{"id":19048,"date":"2024-08-05T02:14:58","date_gmt":"2024-08-05T00:14:58","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/eule\/?p=19048"},"modified":"2024-08-05T02:16:42","modified_gmt":"2024-08-05T00:16:42","slug":"catcalling-oder-darf-man-jetzt-nichtmal-mehr-ein-kompliment-machen-feat-catcallsofbremen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/eule\/2024\/08\/05\/catcalling-oder-darf-man-jetzt-nichtmal-mehr-ein-kompliment-machen-feat-catcallsofbremen\/","title":{"rendered":"Catcalling. Oder: \u201eDarf man jetzt nichtmal mehr ein Kompliment machen?\u201c feat. CatcallsOfBremen"},"content":{"rendered":"<p style=\"font-weight: 400\"><em>Disclaimer: In diesem Artikel werden Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt, sowohl verbaler als auch physischer Natur, thematisiert. Wenn dich diese Themen besonders belasten, schau gerne beim n\u00e4chsten Artikel wieder rein. <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Die Sonne scheint, es ist warm, der Uni-Alltag liegt noch in der Ferne \u2013 der perfekte Zeitpunkt f\u00fcr einen entspannten Spaziergang an der Schlachte oder einen Nachmittag am See \u2014 und dann den Tag beim Feiern ausklingen lassen! Besser geht es kaum. Doch w\u00e4hrend man an der Weser flaniert, sich im Bikini sonnt oder durchs Viertel schlendert, passiert es dann: Es erklingen Pfiffe, eine Stimme ruft \u00bbHey S\u00fc\u00dfe!\u00ab, eine andere \u00bbGeiler Arsch!\u00ab.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Es ist eine Situation, wie sie ein Gro\u00dfteil der FINTA (kurz f\u00fcr <strong>F<\/strong>rauen, <strong>I<\/strong>nter-, <strong>N<\/strong>onbin\u00e4r-, <strong>T<\/strong>rans- und <strong>A<\/strong>gender-Personen) bereits erlebt haben, h\u00e4ufig sogar regelm\u00e4\u00dfig. Der Begriff f\u00fcr solch sexuell konnotierte, verbale Bel\u00e4stigung: Catcalling. Doch was harmlos klingt, hat f\u00fcr die Betroffenen oft weitreichende Konsequenzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><u>Catcalling oder Kompliment \u2013 wo liegt die Grenze?<\/u><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Immer wieder sind bei der Debatte um Catcalling und Bel\u00e4stigung im \u00f6ffentlichen Raum Beschwerden von M\u00e4nnern zu vernehmen, sie seien verunsichert, w\u00fcssten nicht mehr, was sie denn noch d\u00fcrften, wenn sie einer Frau signalisieren wollen, dass sie sie attraktiv finden. Heutzutage seien schlie\u00dflich alle so empfindlich geworden und w\u00fcrden ja schon bei einem freundlichen L\u00e4cheln \u201eSexismus!\u201c schreien. Dabei ist es eigentlich gar nicht schwer, zwischen Bel\u00e4stigung und harmlosem Flirt zu unterscheiden, wenn man auch nur \u00fcber ein Minimum Sozialkompetenz verf\u00fcgt: W\u00e4hrend es bei einem Kompliment immer darum gehen sollte, der anderen Person ein positives Gef\u00fchl zu vermitteln, ist genau dies beim Catcalling nicht der Fall, ganz im Gegenteil. Beim Catcalling handelt es in aller Regel um eine Machtdemonstration \u2013 schlie\u00dflich rechnet kein Mann tats\u00e4chlich damit, dass sich nach einem Kommentar wie \u201eHey Puppe, Bock auf ein bisschen Spa\u00df mit uns?\u201c irgendeine Frau geschmeichelt f\u00fchlt und sich denkt \u201eNa, wenn du so fragst, dann gerne!\u201c. Schlie\u00dflich gibt es einen deutlichen Unterschied zu einem vorsichtigen Kompliment, das aus h\u00f6flicher Entfernung und mit freundlichem L\u00e4cheln \u00fcberbracht wird, und einer distanzlosen, sexualisierten Anmache ohne Substanz. Wohl kaum eine Frau hat etwas dagegen, wenn jemand ihr sagt, was f\u00fcr einen interessanten Kleidungsstil sie hat oder dass ihre Frisur sch\u00f6n aussieht. Auf Kommentare zum eigenen K\u00f6rper, penetrantes Anstarren oder plumpes Hinterherpfeifen l\u00e4sst sich jedoch getrost verzichten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><u>Was macht Catcalling mit Betroffenen?<\/u><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Doch Catcalling ist nicht nur eine etwas l\u00e4stige Nebensache; f\u00fcr die meisten Betroffenen sind die Erfahrungen mit extrem negativen Emotionen verkn\u00fcpft: die Kommentare wirken degradierend und objektifizierend, werden sie schlie\u00dflich von den T\u00e4tern gezielt dazu eingesetzt, dass sich ihre Opfer hilflos und erniedrigt f\u00fchlen. Einige Frauen f\u00fchlen sich durch Kommentare zu ihrem K\u00f6rper selbst nicht mehr wohl in ihrer Haut, verzichten auf kurzgeschnittene Kleidung, aus Angst vor Blicken und Bemerkungen. \u201eHalb so wild, es ist ja nur verbal! Man wird ja nicht angefasst\u201c, mag nun der ein oder andere sich hierbei denken. Doch leider steckt f\u00fcr viele Opfer von Catcalling dahinter noch sehr viel mehr als \u201eblo\u00df\u201c eine geschmacklose sprachliche Entgleisung. Denn traurigerweise ist verbale sexuelle Bel\u00e4stigung nur der erste Schritt auf einer Eskalationsleiter, die von Catcalling \u00fcber physische \u00dcbergriffe verschiedener Schweregrade bis hin zum Femizid reicht. Dies ist Frauen* jedoch allzeit nur allzu bewusst und so wirken Bemerkungen wie \u201eWas ich mit dir alles anstellen w\u00fcrde\u201c gar nicht mehr so harmlos, sondern werden zur konkreten Bedrohung, die blo\u00df w\u00e4chst, je sp\u00e4ter der Abend und je verlassener die Gegend ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><u>Recht ist nicht immer Gerechtigkeit<\/u><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Zur Rechtslage: In Deutschland ist Catcalling an sich zum aktuellen Zeitpunkt nicht strafbar. Einen Straftatbestand wie \u201everbale sexuelle Bel\u00e4stigung\u201c gibt es nicht. Catcalls k\u00f6nnen h\u00f6chstens dann zur Anzeige gebracht werden, wenn sie zugleich eine Beleidigung darstellen. In einigen anderen L\u00e4ndern ist das anders \u2013 so ist in Belgien, den Niederlanden, Portugal, Frankreich und seit 2022 auch in Spanien Catcalling verboten und wird gr\u00f6\u00dftenteils mit Geldstrafen geahndet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><u>Take back the streets!<\/u><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">2016 kam der New Yorkerin Sophie Sandberg die Idee, Catcalls, die sie selbst und andere erlebt haben, mit Kreide an genau den Orten in der Stadt auf den Boden zu schreiben, wo sie stattgefunden haben. Mit zweierlei Ziel: Zum einen, um das Thema ins Auge der \u00d6ffentlichkeit zu r\u00fccken, zum anderen als ein Akt des Empowerments, indem sich der Ort des Geschehens \u201ezur\u00fcckerobert\u201c wird. Daraus ergab sich das Projekt \u201eCatcalls of NYC\u201c, dem sich schon bald Aktivisten und Aktivistinnen aus anderen St\u00e4dten weltweit anschlossen. Auch in Bremen gibt es eine solche Gruppe, deren Arbeit sich auf dem Instagramaccount <em>@catcallsofbrmn <\/em>verfolgen l\u00e4sst. Dort k\u00f6nnen sich Betroffene privat mit ihren Erfahrungen melden, welche die Gruppe daraufhin \u201eankreidet\u201c. Wir haben mit Schirin, einer von mittlerweile sieben Aktivistinnen der Gruppe, \u00fcber die Aktion gesprochen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><strong>EULe: <\/strong>Was hat euch dazu bewegt, aktiv zu werden?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><strong>Schirin: <\/strong>Alle aus unserem Team waren und sind betroffen von Catcalling und wollen aktiv werden, um auf dieses schlimme, grenz\u00fcberschreitende Verhalten aufmerksam zu machen. Wir wollen uns au\u00dferdem auch zur Wehr setzen, gerade, weil das in akuten Catcalling-Situationen so schwierig ist. Wir sind w\u00fctend und werden durch unseren Aktivismus laut f\u00fcr alle anderen Betroffenen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><strong>EULe: <\/strong>Was m\u00f6chtet ihr mit dem Ankreiden bewirken?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><strong>Schirin: <\/strong>Wir wollen den Betroffenen eine Stimme geben und die \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tze, an denen sexuelle Bel\u00e4stigung stattgefunden hat, zur\u00fcckerobern. Au\u00dferdem wollen wir auf diese wichtige Thematik aufmerksam machen und dazu aufrufen, im Alltag gegen Sexismus und sexuelle Bel\u00e4stigung aktiv zu werden. Nur so k\u00f6nnen wir in Zukunft Catcalling bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><strong>EULe: <\/strong>Wie habt ihr als Gruppe zusammengefunden?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><strong>Schirin: <\/strong>Lynn, die Gr\u00fcnderin von <em>CatcallsOfBremen<\/em>, hat schon 2019 angefangen, Catcalls anzukreiden. \u00dcber Aufrufe auf unserem Instagram-Account haben sich dann die restlichen Teammitglieder gefunden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><strong>EULe: <\/strong>Welche Reaktionen bekommt ihr beim Ankreiden?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><strong>Schirin: <\/strong>Die meisten Reaktionen sind sehr positiv und unterst\u00fctzend. In manchen F\u00e4llem erleben wir aber auch, dass sexuelle Bel\u00e4stigung verharmlost wird und den Betroffenen nicht geglaubt wird. Es kommt immer auch mal wieder vor, dass wir dann selbst beim Ankreiden gecatcalled werden. Das macht nur umso deutlicher, dass unser Aktivismus total notwendig ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><strong>EULe: <\/strong>Derzeit ist Catcalling in Deutschland nicht strafbar. W\u00fcrdet ihr euch Ver\u00e4nderungen auf politischer Ebene w\u00fcnschen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><strong>Schirin: <\/strong>Wir w\u00fcrden uns ein gesamtgesellschaftliches Umdenken w\u00fcnschen. Sexuelle Gewalt gegen FLINTA*, wie Catcalling, wird immer noch nicht ernstgenommen. Wir fordern, dass die Politik mehr Aufmerksamkeit und finanzielle Mittel f\u00fcr diese wichtige Thematik bereitstellt. Letztendlich muss aber auch ein Umdenken bei jedem Einzelnen stattfinden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><strong>EULe: <\/strong>Wie kann man euch und eure Arbeit unterst\u00fctzen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><strong>Schirin: <\/strong>Wichtig ist, die Problematik Catcalling mehr in die \u00d6ffentlichkeit zu holen.\u00a0Deswegen folgt uns gerne auf unserem Instagram-Account @catcallsofbrm, interagiert mit uns und schreibt uns gerne von euren Erfahrungen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Au\u00dferdem freuen wir uns \u00fcber Spenden an den Verein Chalk Back Deutschland e.V., in dem alle Ortsgruppen deutschlandweit vertreten sind. Mit der Angabe von \u201eCatcalls Of Bremen\u201c als Spendenzweck k\u00f6nnen wir dann Kreide und weitere Ausstattung f\u00fcr unseren Aktivismus beantragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Wir bedanken uns bei Schirin und dem restlichen Team von <em>CatcallsOfBremen<\/em> f\u00fcr das Interview!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Disclaimer: In diesem Artikel werden Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt, sowohl verbaler als auch physischer Natur, thematisiert. Wenn dich diese Themen besonders belasten, schau gerne beim n\u00e4chsten Artikel wieder rein. 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