{"id":18252,"date":"2023-05-23T23:37:59","date_gmt":"2023-05-23T21:37:59","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/eule\/?p=18252"},"modified":"2023-06-23T08:54:58","modified_gmt":"2023-06-23T06:54:58","slug":"toxic-productivity-wenn-selbstoptimierung-zur-belastung-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/eule\/2023\/05\/23\/toxic-productivity-wenn-selbstoptimierung-zur-belastung-wird\/","title":{"rendered":"Toxic Productivity \u2014 Wenn Selbstoptimierung zur Belastung wird"},"content":{"rendered":"<p style=\"font-weight: 400;text-align: justify\">Wenn es ein Wort gibt, das wohl allen Studis in den Ohren klingelt, dann ist es vermutlich der Begriff \u201eProkrastination\u201c. Doch wer jetzt erwartet, in diesem Artikel Tipps zu erhalten, wie man dieses Hindernis beim Lernen \u00fcberwindet, der wartet heute vergeblich. Aber vielleicht ist gerade derjenige hier sogar genau richtig?<br \/>\nDenn in Anbetracht des Mental Health Awareness Month geht es heute nicht um das \u00dcberwinden von Prokrastination, sondern darum, was passiert, wenn das st\u00e4ndige Streben nach Produktivit\u00e4t und einem h\u00f6chstm\u00f6glichen Level von Motivation ungesunde Z\u00fcge annimmt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;text-align: justify\">\n<p style=\"font-weight: 400;text-align: justify\">Der Mensch strebt nach Perfektion und das in allen Lebensbereichen. Vom Nachjagen unerreichbarer Sch\u00f6nheitsideale \u00fcber penibles Kalorien- und N\u00e4hrstoffz\u00e4hlen f\u00fcr die optimale Ern\u00e4hrung bis hin zum Wunsch nach einem \u201einstagrammable\u201c Leben in Reichtum, fehlerfreien Beziehungen und stetem Gl\u00fccklichsein. Da ist es kein Wunder, dass auch im Bereich von Schule, Uni und Job der Anspruch besteht, die eigene Arbeit zu optimieren und dabei Faulheit oder den Hang zur Prokrastination (welche allzu oft miteinander verwechselt werden) durch produktivit\u00e4tssteigernde Ma\u00dfnahmen ein f\u00fcr allemal zu besiegen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;text-align: justify\">Auf der Suche nach der L\u00f6sung st\u00f6\u00dft man vor allem in den sozialen Netzwerken schnell auf vielversprechenden Content. Auf YouTube sollen sogenannte \u201estudy with me\u201c-Videos dazu animieren, diszipliniert und konzentriert zu lernen, auf Instagram finden sich Motivationszitate und Tipps zu Produktivit\u00e4tssteigerung und Zeitmanagement und TikTok flie\u00dft f\u00f6rmlich \u00fcber mit den Videos der sogenannten \u201eThat Girl\u201c- und \u201eHustle Culture\u201c-Bewegungen, die einen makellosen, durchgetakteten Lifestyle abbilden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;text-align: justify\">\n<p style=\"font-weight: 400;text-align: justify\">Schnell wird jedoch deutlich, dass diese h\u00fcbschen Bilder eine blo\u00dfe Scheinwelt abbilden, die in der Realit\u00e4t unerreichbar ist. Schlie\u00dflich ist kein Mensch immer gl\u00fccklich und kein Mensch schafft es, seinen Tag auf die Minute genau durchzuplanen, ohne dabei durchzudrehen.<br \/>\nDoch m\u00fcssen wir \u00fcberhaupt immer unser Bestes geben, so produktiv sein, wie nur m\u00f6glich? \u00a0Ist Prokrastination ein peinlicher Makel, der ausradiert werden muss? Die Wissenschaft sagt: nein! Prokrastination ist etwas v\u00f6llig normales, das jeder Mensch in irgendeinem Lebensbereich erlebt; der Eine schiebt den unliebsamen Arzttermin vor sich her, der Andere den Wohnungsputz und viele eben auch den Lernstoff f\u00fcr die n\u00e4chste Uniklausur. Das Aufschieben wird erst zu einem echten Problem, wenn es so au\u00dfer Kontrolle ger\u00e4t, dass es ernsthafte Folgen f\u00fcr dein Leben hat. Zum Beispiel, weil du Gefahr l\u00e4ufst, deinen Studienplatz zu verlieren. In einem solchen Fall wendest du dich am besten an die <a href=\"https:\/\/www.stw-bremen.de\/de\/beratung\/psychologische-beratung\">Psychologische Beratungsstelle der Uni Bremen<\/a>, die dir weiterhilft.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;text-align: justify\">L\u00e4sst man sich zu sehr in den Sog des Productivity-Trends auf Social Media ziehen, gibt es insbesondere zwei M\u00f6glichkeiten, die problematische Folgen haben k\u00f6nnen:<\/p>\n<div id=\"attachment_18256\" style=\"width: 227px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-18256\" class=\"size-medium wp-image-18256\" src=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/eule\/files\/2491DAAA-F36E-4D0B-A70D-C2B906AA94E3-217x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/eule\/files\/2491DAAA-F36E-4D0B-A70D-C2B906AA94E3-217x300.jpeg 217w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/eule\/files\/2491DAAA-F36E-4D0B-A70D-C2B906AA94E3-746x1030.jpeg 746w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/eule\/files\/2491DAAA-F36E-4D0B-A70D-C2B906AA94E3-768x1061.jpeg 768w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/eule\/files\/2491DAAA-F36E-4D0B-A70D-C2B906AA94E3-510x705.jpeg 510w, https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/eule\/files\/2491DAAA-F36E-4D0B-A70D-C2B906AA94E3.jpeg 912w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><p id=\"caption-attachment-18256\" class=\"wp-caption-text\">Wer keine Zeit mehr f\u00fcr Freizeitaktivit\u00e4ten und Selbstf\u00fcrsorge findet, sollte dringend k\u00fcrzer treten<\/p><\/div>\n<p style=\"font-weight: 400;text-align: justify\">Entweder, man versucht, mit den extremen Anspr\u00fcchen Schritt zu halten und rutscht immer weiter ab in einen karriere- oder unizentrierten Lebensstil, der keinen Platz l\u00e4sst f\u00fcr Hobbys, Freunde und Familie. Die Folge sind meist gro\u00dfer Stress, sowohl psychisch als auch physisch, und im schlimmsten Falle sogar Burnout. In diesem Fall solltet ihr euch unbedingt professionelle Hilfe suchen!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;text-align: justify\">Auf Einige hat \u00fcberm\u00e4\u00dfiger Produktivit\u00e4tscontent in den sozialen Medien einen anderen Effekt; sie f\u00fchlen sich durch solche Beitr\u00e4ge nicht motiviert oder inspiriert, sondern bekommen vielmehr das Gef\u00fchl, im Vergleich faul, undiszipliniert und schlecht organisiert zu sein \u2014 und das f\u00fchrt zu einem enormen Druck. Dies gilt vor allem dann, wenn der \u201estudy content\u201c ins Extreme geht; zum Beispiel im Falle von \u201eStudy With Me\u201c-Videos auf YouTube, die in Echtzeit zeigen, wie jemand zehn Stunden lang am perfekt aufger\u00e4umten Schreibtisch lernt und die Arbeit f\u00fcr nur wenige kurze Pausen unterbricht. Das Gleiche gilt f\u00fcr \u201eMotivationszitate\u201c auf Instagram, die vor allem ein schlechtes Gewissen machen, wie \u201ejust get up and stop being lazy\u201c. Der Druck, der auf diese Weise entsteht, \u00e4u\u00dfert sich nicht selten in einer Steigerung des Aufschiebeverhaltens. Ein Effekt, der \u00fcberraschenderweise unter Perfektionisten und Personen mit Versagens\u00e4ngsten weit verbreitet ist. Doch es steckt durchaus eine gewisse Logik dahinter; aus der Sorge heraus, man k\u00f6nne diesen Standard sowieso nie erreichen und w\u00e4re unzufrieden mit der eigenen Arbeit, macht man diese lieber gar nicht und schiebt sie vor sich her. Hier findet sich auch eine enge Verbindung zu dem ersten Thema der letzten Woche, dem sogenannten \u201eImpostor-Syndrome\u201c. Dieses Gef\u00fchl ist unter Aufschiebeprofis besonders verbreitet. Logisch, wenn der Algorithmus im Internet uns mit oben genannten Bildern regelrecht bombardiert. Im Vergleich kommt man sich dabei schnell vor, als habe man die eigenen Erfolge nicht verdient \u2014 schlie\u00dflich macht man ja viel weniger! Ein Teufelskreis, dem man nur m\u00fchsam entkommt, ist man einmal hineingeraten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;text-align: justify\">Was ist also die L\u00f6sung?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;text-align: justify\">\n<p style=\"font-weight: 400;text-align: justify\">Eine pauschale Antwort gibt es nat\u00fcrlich nicht. Jeder ist auf eine andere Art zu motivieren, jeder prokrastiniert unterschiedlich stark und jeder f\u00fchlt sich unterschiedlich schnell gestesst. Dies zu verinnerlichen ist der erste Schritt, um zu erkennen, dass der Vergleich mit fremden Menschen in Social Media-Beitr\u00e4gen sinnlos ist. Hinzu kommt, dass diese Postings niemals die Realit\u00e4t abbilden k\u00f6nnen und immer nur bewusst gew\u00e4hlte Ausschnitte aus dem Leben des Teilenden zeigen. In einem gewissen Ma\u00dfe k\u00f6nnen die Inhalte zwar als Inspiration dienen \u2014 wenn sie jedoch anstatt zu Motivation zu Stress, Schuldgef\u00fchlen oder anderen negativen Empfindungen f\u00fchren, sollte lieber Abstand genommen werden. Auch hier macht also die Dosis das Gift.<br \/>\nVor allem sollte jeder f\u00fcr sich wissen, wann die eigene Belastungsgrenze erreicht ist. Sich selbst, seine Hobbys und sozialen Beziehungen zu pflegen, ist nicht weniger wichtig, als das Studium oder der Job, ganz im Gegenteil. Es braucht einen Ausgleich, um die Freude am Arbeiten zu erhalten. Und wenn etwas Spa\u00df macht, ist meist auch das Resultat besser.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;text-align: justify\">\n<p style=\"font-weight: 400;text-align: justify\">In diesem Sinne: ich werde mir nun einen Kaffee machen, mich gem\u00fctlich aufs Sofa kuscheln und meine Lieblingsserie anschmei\u00dfen. Die Uni darf heute einmal Pause machen. Und um meinen Hang zum Aufschieben kann ich mich schlie\u00dflich auch morgen noch k\u00fcmmern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn es ein Wort gibt, das wohl allen Studis in den Ohren klingelt, dann ist es vermutlich der Begriff \u201eProkrastination\u201c. Doch wer jetzt erwartet, in diesem Artikel Tipps zu erhalten, wie man dieses Hindernis beim Lernen \u00fcberwindet, der wartet heute vergeblich. Aber vielleicht ist gerade derjenige hier sogar genau richtig? 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