{"id":1772,"date":"2021-10-22T14:50:28","date_gmt":"2021-10-22T12:50:28","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/?p=1772"},"modified":"2021-10-28T15:40:16","modified_gmt":"2021-10-28T13:40:16","slug":"europa-chips-und-queer-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/2021\/10\/22\/europa-chips-und-queer-sein\/","title":{"rendered":"Europa, Chips und queer sein"},"content":{"rendered":"<div class=\"et_d4_element et_pb_section et_pb_section_0  et_pb_css_mix_blend_mode et_section_regular et_block_section\" >\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_0  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_4_4 et_pb_column et_pb_column_0  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_0  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\">\u201eTwo French women, a couple,  boxed into the face because they woudn\u00b4t have a threesome with the man.\u201c<br \/>\nDie Nachricht von zwei verletzten Frauen finde ich mal wieder in meinen Nachrichten. Nach den fast schon zwei Jahren immer noch erschreckende Bilder. Ver\u00e4ngstigte Blicke, blutende Nase, blut\u00fcberstr\u00f6mtes Gesicht. Paris. Irgendetwas in mir muss sich zwei Mal durchlesen, wo sich das genau abgespielt hat. Reines Pech hatte das junge Paar, im Bus gefangen und keinen Ausweg vom Angreifer. Reiner Zufall. Keine Chance vorbereitet zu sein. In den Kommentaren finden sich dutzende Nachrichten: Der Angreifer wird als krank beschrieben, Menschen seien entsetzt, ein paar weinende Smileys. Das w\u00e4ren aber auch nicht alle Pariser, schreibt eine mitleidige Stimme. Hier w\u00e4ren alle tolerant. Schnell ein Wisch nach links. \u201eNeues Gesetz in Ungarn: Homosexualit\u00e4t als Feindbild\u201c. Alles was nicht heterosexuell oder Cis-Gender ist, soll per Gesetz aus der ungarischen \u00d6ffentlichkeit quasi verschwinden. Ich muss schlucken und drehe mich um- eigentlich wollte ich doch gerade nicht auf Instagram versinken, sondern mit meiner Freundin Reisedaten ausmachen. Zusammen wollen wir beide bald auf Interrail-Tour. Seit zwei Jahren steht die Idee im Raum \u00fcber Tschechien nach Kroatien und \u00fcber Ungarn, der Slowakei und Polen zur\u00fcckzufahren. Restaurants, Museen- wir lieben es zu planen und sind seit Wochen aufgeregt. Die Packliste ist geschrieben, nur unser Interrailplaner muss eingerichtet werden. Doch seit ein paar Tagen gr\u00fcble ich. Es fing mit dem Thema Pfefferspray an, das wir noch kaufen wollen. Pfefferspray und Sicherheit. Als Gr\u00fcblerin und weibliches Wesen ist mir das Thema nicht fremd und auch der Gedanke \u00fcber m\u00f6gliche Risiken nicht neu. Aber wir m\u00fcssen uns noch weitere Fragen stellen:<br \/>\nWenn ich mit meiner Freundin aufgeregt unsere Zug-Tour durch Europa plane, zusammen auf dem Teppich Chips esse und Wehrungen umrechne- da kann ich das ausblenden. Es klingt vielleicht schr\u00e4g- aber in diesen Momenten sind wir nichts politisches, nichts au\u00dfergew\u00f6hnliches. Wir sind wir, Chipskr\u00fcmel und R\u00fcckenschmerzen inklusive. Die Welt blenden wir aus und tr\u00e4umen gemeinsam. Ich habe Bilder von mir und meiner Freundin im Kopf, wie wir die St\u00e4dte kennenlernen und uns ein eigenes Bild machen. Schlie\u00dflich ist es unser Ziel, Europa kennenzulernen. Mehr zu sehen als die italienischen Partygegenden und den begehrten bulgarischen Goldstrand. Mehr zu sehen als das es deutsche Medien zulassen. Aber dann, wenn wir aus der WG gehen, auf die Stra\u00dfe- da wird es deutlich. Da sind wir nicht nur die, die Chips essen und grinsend unsere Reise planen. Es f\u00e4ngt mit den Blicken an: Blicke auf unsere H\u00e4nde gerichtet, dann unser Gesicht: Manche grinsen fr\u00f6hlich, manche gucken irritiert. Ich merke wie ich manchmal rot werde, unangenehm ber\u00fchrt. Starre meine Freundin kurz an. Immer wieder die selbe Erinnerung: Wir sind queer. Diese Beziehung f\u00e4llt auf und  diese Beziehung eckt an. So gut es geht haben wir uns daran gew\u00f6hnt. Wir h\u00f6ren auf unser Bauchgef\u00fchl, auf das Umfeld. Machen manchmal Witze, haben beide kecke Antworten f\u00fcr unangenehme Typen parat. Fast sowas wie eine Routine. Aber im Urlaub? Reiseidylle l\u00e4sst sich schlecht mit der Realit\u00e4t verbinden. Die Realit\u00e4t sind Fragen wie: Wo k\u00f6nnen wir ein Paar sein? Wo sollten wir es lassen? Sollten wir wirklich von kroatischen Kleinst\u00e4dten tr\u00e4umen, wenn die Realit\u00e4t vermutlich weniger romantisch f\u00fcr uns aussehen wird? Die franz\u00f6sischen Frauen tauchen wieder in meinem Kopf auf. PARIS. F\u00fcr mich fast wie eine Symbolik der Toleranz, der \u00dcbergriff so zuf\u00e4llig und brutal. Es zeigt erneut, dass Europa ein Problem mit Selbstdarstellung hat. Klar ist Ungarn bewiesenerma\u00dfen kein Paradies f\u00fcr queere Flitterwochen, aber mit Sicherheit in Westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern h\u00e4ngt das nicht zusammen. Fast deprimierend, dass unsere Zeit eigentlich immer durch Zufall gepr\u00e4gt ist und es nirgendwo eine homophobiefreie Zone gibt. Egal wie viele Regenbogenfahnen im Juni hochgehalten werden, schr\u00e4ger Gay-Adventure-Reisef\u00fchrer hin oder her. Und ja, ich w\u00fcrde hier jetzt gerne ein mutiges Statement zum Abschluss schreiben, einen beeindruckenden und l\u00e4ssigen Aufruf zu mehr Gerechtigkeit. Aber hier auf dem Teppich in der Bahnhofsvorstadt mit meinem Trackingrucksack im Blick, habe ich nichts mutiges zu sagen und erst recht keine Antworten auf die Fragen, die wir uns noch stellen m\u00fcssen. Vorfreude, Lebensfreude, etwas Angst, Wut. Viele Gef\u00fchle, viele Sorgen, viele Gedanken. Und zum Gl\u00fcck die Chips. <\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":12786,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_bbp_topic_count":0,"_bbp_reply_count":0,"_bbp_total_topic_count":0,"_bbp_total_reply_count":0,"_bbp_voice_count":0,"_bbp_anonymous_reply_count":0,"_bbp_forum_subforum_count":0,"_et_pb_use_builder":"on","_et_pb_old_content":"\u201eTwo French women, a couple,  boxed into the face because they woudn\u00b4t have a threesome with the man.\u201c\r\nDie Nachricht von zwei verletzten Frauen finde ich mal wieder in meinen Nachrichten. Nach den fast schon zwei Jahren immer noch erschreckende Bilder. Ver\u00e4ngstigte Blicke, blutende Nase, blut\u00fcberstr\u00f6mtes Gesicht. Paris. 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Seit zwei Jahren steht die Idee im Raum \u00fcber Tschechien nach Kroatien und \u00fcber Ungarn, der Slowakei und Polen zur\u00fcckzufahren. Restaurants, Museen- wir lieben es zu planen und sind seit Wochen aufgeregt. Die Packliste ist geschrieben, nur unser Interrailplaner muss eingerichtet werden. Doch seit ein paar Tagen gr\u00fcble ich. Es fing mit dem Thema Pfefferspray an, das wir noch kaufen wollen. Pfefferspray und Sicherheit. Als Gr\u00fcblerin und weibliches Wesen ist mir das Thema nicht fremd und auch der Gedanke \u00fcber m\u00f6gliche Risiken nicht neu. Aber wir m\u00fcssen uns noch weitere Fragen stellen. \r\nWenn ich mit meiner Freundin aufgeregt unsere Zug-Tour durch Europa plane, zusammen auf dem Teppich Chips esse und Wehrungen umrechne- da kann ich das ausblenden. Es klingt vielleicht schr\u00e4g- aber in diesen Momenten sind wir nichts politisches, nichts au\u00dfergew\u00f6hnliches. Wir sind wir, Chipskr\u00fcmel und R\u00fcckenschmerzen inklusive. 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