{"id":2755,"date":"2021-12-13T09:23:46","date_gmt":"2021-12-13T08:23:46","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/?p=2755"},"modified":"2022-01-21T15:00:55","modified_gmt":"2022-01-21T14:00:55","slug":"interview-mit-einer-ddr-zeitzeugin-politik-bildung-und-propaganda-teil-12","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/2021\/12\/13\/interview-mit-einer-ddr-zeitzeugin-politik-bildung-und-propaganda-teil-12\/","title":{"rendered":"Interview mit einer DDR-Zeitzeugin: Politik, Bildung, und Propaganda (Teil 1\/2)"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Hallo liebe Leser*innen. <\/em><\/p>\r\n<p><em>In diesem Interview werden wir einige weniger und mehr bekannte Aspekte des Lebens in der DDR beleuchten, die oft nicht wirklich detailliert beschrieben werden. Deshalb habe ich mit einer Zeitzeugin gesprochen, die 1971 in Potsdam geboren wurde und in der DDR aufwuchs, w\u00e4hrend ihrer Jugend wechselnd in Halle und Berlin. Aus Gr\u00fcnden der Privatsph\u00e4re bleibt sie lieber anonym.<\/em><br \/><br \/><em>Famili\u00e4r bedingt wuchs sie bei ihren Gro\u00dfeltern, ihrem Onkel und ihrer alleinerziehenden Mutter, sp\u00e4ter mit einem Stiefvater auf. Sie ging in der DDR zur Schule, war Junge Pionierin und FDJlerin, was die Kinder- bzw. Jugendorganisationen der DDR waren und direkt an die Bildungseinrichtungen f\u00fcr Kinder gekoppelt waren. Die Teilnahme war nicht wirklich freiwillig. Als Sonderumstand kam in diesem Fall dazu, dass die meisten restlichen Familienangeh\u00f6rigen in der BRD lebten und sowohl wirtschaftlich wie politisch gro\u00dfen Einfluss auf die Familie im Osten nehmen konnten. <\/em><br \/><br \/><em>Zu Beginn des Interviews habe ich einige Fragen zu den eher politischen Aspekten der DDR Kultur gestellt.<\/em><\/p>\r\n<p><br \/><br \/><strong>Wie wurde in Bildungseinrichtungen gelehrt, bzw. war die Lehre generell politisch neutral, oder ideologisch beeinflusst, wenn ja war dies vom Fach abh\u00e4ngig?<\/strong><br \/><br \/>Die war massiv ideologisch beeinflusst. Ich w\u00fcrde sagen, dass es eher mit dem Lehrer als mit dem Fach zu tun hatte, wie sehr sie das war. Als ich in der achten Klasse war, also so mit 14, war meine Mathelehrerin die stellvertretende Schuldirektorin. Die war in der Partei, alles munkelte die war auch in der StaSi, und die hat im Unterricht bei jeder Gelegenheit irgendwelche Parolen abgelassen. Also auch wenn das mit Mathe gar nichts zu tun hatte, kam da st\u00e4ndig irgendeine politische Tendenz zum Vorschein. Und in Geographie kamen bestimmte L\u00e4nder schlicht nicht vor. Also ich glaub du h\u00e4ttest mich eher in Moskau aussetzen lassen k\u00f6nnen, wo ich noch nie war, als mich nach \u00d6sterreich zu schicken. Privat wusste ich das nat\u00fcrlich durch das Fernsehen, aber nicht in der Schule. Ich wusste nicht, wo das ist. Oder es konnte dir auch mal passieren, dass in Biologie jemand den Satz abgelassen hat: \"Beim Menschen ist da ein Herz, beim Kapitalisten ein B\u00fcndel Geld\". Da war immer so eine F\u00e4rbung da. Und dann hatte ich mal in Deutsch einen Referendar, die hie\u00dfen bei uns aber glaube ich anders, und der hat uns in der Schule \"Der F\u00e4nger im Roggen\" lesen lassen. Eigentlich solls ja da um diese Entwicklung gehen, und wie schlimm das f\u00fcr den ist, und diese famili\u00e4ren Strukturen, und wir sollten das ganz anders betrachten. Statt zu sehen, dass dieser Junge eine sehr schwere Pubert\u00e4t durchlebt und versucht, sich zu orientieren in einer merkw\u00fcrdigen Familienkonstellation, sollten wir das so betrachten, dass der Kapitalismus ihn kaputtmacht, und das kranke System, in dem er lebt, und der Lehramtsstudent, der uns das hat lesen lassen, hat da eine ziemliche Debatte angesto\u00dfen in meiner Klasse, und dann auf dem ganzen Schulhof. Und dann war er weg. Und es hie\u00df, der w\u00e4re in den Westen abgehauen, aber letztlich k\u00f6nnte es auch der politische Knast in Bautzen gewesen sein, das wei\u00df man nicht. Du hattest die coolen Lehrer, wo du selber wusstest die h\u00f6ren mal Westradio oder schauen Westfernsehen, die Neutralen, und die Parteiinfiltrierten, wo du wusstest jedes Wort, was du falsch von dir gibst, landet in deiner Sch\u00fclerakte, und du musstest halt lernen dich da zurechtzufinden.<br \/><br \/><strong>Wie war generell die Bildungskultur? Durch die Stasi herrschte ja eine gewisse Aufmerksamkeit bez\u00fcglich Dingen, die man lieber nicht anspricht. Konnte man mit Lehrenden dennoch einigerma\u00dfen offen sprechen, oder musste man sich da prinzipiell schon in Acht nehmen?<\/strong><br \/><br \/>Du musstest dich immer in Acht nehmen. Lass es mich kurz beschreiben. Du kamst zur Schule, es war eine ganz andere Stimmung als heute, es war eine gewisse Ruhe in der Schule. Es wurde sich morgens gegr\u00fc\u00dft, es war nat\u00fcrlich ein streng hierarchisches Sch\u00fcler-Lehrer-Verh\u00e4ltnis, es herrschte eine ziemliche Disziplin. Du musstest lernen und aufmerksam sein, und wenn du das nicht warst, hat dich der Lehrer auch mal blo\u00dfgestellt. Es konnte schon passieren, das da mal der Schl\u00fcsselbund fliegt, und wenn du Pech hattest, hat der auch schonmal getroffen. Aber es waren jetzt nicht alle Lehrer b\u00f6se Menschen, also so kann man es ja sowieso nicht sagen, aber es waren schon sehr respektierte Autorit\u00e4tspersonen, das war nicht so wie heute mit Kumpel und so, fand ich auch besser. Man konnte mit einzelnen mal reden, wie in allen menschlichen Beziehungen hattest du mal mit einem mehr pers\u00f6nliche Ber\u00fchrungspunkte, oder die Eltern kannten den, dann konnte man mit dem reden. Ansonsten war schon als kleines Kind klar, dass man sich eher bedeckt h\u00e4lt.<br \/><br \/><strong>Generell, wie war der soziale Umgang miteinander? War es so wie heute auch, nur dass man gewisse Themen eben vermeidet, oder hat man z.B. Fremde absichtlich aus Gr\u00fcnden der Sicherheit von sich ferngehalten?<\/strong><br \/><br \/>Also, es gab keine Telefone wie heute, die waren f\u00fcr einige wichtige Berufsrichtungen vorbehalten. Man stieg morgens in die Bahn, wo immer jeder am selben Platz sa\u00df, und hat sich auf den Platz gesetzt, der immer f\u00fcr einen frei war, und hat sich miteinander unterhalten. Wie geht es dir? Was hast du gestern gemacht? Und man hat politische Themen vermieden. Nur wenn der andere selbst gesagt hat er hat den und den Sender gekuckt, hat man dar\u00fcber gesprochen. Und es war im privaten Freundeskreis oder famili\u00e4r so, dass man auch mal unangemeldet vor der T\u00fcr stand, das gibts heute gar nicht mehr. Es konnte passieren, dass man unangemeldet 5 Leute vor der T\u00fcr hatte, und du wusstest das von keinem. <br \/><br \/><strong>Spielten Sportereignisse kulturell eine \u00e4hnliche Rolle wie heute, oder auch andere Unterhaltungsformen wie Filme oder Fernsehserien? Konnten die Regisseure da prinzipiell viel thematisch abarbeiten, oder wurde eine gewisse Themengruppe bzw. Leitlinie vorgegeben?<\/strong><br \/><br \/>Wir hatten zweimal in der Woche eine Doppelstunde Sportunterricht. Unser Sportlehrer war vorher Offizier bei der NVA (Nationale Volksarmee).* Wie die Bundeswehr, nur mit Panzern aus Pappe. \"Fu\u00dfballobsession\" gabs aber und Leute, die da wirklich drauf abgefahren sind, aber die waren auch wirklich gut. Also das muss ich sagen, alle Spitzensportler waren bei uns irgendwie angestellt und wurden bezahlt, wurden aber mit Segen der Partei f\u00fcr nichts anderes besch\u00e4ftigt als ihren Sport. Also offiziell waren die irgendwo angestellt, aber das stimmte nat\u00fcrlich nicht. Das war, weil die Sportler nat\u00fcrlich auch gut aussehen sollten und dem Westen Konkurrenz machen sollten. Das waren nur die Spitzensportler, nat\u00fcrlich keine mittelm\u00e4\u00dfigen. Nur die, die zu Wettk\u00e4mpfen ins Ausland in den Westen fahren sollten. Aber wenn in der DDR ein Film gedreht oder eine Serie gemacht wurde, dann wurde da das DDR-Bild immer sehr gesch\u00f6nt und harmonisiert. Da gabs keinen Gem\u00fcseladen, wo es nur Kohl und \u00c4pfel zu kaufen gab, da gabs dann alles. Und in dem Idyll waren alle zufrieden, die waren auch in der Partei alle. Und dann gabs f\u00fcr Kinder halt das Sandm\u00e4nnchen. Das war p\u00e4dagogisch auch sehr sch\u00f6n gemacht fand ich, aber es muss einem als jemand, der in der DDR nicht gelebt hat, klar sein dass jede einzelne beschissene Serie und jeder Drecksfilm von einer Kommission begutachtet wurde und dann freigegeben wurde, je nachdem ob das sendef\u00e4hig ist oder nicht, also nach Parteivorgaben. Und so eine Kommission gab es f\u00fcr jeden K\u00fcnstler, der auftreten wollte, jedes Dreckslied, das eine Rockband geschrieben hat, nichts davon wurde je gesendet oder ausgestrahlt, ohne dass das vorher abgeklopft wurde, ob das ok war. Was nat\u00fcrlich nicht so eine Arbeit war bei so einem kleinen Land mit einem Sender. Um die Frage zu beantworten, manche K\u00fcnstler haben sich ausgedr\u00fcckt, aber sehr sehr zwischen den Zeilen, und als DDR-Mensch hat man gelernt, zwischen diesen Zeilen zu lesen.<br \/><br \/><strong>Wie war der Durchschnittsjournalismus, den man bspw. morgens in der Zeitung gelesen hat? Gab es wie heute Investigativjournalismus (in welcher Form auch immer), wurde Satire betrieben, hat man auch mal die eigenen Parteifunktion\u00e4re kritisiert?<\/strong><br \/><br \/>Nein. Es gab Satire, die am liebsten den Westen hochgenommen hat, es gab keinen kritischen Journalismus, und schon gar keinen parteiangreifenden Journalismus. Euch muss aber klar sein, dass die DDR zusammenbrach, als ich 18 war, also als Kind hat mich das auch nicht so brennend interessiert, aber woran ich mich erinnere und was ich wei\u00df war, dass Zeitungen komplett parteikonform waren. Und ich kann mich erinnern, wenn die Nachrichten liefen, die DDR-Nachrichten, da wurde die Partei nicht kritisiert und da wurde die Wirtschaft gelobt, weil wieder irgendwo irgendwelche Prozente, also es wurden immer so Wirtschaftsergebnisse ver\u00f6ffentlicht, gebrochen worden waren. Und dass es irgendwas nicht zu kaufen gab, wurde nicht erw\u00e4hnt, das wusstest du nur von deinem eigenen Einkauf. <br \/><br \/><strong>Wie oft und genau wurde \u00fcber die Handlungen der Regierenden medial berichtet, also z.B. Parlamentssitzungen?<\/strong><br \/><br \/>T\u00e4glich. Es wurden teilweise auch Reden ausgestrahlt, und es wurde halt nicht widersprochen, es wurde nicht kritisch beleuchtet, es wurde immer parteisympathisch berichtet. Es gab auch in der DDR die CDU, aber die gabs halt damit keiner behaupten konnte, es w\u00fcrden Parteien verboten. Aber die SED ist immer mit 98% oder so gew\u00e4hlt worden, wei\u00dfte ja Bescheid. <br \/><br \/><strong>Was war der Fokus der Nachrichten? Schaute man besonders oft z.B. auf einzelne bestimmte Sowjetrepubliken, oder wurde eher der Westen beleuchtet? Wie hat man \u00fcber Russland und generell die Warschauer Pakt-Staaten gesprochen?<\/strong><br \/><br \/>Immer als unsere Br\u00fcder, das war immer schon von der Wortwahl, so dass es klar war, die und wir geh\u00f6ren zusammen, und \u00fcber den Westen wurde immer im Zusammenhang berichtet mit Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, und Drogenproblemen. Arbeitslosigkeit war ein Riesenthema. Wohnungsknappheit, Punker als Abschreckung, Punker und Drogen geh\u00f6rten aus ostdeutscher Sicht ganz eng zusammen, und das war auch eine schizophrene Betrachtung, denn das war ja immer eine sehr heile Welt. Wir haben ja heimlich Westfernsehen gekuckt. Mutti war Zuhause und musste nicht arbeiten gehen, alle hatten ein Auto und einen sehr vollen K\u00fchlschrank. In den Nachrichten hie\u00df es, bei denen l\u00e4ufts nicht, aber es l\u00e4uft bei uns, aber der K\u00fchlschrank war leer. Also der Osten hat den Westen schlecht gemacht, unterst\u00fctzt durch Serien und Nachrichten, und die DDR gelobt. Dann hast du als schlauer Ossi aber eben auch die Westnachrichten gekuckt und geh\u00f6rt, im Osten l\u00e4ufts nicht mit der Versorgung und die Jugend wird hirngewaschen mit sowjetischen Parolen, und im Westen ganz offensichtlich nicht, und die flogen in die ganze Welt in den Urlaub und wir immer nur an die Ostsee. Und da nun mal in meinem Fall s\u00e4mtliche Verwandtschaft im Westen lebte und wir ja h\u00f6rten, wie die lebten und die auch Fotos mitbrachten, war schon klar, das das so nicht stimmen konnte.<\/p>\r\n<p><br \/><br \/><em>Das war es f\u00fcr den ersten Teil. In der Fortsetzung sprechen wir \u00fcber das tats\u00e4chliche Alltagsleben in der DDR, von Fr\u00fchst\u00fcck und Shopping bis zu Urlaub und Einkauf. Bleibt gespannt!<\/em><\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>* Die Streitkr\u00e4fte der DDR waren der SED seit ihrer Gr\u00fcndung 1956 in Form des Ministeriums f\u00fcr Nationale Verteidigung (MfNV) direkt unterstellt. Sie waren ein Instrument gleichzeitig zur Verteidigung Ostdeutschlands nach au\u00dfen, und zur sozialistischen Herrschaftssicherung im Land selbst. Sie und die Bundeswehr standen sich f\u00fcr mehrere Jahrzehnte an der Grenze zwischen der westlichen Welt und den Warschauer Pakt Staaten mitten in Deutschland gegen\u00fcber.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo liebe Leser*innen. In diesem Interview werden wir einige weniger und mehr bekannte Aspekte des Lebens in der DDR beleuchten, die oft nicht wirklich detailliert beschrieben werden. Deshalb habe ich mit einer Zeitzeugin gesprochen, die 1971 in Potsdam geboren wurde und in der DDR aufwuchs, w\u00e4hrend ihrer Jugend wechselnd in Halle und Berlin. 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