{"id":19495,"date":"2025-07-28T22:06:33","date_gmt":"2025-07-28T20:06:33","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/eule\/?p=19495"},"modified":"2025-07-28T22:26:17","modified_gmt":"2025-07-28T20:26:17","slug":"male-flight-die-geschlechterkluft-in-den-studiengaengen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/eule\/2025\/07\/28\/male-flight-die-geschlechterkluft-in-den-studiengaengen\/","title":{"rendered":"Male Flight \u2013 Die Geschlechterkluft in den Studieng\u00e4ngen"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ich mich in meinen Seminaren umschaue, f\u00e4llt eines sehr schnell auf: Der absolute Gro\u00dfteil der Teilnehmenden ist weiblich (gelesen). M\u00e4nner gibt es nur wenige, in manchen Kursen fehlen sie ganz \u2013 nicht untypisch f\u00fcr meine Fachrichtungen, Gemanistik und Kommunikations- und Medienwissenschaften. Die geistes- und sozialwissenschaftlichen Studieng\u00e4nge gelten ebenso wie Bio, Psychologie oder Humanwissenschaften als besonders frauendominiert. Doch das war nicht immer so: Denkt man an die Anf\u00e4nge der Universit\u00e4ten zur\u00fcck, in denen es M\u00e4nnern allein vorbehalten war, zu studieren, geh\u00f6rten all diese Disziplinen zu beliebten Fachrichtungen. Doch bald, nachdem Frauen ebenfalls das Recht hatten, zu studieren, und in diese Studieng\u00e4nge vordrangen, schwanden gleichzeitig die M\u00e4nner auf mysteri\u00f6se Weise. Wohin? Na, in die Bereiche, die wir heute als klassisch m\u00e4nnlich betrachten, wo ihnen nicht unterstellt werden kann, unm\u00e4nnlich, oder \u2013 Gott bewahre! \u2013 schwul zu sein.<\/p>\n<p>Ein geradezu putzig wirkendes Ph\u00e4nomen, welches sich nicht nur in den Seminarr\u00e4umen bemerkbar macht, sondern sich durch s\u00e4mtliche Aspekte unserer Gesellschaft zieht, von Hobbys und Interessen \u00fcber Sportarten bis hin zu Berufen. Sobald Frauen anfangen, sich beispielsweise f\u00fcr eine bestimmte Fangemeinde zu interessieren und darin einen Platz einzunehmen, verliert jeweilige schnell ihre m\u00e4nnlichen Fans. Ebenso gilt zum Beispiel Lesen als Hobby immer mehr als inh\u00e4rent weiblich, zugleich wird es immer h\u00e4ufiger abgewertet, indem Frauen vorgeworfen wird, sie w\u00fcrden blo\u00df unterkomplexe und wenig anspruchsvolle Literatur konsumieren. Und wusstet ihr, dass Cheerleading urspr\u00fcnglich reine M\u00e4nnersache war? Erst im zweiten Weltkrieg \u00fcbernahmen die Frauen diese Aufgabe und als der Krieg zu Ende war, kehrten die M\u00e4nner nicht in die Disziplin zur\u00fcck. Schlie\u00dflich war sie in der Zwischenzeit zu weiblich geworden. In der Folge wurden die Cheerleaderinnen immer st\u00e4rker sexualisiert und objektifiziert und ihr K\u00f6nnen wird h\u00e4ufig herabgew\u00fcrdigt.<\/p>\n<p>Man merkt: Das Ph\u00e4nomen findet sich in nahezu jedem Lebensbereich. Und es hat auch einen Namen \u2013 Male Flight.<\/p>\n<p>Dahinter steckt nichts anderes als ein \u2013 man kann es leider nicht anders sagen \u2013 misogyn und homophob gepr\u00e4gtes Gedankenbild, mit dem wir alle mehr oder weniger unbewusst aufwachsen. Alles, was Frauen interessiert, wird automatisch als grunds\u00e4tzlich schlechter wahrgenommen, als weniger fordernd, weniger wichtig f\u00fcr die Gesellschaft. Es \u00fcberrascht daher auch nicht, dass ausgerechnet Studieng\u00e4nge wie Kunst-, Literatur- oder Sprachwissenschaften, dessen m\u00e4nnliche Absolventen fr\u00fcher als besonders geistreich, gebildet und intellektuell galten, heute mit ihrer mittlerweile \u00fcberwiegend weiblichen Studierendenschaft genau die Studieng\u00e4nge sind, die gerne mal von Au\u00dfenstehenden bel\u00e4chelt und als besonders einfach angesehen werden. Informatik, Mathematik, Physik oder Ingenieurswesen dagegen, die klassisch \u201em\u00e4nnlichen\u201c Studieng\u00e4nge, haben dagegen den Ruf, besonders anspruchsvoll zu sein und Absolventen werden h\u00e4ufig bestaunt, mit einem beeindruckten \u201ealso ich k\u00f6nnte das nicht!\u201c F\u00fcr Geisteswissenschaftlerinnen ist dann eher ein Kommentar \u00e1 la \u201eder Abschluss wird einem doch hinterhergeworfen\u201c \u00fcbrig und sogar innerhalb der Naturwissenschaften gilt Biologie als einziger frauendominierter Bereich als der zugleich einfachste.<\/p>\n<p>Entsprechend wenig gew\u00fcrdigt werden auch die Berufe, die Frauen nach ihrem Abschluss ergreifen. Es ist kein Geheimnis, dass Lehrerinnen wenig Respekt f\u00fcr eine extrem fordernde Arbeit erhalten und dass k\u00fcnstlerisch-kreative Berufe von vielen Menschen sowieso als \u00fcberfl\u00fcssig betrachtet werden.<\/p>\n<p>Warum Frauen nicht einfach h\u00e4ufiger \u201eklassisch m\u00e4nnliche\u201c Studieng\u00e4nge ergreifen? W\u00e4hrend einige selbsternannte Experten dahinter auch heute noch irgendeine biologische Ursache vermuten, sind sich die tats\u00e4chlichen Wissenschaftler*innen einig, dass eine patriarchalisch gepr\u00e4gte Sozialisierung die Ursache hierf\u00fcr ist. Viele Frauen f\u00fchlen sich unwohl in m\u00e4nnerdominierten R\u00e4umen, trauen sich nicht zu, sich gegen M\u00e4nner durchzusetzen und haben schon in der Kindheit weniger Selbstvertrauen in die eigenen F\u00e4higkeiten in Bereichen wie Mathematik oder Technik \u2013 Bereiche, in denen gleichaltrige Jungs h\u00e4ufig besonders gef\u00f6rdert und best\u00e4rkt werden.<\/p>\n<p>Dass Frauen sehr wohl genauso gut dazu in der Lage sind, in diesen Richtungen erfolgreich zu sein, dass es blo\u00df Vorbilder und Repr\u00e4sentation braucht, die zeigen, dass es m\u00f6glich ist, zeigt der sogenannte Scully-Effekt. Darunter wird die Welle von Frauen verstanden, die sich, inspiriert durch die moderne, unabh\u00e4ngige Forensikerin Dana Scully, Hauptfigur der Kultserie Akte X, dazu entschieden, eine Karriere in einem MINT-Bereich zu ergreifen.<\/p>\n<p>F\u00fcr wahre Gleichberechtigung im akademischen, und damit auch verst\u00e4rkt im beruflichen und allt\u00e4glichen Leben, braucht es also in erster Linie zwei Ver\u00e4nderungen:<\/p>\n<p>Zum Ersten: Wir alle m\u00fcssen unsere erlernten Geschlechterstereotype immer wieder bewusst hinterfragen und uns vor Augen f\u00fchren, dass das Feminine nicht minderwertig ist, dass Berufe, die als klischeehaft \u201eweiblich\u201c betrachtet werden, nicht weniger anspruchsvoll oder wertvoll sind. Und M\u00e4nner m\u00fcssen erkennen, dass sie sich daher auch nicht direkt panikartig aus jedem Bereich zur\u00fcckziehen m\u00fcssen, sobald Frauen anfangen, sich ebenfalls f\u00fcr diesen zu interessieren. Nein, liebe Heterom\u00e4nner \u2013 Liebesromane zu lesen, Ballett zu tanzen, Fan einer Band mit gr\u00f6\u00dftenteils weiblichem Publikum zu sein \u2013 all das macht euch nicht weniger m\u00e4nnlich oder weniger hetero. Und es w\u00e4re auch nicht das Ende der Welt, weiblich oder queer zu sein, keine Sorge.<\/p>\n<p>Zum Zweiten: Es braucht Repr\u00e4sentation in den Medien, ausgeglichene Diversit\u00e4t in realen F\u00fchrungspositionen und eine diskriminierungs- und klischeefreie Erziehung und F\u00f6rderung von Kindern und Jugendlichen durch Eltern, Erzieher*innen und Lehrer*innen.<\/p>\n<p>Irgendwann k\u00f6nnten die Seminarr\u00e4ume dann in allen Studieng\u00e4ngen mit gleich vielen Frauen wie M\u00e4nnern gef\u00fcllt sein und wir w\u00e4ren der Gleichstellung der Geschlechter einen guten Schritt n\u00e4hergekommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Quellen:<\/p>\n<p>https:\/\/www.uni-erfurt.de\/forschung\/aktuelles\/forschungsblog-wortmelder\/alles-bloedsinn-teil-3<\/p>\n<p>https:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/2022-03\/internationale-pisa-studie-talent-geschlecht-schulleistung<\/p>\n<p>https:\/\/www.zdf.de\/video\/reportagen\/usa-extrem-leben-im-land-der-gegensaetze-100\/usa-extrem-cheerleader-zwischen-traum-und-albtraum-100<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich mich in meinen Seminaren umschaue, f\u00e4llt eines sehr schnell auf: Der absolute Gro\u00dfteil der Teilnehmenden ist weiblich (gelesen). 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