Liebe Leser*innen dieses Blogs,

seit Mitte September bin ich, Jan-Niklas, EULe-Redakteur seit drei, Student der Uni Bremen seit vier Jahren, nicht mehr auf dem Campus unterwegs, sondern habe meinen Lebensmittelpunkt ins Ausland verlegt. Und das auf unbestimmte Dauer. Vielleicht komme ich schon in einem Jahr zurück, vielleicht aber auch in einem Jahrzehnt. Meine neue Wahlheimat ist jedenfalls in Süden Nordamerikas… oder im Norden Mittelamerikas. Geograph*innen und Mexikaner*innen sind sich hierüber bislang uneinig.

Die Rede ist von den Vereinigten Staaten. Nicht den Vereinigten Staaten Amerikas, sondern den Estados Unidos Mexicanos. In Zentralmexiko, umringt von Berggipfeln und Vulkanen, liegt die pulsierende Stadt Heróica Puebla de Zaragoza, im Staat Puebla. 2,7 Millionen Einwohner hat die Metropolregion dieser Stadt, zu der auch der wunderschöne Ort San Andrés Cholula mit einer der größten Pyramiden der Welt gehört. Als die Spanier bei der Eroberung Mexikos damals das Ausmaß dieses Tempels erblickten, erblassten sie vor Neid. Sie wollten stets den größten haben. Und so wurde die Pyramide mit Erde bedeckt und bewuchert und auf ihrer Spitze eine Kathedrale errichtet. Dieses christliche Bauwerk auf dem mächtigen, prehispanischen Sockel stellt heute das Wahrzeichen der Metropolregion Puebla da.

Seit dem letzten Monat ist jedoch nicht nur das Wahrzeichen dieser Stadt beschädigt. Neben diversen Kirchtürmen, die bei den zwei stärksten Erdbeben in Mexiko seit langem einstürzten, wurden diverse Wohnhäuser und Bürotürme komplett zerstört. Viele Menschen starben. Diverse historische Fassaden in Puebla werden seither nur durch aufwändige Holzgerüste vor dem Einsturz bewahrt. Doch in der nahegelegenen Hauptstadt (2 bis 3 Stunden Autofahrt) mit etwa der zehnfachen Einwohnerzahl, sind die Wunden der zwei Erdbeben noch wesentlich größer. Trümmer erinnern noch immer daran, das letzten Monat fast vier hundert Menschen in diesem Land ihr Leben verloren. Zunächst dutzende bei dem Erdbeben am 8. September, kurz vor meiner Abreise, dann hunderte bei dem zweiten Beben nur 11 Tage später. Dieses Beben erschütterte auch mein Haus. Ohrenbetäubender Lärm, Vibrationen, alles schaukelte, die Lampen schwangen hin und her und erloschen, Gegenstände fielen aus den Regalen. Strom und Handynetz waren für viele Stunden unterbrochen. Die Menschen sammelten sich in den Straßen. Vögel flogen verwirrt gegen Gebäude und landeten tot vor unseren Füßen. Doch all das war nichts im Vergleich zu dem Ausmaß der Katastrophe in den ärmeren Gegenden. Dort hielten die oftmals selbstgebauten Häuser den Erschütterungen nicht stand.

Doch diese Ereignisse brachten die Menschen im Land dazu, Seite an Seite zu stehen, Hilfsgüter einzukaufen, zu sammeln und in den betroffenen Gebieten zu verteilen, in stark beschädigte Dörfer zu fahren, sich Spaten, Helme, Arbeitshandschuhe, Schubkarren, Spitzhacken und Eimer von den Kommunen austeilen zu lassen oder zu kaufen, um mit anzupacken und das Land wieder aufzuräumen. Geschäfte blieben geschlossen, Ämter funktionierten ihre Workforce um, Studierende halfen, statt zu studieren. Und überall prangen die Durchhalteparolen in der Stadt: „Fuerza México!“  (Bleib stark, Mexico!), „Puebla está de pie! México está de pie!“ (Puebla steht, Mexiko ist auf den Beinen!) und Solidaritätsbekundungen mit den Opfern und Hinterbliebenen der Beben.

Mittlerweile ist wieder Normalität eingekehrt. Das Leben geht weiter. Denn es muss weiter gehen. Immer wieder hat Mexiko schwere Rückschläge erlebt, wirtschaftlich oder durch Naturkatastrophen, war Opfer von Kolonialherrschaft und US-amerikanischen Enteignungen, und leidet seit Jahrzehnten unter brutaler Bandenkriminalität, Korruption und dem organisierten Verbrechen. Aber die Mexikaner*innen haben gelernt, immer wieder aufzustehen. Wer heute alles verliert, verkauft morgen wieder Tacos, statt im Gestern zu verharren. Die Menschen hier sind von einer Durchhaltekraft, einer Freundlichkeit und einem Optimismus geprägt, der mich immer wieder rührt. Und wer nur die Negativschlagzeilen aus diesem Land kennt, der kennt Mexiko nicht. Der kennt nicht das Essen, die Musik, die Lebensfreude, die Jahrtausende alte Kultur, die Kunst und das Handwerk dieses Landes.

Was mich hierher verschlägt, ist jedenfalls die Vermittlung der Deutschen Sprache, das Verbessern meiner Spanischkenntnisse und die fortdauernde Entdeckung der Vielfalt dieses Landes. Und was die EULe schon immer versucht hat aufzuzeigen, ist, dass es nicht den einen richtigen Weg zu studieren gibt. Es gibt so viel Interessantes, was es auf dem Weg zum Bachelor zu entdecken gibt. Egal ob Regelstudienzeit oder Langzeitstudent – nutze dein Studium, um dich weiterzuentwickeln und zu entdecken, was dir Spaß macht und nimm dir die Zeit, die du hierfür brauchst! Auch ich habe für mein Bachelorstudium bislang 8 Semester gebraucht und schreibe hier, neben meiner Arbeit als Deutschlehrer, noch immer an meiner Bachelorarbeit. Doch dafür habe ich neben dem Studium nicht nur für die EULe geschrieben und dadurch viele interessante Menschen kennengelernt und mich mit vielen spannenden Themen auseinandergesetzt. Ich habe an der Uni auch Kurse für Geflüchtete gegeben zur Vorbreitung auf das Schuldeutsch im Regelunterricht und dadurch die Erfahrungen gesammelt, die mich letztlich für meinen jetztigen Job qualifiziert haben. Deutschlehrer trotz Politikstudium – es geht also. Und trotzdem möchte ich mein Wissen über Politik nicht missen und vielleicht werde ich es ja bei ehrenamtlicher Arbeit für NGOs einbringen können. Engagierte Menschen kann es nie genug geben.

Fotos von meinen Entdeckungen aus dem ersten Monat in Mexiko findet ihr am Wochenende auf Facebook.

Meine Zeit bei der EULe ist nun leider vorbei. Vielen Dank für eure Treue!

Und Danke an die lieben Kolleg*innen, die ich in den letzten drei Jahren hatte,

für die Zusammenarbeit. Es war mir ein inneres Quesadilla-Essen!

Euer Jan-Niklas

 

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