{"id":2017,"date":"2021-11-12T16:56:14","date_gmt":"2021-11-12T15:56:14","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/?p=2017"},"modified":"2021-12-04T13:52:20","modified_gmt":"2021-12-04T12:52:20","slug":"fuer-30-tage-im-gefaengnis-habe-ich-200-dollar-bezahlt-interview-mit-glafira-zhuk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/2021\/11\/12\/fuer-30-tage-im-gefaengnis-habe-ich-200-dollar-bezahlt-interview-mit-glafira-zhuk\/","title":{"rendered":"\u201eF\u00fcr 30 Tage im Gef\u00e4ngnis habe ich 200 Dollar bezahlt.\u201c  Interview mit Glafira Zhuk"},"content":{"rendered":"<div class=\"et_d4_element et_pb_section et_pb_section_0  et_pb_css_mix_blend_mode et_section_regular et_block_section\" >\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_0  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_1_2 et_pb_column et_pb_column_0  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_0  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p><em>Glafira Zhuk war Studentin an der journalistischen Fakult\u00e4t in der Hauptstadt von Belarus. Zudem berichtete sie online f\u00fcr <span data-show-topic=\"8a27df32c181b660361f5fc124e653e7\" data-topic-content=\"8a27df32c181b660361f5fc124e653e7\"> die unabh\u00e4ngige Zeitung<\/span> <a href=\"https:\/\/www.nv-online.info\/\">\u201eNarodnaya Volya\u201c<\/a> \u00fcber die Prozesse gegen Studierende, die sich nach den umstrittenen Pr\u00e4sidentschaftswahlen 2020 an den landesweiten Protesten beteiligt hatten. Hierf\u00fcr wurde sie im Sommer diesen Jahres f\u00fcr 30 Tage im Gef\u00e4ngnis in der Akrestsin-Stra\u00dfe in Minsk unter menschenunw\u00fcrdigen Bedingungen inhaftiert.<\/em><\/p>\n<p><em>Der Deutsche Journalistenverband lud Glafira Zhuk im Oktober zu einem einmonatigen Praktikum nach Bremen ein. W\u00e4hrend dieser Zeit hatten wir die M\u00f6glichkeit mit der 20-j\u00e4hrigen Belarussin \u00fcber ihre Haft und deren Folgen sowie die aktuelle Situation in Belarus zu sprechen. Das Interview fand mit \u00dcbersetzung statt, so stellten wir die Fragen auf Englisch, Glafira Zhuk antwortete auf Russisch.<\/em><\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_column_1_2 et_pb_column et_pb_column_1  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_image et_pb_image_0\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<span class=\"et_pb_image_wrap \"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1218\" height=\"1502\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/250268657_400587374884775_3324952179679230723_n.jpg\" alt=\"\" title=\"250268657_400587374884775_3324952179679230723_n\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/250268657_400587374884775_3324952179679230723_n.jpg 1218w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/250268657_400587374884775_3324952179679230723_n-980x1209.jpg 980w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/250268657_400587374884775_3324952179679230723_n-480x592.jpg 480w\" sizes=\"(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) and (max-width: 980px) 980px, (min-width: 981px) 1218px, 100vw\" class=\"wp-image-2104\" \/><\/span>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_1  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_4_4 et_pb_column et_pb_column_2  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_1  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p><strong>Europablog<\/strong>: K\u00f6nnen Sie uns \u00fcber die Ereignisse berichten, welche zu Ihrer Verhaftung f\u00fchrten?<\/p>\n<p><strong>Glafira Zhuk<\/strong>: Ich wurde verhaftet, als ich gerade beim Fris\u00f6r war. Dies geschah aufgrund einer Reportage, die ich geschrieben habe, aber die offizielle Begr\u00fcndung lautete, dass ich mich beim Gerichtsgeb\u00e4ude aufgehalten h\u00e4tte. Ich wurde festgenommen und von drei Polizisten in einen Kleinbus gebracht und befragt. Mir wurden Fotos vorgelegt, auf denen zu sehen war, wie ich vor diesem Gerichtsgeb\u00e4ude stand und meiner Arbeit als Journalistin nachging, was sie nat\u00fcrlich nicht interessierte. Der offizielle Verhaftungsgrund war, dass ich vor dem Gerichtsgeb\u00e4ude protestiert h\u00e4tte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Europablog<\/strong>: Was passierte nach der Verhaftung? Hatten Sie die M\u00f6glichkeit Ihre Familie zu benachrichtigen oder mit einem Anwalt zu sprechen?<\/p>\n<p><strong>Glafira Zhuk<\/strong>: Ich konnte meinen Vater anrufen und ihm mitteilen, dass ich verhaftet worden war. Einen Anwalt konnte ich nicht kontaktieren. Offiziell kann man das nat\u00fcrlich, aber in diesen Zeiten der Repression werden Anw\u00e4lte nicht zugelassen. Vor der Verhandlung wurde mir erlaubt, 5 Minuten mit dem Anwalt zu sprechen. Bei der Verhandlung hatte ich einen Anwalt, mit dem ich f\u00fcnf Minuten \u00fcber Skype gesprochen hatte, auch die Verhandlung lief \u00fcber Skype. Sie war genau an meinem Geburtstag, am Tag der Verhandlung wurde ich 20.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Europablog<\/strong>: Das ist ein anderer interessanter Punkt. Sie sind erst 20 Jahre alt, also sehr jung. Wie kamen Sie bereits in so jungem Alter dazu, journalistisch t\u00e4tig zu sein? Wie kam es, dass Sie als Studentin \u00fcber die Proteste berichteten?<\/p>\n<p><strong>Glafira Zhuk<\/strong>: Ich habe mit dem Journalismus schon zu Schulzeiten begonnen. So bin ich damals zum staatlichen Radio gegangen und habe einige Sendungen aufgenommen. Recht bald habe ich bemerkt, dass man nicht alles thematisieren kann, was man m\u00f6chte und einige Themen tabuisiert sind. Zuerst dachte ich, es liegt an mir, vielleicht stimmt bei mir irgendetwas nicht. Dann habe ich aber gemerkt, dass nicht mit mir, sondern mit den staatlichen Medien etwas nicht stimmt! Sp\u00e4ter habe ich an der Universit\u00e4t, an der Fakult\u00e4t f\u00fcr Journalismus, mein Studium begonnen. Ich musste keine Studiengeb\u00fchren bezahlen, ich hatte einen freien Platz. In Belarus k\u00f6nnen diejenigen ohne Geb\u00fchren studieren, die bei den Eingangspr\u00fcfungen sehr gut abgeschnitten haben. Aber wenn man einen kostenlosen Studienplatz bekommen hat, ist man nach dem Studium verpflichtet, zwei Jahre f\u00fcr den Staat zu arbeiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Europablog<\/strong>: Wird dies bezahlt?<\/p>\n<p><strong>Glafira Zhuk<\/strong>: Ja, dies wird bezahlt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Europablog<\/strong>: Das hei\u00dft, sie wussten zu Beginn ihres Studiums bereits, dass Sie sp\u00e4ter f\u00fcr den Staat w\u00fcrden arbeiten m\u00fcssen. War Ihnen zu diesem Zeitpunkt bewusst, was dies bedeuten w\u00fcrde?<\/p>\n<p><strong>Glafira Zhuk<\/strong>: Ich habe schon zu Studienzeiten begonnen f\u00fcr unabh\u00e4ngige Medien zu schreiben. Ich habe mir damals gesagt: \u201eGut, ich muss danach zwei Jahre f\u00fcr den Staat arbeiten, das werde ich machen. In diesen zwei Jahren werde ich nicht \u00fcber Politik schreiben und ich werde das Minimum leisten, das notwendig ist und meine Zeit vermehrt dem Schreiben f\u00fcr unabh\u00e4ngige Medien widmen.\u201c Als dann die Proteste begannen, wurde mir klar, - ich habe vorher nicht \u00fcber Politik oder soziale Themen geschrieben - dass ich nicht einfach unbeteiligt an der Seite stehen und meine Kollegen im Stich lassen kann. Ich habe angefangen, aktiv \u00fcber die Politik und Geschehnisse im Land zu schreiben. Das Ganze geschah innerhalb eines Jahres. So bin ich zum Journalismus gekommen.<\/p>\n<p>Es ist aber wichtig zu verstehen, dass zurzeit einfach alles in Belarus als politisch angesehen wird. Ob man \u00fcber Bildung oder Kultur schreibt, alles ist auf einmal politisch. Es ist sehr schwer jetzt irgendetwas \u00fcber Belarus zu berichten, ohne politische Themen aufzugreifen. Zum Beispiel wird gerade \u00fcber die Einf\u00fchrung einer neuen Regelung an der Universit\u00e4t berichtet, welche festlegt, dass Studierende nach zehn Vers\u00e4umnissen von Veranstaltungen exmatrikuliert werden. Aber wenn man die Informationen ein bisschen ansammelt und recherchiert, stellt man fest, dass diese Regelung mit den zehn Vers\u00e4umnissen dem alleinigen Zweck dient, die inhaftierten Studenten gleich zu exmatrikulieren. Die Mehrheit der Themen ist auf einmal politisch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Europablog<\/strong>: K\u00f6nnen Sie uns \u00fcber Ihre Zeit im Gef\u00e4ngnis berichten?<\/p>\n<p><strong>Glafira Zhuk<\/strong>: Es war eine Zelle f\u00fcr zwei Personen und wir waren zu 16. Wir schliefen auf dem Boden. Es gab keine Matratzen oder Betten, es gab zwei Stockbetten aus Eisen, auf diesen kann man aber weder sitzen noch liegen, da der R\u00fccken sonst schmerzt. Als wir dann so viele Personen in der Zelle waren, schliefen wir auf dem Boden, aber abwechselnd, da nicht gen\u00fcgend Platz war. Man konnte das Fenster nur so weit \u00f6ffnen (deutet wenige Zentimeter an) und es hat vom Fenster her extrem gezogen. Weil wir ja alle auf dem Boden schlafen mussten, wurden wir alle sehr schnell krank.<\/p>\n<p>Das Licht wird nicht ausgeschaltet, es brennt also 24 Stunden lang am Tag das Licht. Dreimal am Tag wurden wir auf den Gang hinausgef\u00fchrt und durchsucht. Zweimal pro Nacht wurde man aufgeweckt. Man musste dann aufstehen und sagen wie man hei\u00dft \u2013 Nachname, Vorname und Vatersname. Da ich an einem der Tage im Gef\u00e4ngnis Geburtstag hatte, fragte mich einer der W\u00e4rter, wie es mir denn gefalle, dass ich jetzt den Geburtstag im Gef\u00e4ngnis verbringen w\u00fcrde.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Noch bevor ich ins Gef\u00e4ngnis kam, also w\u00e4hrend der Fahrt dorthin, hat ein Polizist den anderen gefragt: \u201eNa, wohin bringst du sie denn?\u201c und er hat geantwortet: \u201eZur Erschie\u00dfung.\u201c \u00dcbrigens ist Belarus der einzige Staat in Europa, in dem es noch die Todesstrafe gibt.<\/p>\n<p>Wir wurden immer mehr Menschen in der Zelle. Einige kamen dazu, andere wurden in andere Gef\u00e4ngnisse weggebracht. Drei Tage lang wurden wir in einer Isolationshaft, dem sogenannten Karzer, gehalten. Es war ein sehr kleiner Raum mit einem Fliesenboden, keinem Holzboden. Die Toiletten waren ohne T\u00fcren und ohne Toilettensch\u00fcsseln. F\u00fcr die Hygiene haben wir nur das absolute Minimum erhalten. Zum Beispiel hatten wir nichts zum Haarewaschen. Das Einzige, was wir daf\u00fcr benutzen konnten, war die Seife, die uns zur Verf\u00fcgung gestellt wurde. Es gab keine Zahnb\u00fcrsten, keine Zahncreme, kein Shampoo. Es gab einfach nichts.<\/p>\n<p>Wir wurden h\u00e4ufig von einer Zelle in die n\u00e4chste gebracht. Dies war eine der Methoden, um psychologischen Druck auf uns auszu\u00fcben. Man wei\u00df nie, wohin man als n\u00e4chstes gebracht wird - wird man zu einer Befragung gef\u00fchrt oder in ein anderes Gef\u00e4ngnis? Auf diese Art und Weise wird daf\u00fcr gesorgt, dass man sich st\u00e4ndig in einem Schockzustand befindet. Zum Essen gab es Gr\u00fctze, Suppe und Tee. Wenn man aus dem Gef\u00e4ngnis entlassen wird, bekommt man eine Quittung und darf dann f\u00fcr die Versorgung bezahlen. F\u00fcr 30 Tage im Gef\u00e4ngnis habe ich 200 Dollar bezahlt.<\/p>\n<p>Duschen konnten wir gar nicht, also kein einziges Mal in diesen drei\u00dfig Tagen und spazieren gehen war uns auch nicht m\u00f6glich. Ein einziges Mal wurden wir f\u00fcr eine halbe Stunde aus der Zelle heraus gef\u00fchrt. Es war Juni und extrem hei\u00df. Es waren knapp 40 Grad. Sie hatten Angst, dass wir in der Zelle ersticken w\u00fcrden und deshalb durften wir uns f\u00fcr eine halbe Stunde auf dem Hof aufhalten. Eigentlich muss ich jeden Tag ein Medikament f\u00fcr mein Herz nehmen. Dieses konnte ich erst nach f\u00fcnf Tagen bekommen. In diesen ersten f\u00fcnf Tagen ging es mir zweimal sehr schlecht. In der Zelle waren Menschen ganz unterschiedlichen Alters. Beispielsweise war auch eine \u00e4lter Frau dabei, die ca. 72 Jahre alt war. Sie ist w\u00e4hrend der Haft sehr schwer an Covid erkrankt. Ich wei\u00df nicht, ob sie \u00fcberhaupt \u00fcberlebt hat, da sie in ein anderes Gef\u00e4ngnis gebracht wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Europablog<\/strong>: Wir war der Kontakt mit Ihren Mith\u00e4ftlingen? Haben sie gr\u00f6\u00dftenteils geschwiegen oder sich unterhalten?<\/p>\n<p><strong>Glafira Zhuk<\/strong>: Miteinander zu reden war das Einzige, was wir tun konnten. Wir hatten weder B\u00fccher noch Papier und Stifte, um etwas aufzuschreiben. Man war allein mit sich und den anderen Menschen. Es waren unterschiedliche Leute. Da war eine Buchhalterin, eine Kinderg\u00e4rtnerin, eine Rentnerin, die Mutter von drei Kinder und es war eine weitere Journalistin dabei. Es waren unterschiedliche Berufsgruppen vertreten. In der Nachbarzelle waren M\u00e4nner. Die politischen H\u00e4ftlinge sind in einem extra Teil des Gef\u00e4ngnisses und werden gesondert behandelt. Also bei den \u00fcblichen Kriminellen \u2013 wenn man beispielsweise an einem \u00f6ffentlichen Ort betrunken war oder gestohlen hat \u2013 wird nachts das Licht ausgemacht, sie haben eine Matratze, sie erhalten eine Zahnb\u00fcrste. Bei den politischen Gefangenen gab es diese Dinge nicht.<\/p>\n<p>In unserer Zelle wurde sp\u00e4ter auch eine Frau untergebracht, die vorher wegen Diebstahls verurteilt worden war. Sie war betrunken und hat angefangen zu randalieren. Sie hat unsere Sachen durcheinandergeworfen, an die T\u00fcr geh\u00e4mmert und gerufen \u201eHilfe! Helft mir! Ich bin hier bei den Politischen!\u201c. Das war f\u00fcr sie eine extra Bestrafung. Sie war betrunken bei der Arbeit gewesen und als Bestrafung, war sie von dort abgeholt und ins Gef\u00e4ngnis gebracht worden, aber eben in die Zelle mit den politischen H\u00e4ftlingen. Sie hat ihre ganze Strafe bei uns abgesessen, das waren so 10 Tage. Am Ende sagte sie uns, dass die Politischen ja ganz normale Menschen seien und sie sich wundere, dass wir inhaftiert worden seien. Ich hatte aber noch Gl\u00fcck. In einer anderen Zelle, haben mir die dort untergebrachten Frauen erz\u00e4hlt, wurde eine Obdachlose mit in ihre Zelle gesteckt, die einfach furchtbar gestunken hat. Die M\u00e4dchen haben ihr die Haare gewaschen und alles getan, damit sie nicht so sehr stinkt. Die Menschen hatten dann entsprechend auch Kopfl\u00e4use und andere infekti\u00f6se Krankheiten. Mit solchen Menschen war ich im Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Europablog<\/strong>: Was hat es bei Ihnen ausgel\u00f6st, als einer der Polizisten bei Ihrer Verhaftung sagte, Sie w\u00fcrden zur Erschie\u00dfung gebracht werden?<\/p>\n<p><strong>Glafira Zhuk<\/strong>: Schwer zu sagen. Angst hatte ich nicht, denn nachdem er das gesagt hat, drehte er sich zu mir um und l\u00e4chelte mich an. Ich hatte keine Angst, weil ich wusste, dass ich keine Verbrecherin bin. Sie haben auf mich eingeredet und versucht, irgendwelche Propaganda los zu werden und das, was sie am meisten verst\u00f6rt hat, war, dass ich ruhig geblieben bin. Sie haben Dinge gesagt und ich habe ganz ruhig geantwortet: \u201eEs tut mir leid, aber damit bin ich nicht einverstanden, ich bin anderer Meinung.\u201c Dass ich so ruhig blieb, hat sie am meisten verst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Was schrecklich war und mir Angst gemacht hat, war, dass ich von anderen Inhaftierten wusste, die geschlagen wurden und denen Gewalt angetan wurde. Sie haben das Gef\u00e4ngnis verkr\u00fcppelt verlassen. Gerade nach den Massenverhaftungen direkt nach Protesten - damals sa\u00dfen dann bis zu 50 Menschen in einer Zelle und manche Frauen wurden mit St\u00f6cken vergewaltigt - war es schlimm. Das war alles 2020, als man mit physischer Gewalt arbeitete. Dieses Jahr ist man mehr zum psychischen Druck \u00fcbergegangen, vor allem bei den Befragungen. Ich wurde zweimal von einem Polizisten aus der Verbrechensabteilung befragt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Europablog<\/strong>: Gab es einen Moment, in dem Sie das Gef\u00fchl hatten, die andere Seite h\u00e4tte Ihren Willen gebrochen und Sie wollten aufgeben?<\/p>\n<p><strong>Glafira Zhuk<\/strong>: Ich habe im Gef\u00e4ngnis gemerkt, dass man standhalten und zusammenhalten muss. Man darf ihnen nicht den Eindruck geben, dass sie uns gebrochen h\u00e4tten. Nach der Haft war es schlimm. Einen Monat lang war ich in einem depressiven Zustand. Ich hatte Angst rauszugehen, weil ich bef\u00fcrchtete, man k\u00f6nnte mich verfolgen und mich wieder verhaften. Ich konnte einfach nicht alleine bleiben. Aber dort irgendeine Schw\u00e4che zeigen und zusammenbrechen darf man auf gar keinen Fall, dar\u00fcber freuen sie sich dann nur. Wir haben irgendwie die Zeit rumbekommen, wir haben Kinderspiele gespielt. Das haben die W\u00e4rter dann nat\u00fcrlich auch gesehen, sie haben durchs Fenster geguckt. Wir haben gezeigt, dass wir nicht einfach da sitzen und weinen, sondern etwas tun, um bei Verstand zu bleiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Europablog<\/strong>: Vielleicht waren das genug Fragen zu Ihrer Zeit im Gef\u00e4ngnis. Wohin sind Sie aus Belarus als erstes ausgereist?<\/p>\n<p><strong>Glafira Zhuk<\/strong>: Hierher, nach Bremen. Als ich aus Belarus ausgereist bin, dachte ich noch, ich w\u00fcrde nach einem Monat zur\u00fcckkehren. Aber das geht jetzt nicht mehr, weil danach die Nachricht kam, dass die Menschen als angebliche Spione festgenommen werden. Wenn ich jetzt aus der EU einreise, k\u00f6nnen Fragen kommen. Deutschland macht sehr viel, um das belarussische Volk zu unterst\u00fctzen, beispielsweise gab es vor kurzem eine Konferenz in N\u00fcrnberg. Dort ging es darum, Belarus als Terrorregime anzuerkennen. Denn es ist tats\u00e4chlich so, dass das, was dort vorgeht, der Genozid* am belarussischen Volk ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>*Anmerkung der Redaktion:<\/em><\/p>\n<p><em>Auf sp\u00e4tere Nachfrage zu dem von ihr verwendeten Begriff des \u201eGenozids\u201c berichtet Glafira Zhuk, dass dieser aktuell Teil des durch die belarussische Opposition verwendeten Vokabulars sei. Aus unserer Sicht ist der Begriff nicht in seiner korrekten Bedeutung verwendet, da das Vorgehen Lukaschenkos gegen politische Gegner*innen nicht mit dem Versuch der Ausl\u00f6schung einer nationalen, ethnischen oder religi\u00f6sen Gruppe gleichzusetzen ist.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Europablog<\/strong>: Sie haben bereits zuvor berichtet, dass Sie Ihr Land lieben und sofort zur\u00fcck m\u00f6chten, wenn sich die Dinge ge\u00e4ndert haben und die Einreise f\u00fcr Sie wieder sicher ist. Wie sieht ihr aktueller Plan aus? Ich gehe davon aus, dass Sie alleine im Ausland sind, was ich mir schrecklich vorstelle. Wohin werden Sie nach Ihrem Besuch hier in Bremen weiterreisen?<\/p>\n<p><strong>Glafira Zhuk<\/strong>: Ich reise nach Kiew weiter. Die meisten Belarussen sind aktuell in der Ukraine, denn man braucht als belarussischer Staatsb\u00fcrger kein Visum, um in die Ukraine einzureisen. Ich werde weiterhin als Journalistin f\u00fcr die Internetseite <strong>\u201e<\/strong>Narodnaja Volya\u201c arbeiten. Ein Teil der Mitarbeiter ist jetzt in Kiew und ein Teil in Vilnius. Ich werde auch im belarussischen Journalistenverband arbeiten und zwar in der Abteilung, die Hilfe organisiert f\u00fcr Journalisten, die zur Migration gezwungen wurden. Zum Gl\u00fcck bin ich nicht - wie Sie vermutet haben - alleine. Wir sind zu Tausenden. Ich war, als ich nach Bremen kam, dar\u00fcber erstaunt, dass es auch hier so viele Belarussen gibt. Ich habe den Eindruck, dass es Belarussen nun \u00fcberall in allen St\u00e4dten auf der Welt gibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Europablog<\/strong>: Was h\u00e4tten Sie aktuell bei einer Einreise nach Belarus zu bef\u00fcrchten?<\/p>\n<p><strong>Glafira Zhuk<\/strong>: Da ich aus der EU einreise, kann ich befragt werden, was ich in Deutschland gemacht habe. Ich kann nat\u00fcrlich einfach sagen, dass ich dort studiert habe, aber ich habe ja eine bestimmte Vergangenheit mit dem Gef\u00e4ngnisaufenthalt. Somit l\u00e4ge der Vorwurf zu Aktivit\u00e4ten, die der \u201eDestabilisierung der gesellschaftlichen Situation in Belarus\u201c dienen, nahe. Allein die Tatsache, dass ich hier mit Ihnen sitze und diese Dinge erz\u00e4hle, wird als Destabilisierung und Landesverrat gewertet. Aber ich bin sehr froh dar\u00fcber, dass ich hier sitzen kann und als Stimme des Volkes sprechen kann, das ansonsten keine Stimme hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Europablog:<\/strong> Wie ist die Situation aktuell? Aus Berichten in unseren Medien entsteht der Eindruck, dass die Proteste niedergeschlagen wurden und aktiver Widerstand gerade nicht m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p><strong>Glafira Zhuk<\/strong>: Ja, das stimmt. Derzeit ist die Mehrheit der Menschen ver\u00e4ngstigt. Das ist auch verst\u00e4ndlich, wenn man sich ansieht, was f\u00fcr Haftstrafen f\u00fcr das Andersdenken verh\u00e4ngt werden. Viele Menschen, die im Staatssektor arbeiten, versuchen entweder in einem anderen Bereich eine Arbeit zu finden oder das Land zu verlassen. Auch das hat Einfluss auf die Wirtschaft im Land. Die Menschen in den Fabriken arbeiten beispielsweise nur minimal. Sie versuchen weniger Leistung zu erbringen und auf diese Weise auf den Zustand im Land Einfluss zu nehmen. Als Journalisten aus dem Ausland informieren wir Belarus \u00fcber die Situation. Viele Internetseiten werden blockiert, aber man kann \u00fcber VPN oder \u00fcber Telegram doch darauf zu greifen. So ist die Situation in Belarus leider aktuell.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Wenige Tage nach diesem Interview reiste Glafira Zhuk nach Kiew, um von dort ihr Journalismusstudium \u2013 nun online an der Europ\u00e4ischen Geisteswissenschaftlichen Universit\u00e4t<\/em> <em>in Vilnius \u2013 fortzusetzen.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Fragen stellten Ella Baumann und Ariane Brachmann<\/p>\n<p>\u00dcbersetzung durch Yvonne P\u00f6rzgen und Anastasiya Pryhara<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":13654,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_bbp_topic_count":0,"_bbp_reply_count":0,"_bbp_total_topic_count":0,"_bbp_total_reply_count":0,"_bbp_voice_count":0,"_bbp_anonymous_reply_count":0,"_bbp_topic_count_hidden":0,"_bbp_reply_count_hidden":0,"_bbp_forum_subforum_count":0,"_et_pb_use_builder":"on","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[849566,565379,345397],"tags":[565379,849549,70563,278],"class_list":["post-2017","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ariane-brachmann","category-belarus","category-interviews","tag-belarus","tag-diktatur","tag-lukaschenko","tag-pressefreiheit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2017","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/13654"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2017"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2017\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2587,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2017\/revisions\/2587"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2017"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2017"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2017"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}