Studierst du noch oder engagierst du dich schon? Für viele Menschen beginnt ihre Karriere als ehrenamtliche AktivistInnen während ihres Studiums. Die Universität, eben nicht nur Ausbildungsstätte und Karriereschmiede, bietet für viele auch einen Ort der Sinnstiftung und Selbstverwirklichung. Wir bilden uns weiter in etwas, das wir wirklich lernen wollen, probieren Neues aus und verwerfen es wieder, suchen unseren Weg und oft beginnen wir uns selbst und die Welt in der wir leben gerade während unseres Studiums besonders zu hinterfragen. Oft weckt dies das Bedürfnis nach gesellschaftlicher Mitgestaltung und das Gefühl, etwas verändern zu wollen. Dennoch wird uns zur gleichen Zeit eingeschärft, wir sollen die Ausbildung möglichst schnell und möglichst gut abschließen. Wer neben Auslandsaufenthalt, Sprachkurs und Praktikum vielleicht noch selber sein Studium finanziert, fragt sich, wo da noch Platz für freiwilliges Engagement ist.

Jendrik Hilgerloh hat eine Möglichkeit für sich gefunden und erzählt mir von Politisierung, Selbstlosigkeit, Ohnmacht, kurz: Seiner Arbeit bei der AG Refugees Welcome.


Jendrik, wie bist du zur AG Refugees Welcome gekommen und warum engagierst du dich genau hier?

Ich war zwar schon von Anfang an mit dabei, aber eigentlich nur, weil ich zufällig mit jemandem zusammen war, die ne Gruppe gegründet hatte. Meine Lebenspartnerin war schon vor der AG aktiv in einer kleineren Studierendengruppe gewesen, die Projekte für die Geflüchteten gemacht hat. Und als dann im Sommer 2015 die Notunterkunft für Geflüchtete am Campus eingerichtet wurde, haben wir gesagt, da muss man was machen. Im Endeffekt wurde dann einfach im Bekanntenkreis bei den Studis herumtelefoniert und schon sind bei dem ersten Gruppentreffen gleich zwanzig, dreißig Leute gekommen. Für eine Weile konnten wir diesen Stand sogar halten.

Hast du noch andere Ehrenämter?

Ja, ich hatte weitere, wechselnde Ehrenämter über die Zeit weg. Im Moment bin ich bei der AG Refugees, beim AStA, ich bin Mitglied im SR.. Was hab ich denn noch jetzt gerade?.. Ich bin noch Mitglied in der Kommission fürs Studium, Beauftragter für die AG Familienfreundliches Studium und noch Referendar für Tierrecht. Leider verteilen sich die Ämter an der Uni auf ziemlich wenige Leute.

Wie kam es dazu, dass du dich in so vielen Bereichen engagierst?

Meine Freundin hat einiges zu meiner Politisierung beigetragen, einfach durch ihre Vorbildfunktion. Als ich sie kennen gelernt hab, war ich nicht in der Situation, dass ich im Alltag oder auch seelisch die Kapazitäten für Ehrenämter gehabt hätte. Aber sie hat mir den Mut gegeben und die Gelegenheit. Und dann hatte ich eben angefangen, Politikwissenschaft zu studieren, das hat auch geholfen (lacht).

Wie kannst du deine Ehrenämter mit dem Studium in Einklang bringen?

Im Moment geht es auch für mich in Richtung Bachelorarbeit und ich muss meine Zeit gut darum herum bauen, aber für die AG Refugees Welcome verwende ich im Moment gar nicht so viel. Ich bin ein Ein-Mann-AK, der AK Kritik und Sachen. Das heißt momentan, ich mache die Facebookseite und die weitere Kommunikation. Als wir noch mehr Leute hatten, gehörte dazu auch, längere, kritische Schriften zu erstellen.

Welche Funktionen erbringt die AG Refugees Welcome für die Geflüchteten?

Das erste, was auf den Plan kam, waren die Deutschkurse. Von Anfang an gab es dafür ein großes Interesse. Ich glaube, das lag daran, dass diese Kurse etwas ganz konkretes sind und viele Studierende sich nicht sicher waren, wie sie helfen sollten. Für viele war es auch die erste Begegnung mit dieser Sorte Leid. Einige hatten Hemmungen, dass sie vielleicht in Situationen kommen, wo sie nicht wissen, was sie erwidern sollen. Einer der Geflüchteten hatte mir zum Beispiel bei einer unserer Aktionen sehr, sehr früh, nachdem ich ihm “Hallo” gesagt hatte, aus heiterem Himmel erzählt: “Ich bin völlig am Ende, ich kann nicht mehr, meine Eltern sind gestorben, ich bin völlig allein auf der Welt und jetzt bin ich hier und weiß nicht, was ich machen soll”. Ich habe größtenteils sprachlos reagiert. Ich glaube, das ist sogar noch die pietätvollste Reaktion bei sowas, dem kann man verbal nicht gerecht werden. Solche Erfahrungen haben mir die Ausreden genommen, nichts zu machen. Wir haben dann versucht, auf kulturellen Austausch zu setzen anstatt auf kulturelle Anpassung. Es gibt ein Kulturprogramm, dazu gehören zum Beispiel unsere Festivals, ein Sportprogramm und der AK Computer ist auch ein großes Thema, die bieten einen Computerkurs an. Da spricht man Englisch, Deutsch und “Hände”.

Mit welchen Geflüchteten arbeitet ihr?

Die erste Gruppe mit der wir zu tun hatten, waren unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge. Das ist auch die Gruppe, die bis jetzt am konstantesten an unseren Angeboten teilgenommen hat. Die Notunterkünfte in Zelten sind Gott sei Dank nicht mehr da. Die Geflüchteten sind jetzt in ganz Bremen auf unterschiedliche Wohnsituationen verteilt. Die Erstaufnahmestellen sind meistens große Gebäude, dann gibt es Containersiedlungen oder einzelne Häuser, die angemietet werden und wo die Menschen wie in betreuten WG’s leben. Aus diesen unterschiedlichen Wohnsituationen kommen die Leute zu uns. Die Angebote sprechen sich über Mundpropaganda aus, besonders die Fußballturniere sind so populär geworden.

Wo würdest du dich in der politischen Debatte um die Geflüchteten einordnen?

Ganz ehrlich? So radikal wie’s nur geht. Mit so ner Aussage kann man eigentlich nur auf die Nase fallen, aber ich bin dafür, so viele Leute aufzunehmen wie möglich. Das ist das einzig richtige, humanistische, was man tun kann. In vielen Fällen ist die Alternative der Tod und das können wir nicht zulassen. In der Situation, wo wir helfen können, ist das unterlassene Hilfeleistung. Natürlich wird uns das Opfer kosten, und auch teilweise richtig schwierige Kompromisse geben, das sieht man ja an der aktuellen politischen Situation. Ich glaube aber, dass wir in der Situation sind, dass wir auch mit diesen sozialen Problemen immer noch viel besser umgehen können, das ist sicherlich nicht dasselbe Maß an Problemen, dass die Menschen auf der Flucht haben oder in ihren Heimatländern.

Es stimmt, wir sind in der Situation, dass wir helfen können. Ein großer Teil dieser Hilfe für Geflüchtete wird von Ehrenamtlichen übernommen. Mich beschäftigt, wieso Menschen sich generell sozial engagieren. Einige sagen ja, dass es eigentlich gar keine echte Selbstlosigkeit gäbe. Immer wenn man etwas für andere tut, tut man ja schließlich auch etwas für sich selbst. Man erwartet vielleicht ein Dankeschön, tut es, um sich besser zu fühlen, sammelt Karmapunkte… Denkst du, man kann wirklich altruistisch sein?

Der Logik kann man auf jeden Fall folgen, es stimmt irgendwo. Dass ich Spaß daran habe, dass ich eine gewisse Identität dadurch bekomme, das ist absolut richtig. Und natürlich bin ich stolz darauf, das zu machen und war es gerade am Anfang. Als die AG gegründet wurde, war es der Anfang davon, überhaupt etwas zu machen und man neigt in so nem Stolz auch dazu, sich die Lösung des ganzen Problems anzuziehen. Aber das relativiert sich natürlich über die Zeit. Eigentlich ist das Gutmenschendiskurs oder nicht? Ich bin ja professioneller “Gutmensch”, wenn ich in der AG Refugees Welcome bin und als solcher wird mir unterstellt, dass ich ne ganze Menge Arroganz an den Tag lege. Diesen vielleicht etwas fehlgeleiteten Stolz am Anfang würde ich aber nicht als Arroganz bezeichnen. So eine These ist doch eigentlich eine Reaktion von Leuten, die sich aus irgendwelchen Gründen in die Ecke gestellt fühlen. Das kann man sagen, damit man sich selbst nicht schlecht fühlen muss, weil man nichts macht. Auch wenn es im Endeffekt egoistisch ist, heißt es nicht, dass es keine richtige Handlung ist.

Ich kann mir vorstellen, dass man sich in deinen Ämtern auch manchmal ein Bisschen ohnmächtig fühlt.

Ja, das war der nächste Schritt nach dem fehlgeleiteten Stolz. Teilweise gab es hier so viele Probleme und Missstände gegen die man einfach nichts tun konnte. Als die zweite Notunterkunft hierherkam, lebten die Menschen zeitweise in einem 400 Leute Zelt, oder wurden im Paradise, in der Eishalle in Walle, gestapelt. Das Essen war am Anfang eine Katastrophe, von 400 Leuten hatten alle Durchfall am Ende, weil die so viel Verdickungsmittel in das Zeug gekippt haben. Vor allem das mit den Kindern hat uns fertig gemacht. Dann kamen Missstände bei der Betreuung der Geflüchteten in den Notunterkünften heraus, zum Beispiel, dass einige in der Belegschaft rassistisch waren, dass es zu Erpressungen kam, dass Geflüchtete unter Druck gesetzt wurden. Am Anfang hat mich das alles ziemlich wütend gemacht, dann hat es mich ehrlich gesagt dazu getrieben, mir immer neue politische Perspektiven und Systeme zu suchen, um mir das Ganze zu erklären. Und schlussendlich bin ich in meinem Aktivismus immer radikaler geworden.

Es gibt ja einige, die sagen, Studierende seien besonders prädestiniert dafür, Ehrenämter und soziale Aufgaben zu übernehmen, weil sie noch die Energie haben, weil sie sich intellektuell mit gesellschaftlichen Problemen auseinandersetzen und auch die Zeit haben. Würdest du sagen, dass Studierende sich mehr engagieren als Nicht-Studierende oder dass es besonders deren Aufgabe ist?

Ich glaube, es gibt eine soziologische Begünstigung für uns, aber wir sind mit Sicherheit nicht die einzige Gruppe, die das überdurchschnittlich viel macht. Das belegen auch unsere Aktivenzahlen. Eine Gruppe, die über uns hinaus in den letzten Jahren sehr in den Vordergrund getreten ist was Ehrenämter angeht, sind zum Beispiel die Rentner. Was die Zeit betrifft, würde ich dem auch nicht immer zustimmen. Das gilt vielleicht für diejenigen, die kein Bafög oder keinen Nebenjob brauchen. Ich glaube, es gibt da eine gefährliche Zweischneidigkeit: Studierende können das übernehmen, also müssen wir es nicht mehr machen! Außerdem ersetzt das auch nicht, was wir meiner Meinung nach am meisten brauchen, nämlich ein wirkliches sich Auseinandersetzen. Egal, ob Aktivist oder nicht, man muss sich informieren. Schwierig ist diese Denke, dass Politik was anderes ist als das was mir passiert. Wenn man sich als westeuropäischer Mensch den Luxus nimmt, sich nicht mit den Geflüchteten zu befassen, nutzt man eben auch ein Privileg. Geflüchtete haben nicht diese Option. Es ist eine Ungerechtigkeit, dass wir sagen können “Oh man, ich bin ja so genervt von der Flüchtlingsdebatte!”. Die, die auch genervt sind, sind die Geflüchteten. Die wollen auch einfach nur irgendwo in Sicherheit sein können. Aktivismus, Ehrenamt, Politik, das ist alles nichts, wo es reicht, dass einige Erwählte sich damit auseinander setzen. Es darf nicht nur was für Leute sein, die gerade ihr Studium machen oder Zeit haben.

Was sind eure nächsten Pläne für die AG und was braucht ihr im Moment am Nötigsten?

Was wir am allernötigsten brauchen sind Leute. Nicht nur wir sondern auch die anderen AK’s und die Stugen. Es gibt immer einen ziemlichen Durchlauf bei uns und immer Leute, die gerade ihre Hausarbeit oder Bachelorarbeit schreiben. Aber was wir haben, ist eine sehr gute Struktur, um darauf aktiv zu werden und ein gutes Netzwerk. Freundeskreise gründen sich in dem Kontext viel. Es gibt noch so viele Ressourcen und Mittel an der Uni, die nicht angetastet werden oder genau für solche Projekte da sind. Abgesehen von unseren Arbeitskreisen ist es auch so gedacht, dass Leute mit ihrer eigenen Idee kommen und Sachen umsetzen können. So sind die meisten AK’s schlussendlich entstanden. Es gab zum Beispiel mal einen AK Freestyle Rap oder den AK Jamsessions. Manche waren nur kleine, befristete Projekte von einigen Leuten, aber das war auch okay und für die Zeit, die wir das hatten, war’s super. Je mehr Leute wir haben, desto mehr Veranstaltungen und Projekte können wir machen, am Geld liegt es im Moment nicht. Also vielleicht einfach mal gucken und ausprobieren, ob es was für einen ist. Gut aufgenommen wird man immer.

-> Mehr Informationen zur AG Refugees Welcome gibt es hier. Weitere studentische Initiativen und Hochschulgruppen findet ihr auf der Seite des AStA’s.

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