{"id":1198,"date":"2021-07-09T12:38:27","date_gmt":"2021-07-09T10:38:27","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/?p=1198"},"modified":"2021-07-09T12:40:20","modified_gmt":"2021-07-09T10:40:20","slug":"auf-der-suche-nach-dem-verlorenen-geschmack-ein-besuch-im-mix-markt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/2021\/07\/09\/auf-der-suche-nach-dem-verlorenen-geschmack-ein-besuch-im-mix-markt\/","title":{"rendered":"Auf der Suche nach dem verlorenen Geschmack: Ein Besuch im Mix Markt"},"content":{"rendered":"<div class=\"et_d4_element et_pb_section et_pb_section_0  et_pb_css_mix_blend_mode et_section_regular et_block_section\" >\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_0  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_4_4 et_pb_column et_pb_column_0  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_0  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\">Honigmelonen sind diese Woche im Angebot, 1,99 Euro das St\u00fcck. Auch Strauchtomaten (1,29 Euro\/Kilo) und frischer Spinat (1,99 Euro\/Bund) sind g\u00fcnstig zu haben. Das alles interessiert mich aber heute nicht. Ich bin nicht auf der Suche nach Obst und Gem\u00fcse, sondern nach dem Geschmack Russlands.<\/div>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_1  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>Wenn Deutsche ins Ausland gehen, hei\u00dft es, dass sie dort vor allem ihr Brot vermissen. <a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/2020\/11\/07\/so-lebt-man-heute-in-moskau-identitaet-und-kommunikation\/\">Als ich f\u00fcr vier Jahre als DAAD-Lektorin nach Russland gegangen bin<\/a>, war ich da keine Ausnahme. Nun blickt man in Russland selbst mit Stolz auf seine differenzierte Brotkultur. Aber egal ob Borodinskij oder Moskovskij bujarskij, irgendwie kam nichts so recht an das Roggenmisch von zu Hause ran. Laugengeb\u00e4ck, wovon ich ein gro\u00dfer Fan bin, fand ich sowohl in Uljanowsk als auch in Moskau, aber eben nicht standardm\u00e4\u00dfig beim B\u00e4cker um die Ecke. Die Geschm\u00e4cker sind verschieden und \u00fcber Geschmack l\u00e4sst sich nicht streiten. Ein neuer Geschmack kann aufregend sein. Vertrauter Geschmack steht f\u00fcr Heimat und Zugeh\u00f6rigkeit.<\/p>\n<p>Die K\u00fcche wandert deswegen mit aus. Dass Pizza und Gyros in Deutschland Verbreitung fanden, liegt an den Einwanderungsbewegungen der sogenannten \u201eGastarbeiter\u201c. Vor allem aus dem (post-)sowjetischen Raum kamen (Sp\u00e4t-)Aussiedler in die Bundesrepublik, also Menschen mit deutschen Familienwurzeln. Sie stellen eine der gr\u00f6\u00dften Migrationsgruppen dar. Hinzu kommen Menschen anderer Gruppen aus dem postsowjetischen Raum. Restaurants und Gesch\u00e4fte, in denen die Zugezogenen ihre vertrauten Gerichte und Lebensmittel bekamen, wurden \u00fcberall dort er\u00f6ffnet, wo sich die Neuank\u00f6mmlinge niederlie\u00dfen. Esskulturen sind ein Forschungsthema in Ethnologie, Soziologie, Kulturwissenschaft, Geschichte und weiteren Disziplinen. Die Herausgeber des Bandes \"Esskultur und kulturelle Identit\u00e4t\" Heinke M. Kalinke, Klaus Roth und Tobias Weger bem\u00e4ngeln in ihrem Vorwort: \"Spricht und schreibt man jedoch generell \u00fcber Nahrungsgewohnheiten und Europa, ist meist nur Westeuropa gemeint, und dieses zerf\u00e4llt in die Trias 'Fleisch, Brot, Bier' im Norden und entsprechend 'Gem\u00fcse, Getreide\/Nudeln, Wein' im S\u00fcden.\" (8) Mit dem Blick nach Osten des 2010 erschienenen Sammelbands mit dem Untertitel \"Ethnologische Nahrungsforschung im \u00f6stlichen Europa\" bin ich selbst vertraut.\u00a0\u00a0<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_1  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_1_3 et_pb_column et_pb_column_1  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_image et_pb_image_0\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<span class=\"et_pb_image_wrap \"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1920\" height=\"2560\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/Leckeres-aus-der-Heimat-scaled.jpg\" alt=\"\" title=\"Leckeres aus der Heimat\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/Leckeres-aus-der-Heimat-scaled.jpg 1920w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/Leckeres-aus-der-Heimat-1280x1707.jpg 1280w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/Leckeres-aus-der-Heimat-980x1307.jpg 980w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/Leckeres-aus-der-Heimat-480x640.jpg 480w\" sizes=\"(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) and (max-width: 980px) 980px, (min-width: 981px) and (max-width: 1280px) 1280px, (min-width: 1281px) 1920px, 100vw\" class=\"wp-image-1465\" \/><\/span>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_column_2_3 et_pb_column et_pb_column_2  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_2  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>Und darum bin ich hier, im Mix Markt, der laut Werbeplakat an der Au\u00dfenfassade \u201eLeckeres aus der Heimat\u201c bietet. Mir ist in den vier Jahren, die ich in Russland verbracht habe, immer wieder bewusst geworden und verdeutlicht worden, dass ich einerseits \u201ebiodeutsch\u201c bin, andererseits habe ich mich in Uljanowsk und Moskau sehr wohl gef\u00fchlt und \u00fcberhaupt: In vier Jahren waren mir diese russischen St\u00e4dte eine Art Heimat. Eine Heimat, die f\u00fcr mich einen spezifischen Geschmack hatte, den ich nun im Mix Markt suche.<\/p>\n<p>Wobei der Mix Markt vielen Nationalk\u00fcchen Heimat bietet. Auf der Internetseite werden russische, polnische und rum\u00e4nische Lebensmittel genannt, man verspricht \u201eAltbekanntes\u201c ebenso wie \u201eneue kulinarische Impulse und spannende gastronomische Erfahrungen\u201c. Die Betreiber fordern auf: \u201eSeien Sie mutig und probieren Sie sich durch die osteurop\u00e4ische K\u00fcche. Sie werden es nicht bereuen!\u201c<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_2  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_3_5 et_pb_column et_pb_column_3  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_3  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>Na dann: Einkaufswagen geschnappt und auf geht\u2019s zur \u201eWiederbegegnung\u201c mit meinen russischen Esserlebnissen. In der Obst- und Gem\u00fcseabteilung sieht es noch aus wie in vielen anderen Superm\u00e4rkten, mit Gurken - vielleicht etwas kleiner, vielleicht etwas mehr als bei meinem Stamm-Supermarkt -, Tomaten, Auberginen, Zwiebeln, Kartoffeln, Melonen, \u00c4pfeln ist alles wie gewohnt. Erste Besonderheiten treten in der Getr\u00e4nkeabteilung zutage, vor allem in Gestalt des Kwas in Dosen und Flaschen verschiedener Gr\u00f6\u00dfen und Marken. Meine Uljanowsker Kollegin Ivetta war einmal ganz erstaunt, als ich den von ihr angebotenen Kwas dankend annahm: \u201eDas schmeckt dir? Die Deutschen m\u00f6gen doch keinen Kwas!\u201c Wie der f\u00fcr Russland zust\u00e4ndige Leiter der Auswahlkommissionen des DAAD f\u00fcr das Lektorenprogramm kurz vor seiner Pensionierung erz\u00e4hlt hatte, versah er die Unterlagen von seiner Einsch\u00e4tzung nach geeigneten Bewerberinnen und Bewerbern mit dem K\u00fcrzel RT \u2013 \u201erusslandtauglich\u201c. F\u00fcr Ivetta ist die Kwas-Frage die \u00e4quivalente Nagelprobe. Ich packe zwei Flaschen Kwas \u00e0 0,5 bzw. 1 Liter in den Wagen, nehme aus Neugier noch eine Flasche \"Warka\"-Bier aus Polen mit und schiebe einen Tick schneller am georgischen Borjomi-Mineralwasser vorbei. Ich wei\u00df, eine Delikatesse und im gesamten postsowjetischen Raum wie zu Sowjetzeiten weiterhin Kult, aber ich finde den Geschmack des ach so gesunden hochmineralischen Getr\u00e4nks \u00e4hnlich absto\u00dfend wie den des schwefeligen Heilwassers im englischen Bath. So gar nicht meins.<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_column_2_5 et_pb_column et_pb_column_4  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_image et_pb_image_1\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<span class=\"et_pb_image_wrap \"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2560\" height=\"1920\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/Kwas-scaled.jpg\" alt=\"\" title=\"Kwas\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/Kwas-scaled.jpg 2560w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/Kwas-1280x960.jpg 1280w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/Kwas-980x735.jpg 980w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/Kwas-480x360.jpg 480w\" sizes=\"(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) and (max-width: 980px) 980px, (min-width: 981px) and (max-width: 1280px) 1280px, (min-width: 1281px) 2560px, 100vw\" class=\"wp-image-1689\" \/><\/span>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_4  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p><em>Kwas (\u043a\u0432\u0430\u0441) ist ein gegorenes Getr\u00e4nk aus Brot, hat aber mit dem in Deutschland bisweilen in Reformh\u00e4usern erh\u00e4ltlichen, blassen \"Brottrunk\" nichts gemein. In Farbe und Geschmack erinnert er an Malzgetr\u00e4nke, die als \"Kinderbier\" die Fantasie beleben und von Erwachsenen meist als viel zu s\u00fc\u00df empfunden werden. Kwas ist nicht so s\u00fc\u00df und wird im Sommer als Erfrischungsgetr\u00e4nk auf Russlands Stra\u00dfen frisch gezapft aus fassgro\u00dfen Tanks verkauft. (Das Zitronen-Himbeer-Radler erwies sich\u00a0 \u00fcbrigens als Fehlkauf).\u00a0<\/em><\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_3  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_2_5 et_pb_column et_pb_column_5  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_image et_pb_image_2\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<span class=\"et_pb_image_wrap \"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1920\" height=\"2560\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/Buchweizenregal-scaled.jpg\" alt=\"\" title=\"Buchweizenregal\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/Buchweizenregal-scaled.jpg 1920w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/Buchweizenregal-1280x1707.jpg 1280w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/Buchweizenregal-980x1307.jpg 980w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/Buchweizenregal-480x640.jpg 480w\" sizes=\"(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) and (max-width: 980px) 980px, (min-width: 981px) and (max-width: 1280px) 1280px, (min-width: 1281px) 1920px, 100vw\" class=\"wp-image-1466\" \/><\/span>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_5  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p><em>Getrocknet, ger\u00f6stet, im Plastikbeutel, im Karton, parboiled, gar in drei, f\u00fcnf, sechs Minuten, \"extra\" oder \"Auswahl\" - bei Buchweizen h\u00f6rt der Spa\u00df auf und f\u00e4ngt die Vielfalt an.\u00a0<\/em><\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_column_3_5 et_pb_column et_pb_column_6  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_6  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>\u201eDas Annehmen kulinarischer Standards [\u2026] kann ein Beitrag zur Akkulturation sein\u201c, bemerken Veronika Zwerger und Ursula Seeber in ihrem Vorwort zum Band \u201eK\u00fcche der Erinnerung. Essen &amp; Exil\u201c (2018). Mein gr\u00f6\u00dftes Eingest\u00e4ndnis an den russischen Geschmack war wohl der Buchweizen. Dessen Stellenwert wurde in der Corona-Epidemie deutlich. W\u00e4hrend im Fr\u00fchjahr 2020 in Deutschland Toilettenpapier, Nudeln und Mehl ausverkauft waren und man sich in Frankreich mit Wein und Kondomen eindeckte, wurden in Russland die Regale mit Buchweizen leergefegt. Inzwischen sind die Best\u00e4nde wieder gef\u00fcllt. Auch der Bremer Mix Markt l\u00e4sst sich nicht lumpen. Ich kann mir ein Leben ohne Buchweizen vorstellen - f\u00fcr meine Freunde in Russland eine nahezu blasphemische Aussage! -, aber ab und an mag ich ihn ganz gern. Ein P\u00e4ckchen kommt mit.<\/p>\n<p>Gut, dass ich Vegetarierin bin, die l\u00e4ngste Schlange im Gesch\u00e4ft gibt es n\u00e4mlich an der Fleischtheke. Bei meiner sechsw\u00f6chigen DAAD-Kurzzeit-Dozentur in Tschita im Februar-M\u00e4rz 2011 wurde ich noch von den Kolleginnen kritisch be\u00e4ugt: Bei der K\u00e4lte brauche man Fleisch. 2019\/20 wurden in Moskau die immer beliebteren vegetarischen Restaurants der Kette \u201eJagganat\u201c zu meinen regelm\u00e4\u00dfigen Anlaufpunkten. Vegetarisch\/Vegan ist jung\/modern\/in. In dieser Hinsicht war ich also Trendsetterin, wie ungewohnt.<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_4  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_4_4 et_pb_column et_pb_column_7  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_7  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>Beim Kleingeb\u00e4ck fallen mir die Kekse Geschmacksrichtung \u201egezuckerte Kondensmilch\u201c auf. Das russische Wort, <em>sguschonka<\/em> (\u0441\u0433\u0443\u0449\u0451\u043d\u043a\u0430), habe ich auf die harte Tour gelernt. Bei einer Maifeier hat man mich vor Jahren in St. Petersburg gefragt, ob ich zu meinen Blini Marmelade, also <em>varenie<\/em> (\u0432\u0430\u0440\u0435\u043d\u0438\u0435) haben m\u00f6chte, oder <em>tuschonka<\/em> (\u0442\u0443\u0448\u0451\u043d\u043a\u0430). Ich nahm letzteres in der Annahme, die Milchcreme zu bestellen, und war anschlie\u00dfend vom gereichten B\u00fcchsenfleisch ebenso \u00fcberrascht wie angeekelt. Intensive emotionale Reize beg\u00fcnstigen Lerneffekt und Langzeitged\u00e4chtnis. Den Unterschied zwischen <em>\u0441\u0433\u0443\u0449\u0451\u043d\u043a\u0430<\/em> und <em>\u0442\u0443\u0448\u0451\u043d\u043a\u0430<\/em> werde ich nie mehr vergessen.<\/p>\n<p>Geschmack und Erinnerung h\u00e4ngen unmittelbar zusammen. Was Proust mit seinem Madelaine-erlebnis schilderte, hat beispielsweise auch der russische Exilschriftsteller Gaito Gasdanow (1903-1971) beschrieben, der als Jugendlicher im russischen B\u00fcrgerkrieg auf Seiten der Wei\u00dfen gek\u00e4mpft hatte und seine Erinnerungen daran etwa f\u00fcr den Roman \u201eEin Abend bei Claire\u201c (1929) nutzte. Dort schrieb er:<\/p>\n<blockquote>\n<p>Genauso wie ich, um mir mein Leben im Kadettenkorpssamt der unvergleichlichen steinernen Traurigkeit, die ich in dem hohen Geb\u00e4ude zur\u00fcckgelassen hatte, deutlich ins Ged\u00e4chtnis zu rufen, nichts weiter brauchte, als den Geschmack von Frikadellen, Fleischso\u00dfe und Makkaroni im Mund zu sp\u00fcren, genauso stellte ich mir, sobald ich den Geruch verbrannter Steinkohle wahrnahm, sogleich den Anfang meines Dienstes im Panzerzug vor, den Winter neunzehnhundertneunzehn, Sinelnikowo, bedeckt mit Schnee.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Negative Erinnerungen m\u00f6chte ich nicht geschmacklich heraufbeschw\u00f6ren, ich m\u00f6chte in den positiv konnotierten Erinnerungen schwelgen, werde aber von Gasdanow darauf aufmerksam gemacht, dass sich die geschmacksprovozierte Erinnerung nur schwer steuern l\u00e4sst. Wer wei\u00df, woran ich mich erinnern w\u00fcrde bei Kontakt mit Ger\u00fcchen und Geschmacksrichtungen, denen ich mich nicht bewusst aussetzen kann, weil ich von der ohne Beteiligung des Bewusstseins entstandenen Verbindung nichts ahne.<\/p>\n<p>Ohne Erinnerungsbezug landen polnische Pralinen in meinem Einkaufswagen, weil mich der Markenname \u201eSolidarno\u015b\u0107\u201c anspricht. Der griechische \u03c6\u03ad\u03c4\u03b1 und der Zopfk\u00e4se \u2013 \u03c0\u03bb\u03b5\u03be\u03bf\u03cd\u03b4\u03b1 \u2013 haben auch nichts mit meinem mnemonischen Russlandausflug zu tun, sprechen mich aber aus anderen Gr\u00fcnden an und kommen ebenfalls mit.<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_row et_pb_row_5  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_row\">\n\t\t\t\t<div class=\"et_d4_element et_pb_column_1_3 et_pb_column et_pb_column_8  et_pb_css_mix_blend_mode et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_image et_pb_image_3\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<span class=\"et_pb_image_wrap \"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1925\" height=\"2560\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/Alenka-scaled.jpg\" alt=\"\" title=\"Alenka\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/Alenka-scaled.jpg 1925w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/Alenka-1280x1702.jpg 1280w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/Alenka-980x1303.jpg 980w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/files\/Alenka-480x638.jpg 480w\" sizes=\"(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) and (max-width: 980px) 980px, (min-width: 981px) and (max-width: 1280px) 1280px, (min-width: 1281px) 1925px, 100vw\" class=\"wp-image-1467\" \/><\/span>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div><div class=\"et_d4_element et_pb_column_2_3 et_pb_column et_pb_column_9  et_pb_css_mix_blend_mode et-last-child et_block_column\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_module et_d4_element et_pb_text et_pb_text_8  et_pb_text_align_left et_pb_bg_layout_light\">\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t<div class=\"et_pb_text_inner\"><p>An der Kasse dann erwischt es mich ganz unerwartet und nicht olfaktorisch oder gustatorisch, sondern rein optisch vermittelt. Von kleinen Schokoladent\u00e4felchen schaut mir Aljonka mit gro\u00dfen Augen entgegen. Wie banal, und das gleich doppelt: Zum einen, weil der alte Kassentrick verf\u00e4ngt, mit dem Eltern dazu gedr\u00e4ngt werden, die S\u00fc\u00dfigkeiten bzw. Quengelware zu kaufen, weil der pl\u00e4rrende Nachwuchs nicht anders ruhigzustellen ist. Zum anderen, weil das M\u00e4dchenmotiv der Firma <em>Krasnyj Oktjabr<\/em> (Roter Oktober) l\u00e4ngst international vermarktet wird und zu einem weiteren russischen Klischee geworden ist. Doch beim unerwarteten Anblick von Aljonka stehe ich sofort wieder im Schokoladengesch\u00e4ft \u201eAljonka\u201c mit Waren von <em>\u041a\u0440\u0430\u0441\u043d\u044b\u0439 \u041e\u043a\u0442\u044f\u0431\u0440\u044c <\/em>und <em>\u0420\u043e\u0442\u0424\u0440\u043e\u043d\u0442<\/em> an der Pervaja Tverskaja-Jamskaja uliza gleich ums Eck von meiner Moskauer Wohnung und kaufe Tee mit meinem alten Freund Daniel, der zu Besuch gekommen war. Bei Daniel muss ich mich auch mal wieder melden. Gut, dass ich mich heute daran erinnert habe.<\/p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\n\t\t\t\t\n\t\t\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":12575,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_bbp_topic_count":0,"_bbp_reply_count":0,"_bbp_total_topic_count":0,"_bbp_total_reply_count":0,"_bbp_voice_count":0,"_bbp_anonymous_reply_count":0,"_bbp_topic_count_hidden":0,"_bbp_reply_count_hidden":0,"_bbp_forum_subforum_count":0,"_et_pb_use_builder":"on","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[207,197027,52090,572053],"tags":[849468,704242,26137,704049,849467,413612,849466,846711,52090,846561],"class_list":["post-1198","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-bremen-und-umzu","category-russland","category-yvonne-poerzgen-2","tag-aljonka","tag-corona","tag-daad","tag-erinnerung","tag-kwas","tag-moskau","tag-postsowjetischer-raum","tag-russisch","tag-russland","tag-sowjetunion"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1198","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/12575"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1198"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1198\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1708,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1198\/revisions\/1708"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1198"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1198"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/europablog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1198"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}