtlinien gelehrt wurde. Und jede Woche fehlte irgendne Lehrkraft, die sich in den Westen aufgemacht hatte. Und es hie\u00df vorher, man kann dort mit Baf\u00f6g studieren und dass Abi, was man gar nicht hatte, weil man das im Osten nur mit Durchschnitt 1,2 oder 1,0 machen durfte, konnte man nebenher in der Abendschule machen, was dreifach die Arbeit war und pl\u00f6tzlich hie\u00df es, nur die mit Abi kriegen Baf\u00f6g und da habe ichs abgebrochen und bin nach G\u00f6ttingen gegangen.<\/p>\n<p>In G\u00f6ttingen hatte ich mich beworben und eine Fr\u00fchst\u00fcckspension geleitet. Ich hab gekocht, geputzt und war die Empfangssekret\u00e4rin. Und dann wurde die Pension verkauft und ich musste mit den verschiedenen Interessenten dort die Besichtigungen machen und dann hat der Makler, der das gemacht hat, mich sofort \u00fcbernommen. Und da war ich dann zw\u00f6lf Jahre lang und habe den Osten verkauft. Also ich war zust\u00e4ndig f\u00fcr den Au\u00dfendienst, der in Ostdeutschland Grundst\u00fccke angeboten und verkauft hat, und hab den organisatorischen Kram geregelt. Und das war schwer, du hattest ja wirklich manchmal Leute am H\u00f6rer gehabt, die ihr Leben verloren haben und die da geboren und aufgewachsen sind und dann festellen mussten, dass ihnen das rein rechtlich einfach nicht geh\u00f6rt und wo dann ganze Existenzen auf einmal den Besitzer gewechselt haben. Die konnten nichts f\u00fcr die ganzen Umst\u00fcrze und Aufteilungen, der Mauerfall war zuerst ein Gl\u00fccksfall und hat denen dann den Strick um den Hals gelegt und man ist davon ausgegangen, dass ich den Ton treffe und die Verhandlungen leichter machen kann. Ich habe da stundenlang mit heulenden Landwirten telefoniert, die sich am liebsten inner Scheune aufgeh\u00e4ngt h\u00e4tten. Und die Option war, sprich mit mir oder mit der Bank, und ich hab denen gesagt: Du hast zwei M\u00f6glichkeiten. Friss oder stirb. Friss ist, nimm alles Geld, was du kriegen kannst, und geh. Stirb ist, versuch es durchzuklagen und du bist sofort obdachlos. Wenn die mit der Bank gesprochen h\u00e4tten, h\u00e4tten sie gehangen. Ich hab in vielen F\u00e4llen aushandeln k\u00f6nnen, dass die ein lebenslanges Wohnrecht erhalten haben, in anderen F\u00e4llen haben die ja wirklich rechtlichen Besitzer denen eine Abl\u00f6se gezahlt, die ihnen eigentlich nicht zustand. Da waren ja wirklich Leute enteignet worden von der LPG* und vertrieben worden, ohne die Chance, ihre Grundst\u00fccke noch zu verkaufen und die wollten sie auch wiederhaben, aus Gr\u00fcnden der pers\u00f6nlichen Geschichte, ohne aktive Absichten dadrin zu wohnen, oder zu investieren.<\/p>\n<p><strong>Wie haben die DDR-Politiker reagiert?<\/strong><\/p>\n<p>Bevor die Mauer fiel, zeichnete sich das ja Monate ab, dass Demos waren, dass die Leute unzufrieden waren und das war so ein bisschen, wie wenn Milch hochkocht, das passiert so ein bisschen und dann ist es nicht mehr zu stoppen. Im Juli in dem Jahr hat Erich Honecker** sich quasi aus der \u00d6ffentlichkeit zur\u00fcckgezogen. Der war irgendwie auf einmal verschwunden, es hie\u00df, der ist krank und das Problem ist, dass es f\u00fcr sein Amt quasi keinen Stellvertreter gab, der das h\u00e4tte \u00fcbernehmen k\u00f6nnen, das hei\u00dft der Egon Krenz*** musste \u00fcbernehmen, war aber nicht so richtig mit Macht ausgestattet. Und er hatte jetzt auch nicht den Bombenr\u00fcckhalt in der Bev\u00f6lkerung und zur gleichen Zeit fand ja auch in Rum\u00e4nien ein Umsturz statt und dann wurde das im Osten auch so, die Milch kochte, jetzt mit Schaum, es war nicht mehr aufzuhalten dass dieser Umsturz stattfindet. Es war nur noch eine Frage von \u201eBleibt es friedlich, oder gibts Gewalt?\u201c Und im Osten wurde in den Medien dar\u00fcber kaum berichtet. Also wenn du ostdeutsche Zeitungen oder Nachrichten gekuckt hast, hast du davon nichts gewusst.<\/p>\n<p>Berichtet haben die Westmedien und \u00fcber die haben wir uns mit Wissen versorgt. Und wers nicht wusste, hats erz\u00e4hlt gekriegt, oder musste ja nur auf die Stra\u00dfe kucken. Montags 18 Uhr gings los und pl\u00f6tzlich stand ja aber der runde Jahrestag der DDR an, zu dem ich in Berlin war. Und da hat ja auch Gorbatschow sich positioniert und gesagt, dass er diese \u00d6ffnung gut finden w\u00fcrde und hat quasi demonstriert, dass er der Sache nicht im Weg stehen w\u00fcrde. Das war ja immer die gro\u00dfe Frage, was der russische Verb\u00fcndete und Alliierte denn dazu sagt. In Rum\u00e4nien haben sie gewaltt\u00e4tig den Ceau\u015fescu**** ermordet, und Erich Honecker hatte Angst, dass das hier auch so l\u00e4uft und wir auch. Wir alle hatten Angst, dass das eskaliert, weil das wollten wir nicht. Und da musste ja nur einer mit ner kurzen Lunte kommen. Und dann ist Honecker zur\u00fcckgetreten, von selbst, aber er wusste auch, dass sein Kabinett sich gegen ihn wandte, also er wusste, dass es da Absprachen gab und dass die Egon Krenz auch beauftragt haben, da zu \u00fcbernehmen und der hat dann ja auch versucht, irgendwie die DDR zu, naja, nicht zu erhalten in dieser Form, aber irgendwie ne Reform einzuleiten. Nur da nahmen die Dinge eben auch von au\u00dfen gesteuert l\u00e4ngst ihren Lauf.<\/p>\n<p><strong>Wie hat die Gesellschaft als ganzes auf den Mauerfall reagiert, wie ist sie damit umgegangen?<\/strong><\/p>\n<p>Es gab kein gesamtgesellschaftliches Konzept mehr, denn das, was alle betroffen und geeint hat, gabs ja nicht mehr, das hat alle sehr unterschiedlich erwischt. Einige haben alles verloren, einige hatten auf einmal geile M\u00f6glichkeiten. Das ist immer so, wenn solche gro\u00dfen Umst\u00fcrze kommen, die einen profitieren, die anderen verlieren.<\/p>\n<p><strong>R\u00fcckblickend, was h\u00e4tte vielleicht anders gemacht werden sollen, und wie?<\/strong><\/p>\n<p>Ohne zu wissen, wie man das praktisch h\u00e4tte umsetzen sollen, glaube ich dass man das Land oder das Volk der DDR mit mehr Respekt h\u00e4tte behandeln k\u00f6nnen. Ich glaube, einfach zu sagen &#8222;Auf die Pl\u00e4tze fertig los, \u00fcberrennt den Markt&#8220;, hat vielen Leuten ihre W\u00fcrde genommen, ihre M\u00f6glichkeit sich selbst zu entfalten und auch ihr Selbstvertrauen. Ich hab dabei oft im Ohr, noch heute, das Klischee \u00fcber den jammernden Ossi und ich glaube, dass dabei von einem offenbar sehr zufriedenen westdeutschen Teil der Bev\u00f6lkerung \u00fcbersehen wird, dass das im Grunde Menschen sind, die erst durch die russische Besatzungsmacht, dann durch ein diktatorisches Regime und dann durch einen Identit\u00e4tsentzug traumatisiert wurden und ich glaube, man kann es dem Volk nicht \u00fcbelnehmen, dass es eine Zeit braucht, um sich zu orientieren. Denn da wurde schon auch der andere Traum massiv zum Platzen gebracht, was man sich immer unter dem goldenen Westen vorgestellt hat, war eben eher ein goldenes Raubtier und damit klarzukommen, war eben schwer und f\u00fcr einige nicht m\u00f6glich und da h\u00e4tte ich mir eben gew\u00fcnscht, dass man damit ein wenig respektvoller umgegangen w\u00e4re und den Osten nicht komplett verwestlicht h\u00e4tte. Und das ist schade. Au\u00dfer Bauzner Senf und gr\u00fcnen Ampelm\u00e4nnchen hat man da nicht viel \u00fcbernommen und das ist schade, da h\u00e4tte es noch viel viel mehr gegeben. Wir waren wie ein Ameisenhaufen, wir waren keine gro\u00dfen Individualisten, aber wir waren ein sehr zugewandter Ameisenhaufen. Wir waren gut im Zusammenhalten und im Trotzdem-was-hinkriegen und im Improvisieren und wir waren trotzdem nett zueinander. Nat\u00fcrlich haben wir gesagt, da mal vorsichtig, vielleicht ist der StaSi, aber man war trotzdem nett zueinander, da waren wir Meister drin. Und das vermisse ich bis heute hier im Westen, es f\u00fchlt sich an, als w\u00e4re es 10 Grad k\u00e4lter. Sowas gibts hier gar nicht.<\/p>\n<p>* Hier ein Artikel des MDR zur weiterf\u00fchrenden Information: https:\/\/www.mdr.de\/geschichte\/ns-zeit\/zweiter-weltkrieg\/1945\/bodenreform-fuenfundvierzig-sbz-sachsen-anhalt-thueringen100.html<\/p>\n<p>** Erich Honecker war ein einflussreicher kommunistischer Politiker der DDR und hatte von 1971 bis 1981 die \u00c4mter des Generalsekret\u00e4rs des Zentralkommitees der SED und Vorsitzenden des Staatsrats der DDR inne, Honecker war de facto das Staatsoberhaupt des Landes w\u00e4hrend dieses Zeitraums.<\/p>\n<p>*** Egon Krenz war im Jahr 1989 f\u00fcr 49 Tage der Nachfolger Honeckers in den zuvor genannten \u00c4mtern, bevor er am 06.12.1989 zur\u00fccktrat.<\/p>\n<p>**** Nicolae Ceau\u0219escu war von 1965 bis 1989 der Generalsekret\u00e4r der Rum\u00e4nischen Kommunistischen Partei und Staatspr\u00e4sident und Vorsitzender des Staatsrates. Seine Herrschaft wurde als diktatorisch und brutal bezeichnet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Willkommen zur\u00fcck, liebe Leser*innen, zum zweiten Teil dieses Interviews. Im ersten Teil sprach eine Zeitzeugin \u00fcber die Zeit nach dem Mauerfall aus ihrer Sicht, und hier geht es um die weiterreichenden Reaktionen der Politiker*innen, und der Gesellschaft des Landes. &nbsp; Wie war die internationale Reaktion? Wurde dar\u00fcber \u00fcberhaupt berichtet? Doch, wurde. 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