Die Uni Bremen – Hogwarts des Nordens

Was macht eine gelangweilte Eule an einem grauen Novembernachmittag? Richtig, sie geht Quidditch spielen.

Als bekennender Harry-Potter-Fan mit Mut zur Nerdigkeit, war ich total aus dem Häusschen, als ich die Plakate auf dem Boulevard zu Gesicht bekam, in denen die „Portkeys Bremen“ um neue Spieler werben. Es gibt tatsächlich Quidditch als Hochschulsport? Fliegen die auf richtigen Besen? Wer oder was ist der Schnatz? Diesen Fragen musste ich auf den Grund gehen und ich wollte mitspielen, ungeachtet dessen, dass ich seit der 5. Klasse an unbehandelter Ballwurf-Legasthenie leide. Wer eine so einmalige Hand-Augen-Koordination besitzt wie ich, wurde beim Völkerball aus ganz bestimmten Gründen nicht als erste in die Mannschaft gewählt. Als ich mich dann eingehender über das von Nicht-Magiern gespielte Quidditch informierte und auch noch herausfand, dass während des Spiels ordentlich getackelt werden darf, ging mir komplett der Allerwerteste auf Grundeis. Mit zitternden Beinchen und einem schadenfrohen Kollegen, der bereit und willig war, jeden meiner Stürze auf Band festzuhalten, wagte ich mich also auf den nassen Kunstrasenplatz…

Aber ich greife vor, erst ein paar Erläuterungen für die Muggel unter uns: Quidditch ist eine zunächst natürlich fiktive Sportart aus dem Universum der Harry-Potter-Romane von Joanne K. Rowling gewesen. Man könnte es grob als Ballsportart bezeichnen, aber in Buch und Film natürlich gespielt auf fliegenden Besen und mit allerlei anderem magischen Hokuspokus, der dem Ganzen erst den richtigen Thrill verpasst. Von Nicht-Magiern ausgetragen wurde die Sportart zum ersten Mal 2005 am Middlebury College in Vermont (USA). Wer die Entstehungsgeschichte kennt, erwartet beim Quidditch-Spiel wahrscheinlich einen Haufen spleeniger Typen, die auf Basis eines undurchsichtigen Regelwerkes und Zaubersprüche brüllend mit Muttis Putzmopp durch die Gegend hoppeln. Aber weit gefehlt: Was als „nerdiges Campusphänomen“ begann, hat sich zu einer ernst zu nehmenden, progressiven Sport entwickelt.

Release the Keys!

Quidditch wird heute in vielen Nationen professionell als gemischtgeschlechtlicher Vollkontaktsport, eine Mischung aus Handball, Rugby und Völkerball, gespielt. Bei der diesjährigen Quidditch-Weltmeisterschaft in Frankfurt, ausgerichtet von der „International Quidditch Organisation“ starteten bereits 21 Mannschaften. In Deutschland wiederum gibt es abgesehen von den Bremer Portkeys insgesamt 18 Mannschaften, die Voll- oder Entwicklungsmitglieder beim sogenannten DQB, dem deutschen Quidditch-Bund sind.

Nun also zurück auf’s Feld. Kapitän der Portkeys ist Jonas Becker, er hat Quidditch aus seinem Auslandssemester in Philadelphia mitgebracht und trainiert die Mannschaft seit März diesen Jahres. Wir beginnen mit Aufwärmtraining, Wurfübungen, Angrifftechniken. Die größte Herausforderung ist es, bei den vielen verschiedenen Spielern den Überblick zu behalten (Tackel- und Klatscherattacken inklusive), während man natürlich irgendwie versucht, auf dem Besen zu bleiben. Für einen Außenstehenden ist es wahrscheinlich das pure Chaos. Ich hab noch Welpenschutz, deswegen haut mir Gott sei Dank niemand eine rein oder reißt mich zu Boden. Beim Spiel selbst geht alles wahnsinnig schnell, manchmal kann ich tatsächlich den Ball halbwegs intelligent weiter passen, einmal wird’s sogar fast ein Tor, oft versuche ich aber nur, keinen Klatscher abzubekommen oder den Quaffel möglichst schnell loszuwerden, bevor sich jemand aus der anderen Mannschaft auf mich stürzen kann.

Trotzdem macht es super viel Spaß. Die alte Wurf-Legasthenie kommt fast nicht durch, denn mein Team fängt mich ziemlich gut auf. Es wird viel zusammen und nach Technik gespielt, nicht mit Einzelathleten auf Ego-Kurs, und nach jedem Spiel gibt es ein dreifaches Hurrah für’s gelbe und schwarze Team – nicht für Sieger und Verlierer. Danach folgt jedesmal eine Feedbackrunde mit Lob und Verbesserungsvorschlägen. Und während es immer nasser und dunkler wird, powern wir uns auf dem Spielfeld aus.

Für die Quidditch-Spieler Lukas und Laura ist es genau dieses Gemeinschaftsgefühl, die das Spiel so attraktiv macht. Kein Wunder also, dass die Community  weiter wächst. Und auch die Medien haben das Thema längst für sich entdeckt: Was Journalisten und Kameras angeht, sind die Portkeys völlig abgestumpft, unter anderen waren Buten und Binnen oder der Weser-Report schon bei ihnen, Sat 1 Regional hat sich angeblich angekündigt. Jonas, der Kapitän, erklärt sich das große Interesse wie folgt: „So ziemlich jeder kennt die Harry Potter-Filme und gerade ist ja auch das neue Buch heraus gekommen, das erhöht die Aufmerksamkeit. Meiner Meinung nach liegt es aber vor allem daran, dass Quidditch eben kein klassischer Sport ist. Es ist spielerisch komplexer und mehrdimensionaler als andere Sportarten und natürlich genderneutral. Ich glaube, wir holen viele Sportler und Sportlerinnen ab, die sich beim klassischen Sport nicht so aufgehoben fühlen.“ Ob es problematisch ist, wenn Jungs und Mädchen miteinander spielen? „Nein“, meint Lukas, „eigentlich behandeln wir uns alle gleich. Vielleicht gibt es am Anfang noch unterbewusste Hemmungen, aber das vergisst man schnell, denn unsere Mädels tackeln auch ziemlich hart.“

Mein Fazit? Wer Lust auf eine neue Erfahrung und ein offenes Team hat, sollte sich die Restplätze unter den Nagel reißen. Trotz meines mittelmäßigen Auftritts wurde ich gleich eingeladen, die Mannschaft am nächsten Wochenende gegen die Hamburger Werewolfs zu unterstützen. Ich weiß zwar nicht, ob ich mich noch einmal ins Getümmel wagen soll, aber bis dahin hat die Mannschaft wenigstens einen neuen Fan gewonnen. Go Portkeys!

Kamera, Schnitt und Kommentare aus dem Off: Jan-Niklas Sievers :)

Für Interessierte: How to play that shit?

Es gibt beim Quidditch zwei Mannschaften. In jeder Mannschaft haben wir eine bestimmte Anzahl von Chasern, sie versuchen den sogannten Quaffel (einen Volleyball) durch die Torringe der anderen Mannschaft zu werfen. Dabei darf untereinander geschoben und getackelt werden. Es gibt auf jeder Seite des Feldes drei Torringe, etwa Fahrradreifen große Ringe auf langen Stangen. Im Kinofilm sind diese zwanzig Meter hoch, für’s Muggelquidditch in etwas erreichbarerer Höhe.  Für jeden gelungenen Wurf durch die Torringe gibt es 10 Punkte für die eigene Mannschaft.

Als nächstes gibt es in jedem Team eine bestimmte Anzahl von Beatern, diese versuchen, die zwei bis drei Klatscher (graue, etwas härtere Bälle) an sich zu reißen. Damit bewerfen sie die Chaser der gegnerischen Mannschaft, während diese versuchen, mit dem Quaffel Punkte zu erzielen. Wer als Chaser von einem Klatscher getroffen wurde, ist kurz geblockt und darf erst dann wieder mitspielen, wenn er einmal zu den eigenen Torringen zurück gelaufen ist. Mit den Klatschern behindern die Beater also die Angriffe der Gegner.

Der Schnatz ist in der magischen Version ein kleiner, verzauberter, goldener Ball, der fliegen kann und während des Spiels eingefangen werden musst. In jeder Mannschaft gibt es einen Sucher, der das ganze Spiel über dem Schnatz hinterherjagt. Ist dieser gefangen, ist das auch Spiel vorbei. Beim Muggel-Quidditch wird der Schnatz von einem unabhängigen Spieler imitiert, der in den Hosenbund eine Socke mit einem Tennisball gesteckt bekommt. Die Sucher versuchen, ihm die Socke zu entreißen, wem das gelingt, gewinnt noch einmal dreißig Punkte für die eigene Mannschaft und beendet das Spiel.

Die Krux an der ganzen Sache: Jeder einzelne Spieler muss während des gesamten Spiels mit einer Plastikstange zwischen den Beinen herum laufen, die den Besen darstellt. Wer die Stange verliert, ist „off broom“, also vom Besen gefallen und muss wieder zu den eigenen Torringen zurück laufen, um mitspielen zu dürfen.



 


Bildquellen:

Hogwarts: https://pixabay.com/de/burg-himmel-architektur-landschaft-1176423/
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Fallturm: http://images.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fwww.uni-bremen.de%2Ffileadmin%2F_processed_%2Fcsm_Fallturm_Glashalle_Studis_62d078dd2e.jpg&imgrefurl=http%3A%2F%2Fwww.uni-bremen.de%2Funiversitaet%2Fpresseservice%2Finfomaterial-und-fotos%2Ffotos-zum-herunterladen.html&h=1000&w=750&tbnid=M5vZabEpy3uRoM%3A&vet=1&docid=NT4HzOGg4hEwQM&ei=B9kyWNj3NeyYgAam46SwCQ&tbm=isch&iact=rc&uact=3&dur=1060&page=0&start=0&ndsp=24&ved=0ahUKEwiYl4KB3rnQAhVsDMAKHaYxCZYQMwguKBEwEQ&bih=681&biw=1517
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Flagge: https://pixabay.com/de/bremen-flagge-roland-wahrzeichen-203370/
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Unibremen-Logo: http://images.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fwww.uni-bremen.de%2Ffileadmin%2F_processed_%2Fcsm_Fallturm_Glashalle_Studis_62d078dd2e.jpg&imgrefurl=http%3A%2F%2Fwww.uni-bremen.de%2Funiversitaet%2Fpresseservice%2Finfomaterial-und-fotos%2Ffotos-zum-herunterladen.html&h=1000&w=750&tbnid=M5vZabEpy3uRoM%3A&vet=1&docid=NT4HzOGg4hEwQM&ei=B9kyWNj3NeyYgAam46SwCQ&tbm=isch&iact=rc&uact=3&dur=1060&page=0&start=0&ndsp=24&ved=0ahUKEwiYl4KB3rnQAhVsDMAKHaYxCZYQMwguKBEwEQ&bih=681&biw=1517
Änderungen wurden vorgenommen 

Portkeys: https://www.facebook.com/QuidditchBremen/

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