Ringen um Prüfungsversuche scheitert im akademischen Senat

 

Eine kleine Vorgeschichte

Vor über einem Jahr nahm der AStA der Uni Bremen den Kampf um eine Reform der Prüfungsordnung auf. Das Ziel des Gefechts: Eine Änderung der Drei-Folgesemester-Frist. Wer sich über PABO für eine Modulprüfung angemeldet hat, startet damit automatisch seinen persönlichen Countdown. Denn wenn er oder sie nicht innerhalb von drei Folgesemestern die Prüfungsleistung erfolgreich erbracht hat und das Ergebnis beim Prüfungsamt eingegangen ist, droht die Zwangsexmatrikulation. Die Wiederaufnahme des Studiums ist dann bundesweit nicht mehr möglich.

Der AStA brachte das Thema im letzten Jahr auf die Agenda des akademischen Senats und stellte diese Begrenztheit fundamental infrage. Wann und wie oft Prüfungsleistungen abgelegt werden, solle demnach im Ermessen der Studierenden liegen und nicht durch die Beschränkungen der Prüfungsordnung bestimmt werden. Es ging um den Wunsch nach größerer Autonomie, das Anrecht auf ein selbstbestimmtes Studium und die realen Bedrängnisse, die durch die Frist für Studierende entstanden waren. Wichtig ist hierbei: Es handelt sich bei der Begrenzung der Prüfungsversuche nicht (nur) um eine begrenzte Versuchsanzahl sondern um eine zeitliche Frist. Wenn mensch diese verstreichen lässt, ist es irrelevant, ob überhaupt an einem Prüfungsversuch teilgenommen wurde oder nicht.

Dieser Umstand wurde in der Vergangenheit oft falsch kommuniziert und war vielen nicht bewusst. Welche Gründe es darüber hinaus noch dafür geben kann, dass Studierende in die Situation geraten, besagte Frist nicht einhalten zu können, wurde seit letztem Juli in kontroversen Verhandlungen diskutiert. So bemängelte der AStA, dass vor allem arbeitenden Studierenden, Studierenden mit gesundheitlichen Einschränkungen oder Kindern, aber auch jenen, die unter Prüfungsangst leiden, Steine in den Weg gelegt würden. Der Druck der drohenden Exmatrikulation verschärfe die persönlichen oder fachlichen Probleme bei der Realisierung des Studiums – anstatt zu unterstützen.

Dass der aktuelle Zustand verbesserungsfähig ist, erreichte bald einen Konsens. Doch damit begann erst die mühsame Debatte um eine befriedigende Lösung des Problems, bei der die Meinungen schon von Beginn an weit auseinander gingen. Von der Idee, die Begrenzung der Prüfungsversuche komplett abzuschaffen, musste der AStA sich bald verabschieden. Der akademische Senat entschied nicht sofort, sondern vertagte das Problem bis zur vergangenen Sitzung im Januar, die eine große Zahl unzufriedener und protestierender Studierender auf den Plan rief, wie die EULe berichtete. Dann spielte er die Entscheidung in die Kommission für Studium, die nun endlich, nach langem Hin und Her, zwei neue Varianten für die Prüfungsordnung ausgearbeitet hat.

Vorschlag 1: Die Frist wird um ein Semester erweitert. Wer sich angemeldet hat, hat nicht mehr drei, sondern vier Folgesemster Zeit, um das Modul erfolgreich abzuschließen.

Vorschlag 2: Es gibt vier Prüfungsversuche ohne zeitliche Begrenzung.

 

Let’s get ready to rumble!

Heute ist es also so weit. Es ist der 14. Juni 2017 und das Rektorat soll gemeinsam mit Professoren/-innen, Dekanen/Dekaninnen, akademischen und sonstigen Mitarbeiter/innen sowie den Studierenden vom AStA endlich (!) zu einer Entscheidung kommen. Der AStA hat zuvor in Flugblättern um das Kommen und die Unterstützung der Studierendenschaft in der Senatssitzung geworben und hofft natürlich, dass er nach dem ganzen Theater wenigstens eine Abkehr von der zeitlichen Begrenzung vermelden kann. Jan-Eric Hahn, Swantje Müller, Irina Kyburz und Lara Maliske sollen die Studierenden im AS vertreten. „Viel Spaß“, heißt es noch von der Sitzungsleitung – und dann wird der Ring ein letztes Mal eröffnet.

Aber sachte, sachte! Man will sich nicht gleich in der ersten Runde K.O. schlagen, sondern fängt zunächst einmal etwas sanfter an. An erster Stelle regnet es Lob auf Eva-Maria Feichtner und die Kommission, die durch „kontrovers geführte Diskussionen“ „viele unterschiedliche Stimmen“ zur nun präsenten Vorlage mit den zwei Vorschlägen zusammengeführt hat. Das Papier enthält aber nicht nur Änderungsvorschläge zu den Prüfungsversuchen, sondern auch allgemeinere Lockerungen, wie zum Beispiel eine Verlängerung der Anmeldefrist für den zweiten Versuch, sollte man seine Bachelor- oder Masterarbeit nicht bestanden haben. Diese Lockerungen werden tatsächlich einstimmig beschlossen, sodass sich am Ende beide Seiten noch ein Bisschen auf die Schulter klopfen können.

Als aber die finale Diskussion um die Prüfungsversuche beginnt, werden die Fronten relativ schnell deutlich. Eine Unterstützung der „Zählvariante“ ohne zeitliche Begrenzung und mit verstärkter Beratung der Studierenden steht nur kurz im Raum und der AStA sieht sich mit einer überwältigenden Gegenmehrheit konfrontiert.

Enttäuschte Gesichter nach der Wahl im akademischen Senat (v.l.n.r. Jan-Eric Hahn, Kevin Kyburz, Lara Maliske, Irina Kyburz)

Durch die zeitliche Entfristung bei der Zählvariante würden auf Dauer wahrscheinlich die Anforderungen steigen, denn die Lehrenden würden sich darauf einstellen, dass die Studierenden sich mehr Zeit für die Vorbereitungen nehmen könnten. Laut Dr. Michal Kucera würde man mit der Entfristung ebenso ein falsches Signal setzen, denn den Studierenden solle bewusst werden, dass sie nicht ewig studieren können. Überdies weisen Dr. Ivo Mossig und Dr. Manfred Fahle auf die verschiedenen Lerntypen hin, manche Studierende bräuchten eine solche „Struktur“, vielleicht auch „äußeren Druck“, um sich zu motivieren. Und schlussendlich verweisen auch Dr. Jürgen Gutowski und Dr. Reinhard Fischer auf das „tragische Potenzial“ der Zählvariante. Durch die offene Regelung würden sich einige Studierende zu viel Zeit lassen und wären schlussendlich so aus dem Stoff raus, dass sie gar nicht mehr in der Lage seien, die Prüfungen zu absolvieren.

Die Argumente von den Vertretern des AStA’s, dass es bei einer solchen Regelung nicht um einen Erziehungsanspruch gehe und man in der Prüfungsordnung nie sämtlichen „Lerntypen“ gerecht werden, sondern eine selbstbestimmte Studienorganisation für alle etablieren könne, sind dieser Mehrheit nicht gewachsen.

Der Vorschlag mit der „Zählvariante“ wird abgelehnt, einer Erweiterung der Frist um ein Semester zugestimmt. Und damit ist das Thema beendet.

 

Reaktionen vom AStA

Einen Tag nach der AS-Sitzung treffe ich Jan-Eric Hahn und Irina Kyburz zum Interview am Mensasee.

 

Wie habt ihr beide den Entscheidungsprozess gestern erlebt?

Irina: Ich habe das Ganze als eine Scheindiskussion erlebt, weil die Meinungen schon vorgefasst waren und es eigentlich keine Ergebnisoffenheit gab. Auf die Argumente, die wir gebracht haben, wurde ja überhaupt nicht eingegangen und auch direkte Fragen von mir wurden nicht beantwortet. Außerdem kamen von der anderen Seite wenige sachliche sondern vor allem emotionale Argumente, nach dem Motto „es gab mal Einzelpersonen, die dann ihr Studium nicht geschafft haben“. Man müsste sich dazu mal fragen, wie die alle ihr Studium ohne zeitliche Begrenzung schaffen konnten. Die Aufhebung einer zeitlichen Frist ist ja keine revolutionäre Idee.

Jan-Eric: Es waren die Studierenden gegen eine riesige proffesonale Mehrheit, die sich nicht dafür interessiert hat, was die, die es betrifft, eigentlich wollen. Und dann wurde noch immer gesagt, „wir machen das für die Betroffenen.“

 

Wie steht ihr zum Ergebnis der Diskussion?

Irina: Wir haben ein Almosen bekommen, mehr nicht. Durch Stunden um Stunden an Arbeit und durch das fundamentale Problem von Menschen, die ne grundlegende Schwierigkeit mit dieser Frist haben, haben wir ein weiteres Semester rausgeschlagen. Klar, die Begleitmaßnahmen, die beschlossen wurden, sind ganz gut. Aber das Perverse ist, dass im AS scheinbar nicht der Eindruck entstand, wir hätten studierendenunfreundlich entschieden. Nein, die Menschen sind aus der Sitzung rausgegangen und haben sich gedacht: Wir haben das Bestmögliche für die Studierenden getan.

 

Wie ist nun die Stimmung im AStA und wie soll es im Bezug auf die Prüfungsordnung weiter gehen?

Jan-Eric: Die Stimmung ist gerade ziemlich runter. Wir haben weitere Maßnahmen erst einmal pausiert und überlegen uns, wie es jetzt weiter gehen soll.

Irina: Das Problem ist, dass das Thema für den AS jetzt erst einmal begraben ist. Die Mitglieder werden sagen, dass wir uns jetzt ein Jahr lang daran abgearbeitet haben und dass sich gemeinsam mit den Studierenden auf einen konstruktiven Vorschlag geeinigt wurde. Man wird keinen Grund sehen, das Ganze jetzt wieder aufzurollen. Kurzfristig ist das Ziel erst einmal, sich vom AS klar abzugrenzen und zu sagen: Das ist nicht das, wofür wir gekämpft haben. Und natürlich, die Studierenden und bald auch wieder die Erstis so gut es geht über die Prüfungsordnung zu informieren.

Der AStA hat einen Wald gewollt aber vorerst nur einen Baum bekommen. Und bei mir bleibt der Eindruck, dass es in der Senatsdiskussion nicht um die Kraft des stärksten Arguments zugunsten einer studierfreundlicheren Prüfungsordnung ging. Es ging um die Frage, wie viel Selbstverantwortung den Studierenden eigentlich zugetraut wird. Die Antwort aus dem AS ist klar: gar keine.

5 Kommentare
  1. Michael
    Michael sagte:

    Liebe Caro P.,
    du magst vielleicht sehr engagiert sein, nur leider ist deine Recherche lückenhaft:
    1. Eine Versuchszählung hat es in dem AT 2005 gegeben (einige auslaufende Studiengänge laufen noch über diesen AT) mit Zwangsanmedlungen für Wiederholungen. Die semesterbezogene Frist ist im AT 2010 verankert (Absatz 2/3). Die Informationen kann sich studierender Mensch selbst beschaffen, indem studierender Mensch liest. Die Prüfungsordnungen sind für alle zugänglich. Wenn niemand liest, ändert auch eine Änderung der Prüfungsordnung nichts.
    2. „[…]dass vor allem arbeitenden Studierenden, Studierenden mit gesundheitlichen Einschränkungen oder Kindern, aber auch jenen, die unter Prüfungsangst leiden, Steine in den Weg gelegt würden“ (Absatz 3). Hierfür gibt es Regelungen. Schließlich setzt die Fristregelung aus (wird verlängert), sollte sich ein studierender Mensch in Elternzeit, in einem Krankheits- oder Urlaubssemester befinden, usw. Da kann nicht davon die Rede sein, dass ‚Steine in den Weg gelegt werden‘.

    Darüber hinaus „[…] ist es [eben nicht] irrelevant, ob überhaupt an einem Prüfungsversuch teilgenommen wurde oder nicht (Absatz 2; Satz 1). Entscheidend hierbei ist, dass an mindestens einem Prüfungstemin teilgenommen wurde, sonst würde es keinen Startpunkt für eine Frist geben.

    So wie du es schreibst klingt das natürlich alles schön viel dramatischer, aber man sollte mal ehrlich auf dem Teppich bleiben. Das Studium ist anstrengend, keine Frage (ich habe selbst studiert und nebenbei gearbeitet), aber das sollte auch eine Vorbereitung auf das ‚wirkliche Leben‘ sein. Schließlich kann jeder studierende Mensch sich über die Bedingungen seines Studiums vor Studienantritt informieren und überlegen, ob er ‚diesen Vertrag‘ eingeht. Ich möchte mal sehen, wie jemand einen Arbeitvertrag unterschreibt, dieses Arbeitsverhältnis eingeht und im nachhinein fordert ‚och, ich könnte auch ein paar Urlaubstage mehr vertragen‘ oder ‚ich würde gerne mehr/länger zu Hause bei meinem Kind bleiben bei vollem Gehalt‘. Klingt nach einer schönen Welt.

    Hochachtungsvoll
    Michael

    Antworten
  2. Caro P.
    Caro P. sagte:

    Lieber Michael,

    vielen Dank für deinen Kommentar und das Teilen deiner Meinung!

    Du hast recht! Studierende, die aufgrund der Erziehung eines Kindes, einer ständigen Krankheit oder Behinderung nicht in der Lage sind, die Prüfungen in der vorgesehenen Frist abzulegen, können eine entsprechende Verlängerung durch einen Härtefallantrag oder ein Urlaubssemester beantragen. An dieser Stelle werden Studierende auch durch die aktuelle Regelung bereits unterstützt. Dennoch könnte man das Verfahren in diesen Fällen durch die Zählregelung flexibler gestalten. Der/die Studierende könnte autonom entscheiden, wann er oder sie, durch welche äußeren Umstände und Einschränkungen, sonstige Pläne für die Studienorganisation oder das Arbeitsleben auch immer beeinflusst, eine Prüfung ablegen möchte/kann. Ohne einen Antrag zu stellen oder sich mittels eines Attestes rechtfertigen zu müssen.

    Auch mit deinem dritten Punkt liegst du richtig, beziehungsweise hatte ich mich eventuell nicht genau genug ausgedrückt. Natürlich muss an einem ersten Prüfungstermin teilgenommen werden, damit die Drei-Semester-Nachholfrist beginnt. Lässt man diese drei Semester jedoch verstreichen, droht die Exmatrikulation, auch wenn man innerhalb dieser Zeit keinen weiteren Versuch unternommen hat, die Prüfung zu bestehen. Diesen Umstand wollte ich deutlich machen.

    Ich danke dir auch für deinen Hinweis zu den Prüfungsordnungen. Es stimmt, Studierende sind auch immer in der Selbstverantwortung, ihr Studium vorausschauend zu organisieren und sollten sich in der allgemeinen Prüfungsordnung informieren. Nichtsdestotrotz haben Falschinformationen durch die Lehrenden, die selbst nicht genau wussten, was in der Prüfungsordnung steht (und sich wohl auch dementsprechend hätten informieren müssen) in der Vergangenheit zu Verwirrungen bei den Studis geführt und Versäumnisse befördert. In dieser Hinsicht wäre eine bessere Aufklärung auf allen Ebenen sinnvoll.

    Schlussendlich scheiden sich an der Frage, welche Prüfungsregelung nun die bessere sei offensichtlich die Geister, das hat ja die Diskussion im akademischen Senat schon sehr eindrucksvoll gezeigt. Unabhängig vom Ergebnis der Abstimmung wollte ich durch den Artikel aber besonders meinen Eindruck vom Hergang der abschließenden Debatte im Senat darstellen. Ich denke, auch Vertragsmodalitäten sind nicht unumstößlich und ich finde es durchaus lohnenswert, sich weiterhin für so eine „schöne Welt“ im Studium einzusetzen.

    Antworten
  3. Jonas
    Jonas sagte:

    Ich finde sowohl die Versuchsbegrenzung als auch die zeitliche Begrenzung bescheuert. Selbst, wenn man 10x durch eine Prüfung fällt, heißt das ja nicht, dass man den Stoff nicht doch irgendwann noch erlernen kann…

    Ich versteh das Problem nicht. Man zahlt doch auch seine Semestergebühren. Damit würden noch nicht einmal irgendwo Unkosten entstehen.

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  4. Lisa M.
    Lisa M. sagte:

    Hallo, liebe Caro,

    gibt es die Möglichkeit, euch über studentische Uni E-Mail Adresse oder telefonisch zum Thema Zeitfrist zu kontaktieren? Ich setze mich dafür ein, dass diese Frist anders gehandhabt wird, daher möchte ich mich gerne mit euch über das Thema austauschen, vor allem, weil ihr eine Erweiterung der Frist erreicht habt!

    Vielen Dank!

    Antworten
    • Lara
      Lara sagte:

      Moin Lisa,
      Caro ist leider nicht mehr aktiv bei unserem Blog dabei, aber wenn du möchtest, kannst du uns gerne unter folgender E-Mail Adresse erreichen: eule@uni-bremen.de
      Und dich dann mit den aktiven Eulen über das Thema austauschen. Wir sind gespannt auf deine Rückmeldung!

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