{"id":2828,"date":"2022-01-01T15:00:55","date_gmt":"2022-01-01T14:00:55","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/?p=2828"},"modified":"2022-01-16T18:09:40","modified_gmt":"2022-01-16T17:09:40","slug":"europa-mehr-als-pluesch-und-nostalgie-ueberlegungen-zu-ilja-pfeiffers-roman-grand-hotel-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/2022\/01\/01\/europa-mehr-als-pluesch-und-nostalgie-ueberlegungen-zu-ilja-pfeiffers-roman-grand-hotel-europa\/","title":{"rendered":"Europa &#8211; mehr als Pl\u00fcsch und Nostalgie? \u00dcberlegungen zu Ilja Pfeiffers Roman &#8222;Grand Hotel Europa&#8220;"},"content":{"rendered":"<div class=\"et_d4_element et_pb_section et_pb_section_0  et_pb_css_mix_blend_mode et_section_regular et_block_section\" >\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_0  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_4_4 et_pb_column et_pb_column_0  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_0  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>Viele Filme und Romane spielen in Hotels. Sie eignen sich als Mikrokosmos zur Darstellung von Gesellschaften. Personal und G\u00e4ste werden zu exemplarischen Vertreterinnen und Vertretern von Personengruppen. Zu diesem Zweck werden sie oft genug karikiert, um Besonderheiten anschaulich zu machen. Das kann zu Klamauk f\u00fchren wie im britischen Film <em>The Best Exotic Marigold Hotel<\/em> (2011, Regie John Madden). Auf farbenpr\u00e4chtige Absurdit\u00e4t setzte Regisseur Wes Anderson mit <em>The Grand Budapest Hotel<\/em> (2014). In seiner lose auf Erz\u00e4hlungen von Stefan Zweig basierenden Tragikom\u00f6die sind die opulenten Raumausstattungen wahlweise leuchtend grell oder rauchig verschlissen, je nachdem, ob die Handlung vor bzw. w\u00e4hrend dem Zweiten Weltkrieg oder in sozialistischen Zeiten spielt. Anderson zeigt das Hotel als Ort, der sich dem Lauf der Zeit nicht entziehen kann, erzwungenen \u00c4nderungen aber mit W\u00fcrde begegnet.<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_1  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p><strong>Die Welt im Hotel - die Welt als Hotel<\/strong><\/p>\n<p>Kaum ein Hotel, das nicht die Zimmer, das Ambiente, den Service in den h\u00f6chsten T\u00f6nen bewirbt. Doch ein Hotelaufenthalt kann auch alles andere als angenehm ausfallen. Dabei sind laute Nachbarn, Stra\u00dfenl\u00e4rm, schmutzige Badezimmer und magere Auswahl am Fr\u00fchst\u00fccksbuffet zu vernachl\u00e4ssigende \u00dcbel, wobei sie einem durchaus den letzten Nerv rauben k\u00f6nnen. So zeterte 1876 Fjodor Dostojewski bei einem Kuraufenthalt in Bad Ems in einem Brief an seine Frau Anna:<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_testimonial et_pb_testimonial_0  et_pb_css_mix_blend_mode clearfix  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light et_block_module et_pb_testimonial_no_image\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div style=\"background-image:url(https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/standard_compressed_Dostoevskij_1876_1_.jpg)\" class=\"et_pb_testimonial_portrait\"><\/div>\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_testimonial_description\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"et_pb_testimonial_description_inner\"><div class=\"et_pb_testimonial_content\"><p>Dieses Zimmer nebenan [\u2026], von meinem jetzigen nur durch eine verschlossene T\u00fcr getrennt, belegten zwei soeben angereiste Damen, Mutter und Tochter, anscheinend aus Griechenland; sie sprechen griechisch und franz\u00f6sisch, aber, kannst Du Dir das vorstellen, sie reden ohne Unterla\u00df, besonders die Mutter; und wenn sie nur sprechen w\u00fcrden, aber sie schreien buchst\u00e4blich, und vor allem ununterbrochen, verstummen nicht f\u00fcr eine Sekunde. Im ganzen Leben ist mir so eine unerm\u00fcdliche Geschw\u00e4tzigkeit noch nicht begegnet.<\/p><\/div><\/div>\n\t\t\t\t\t\n\t\t\t\t\t<p class=\"et_pb_testimonial_meta\"><\/p>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_2  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>Seine \u201egriechischen Elstern\u201c lassen ihm keine andere Wahl als in eine andere Etage zu ziehen.<\/p>\n<p>Im 20. Jahrhundert kam es in der Sowjetunion zu absurden Situationen, als Menschen zwangsweise in Hotels untergebracht wurden, um von den Geheimdiensten unter Kontrolle gehalten zu werden. Nicht selten lagen die \u201eG\u00e4ste\u201c nachts wach und lauschten darauf, vor welcher Zimmert\u00fcr die Schritte der NKWD-Mitarbeiter halten w\u00fcrden. Die dortigen Bewohnerinnen und Bewohner wie Wassili Ulrich verschwanden dann, meist auf Nimmerwiedersehen. Eugen Ruge erz\u00e4hlt in seinem 2019 erschienenen Roman <em>Metropol<\/em>\u00a0von dieser nervenzehrenden Ungewissheit im Moskauer Hotel Metropol. Bully Herbigs Film <em>Hotel Lux<\/em>\u00a0(2011) verpackt die Schicksale von deutschen Emigrantinnen und Emigranten im ebenfalls in Moskau gelegenen titelgebenden Hotel in Klamauk und streicht die Absurdit\u00e4t der Lage heraus.<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_1  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_2_3 et_pb_column et_pb_column_1  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_3  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>Gleich lebenslang im Hotel Metropol unter Hausarrest gestellt ist der Titelheld in Amor Towles\u2018 Roman <em>A Gentleman in Moscow<\/em> (2016). Graf Alexander Rostov wird hier 1922 zum unfreiwilligen Dauergast und schafft es erst 1954, den Aufsehern in Gestalt des Hoteldirektors und seiner Gehilfen zu entkommen. In diesen Jahrzehnten wandelt sich Rostov vom Gast zum Mitarbeiter, der mit seinem feinen Gaumen und seinen ausgesuchten Umgangsformen als Berater des K\u00fcchenchefs und Kellner im Restaurant seiner Existenz neuen Sinn verleiht. Im Restaurant ist es auch, dass er sich in ein Gespr\u00e4ch zweier Ausl\u00e4nder einmischt. Der Deutsche behauptet, Russlands einziger Beitrag \u201ezur Kultur des Westens\u201c sei der Wodka. Das kann Rostov, dem Towles nicht umsonst den Namen einer der wichtigsten Familien in Tolstojs <em>Krieg und Frieden<\/em> gegeben hat, nicht unwidersprochen stehenlassen. M\u00fchelos kommt er der Aufforderung des Deutschen nach, drei Beitr\u00e4ge zu nennen. Als Nummer eins f\u00fchrt er Tschechow und Tolstoj an: Tschechow als weltweit un\u00fcbertroffenen Meister der Kurzgeschichte und Tolstoj als Autor von Romanen mit gewaltiger Reichweite. Rostovs Nummer zwei ist Tschaikowski, genauer gesagt erster Akt, erste Szene des <em>Nussknackers<\/em>. Niemand habe den Weihnachtsgeist so gut eingefangen wie Tschaikowski mit dem M\u00e4dchen Mascha, das in der Weihnachtsnacht einschl\u00e4ft und um Mitternacht den Weihnachtsbaum wachsen sieht. Rostov ist \u00fcberzeugt: \u201eIch sage Ihnen \u2013 nicht nur wird jedes europ\u00e4ische Kind des zwanzigsten Jahrhunderts die Melodien aus der Nussknacker-Suite kennen, es wird sich auch das Weihnachtsfest so vorstellen, wie es in der Suite dargestellt wird\u201c. An Nummer drei, Kaviar, tut sich die Gespr\u00e4chsrunde g\u00fctlich und stimmt so der Auswahl des Grafen zu.<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_column_1_3 et_pb_column et_pb_column_2  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_image et_pb_image_0\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<span class=\"et_pb_image_wrap \"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"391\" height=\"600\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/Towles.jpeg\" alt=\"\" title=\"Towles\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/Towles.jpeg 391w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/Towles-196x300.jpeg 196w\" sizes=\"(max-width: 391px) 100vw, 391px\" class=\"wp-image-2834\" \/><\/span>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_4  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p><span style=\"font-size: 10pt\"><em>Originalausgabe 2016<\/em><\/span><\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_2  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_4_4 et_pb_column et_pb_column_3  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_5  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>Towles greift mit seiner Szene eine alte russische Debatte auf. Im Streit der Slawophilen mit den Westlern haben sich im 19. Jahrhundert so ziemlich alle Gr\u00f6\u00dfen der russischen Intelligencija zu Wort gemeldet und positioniert. Dostojewski etwa erhob Russland wegen seiner Beibehaltung der Orthodoxie zur Weltenretterin, w\u00e4hrend Westeuropa den Mammon anbete. Turgenjew war gegenteiliger Ansicht. In seinem Roman <em>Rauch<\/em>\u00a0(<em>Dym<\/em>, 1867) l\u00e4sst er Potugin am Beispiel des Londoner Kristallpalastes von der ersten Weltausstellung 1850 erkl\u00e4ren, Russland habe nichts zur Weltkultur beigetragen:<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_testimonial et_pb_testimonial_1  et_pb_css_mix_blend_mode clearfix  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light et_block_module et_pb_testimonial_no_image\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div style=\"background-image:url(https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/Turgenev_1870s.jpg)\" class=\"et_pb_testimonial_portrait\"><\/div>\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_testimonial_description\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"et_pb_testimonial_description_inner\"><div class=\"et_pb_testimonial_content\"><p>In diesem Fr\u00fchjahr hab ich den Kristallpalast bei London besucht. In diesem Geb\u00e4ude ist, wie Sie wissen, so etwas wie eine Ausstellung all dessen untergebracht, was menschlicher Erfindergeist ersonnen hat \u2013 eine Enzyklop\u00e4die der Menschheit, so muss man sie schon nennen. Nun, w\u00e4hrend ich also an all diesen Maschinen, Werkzeugen und Standbildern gro\u00dfer M\u00e4nner vor\u00fcberwandelte, kam mir der Gedanke: Wenn einmal ein Erla\u00df herausk\u00e4me, da\u00df beim Verschwinden eines Volkes vom Antlitz der Erde gleichzeitig auch all das aus dem Kristallpalast verschwinden m\u00fc\u00dfte, was jenes Volk erdacht und erfunden hat, k\u00f6nnte unser M\u00fctterchen, das rechtgl\u00e4ubige Ru\u00dfland, in den Tartarus versinken, ohne da\u00df es auch nur ein einziges N\u00e4gelchen oder N\u00e4delchen aufst\u00f6ren w\u00fcrde, das teure; alles k\u00f6nnte seelenruhig an seinem Platz bleiben, denn nicht einmal den Samowar, die Bastschuhe, das Krummholz und die Knute, diese unsere ber\u00fchmtesten Erzeugnisse, haben wir erfunden. (Kapitel 14)<\/p><\/div><\/div>\n\t\t\t\t\t\n\t\t\t\t\t<p class=\"et_pb_testimonial_meta\"><\/p>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_6  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>Der russische Beitrag zur, wahlweise, westlichen, europ\u00e4ischen oder Weltkultur bewerten wurde und wird immer wieder in Zweifel gestellt oder vehement verteidigt. Unabh\u00e4ngig von der Position ist der Umstand interessant, dass die Frage \u00fcberhaupt gestellt wird. Kaum ein anderes Land hadert so mit seiner Bedeutung und changiert so extrem zwischen Minderwertigkeitskomplex und \u00dcberlegenheitsgef\u00fchl. Die Frage, was zum Beispiel Italien denn zur europ\u00e4ischen Kultur beigetragen habe, wirkt angesichts der \u00fcberbordenden italienischen Kulturgeschichte an sich schon absurd. Nicht weniger abwegig ist es, nach dem franz\u00f6sischen Beitrag zu fragen. Die Liste l\u00e4sst sich beliebig fortsetzen. Und den Schweizer, der Orson Welles\u2018 bissigen Kommentar im Film <em>The Third Man<\/em>\u00a0(1949), zustimmen w\u00fcrde, die Schweiz habe der Welt nicht mehr gegeben als die Kuckucksuhr, muss man mir erst noch zeigen.<\/p>\n<p>Nationale Beitr\u00e4ge zur Kultur lassen sich problemlos auflisten. Welche davon als genuin europ\u00e4isch zu werten sind, ist schon eine andere Frage.<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_3  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_1_3 et_pb_column et_pb_column_4  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_image et_pb_image_1\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<span class=\"et_pb_image_wrap \"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"479\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/Pfeijffer.jpg\" alt=\"\" title=\"Pfeijffer\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/Pfeijffer.jpg 300w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/Pfeijffer-188x300.jpg 188w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" class=\"wp-image-2833\" \/><\/span>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_7  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p><span style=\"font-size: 10pt\"><em>Aus dem Niederl\u00e4ndischen von Ira Wilhelm<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\"><em>Originalausgabe 2018<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt\"><em>Dt., 2. Auflage 2020<\/em><\/span><\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_column_2_3 et_pb_column et_pb_column_5  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_8  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p><strong>.uropa als Freilichtmuseum? <\/strong><\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund greift nun der in Italien lebende Niederl\u00e4nder Ilja Leonard Pfeijffer mit seinem Roman <em>Grand Hotel Europa<\/em> in den Diskurs ein. Bei ihm wird das Hotel zur Metapher f\u00fcr Europa. Europa als Festung, Europa als Bollwerk \u2013 das sind die Bilder, die ansonsten h\u00e4ufig mit Europa verbunden werden. Hier nun Europa als Hotel. Kann das funktionieren?<\/p>\n<p>Es funktioniert in dem Sinn, dass Pfeijffer Europa als kulturgeladenen Raum der Sch\u00f6nheit auffasst, der seine besten Zeiten aber hinter sich hat, gerade so wie das verschlafene Hotel in Italien, das von seinem neuen chinesischen Besitzer umgekrempelt wird. Das Paganini-Portr\u00e4t macht Platz f\u00fcr ein Allerweltsbild des Eiffelturms, der Kronleuchter wird mit Swarovski-Kristallen und bunten LED-Lampen gepimpt. Der Ich-Erz\u00e4hler Ilja zieht sich hierhin zur\u00fcck, um das Ende seiner Beziehung zu verkraften und einen Roman \u00fcber Tourismus zu schreiben. Die R\u00fcckschau auf seine Liebe zu Clio tr\u00e4gt Z\u00fcge einer Indiana-Jones-Schatzsuche, statt der verlorenen Bundeslade suchten Ilja und Clio den letzten Caravaggio. Dazu kommen Auslassungen unterschiedlicher Figuren \u00fcber die zerst\u00f6rende oder errettende Macht des Tourismus, Europas politische Bedeutungslosigkeit und amerikanische Kulturbanausen, Ausf\u00fchrungen, die sich nicht selten zu Traktaten auswachsen und auch repetitiv daherkommen. Hier w\u00e4re weniger mehr gewesen.<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_4  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_4_4 et_pb_column et_pb_column_6  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_9  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>Den ostmitteleurop\u00e4ischen Intellektuellen Patelski l\u00e4sst Pfeijffer auf die Frage, woher er komme, antworten: \u201eAus Europa\u201c. W\u00e4hrend des Abendessens mit Ilja referiert er die f\u00fcnf Charakteristika der Idee Europas nach George Steiner (1929-2020), denen Patelski zustimmt.<\/p>\n<p>Europa ist demnach (1.) charakterisiert durch die Allgegenw\u00e4rtigkeit von Kaffeeh\u00e4usern als Orten des Austauschs zivilisierter Menschen.<\/p>\n<p>Die Natur Europas ist (2.) gez\u00e4hmt, aber auch gepflegt wie ein Garten.<\/p>\n<p>Europa ist (3.) \u201edurchtr\u00e4nkt von der eigenen Geschichte\u201c und \u201eertrinkt in ihr. Hier gibt es derart viel Vergangenheit, dass f\u00fcr die Zukunft kein Platz mehr ist.\u201c (S. 124)<\/p>\n<p>F\u00fcr Patelski wurde Europa (4.) \u201ein Athen und Jerusalem geboren und ist die Frucht der Vernunft und der Offenbarung.\u201c (S. 125) Das typisch Europ\u00e4ische am zweitausendj\u00e4hrigen Ringkampf zwischen Glaube und Vernunft sei demnach deren Koexistenz.<\/p>\n<p>Und zuletzt ist Europa (5.) dem Untergang geweiht und \u201ewei\u00df um seinen Verfall\u201c (S. 127).<\/p>\n<p>Ilja erhebt den Garten, Patelskis und Steiners zweiten Punkt, zu einem Park, dann zu einem Freilichtmuseum, einem \u201eErholungsgebiet f\u00fcr den Rest der Welt\u201c (S. 130).<\/p>\n<p>Sowohl Steiners Thesen als auch Pfeijffers Romanfiguren vertreten die Grundidee, Europas Energie sei aufgebraucht, seine Schaffenskraft ersch\u00f6pft. Anstelle einer Begr\u00fcndung dieser Annahme liefert <em>Grand Hotel Europa<\/em>\u00a0 schier endlose illustrative Beispiele daf\u00fcr, dass alles Europ\u00e4ische inzwischen von nicht aus Europa Stammenden \u00fcbernommen worden sei. Am plakativsten geschieht dies in der Szene, in der ein zw\u00f6lfj\u00e4hriges chinesisches M\u00e4dchen virtuos Paganini spielt und die greise einstige Besitzerin des Hotels in der Nacht darauf stirbt.\u00a0<\/p>\n<p>Mehr als das Vergehen der Zeit und die somit anwachsende Geschichte werden als Begr\u00fcndung f\u00fcr Europas angeblich anstehenden Abtritt von der Weltb\u00fchne nicht geliefert. Man mag an die mittelalterliche Idee der \"translatio imperii\" denken, mit der sich das Heilige R\u00f6mische Reich in die Tradition des R\u00f6mischen Imperiums stellte. F\u00fcr Russland reklamierte Starez Filofei im 16. Jahrhundert Moskau nach Rom und Konstantinopel als \"drittes Rom\" und prognostizierte, ein viertes werde es nicht geben. Nun entwirft Pfeijffer keine Herrschaftstheorie, sondern legt einen Unterhaltungsroman mit dem Potential zur Denkanregung vor. Er muss nicht begr\u00fcnden - der Leser oder die Leserin sollte dagegen \u00fcberlegen, ob die gezeichnete \"Europad\u00e4mmerung\" zum einen realistisch, zum anderen unausweichlich ist.\u00a0 \u00a0\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_10  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p><strong>Blattgold und Badewanne<\/strong><\/p>\n<p>Anders als Udo Lindenberg m\u00f6chte ich, wie Towles\u2019 Rostov, nicht mein ganzes Leben im Hotel verbringen. Wenn ich aber in einem wohne, sind mir, wie bei Theatern auch, \u00fcppig gestaltete Orte mit Pl\u00fcsch, Schn\u00f6rkeln und Blattgold durchaus sympathisch, sofern sie mit stabilem W-Lan und modernem Badezimmer ausgestattet sind. Muss Freude an der Vergangenheit sich in Nostalgie ausdr\u00fccken? Die Zwangsl\u00e4ufigkeit des Niedergangs (bei Steiner) bzw. der kulturellen Verflachung (bei Pfeijffer) sehe ich nicht. Aus der Tatsache, dass Kulturgeschichte kommerzialisiert wird, eine Notwendigkeit abzuleiten, ist ein Trugschluss.<\/p>\n<p>Iljas und Clios Neuanfang in Dubai am Ende von Pfeijffers Roman funktioniert f\u00fcr den Text. Als Gegenmodell oder Alternative zu Europa ist der W\u00fcstenstaat nur bedingt geeignet. Towles\u2018 Rostov gelingt die Flucht aus dem Hotel und er strebt zum zerst\u00f6rten Familiensitz, ergibt sich also der Nostalgie. Ich blicke lieber in die Zukunft und hoffe, dass mit dem n\u00e4chsten Hotelaufenthalt auch ein ger\u00fcttelt Ma\u00df Mu\u00dfe verbunden ist, sodass ich in der hoteleigenen Badewanne in den n\u00e4chsten 500-Seiten-Schm\u00f6ker versinken kann.<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":12575,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_bbp_topic_count":0,"_bbp_reply_count":0,"_bbp_total_topic_count":0,"_bbp_total_reply_count":0,"_bbp_voice_count":0,"_bbp_anonymous_reply_count":0,"_bbp_topic_count_hidden":0,"_bbp_reply_count_hidden":0,"_bbp_forum_subforum_count":0,"_et_pb_use_builder":"on","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[207,547280,58,572053],"tags":[849412,21087,13831,413612,52090,846561,64612],"class_list":["post-2828","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-debatte-europa","category-literatur","category-yvonne-poerzgen-2","tag-die-zukunft-europas","tag-geschichte","tag-kultur","tag-moskau","tag-russland","tag-sowjetunion","tag-vergleich"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2828","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/12575"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2828"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2828\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3266,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2828\/revisions\/3266"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2828"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2828"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2828"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}