{"id":14882,"date":"2026-09-21T10:35:14","date_gmt":"2026-09-21T08:35:14","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/?p=14882"},"modified":"2026-09-21T10:35:14","modified_gmt":"2026-09-21T08:35:14","slug":"die-umkehrung-der-allianzen-der-kipppunkt-ist-erreicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/2026\/09\/21\/die-umkehrung-der-allianzen-der-kipppunkt-ist-erreicht\/","title":{"rendered":"Die Umkehrung der Allianzen: Der Kipppunkt ist erreicht"},"content":{"rendered":"\r\n\r\n<div class=\"et_pb_section_0 et_pb_section et_section_regular et_block_section\">\r\n\r\n<div class=\"et_pb_row_0 et_pb_row et_block_row\">\r\n\r\n<div class=\"et_pb_column_0 et_pb_column et_pb_column_4_4 et-last-child et_block_column et_pb_css_mix_blend_mode_passthrough\">\r\n\r\n<div class=\"et_pb_text_0 et_pb_text et_pb_bg_layout_light et_pb_module et_flex_module\"><div class=\"et_pb_text_inner\"><p style=\"text-align: justify\">Nachdem in den vorherigen beiden Artikeln die Voraussetzungen erkl\u00e4rt wurden, folgen hier nun die unmittelbaren Ereignisse, die zu der Umkehr der Allianzen f\u00fchrten.<br \/>Eine Frage, die im Vertrag von Aachen offengeblieben war, bezog sich auf die Festlegung genauer Grenzen im Ohiotal. Dieses verl\u00e4uft von Nord nach S\u00fcd durch die amerikanischen Staaten West Virginia, Ohio, Kentucky und Illinois.<br \/>Urspr\u00fcnglich war dieses Gebiet kaum besiedelt gewesen, in den 1720ern wanderten jedoch die St\u00e4mme der Shawnee, Mingo, Delaware und Seneca ein. Diesen folgten europ\u00e4ische H\u00e4ndler, um ihre Waren gegen Tierh\u00e4ute und Felle zu tauschen.<br \/>Frankreich besa\u00df riesige Besitzungen in Nordamerika; von New Orleans am Golf von Mexiko, \u00fcber die gro\u00dfen Seen, bis nach Neufundland im heutigen Kanada. Gro\u00dfbritannien hingegen nur einen relativ schmalen Streifen an der Ostk\u00fcste, die bekannten 13 Kolonien.<br \/>Dennoch hatten die Briten in puncto Bewohner einen Vorteil. W\u00e4hrend sie 1,2 Millionen Einwohner z\u00e4hlen konnten, gab es in den franz\u00f6sischen Gebieten nur knapp 100000 franz\u00f6sischst\u00e4mmige Menschen.<br \/>Die Briten hatten 1744 in Lancaster einen Vertrag mit den Six Nations geschlossen und kurz darauf auch mit den s\u00fcdlich der gro\u00dfen Seen lebenden Indianern, um diese auf ihre Seite zu ziehen. Davon waren die Franzosen nicht begeistert, da Versailles gehofft hatte, das Ohiotal zu benutzen, um die Entwicklung der Neuengland-Staaten zumindest zeitweise zu verlangsamen. Au\u00dferdem h\u00e4tten sie gerne die St\u00e4mme im Tal als Verb\u00fcndete gehabt, um die Gefahr f\u00fcr ihre Besitzungen zu verringern. Mit dem Verlust dieser w\u00e4re der Fall der karibischen Kolonien nur eine Frage der Zeit.<br \/>Daher versuchten die Franzosen, ihre Anspr\u00fcche mithilfe einer kleinen Expedition zu bekr\u00e4ftigen, gegen die g\u00fcnstigen Preise der britischen H\u00e4ndler waren sie jedoch machtlos. So wurde im Herbst 1752 eine 2000 Mann starke Expedition losgeschickt, um drei Forts zu bauen. Dies wurde in Gro\u00dfbritannien mit Sorge gesehen, man lie\u00df den Vertretern der Kolonien jedoch weitgehend freie Hand. Beide Seiten wussten, dass ein kolonialer Konflikt leicht nach Europa \u00fcberspringen k\u00f6nnte.<br \/>Im Oktober 1753 wurde der erst 21-j\u00e4hrige, und f\u00fcr die Weltgeschichte so wichtige, Major George Washington als Kommandeur einer kleinen Einheit in das franz\u00f6sische Fort Le Boeuf geschickt, um mit den Franzosen zu verhandeln. Dort wurde ihm klargemacht, dass diese ihre Anspr\u00fcche nicht zur\u00fccknehmen w\u00fcrden.<br \/>Daraufhin wurde Washington im April 1754 mit 160 Mann losgeschickt, um den Franzosen im \u00e4u\u00dfersten Fall gewaltsam entgegenzutreten. Am 28. Mai 1754 umstellte ein Teil dieser Gruppe eine kleinere franz\u00f6sische Gruppe unter dem F\u00e4hnrich Joseph Coulon de Villiers de Jumonville. Dieser sollte nur ein Schreiben ausrichten, wurde jedoch zusammen mit einigen seiner Begleiter get\u00f6tet. W\u00e4hrend Washington sp\u00e4ter, wahrscheinlich um es herunterzuspielen, schrieb, der F\u00e4hnrich sei von der ersten britischen Salve get\u00f6tet worden, beschrieben \u00dcberlebende es anders. So sei de Jumonville zwar getroffen und verwundet worden, gestorben sei er aber durch einen Indianer, der ihm den Kopf eingeschlagen hatte.<br \/>Diese Nachricht l\u00f6ste in Frankreich und seinen Besitzungen gro\u00dfe Wut aus und Washington musste sich unter Aufgabe eines St\u00fctzpunktes zur\u00fcckziehen. Zeitgleich hatten die Franzosen es geschafft, die im Ohiotal lebenden Indianer auf ihre Seite zu ziehen.<br \/>Als Reaktion darauf wurde General Edward Braddock im Juli 1755 mit regul\u00e4ren britischen Soldaten losgeschickt, um im Verbund mit Milizion\u00e4ren die Franzosen zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. In der Schlacht am Monongahela erlitten sie jedoch eine schwere Niederlage, die auch Braddock nicht \u00fcberlebte. Daraufhin zogen sich die Einheiten weit zur\u00fcck und gaben so Siedler frei, die zu hunderten von Indianern get\u00f6tet wurde.<br \/>Kurz zuvor hatte ein britisches Kriegsschiff ein franz\u00f6sisches, welches zu einem Konvoi geh\u00f6rte, \u00fcberfallen. Dieser Konvoi sollte regul\u00e4re franz\u00f6sische Soldaten nach Nordamerika bringen.<br \/>London und Paris waren klar, dass dieser Vorfall zum Krieg f\u00fchren w\u00fcrde. Im franz\u00f6sischen Kabinett wurde nach Aktionen am Rhein oder gegen Belgien gerufen. Zeitgleich war ihnen klar, dass die Flotte nicht in der Lage war, die Kolonien effektiv zu unterst\u00fctzen. Daher sollte den Briten in Europa ein Schlag versetzt werden, um ein Faustpfand zu bekommen, um es gegen eventuelle britische Gewinne einzutauschen. Der Blick fiel zuerst auf Belgien, aber damit w\u00fcrde man sich \u00d6sterreich zum Feind machen. So schaute man dann auf das Kurf\u00fcrstentum Hannover, welches die Stammlande des britischen K\u00f6nigs waren.<br \/>Gro\u00dfbritannien besa\u00df zwar eine starke Flotte, aber das Feldheer war bei weitem nicht stark genug, um Frankreichs riesige Heere zu besiegen. Daher suchte man verzweifelt nach Verb\u00fcndeten. So gewann man zwar Kurhessen und Bayreuth, die waren jedoch zu klein, um einen wirklichen Unterschied zu machen. Preu\u00dfen w\u00e4re der ideale Verb\u00fcndete gewesen, in London misstraute man jedoch Friedrich II., dem Neffen George II.<br \/>So planten die Franzosen, Hannover einzunehmen, um es als Faustpfand zu benutzen. Daf\u00fcr brauchte man jedoch die Zustimmung von \u00d6sterreich und den anderen deutschen Staaten. Daher wollte man Preu\u00dfens Mitwirkung bei der Besetzung. So hatte der preu\u00dfische K\u00f6nig Versailles nach den Ereignissen in Nordamerika sogar empfohlen, st\u00e4rker gegen Gro\u00dfbritannien vorzugehen. Seine Antwort fiel jedoch ausweichend aus, da Russland und \u00d6sterreich offen feinselig seien und Schweden und Sachsens Positionen uneindeutig w\u00e4ren. Unter solchen Umst\u00e4nden k\u00f6nnte der norddeutsche Staat nichts machen.<br \/>In Frankreich machte sich daher Ratlosigkeit breit. Man stellte sich die Frage, wie viel Preu\u00dfen als Verb\u00fcndeter wert sei und wie man sich nun gegen\u00fcber Gro\u00dfbritannien verhalten sollte. Graf Kaunitz nutzte die Gunst der Stunde und \u00fcber Umwege trat er an Ludwig XV. heran, um seinen Vorschlag eines B\u00fcndnisses zu erneuern. Frankreich sollte nun das Herzogtum Luxemburg erhalten, wenn es der antipreu\u00dfischen Allianz beitrat. Auch d\u00fcrfe seine Marine die \u00f6sterreichischen H\u00e4fen am \u00c4rmelkanal benutzen. \u00d6sterreich w\u00fcrde Gebiete in Italien erhalten und Frankreich w\u00fcrde sich an einer R\u00fcckeroberung Schlesiens beteiligen. Er verstand jedoch nicht, warum Frankreich Hannover haben wollte. In Versailles war man \u00fcber Andeutungen erschrocken, Berlin sei in Verhandlungen mit London getreten, trennte sich jedoch nicht von seinem Verb\u00fcndeten. F\u00fcr Frankreich stellte sich au\u00dferdem die Frage, was denn zu gewinnen sei, wenn man Schlesien angreifen w\u00fcrde. Das Land stand vor eigenen Problemen und \u00d6sterreich weigerte sich beharrlich bei einer Invasion Hannovers mitzuwirken. In Wien hoffte man auf die Neutralit\u00e4t des Inselk\u00f6nigreichs in einem Krieg mit Preu\u00dfen und war auch besorgt \u00fcber die Meinung der zahlreichen deutschen Staaten, wenn man Frankreich unterst\u00fctzen w\u00fcrde, einen deutschen Staat anzugreifen. So fanden beide H\u00f6fe auch weiterhin nicht zusammen.<br \/>Preu\u00dfen hingegen hatte sich bisher geweigert, den Briten eine Garantie zu geben, dass es Hannover nicht angreifen w\u00fcrde, auch aufgrund einiger ungekl\u00e4rter Fragen \u00f6konomischer Natur. Die Briten wollten mittlerweile jedoch unbedingt eine solche Garantie, da \u00d6sterreich immer mehr so schien, als wollte es die Allianz verlassen. Da bei beiden keine Fortschritte erreicht wurde, wendete man sich an Russland.<br \/>F\u00fcr 100000 Pfund sollte 50000 russische Soldaten an der Grenze zu Ostpreu\u00dfen stationiert werden, um Preu\u00dfen von einem Schlag abzuhalten. Das Abkommen wurde vom Parlament nicht ratifiziert, es setzte Friedrich II. aber stark unter Druck.<br \/>Daher vereinbarten Preu\u00dfen und Gro\u00dfbritannien im Januar 1756 sich gegenseitig die territoriale Unversehrtheit zu. Dies betraf vor allem Hannover und Schlesien. Friedrich II. glaubte, er sei nun vor den Russen sicher, da beide sich zum Schutz eines Gebietes verpflichtet hatten. Auch sein B\u00fcndnis mit Frankreich sah er nicht gef\u00e4hrdet, da er Belgien ausdr\u00fccklich aus den Verhandlungen herausgenommen hatte. Gro\u00dfbritannien hoffte, damit den Konflikt auf Nordamerika begrenzen zu k\u00f6nnen.<br \/>In Versailles sorgte es jedoch f\u00fcr gro\u00dfe Aufregung, auch weil Preu\u00dfens Botschafter stets die Freundschaft bekundet hatte. Daher f\u00fchlte man sich zutiefst get\u00e4uscht. Das norddeutsche K\u00f6nigreich stand erneut wie ein unzuverl\u00e4ssiger Verb\u00fcndeter da.<br \/>F\u00fcr Frankreich gab es jedoch auch Vorteile; dadurch, dass Preu\u00dfen die Allianz verlassen hatte, konnte nun ein B\u00fcndnis mit \u00d6sterreich eingegangen werden. Graf Kaunitz freute sich \u00fcber monet\u00e4re Unterst\u00fctzung aus Frankreich, auch wenn diese sich gegen eine Verkleinerung Preu\u00dfens waren, die \u00fcber Schlesien hinausging. \u00d6sterreich versprach, Gro\u00dfbritannien zwar nicht anzugreifen, aber auch in nicht Weise zu unterst\u00fctzen.<br \/>Diese Umkehrung der Allianzen stellte die europ\u00e4ische, und teilweise weltweite, Staatenwelt, die in Teilen f\u00fcr Jahrhunderte existiert hatte, auf den Kopf. Ihm folgte unmittelbar der Siebenj\u00e4hrige Krieg. Dieser Krieg ver\u00e4nderte die Welt grundlegend. Gro\u00dfbritannien wurde endg\u00fcltig zur vorherrschenden Macht und sollte diese Rolle auch f\u00fcr \u00fcber 150 Jahre behalten. Frankreich hingegen b\u00fc\u00dfte seine Rolle ein. Auch der knapp hundert Jahre w\u00e4hrende Dualismus zwischen Preu\u00dfen und \u00d6sterreich nahm hier seinen Anfang. Aber ohne die Allianzen h\u00e4tte die Geschichte wahrscheinlich einen anderen Lauf genommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Quellen:<br \/>Bremm, Klaus-J\u00fcrgen (2021): Preu\u00dfen bewegt die Welt. Wie eine Gro\u00dfmacht entsteht, wbg<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Hanke, Ren\u00e9 (2006): Br\u00fchl und das Renversement des alliances. Die antipreu\u00dfische Au\u00dfenpolitik des Dresdener Hofes 1744\u20131756, Lit<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Schilling, Lothar (1994): Kaunitz und das Renversement des alliances. Studien zur au\u00dfenpolitischen Konzeption Wenzel Antons von Kaunitz, Duncker &amp; Humblot<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Externbrink, Sven (2011): Der Siebenj\u00e4hrige Krieg (1756\u20131763). Ein europ\u00e4ischer Weltkrieg im Zeitalter der Aufkl\u00e4rung, Akademie Verlag<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Szabo, Franz A. J. (2008): The Seven Years War in Europe 1756\u20131763, Pearson\/Longman<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Bild: Wikipedia<\/p>\n<\/div><\/div><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":15241,"featured_media":14883,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_bbp_topic_count":0,"_bbp_reply_count":0,"_bbp_total_topic_count":0,"_bbp_total_reply_count":0,"_bbp_voice_count":0,"_bbp_anonymous_reply_count":0,"_bbp_topic_count_hidden":0,"_bbp_reply_count_hidden":0,"_bbp_total_topic_count_hidden":0,"_bbp_total_reply_count_hidden":0,"_bbp_forum_subforum_count":0,"footnotes":""},"categories":[207],"tags":[],"class_list":["post-14882","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14882","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/15241"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14882"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14882\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14911,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14882\/revisions\/14911"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14883"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14882"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14882"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14882"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}