{"id":307,"date":"2018-01-03T17:32:35","date_gmt":"2018-01-03T16:32:35","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/?p=307"},"modified":"2021-06-16T11:18:42","modified_gmt":"2021-06-16T09:18:42","slug":"belarus-zwischen-ost-und-west-auf-der-suche-nach-dem-eigenen-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/2018\/01\/03\/belarus-zwischen-ost-und-west-auf-der-suche-nach-dem-eigenen-weg\/","title":{"rendered":"Belarus zwischen Ost und West. Auf der Suche nach dem eigenen Weg."},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: 18pt\"><em>Unserer Gastautor*in Catarina Arndt besuchte 2017 eine Sommerschule in Minsk. In ihrem Bericht beschreibt sie ihre Eindr\u00fccke von Belarus und reflektiert \u00fcber Unterschiede zwischen dem deutschen und dem belarussischem Gedenken an den zweiten Weltkrieg und Holocaust.\u00a0<\/em> <\/span><\/p>\n<p>Was ich f\u00fcr Erwartungen an Belarus hatte, wie ich es mir dort vorstellte, wusste ich nicht genau.<br \/>\nMan h\u00f6rt so wenig von diesem Land. Es scheint immer sehr weit weg und doch liegt es<br \/>\ngeographisch, von West nach Ost gesehen, gleich hinter Polen. Auch diese Unwissenheit war ein<br \/>\nGrund, mich auf den Weg dort hin zu machen. Ergebnis zwei Wochen voller neuer, wertvoller<br \/>\nBekanntschaften, Erfahrungen und Eindr\u00fccke \u2013 eine Zeit, die noch lange in mir nachwirkt.<br \/>\nZuerst haben sich alle deutschen Teilnehmer kennengelernt, die zusammen in einem Wohnheim<br \/>\ngewohnt haben. Am n\u00e4chsten Tag kam es zum Kennenlernen aller Teilnehmenden, der aus Belarus<br \/>\nund der aus Deutschland. Es war zu beobachten, dass es zuerst mehr zwei einzelne Gruppen waren.<br \/>\nDies hat sich jedoch schnell ge\u00e4ndert und wir sind eine richtig gute Gemeinschaft geworden. Es war<br \/>\nzu sp\u00fcren, dass gegenseitiges Interesse bestand. Sprachlich gab es keine nennenswerten<br \/>\nSchwierigkeiten &#8211; und uns wurde das Gef\u00fchl gegeben willkommen zu sein.<br \/>\nDie beiden Leiterinnen haben sich sehr viel M\u00fche gegeben und es gab kein Gef\u00fchl von Hierarchie.<br \/>\nSie waren Teil der Gruppe und doch Ansprechpartnerinnen. Es war ein lockerer und respektvoller<br \/>\nUmgang und die Organisation war sehr gut.Wir haben viele Aspekte von Belarus gesehen. Es war ein vielseitiges Programm: Konferenzen mit Vertretern der Universit\u00e4ten und des Staates, der Kirche und aus anderen gesellschaftlichen Bereichen, Besuch von Denkm\u00e4lern, des Museums des Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieges und eine F\u00fchrung durch das ehemalige Minsker Ghetto, sowie Trostenez und Blagowschina, Vorlesungen an der Uni, Russisch-Unterricht, Besuch von Unternehmen usw.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-309 aligncenter\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/2018\/01\/platz-der-unabh\u00e4ngigkeit-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"448\" height=\"336\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/2018\/01\/platz-der-unabh\u00e4ngigkeit-300x225.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/2018\/01\/platz-der-unabh\u00e4ngigkeit-768x576.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/2018\/01\/platz-der-unabh\u00e4ngigkeit-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/2018\/01\/platz-der-unabh\u00e4ngigkeit-510x382.jpg 510w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/2018\/01\/platz-der-unabh\u00e4ngigkeit-1080x810.jpg 1080w\" sizes=\"(max-width: 448px) 100vw, 448px\" \/><br \/>\nPlatz der Unabh\u00e4ngigkeit, Minsk<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Au\u00dfer Minsk besuchten wir auch die St\u00e4dte Brest im Westen und Mogiljov im Osten Belarus\u2018. Dies hat<br \/>\neinen guten Eindruck von St\u00e4dten in Belarus und zwischen West und Ost gegeben. Im Osten hatte<br \/>\nich das Gef\u00fchl mehr in Russland zu sein und im Westen hat es sich etwas \u201ewestlicher\u201c angef\u00fchlt.<br \/>\nU.a. schien Brest etwas moderner und im besseren Zustand als Mogiljov. Wir waren jeweils nur<br \/>\nsehr kurz in den beiden St\u00e4dten, deswegen ist ein gr\u00f6\u00dferer Vergleich als der erste Eindruck schwer<br \/>\nm\u00f6glich.<br \/>\nDie Stadt Minsk ist eine sehr saubere Stadt, alles hat seine Ordnung. Es vermittelt den Eindruck,<br \/>\ndass alles gut l\u00e4uft, alles seine beste Ordnung hat. Doch vor welchen Problemen steht das Land, was<br \/>\nl\u00e4uft nicht gut? Was w\u00fcnschen sich die Menschen? In diesen Fragen kommt man am meisten weiter,<br \/>\ndurch pers\u00f6nliche Gespr\u00e4che und gerade diese Gespr\u00e4che fand ich sehr wertvoll. Es wurden<br \/>\nErfahrungen und Wissen ausgetauscht, was man nicht durch z.B. einen Museumsbesuch oder ein<br \/>\noffizielles Gespr\u00e4ch h\u00e4tte lernen k\u00f6nnen.<br \/>\nNicht nur der Austausch mit den belarussischen Teilnehmenden war eine Bereicherung, auch mit<br \/>\nden deutschen. Es war ein Interesse f\u00fcr Osteuropa vorhanden und bei vielen auch einiges an Wissen<br \/>\nund Erfahrungen dar\u00fcber. Somit wurde das Thema Belarus im Einzelnen noch auf weitere L\u00e4nder<br \/>\nerweitert. Wor\u00fcber wir viel erfahren und gelernt haben, ist die Art der Erinnerungskultur in Belarus. Es wird sehr<br \/>\nviel verdr\u00e4ngt und wenig aufgearbeitet. Im Mittelpunkt stehen die \u201eHelden\u201c, also diejenigen, die im Krieg gek\u00e4mpft haben f\u00fcr die Sowjetunion. Dabei werden sie als Kollektiv sowjetischer Menschen gesehen. Die Opfer spielen eine sehr untergeordnete Rolle. Die Soldaten zum Beispielwerden als Helden, als Verteidiger des Vaterlandes<br \/>\nSowjetunion gesehen und die Perspektive, sie als Opfer zu sehen und dass es im Krieg keine Gewinner gibt, ist au\u00dfer Acht gelassen. Aus der \u201ewestlichen\u201c Sicht ist dies oft unverst\u00e4ndlich. \u00dcber die verschiedenen<br \/>\nSichtweisen muss mehr gesprochen werden, auch um zu verstehen, was hinter den Ansichten steht, was f\u00fcr eine Art der Erinnerung sich die Menschen in Belarus w\u00fcnschen und wie der Staat dort mit rein spielt. Dies ist wichtig f\u00fcrs gegenseitige Verst\u00e4ndnis.<br \/>\nVerst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-311 aligncenter\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/2018\/01\/denkmal-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"397\" height=\"344\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/2018\/01\/denkmal-300x260.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/2018\/01\/denkmal-768x665.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/2018\/01\/denkmal-1024x887.jpg 1024w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/2018\/01\/denkmal-1080x936.jpg 1080w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/2018\/01\/denkmal.jpg 1338w\" sizes=\"(max-width: 397px) 100vw, 397px\" \/>Denkmal Gut Trostenez<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung als soziale Gruppe wird kaum erinnert. Wir haben Gedenksteine zum<br \/>\nGedenken an Juden aus verschieden St\u00e4dten in Deutschland und \u00d6sterreich gesehen, nicht von<br \/>\nBelarus finanziert. Lukaschenka lie\u00df vor einigen Jahren vier Denkm\u00e4ler in und um Minsk erbauen<br \/>\nzum Gedenken an den Nationalsozialismus. An denen, die wir gesehen haben, ist zu erkennen, dass<br \/>\ndie Erinnerung nach dem Muster der Opfer als Kollektiv weiterhin vorhanden ist.<br \/>\nLangsam geht es jedoch voran mit der Aufarbeitung. 2002 wurde das Projekt der belarussischdeutschen<br \/>\nGeschichtswerkstatt ins Leben gerufen, die sich mit der Aufarbeitung und dem Publik<br \/>\nmachen des Themas Nationalsozialismus und Judenverfolgung besch\u00e4ftigt. Einen Namen wie zum<br \/>\nBeispiel \u201eProjektwerkstatt zur Aufarbeitung der Judenverfolgung im Nationalsozialismus\u201c werden<br \/>\nsie sich jedoch nicht nennen k\u00f6nnen. Dazu ist das Thema in diesem Sinne noch zu wenig pr\u00e4sent<br \/>\nund geduldet, jedoch weiter in der Aufarbeitung als die des Stalinismus. Diese ist zu diesem<br \/>\nZeitpunkt in Form \u00f6ffentlicher Aufarbeitung (noch) nicht m\u00f6glich.<br \/>\nIm Vernichtungsort Maliy Trostenez bei Minsk wurden nach heutigem Forschungsstand etwa 200.000 Juden ermordet. Heute stehen an der Stelle des Guts, worauf das Arbeitslager errichtet wurde, Denkm\u00e4ler. Es<br \/>\nerinnert etwas an eine Parkanlage. Im nahegelegenen Wald, Blagowschina fanden die Erschie\u00dfungen statt und wurden die Opfer be- bzw. vergraben. Dort entsteht nun eine Gedenkst\u00e4tte mit Hilfe von Finanzierung von au\u00dferhalb.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-315 aligncenter\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/2018\/01\/blog2-300x199.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/2018\/01\/blog2-300x199.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/2018\/01\/blog2-768x508.jpg 768w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/2018\/01\/blog2.jpg 964w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Blagowschina<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Zurzeit ist zu beobachten, dass es unterschiedliche Meinungen im Bezug auf die Unabh\u00e4ngigkeit<br \/>\nBelarus\u2018 und die Beziehung zu Russland gibt. Zum Beispiel ist die Meinung vorhanden, dass die<br \/>\nUkraine, Belarus und Russland \u201eeins\u201c sind, denn jeder hat irgendwo Vorfahren oder Familie.<br \/>\nAndererseits gibt es Bestrebungen zur Unabh\u00e4ngigkeit und nationalen Identit\u00e4t z.B. durch die<br \/>\nbelarussische Sprache. Wir haben eine Buchhandlung mit Caf\u00e9 besucht, in der es nur B\u00fccher auf<br \/>\nbelarussisch und Bilder von belarussischen K\u00fcnstlern gab. Die Speisekarte war ebenfalls auf<br \/>\nbelarussisch. Das Aufleben lassen der belarussischen Sprache ist jedoch nicht so einfach, denn viele<br \/>\nhaben keinen muttersprachlichen Bezug zu belarussisch und es nur in der Schule gelernt.<br \/>\nVon der staatlichen Seite hat auch die wirtschaftliche Abh\u00e4ngigkeit Belarus\u2018 von Russland ein<br \/>\ngro\u00dfes Gewicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">In den Studienalltag konnten wir einen kleinen Einblick erhalten &#8211; aus Erz\u00e4hlungen und durch die<br \/>\nVorlesungen, die wir hatten. Das Universit\u00e4tssystem ist verschulter als in Deutschland. Anwesenheit<br \/>\nist Pflicht und es gibt mehr Anwesenheitsstunden an der Uni selbst.<br \/>\nWas den Austausch verringert hat, war die getrennte Wohnsituation. Die Teilnehmenden aus<br \/>\nDeutschland waren in einem Wohnheim zusammen untergebracht. Die Teilnehmenden aus Belarus,<br \/>\ndie auch aus anderen St\u00e4dten als Minsk kamen, in einem anderen Wohnheim, bis auf diejenigen, die<br \/>\nzu Hause gewohnt haben. F\u00fcr den Austausch und ein besseres Zusammenfinden, w\u00e4re eine<br \/>\ngemeinsame Unterbringung sch\u00f6n gewesen. Es war in unseren Zimmern auch noch ein Bett frei, da<br \/>\nwir jeweils zu zweit in einem Dreibettzimmer \u00fcbernachtet haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Zum Schluss kann ich noch sagen, dass es wichtig ist, offen zu sein, die Einr\u00fccke, Erfahrungen, Meinungen auf sich wirken zu lassen, dar\u00fcber nachzudenken und viel mit den anderen Teilnehmenden zu sprechen, sich auszutauschen. Nat\u00fcrlich war die Zeit begrenzt und damit auch die M\u00f6glichkeit der Anzahl an<br \/>\nEindr\u00fccken und doch habe ich viel aus diesen zwei Wochen mitgenommen. Ich habe viel gelernt<br \/>\n\u00fcber die Menschen in Belarus und das Land selbst, \u00fcber das viele kaum etwas wissen \u2013 so, wie es<br \/>\nvor meinen Besuch auch der Fall war. Ich bin sehr froh, diese Erfahrung gemacht haben zu d\u00fcrfen<br \/>\nund finde es immer sch\u00f6n etwas \u00fcber meine Eindr\u00fccke in Belarus berichten zu k\u00f6nnen. Auch hat<br \/>\nder Besuch mein Interesse an Belarus verst\u00e4rkt und ich komme gerne wieder!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unserer Gastautor*in Catarina Arndt besuchte 2017 eine Sommerschule in Minsk. In ihrem Bericht beschreibt sie ihre Eindr\u00fccke von Belarus und reflektiert \u00fcber Unterschiede zwischen dem deutschen und dem belarussischem Gedenken an den zweiten Weltkrieg und Holocaust.\u00a0 Was ich f\u00fcr Erwartungen an Belarus hatte, wie ich es mir dort vorstellte, wusste ich nicht genau. 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