{"id":2826,"date":"2022-02-04T13:00:54","date_gmt":"2022-02-04T12:00:54","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/?p=2826"},"modified":"2022-02-04T15:09:07","modified_gmt":"2022-02-04T14:09:07","slug":"interview-mit-einer-ddr-zeitzeugin-fruehstueck-alltag-und-urlaub-teil-22","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/2022\/02\/04\/interview-mit-einer-ddr-zeitzeugin-fruehstueck-alltag-und-urlaub-teil-22\/","title":{"rendered":"Interview mit einer DDR-Zeitzeugin: Fr\u00fchst\u00fcck und Alltag (Teil 2\/2)"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Hallo liebe Leser*innen.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Dies ist der zweite Teil meines Interviews zum Leben in der DDR mit einer Zeitzeugin. Im ersten Teil sprachen wir \u00fcber Politik, Bildung, und Propaganda, und in der zweiten H\u00e4lfte geht es nun um das Alltagsleben, und die kleineren Aspekte der Lebensrealit\u00e4t einer DDR-B\u00fcrgerin.\u00a0<\/em><\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p><strong>Wie war die Morgenroutine? Gab es irgendwelche Schritte, die man heute nicht mehr vollf\u00fchrt, oder wurden Sachen, die heute dazugeh\u00f6ren weggelassen? Das hei\u00dft, musste zum Beispiel die Familie zusammen erst einmal irgendwelche Aufgaben f\u00fcr den Haushalt erf\u00fcllen?<\/strong><br \/><br \/>Meine Eltern kamen abends sp\u00e4t von der Arbeit, also war meine Aufgabe morgens vor der Schule, die um sieben Uhr begann, in den Keller zu gehen, vier Stockwerke runter, und dann zwei Eimer Kohle hochzuholen. Das musste ich als kleines d\u00fcnnes M\u00e4dchen alles alleine hochbuckeln. Wir wohnten im obersten Stock. Ich musste die \u00d6fen anmachen, damit, wenn meine Eltern aufwachen, die Wohnung warm war. Ich bin als Schulkind alleine aufgestanden und musste mir selbst Fr\u00fchst\u00fcck machen, und das war seit der ersten Klasse so, es gab keine famili\u00e4re Morgenroutine. Ich musste daran denken meinen Schl\u00fcssel mitzunehmen, weil wenn ich nach Hause kam, waren meine Eltern schon wieder arbeiten.<\/p>\r\n<p><strong>Welche Marken waren beim Fr\u00fchst\u00fcck vertreten? Gab es DDR-Ableger von West-Konzernen oder Firmen, die bewusst den Westen stilistisch imitiert haben, oder waren es komplett andere Produkte?<\/strong><br \/><br \/>Wir hatten ziemlich coole Milch in Dreiecks-Packungen. Das war so Schulmilch zum Mitnehmen. Es gab reines tiefgefrorenes Obst, das war sehr selten. Es gab Kaffee, der hier \"Im Nu\" hie\u00df (f\u00fcr sehr schnell). Das Waschmittel Spee und den Bautzner Senf gibt es bis heute \u00fcberall zu kaufen. Wir hatten auch diese f\u00fcnf mal f\u00fcnf Zentimeter gro\u00dfen Schoko-DDR-Sandm\u00e4nnchen. Au\u00dferdem solche Margarinew\u00fcrfel, die in Pergamentpapier eingewickelt waren, namens Sonja. Schnell kochbare Linsen, die hie\u00dfen Tempolinsen, f\u00fcr arbeitende Hausfrauen. Wir hatten auch solche Fischdosen, Scomber-Mix hie\u00dfen die. Marmelade war immer selbst gekocht. Und dann gab es solchen Honig in einer B\u00e4renflasche, der man zum \u00d6ffnen den Kopf abdrehen musste, was im R\u00fcckblick ziemlich morbide war. Hat auch tierisch rumgesaut. Es gab noch eine Kaffeesorte namens Rondo Melange, das waren ganze Bohnen und kein Pulver. Daf\u00fcr hatten wir eine Kaffeem\u00fchle aus dem Westen, die musste man gut festhalten, weil sie teilweise kaputt war und der Kaffee sonst gerne auch mal durch die halbe K\u00fcche flog.<br \/><br \/><strong>Lebte man generell nah an der Schule bzw. dem Arbeitsplatz, oder pendelte man eher? Gab es einen \u00f6ffentlichen Nahverkehr, der mit dem Westlichen vergleichbar w\u00e4re?<\/strong><br \/><br \/>Der \u00f6ffentliche Nahverkehr war wesentlich besser organisiert, ich kann mich nicht erinnern, dass die Stra\u00dfenbahn mal mehr als f\u00fcnf Minuten Versp\u00e4tung hatte. Es hatte nicht jeder ein Auto. Du musstest auf ein Auto bis zu 18 Jahre warten, nachdem du es bestellt hast, und du hast durchaus auch gro\u00dfe Eink\u00e4ufe mit der Stra\u00dfenbahn erledigt. Wobei ich glaube, dass das hier im Westen zu der Zeit auch nicht so war, dass jeder ein Auto hatte. Was ich nicht wei\u00df ist, wie es im l\u00e4ndlichen Raum war. Halle war eine Gro\u00dfstadt, Berlin war eine Gro\u00dfstadt. Genau wie jetzt, in Ostfriesland f\u00e4hrt auch nicht alle 10 Minuten der Bus. Und es war so, dass die Schulen nah an deinem Wohnort waren, es gab festgelegte Schulbezirke, innerhalb derer du wohnen musstest, um da zur Schule zu gehen. Es war nicht gew\u00fcnscht, dass du sagst, du wohnst hier und gehst ganz woanders zur Schule, du solltest wohnortnah zur Schule gehen. Mit deinem Arbeitsplatz war das was anderes, das hatte mit deinem Wohnort nichts zu tun.<\/p>\r\n<p><strong>Gab es eine ausreichende Vielfalt an \"Luxusartikeln\" wie modischer Kleidung, Schuhen, B\u00fcchern, elektronischen Ger\u00e4ten usw., dass man \"shoppen\" konnte, oder war das eher ein reine Bedarfshandlung? Wie standen die Leute generell zu offen zur Schau gestelltem Konsum oder Wohlstand? War man eher gen\u00fcgsam oder doch neidisch?<\/strong><br \/><br \/>Also es gab Dinge zu kaufen, auch das, was man als Luxusg\u00fcter bezeichnen w\u00fcrde. Das stand aber nicht permanent zur Verf\u00fcgung, also du konntest nicht in die Stadt gehen und sagen, heute kaufe ich mir ne geile Jacke, aber du konntest gehen und gucken, was es gibt, und wenn du Gl\u00fcck hattest, gabs deine Jacke und ansonsten gabs halt nen Pullover. die Grundsicherung war aber gesichert, und manchmal gabs nur irgendeine Hose. Wir kannten das nicht anders, uns hat das manchmal auch gar nicht gro\u00df gest\u00f6rt, dann wars eben pragmatisch. Und was mich pers\u00f6nlich betrifft, wars so, dass meine Klamotten zu 98% ausm Westen kamen, von unseren Verwandten, Zeug, aus dem deren Kinder ausgewachsen waren. Ich wei\u00df nicht, wies in der Erwachsenenwelt mit dem Neid war, das kann ich dir nicht sagen. Ich kann sagen, dass es f\u00fcr mich als Teenager sehr schwer war, mit allen Sachen aus dem Westen, mit meinen pubert\u00e4ren Klassenkameraden, die das alles nicht so geil fanden. <br \/><br \/><strong>Wie war generell die Versorgungssituation? Es ist ja allgemein bekannt, dass es Engp\u00e4sse bei einzelnen Waren gegeben hat, aber war das ein Ausnahmefall oder eine konstante Plage? Wie weit verbreitet war so etwas? Gab es eine Priorisierung einzelner Supermarktketten oder Standorte? Waren die betroffenen Waren eher exotische G\u00fcter oder sogar Alltagswaren wie Milch, Eier, Brot, usw.?<\/strong><br \/><br \/>Standorte. Berlin als Landeshauptstadt, wo auch die Parteifunktion\u00e4re alle wohnten, war jedenfalls privilegiert. Du wusstest, dass, wenn du nach Berlin kommst, du sp\u00e4testens im dritten Supermarkt Bananen wirst kaufen k\u00f6nnen. Der hie\u00df \u00fcbrigens Konsum. Tendenziell hatte ich das Gef\u00fchl, dass es in der Mitte der DDR immer besser lief als am \u00f6stlichen Rand, und du wusstest z.B., dass DDR-Parteifunktion\u00e4re in deine Stadt kommen, wenn deine Stra\u00dfe kurz mal d\u00fcnn angestrichen wurde, aber nur so, wie der Parteifunktion\u00e4r auf Augenh\u00f6he ausm Auto gucken konnte. Also da war dann teilweise das Erdgeschoss gestrichen, und der erste Stock schon nicht mehr. Und was die Engp\u00e4sse anbetrifft, das zog sich quer durch alles. Es konnte sein, dass du in eine Kaufhalle kamst und es gab Bananen, aber daf\u00fcr kein Klopapier. Deswegen hat mich diese Pandemie nicht so hart erwischt, ich wei\u00df, wie man f\u00fcr solche Zeiten einkauft. Und du wusstest, es ist besser, von allem zu Hause ein bisschen was zu haben, falls es mal f\u00fcr ein paar Wochen nicht da ist. Und das hat man schon als kleines Kind gelernt, das hat dich nicht gro\u00df besch\u00e4ftigt. Ich wei\u00df noch, wie ich als kleines Kind mit dem Einkaufszettel in den Konsum gegangen bin und die Kassiererin hat mir im besten Fall geholfen mich zurechtzufinden. Du hattest als kleines Kind auch keinen richtigen Einkaufszettel, sondern bist mit gemalten Bildern der Produkte losgelaufen. Dann bin ich rein und hab mich umgeschaut, und da waren Erdbeeren. Und da war klar, der ganze Einkaufszettel hat sich gerade erledigt, weil ich von dem Geld jetzt Erdbeeren kaufe. Nicht weil ich die wollte, sondern weil klar war, das ist jetzt Priorit\u00e4t. Und so war das mit allem. Ich kann mich erinnern, da gab es H\u00e4user, wo du gesehen hast, die Leute wollten umbauen, aber da lag ein Jahr lang nur Baumaterial auf nem Haufen, weil die Leute nicht anfangen konnten, weil irgendwas fehlte. So war das. Also im Prinzip wie seit der Pandemie mit den zusammengebrochenen Lieferketten. <br \/><br \/><strong>Stimmt es dass es auf den Stra\u00dfen nur den Trabanten gab, oder fuhren auch andere Automarken?<\/strong><br \/><br \/>Da fuhren Wartburgs, Skodas, ich kenne Leute die alte Citro\u00ebns hatten, es fuhren Wolgas, russische Autos fuhren, wir hatten sehr viel Armeefahrzeuge, und die Offiziere hatten ihre privaten Autos oft dabei oder kriegten welche, keine Ahnung. Es fuhren auch Busse und Laster, und Stra\u00dfenbahnen nat\u00fcrlich.<br \/><br \/><strong>Welche Gedanken gingen einem damals durch den Kopf? Wie hat man \u00fcber den Westen gedacht? Gab es eine Spaltung in Lager, und wenn ja welche und wie tief ging sie?<\/strong><\/p>\r\n<p>Also ich glaube schon, dass es ne tiefe Spaltung gab. Und ich glaube es gab Leute die an die SED und den Sozialismus wirklich geglaubt haben, dann gabs Leute die davon einfach profitiert haben, dann gabs Leute die das komplett abgelehnt haben und in den Westen wollten und aus verschiedenen Gr\u00fcnden nicht durften oder konnten, und dann gabs die die so extrem dagegen waren dass sie daf\u00fcr in den Knast gegangen sind. Was auch sp\u00e4ter nach Entlassung mit einer totalen \u00c4chtung einherging und dazu f\u00fchrte dass die keinen Job fanden oder nur einen beschissenen, und dass deren Kinder auch in der Schule totale Probleme hatten, und dann gabs Leute die in der DDR geboren wurden, und das ist glaube ich die schwierigste Gruppe. Ich bin glaube ich kein durchschnittlicher Repr\u00e4sentant, wir hatten 30 oder mehr Verwandte im Westen. Wir wurden mit allem versorgt was wir brauchten und auch nicht brauchten, wir hatten eine richtige Lieferkette. F\u00fcr uns war das nicht so schlimm. Und wenn die uns besucht haben, wir hatten permanenten Besuch aus dem Westen, brachten die nicht nur viel Zeug mit, sondern erz\u00e4hlten einerseits viel von ihren Auslandsreisen und sch\u00f6nen H\u00e4usern und G\u00e4rten, aber da kamen schon Worte wie Arbeitslosigkeit und sowas vor, und das kannten wir nicht. Es konnte z.B. in der DDR sehr schwer sein, eine Wohnung zu finden aber wenn du eine hattest, dann hat die vielleicht zehn Prozent von deinem Monatslohn gekostet. Du hattest also keine finanziellen Sorgen, weil deine Existenzgrundsicherung geregelt war. Das war so subventioniert vom Staat dass du da sehr wenig f\u00fcr ausgeben musstest, und diese Vorteile waren uns sehr bewusst. Wir haben geh\u00f6rt wieviele Tausend die in Miete und Strom und Autos stecken mussten. Und das war halt f\u00fcr Leute die dort geboren wurden, und dies von Anfang an nicht so in Frage gestellt haben wie sie es nicht anders kannten, so der Punkt wo die eben nicht nur Vor- oder Nachteile gesehen haben, sondern manches eben akzeptiert haben wie es f\u00fcr sie schon immer war, w\u00e4hrend es f\u00fcr Andere aber davor viel besser oder schlechter war, und f\u00fcr nochmal Andere danach. Ich glaub tats\u00e4chlich dass ich die schwierigste Gruppe bin. Es gab viel was ich vermisse. Ich fand nicht wir sollten uns einfach der BRD anschlie\u00dfen. Ich war auf den Montagsdemos und ich wollte das wir die Grenzen \u00f6ffnen und eine richtige Regierung kriegen die demokratisch gew\u00e4hlt wurde, aber ich wollte nicht dass wir uns einfach dem Westen anschlie\u00dfen. F\u00fcr die waren wir nur ein freier Absatzmarkt der infiltriert wurde. Aber kurz mal zur\u00fcck zur DDR - das Gemeinwohl stand \u00fcber deinem Einzelinteresse, was im Falle der pers\u00f6nlichen Meinungsdivergenz nat\u00fcrlich schei\u00dfe war, und das Volk wurde bei vielem auch mundtot gemacht, aber eine Pandemie zum beispiel h\u00e4tte bei uns keine Chance gehabt. Wir waren einfach viel besser organisiert, dass muss man so sagen. Es h\u00e4tte einen Lockdown gegeben, die Leute h\u00e4tten sich impfen lassen, und nach zwei Wochen w\u00e4re das Ding durch gewesen. Trotzdem war das eine menschenverachtende totalit\u00e4re Kultur. Da habe ich gelernt, rede mit den einen, mach mit den Anderen nur Bl\u00f6dsinn. Entscheide immer sehr schnell wem du vertraust und wem nicht, und h\u00f6r auf dein Bauchgef\u00fchl. Wenn du h\u00f6rst irgendeine Krise rollt, kauf genug ein. Das mache ich bis heute so.<br \/><br \/>Ich glaube der gr\u00f6\u00dfte Unterschied zum Westen ist: Glaub blo\u00df nicht du w\u00e4rst wichtig. Das war das Motto meines Lebens da.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo liebe Leser*innen. Dies ist der zweite Teil meines Interviews zum Leben in der DDR mit einer Zeitzeugin. Im ersten Teil sprachen wir \u00fcber Politik, Bildung, und Propaganda, und in der zweiten H\u00e4lfte geht es nun um das Alltagsleben, und die kleineren Aspekte der Lebensrealit\u00e4t einer DDR-B\u00fcrgerin.\u00a0 &nbsp; Wie war die Morgenroutine? 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