Urheberrechtsstreik: Warum wir um digitale Lehrtexte kämpfen müssen

hoffmeister

Überraschung, Mutti hatte mal wieder recht! Man schätzt erst, was man hatte, wenn man es verliert. Während wir noch aufstöhnen, weil der Dozent uns den nächsten 60-Seiten-Text zum Bearbeiten bei Stud.IP hochgeladen hat, wird anderswo debattiert, ob uns überhaupt Literatur online zur Verfügung gestellt werden darf. Schuld ist ein Urheberrechtsstreit zwischen den deutschen Hochschulen und der VG WORT.

Wir haben für euch die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema zusammengestellt und Prof. Dr. Thomas Hoffmeister, Konrektor für Lehre und Studium an der Universität Bremen, zur Urheberrechtsdebatte befragt.

Worin besteht die Streitfrage?

Grundsätzlich benötigt natürlich jeder, der urheberrechtlich geschützte Werke nutzen will, die Einwilligung des Rechteinhabers. Zu diesem Grundsatz bestehen jedoch eine Reihe von Ausnahmen, zum Beispiel der § 52a UrhG. Dieser Paragraph erlaubt unter bestimmten Voraussetzungen, urheberrechtlich geschütztes Material zum Zweck der Forschung und Lehre zu veröffentlichen, beispielsweise auf Plattformen wie Stud.IP. Für diese Möglichkeit erhält die Verwertungsgesellschaft Wort (VG WORT) eine pauschale Vergütung. Sie hat es sich zum Auftrag gemacht, „eine angemessene Vergütung für die Rechteinhaber zu sichern“, das heißt, sie kassiert das Geld von denjenigen, die geistiges Eigentum nutzen, und leitet es an Autoren und Verlage weiter. Über viele Jahre stritten die VG WORT und die Kultusministerkonferenz bereits darüber, wie genau digitale Kopien an Hochschulen nun bereit gestellt werden dürfen und wie die Vergütung abgerechnet wird. Schließlich entschied der Bundesgerichtshof zugunsten der VG WORT: Der Aufwand für die Hochschulen, genauere Erhebungen anzustellen, sei vertretbar und damit wäre eine pauschale Abrechnung nicht gerechtfertigt. Ab dem 1. Januar 2017 sollte es also einen neuen Vertrag geben, der die Abrechnung zukünftig per Einzelmeldung regelt.

Welche Folgen hätte ein Beitritt zum neuen Rahmenvertrag der VG WORT?

Die deutschen Hochschulen schätzen die Nachteile, die mit dem neuen Vertrag verbunden wären, wesentlich einschneidender ein, als der Bundesgerichtshof. Jeder einzelne Text, der den Studierenden zur Verfügung gestellt wird, müsste darauf geprüft werden, ob er meldepflichtig ist oder nicht und danach von den Lehrenden in einem von der VG WORT betriebenen Portal zusammen mit anderen Informationen angegeben werden. Dadurch würde die VG WORT pro Seite und Unterrichtsteilnehmer schlussendlich 0,008 € einnehmen. Um die Korrektheit der Meldungen zu prüfen, würde der Verein außerdem Einblicke in die Lernplattformen der Hochschulen erhalten. Das neue Konzept wurde im Wintersemester 14/15 an der Universität Osnabrück mit ernüchterndem Ergebnis getestet: Es führte zu sehr hohen Verwaltungskosten und erheblichem zusätzlichen Zeitaufwand für die Lehrenden (natürlich unbezahlt). Das System floppte und wurde als „nicht praxistauglich“ eingestuft, woraufhin sich bundesweit fast alle Hochschulen weigerten, dem neuen Vertrag beizutreten.

Was erwartet Studierende und Lehrende bei einem Nicht-Beitritt?

Mit den Folgen eines Nicht-Beitritts möchte ehrlicher Weise auch niemand leben: Urheberrechtlich geschützte Texte dürften nicht mehr innerhalb von Stud.IP zur Verfügung gestellt werden. Dies würde für die Lehrenden bedeuten, dass Literatur, die beispielsweise nicht als E-Books in der SuUB, als Open-Access-Ressourcen oder über Creative Commons zur Verfügung gestellt wäre, für das Hochladen künftig tabu ist. Auch analoge Kopien dürften nicht an die Studierenden verteilt werden. Außerdem gäbe es eine erhebliche Einschränkung für die Forschung, denn auch das Versenden von urheberrechtlich geschützten Texten als Pdf’s unter Wissenschaftlern wäre verboten. Und für uns Studierende wäre das Ergebnis: Behinderung beim Lernen, Lesen hauptsächlich in der Bibliothek oder Kopien auf eigene Kosten aus dem Semesterapparat.

Wie soll der Konflikt gelöst werden?

Durch den einheitlichen Boykott der Hochschulen hat die VG WORT eingelenkt: Eine Arbeitsgruppe mit Vertretern des Vereins selbst, der Kultusministerkonferenz und der Hochschulrektorenkonferenz tat sich zusammen, um „noch vor Jahresende“ eine „einvernehmliche Lösung zu entwickeln“.

Ausweg in letzter Minute?

Gesagt, getan: Am 16.12. verkündeten die Beteiligten, dass die pauschale Abgeltung der VG Wort bis zum 30. September 2017 fortgeführt (beziehungsweise die Entscheidung aufgeschoben) wird. Bis dahin wollen KMK, HRK und VG WORT gemeinsam eine dauerhafte Lösung entwickeln. Was bedeutet dies für uns? Wir können aufhören, hektisch Seminarlektüre von Stud.IP herunterzuladen, um die Texte zu sichern, bevor sie aus der Plattform gelöscht werden. Aber das ist nicht alles: Obwohl der „Urheberrechtsstreik“ bereits seine Wirkung gezeigt hat, laufen anderorts die Proteste weiter. Eine Online-Petition von Münchner Studierenden sammelt nach wie vor Unterschriften, Studentenvertreter an zahlreichen Universitäten haben einen offenen Brief an die Wissenschaftsminister in Bund und Ländern formuliert. Bis zur Rückkehr zur Pauschalvergütung sei, so Dr. Hoffmeister, der Zusammenhalt von Studierenden, Forschenden und Universitäten nötig, um den notwendigen Druck aufzubauen. Ausnahmsweise sollten wir also tatsächlich die Zeit nutzen und für etwas kämpfen, solange wir es noch haben.

Weitere Informationen bekommt ihr in Kürze in unserem Video zum Interview mit Dr. Thomas Hoffmeister. Zu finden in unserem Video-Feature auf der Startseite, sobald die Freigabe erfolgt.

 

1 Antwort
  1. Martin
    Martin sagte:

    Bei dieser Diskussion sollte man auch immer bedenken, dass es zwar recht praktisch ist, für jede Veranstaltung die maßgeschneidert zusammengestellte Literatur päckchenweise einfach herunterladen zu können. Ein wesentliches Ziel eines Hochschulstudiums ist es aber auch, sich zu komplexen Fragestellungen die Informationen & Literatur selbstverantwortlich alleine besorgen zu können.
    Spätestens bei ernsthafter wissenschaftlicher Betätigung, etwa zum Master oder später beim creativen Problemlösen im Job – stehen vorgefertigte Lösungs- und Informationspakete zum Download eher nicht bereit – wer dann nicht gelernt hat sich Informationen schnell & effektiv zu besorgen, hat Pech gehabt.

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