Die Dauerstudierenden – Was wir von unseren Profs lernen können (Folge 2)

Die nächste Station auf meiner Suche nach Lektionen, die die Lehrenden uns nicht in den hoheitsvollen Mauern der Hörsäle mitgeben wollen, war Dr. Esther Vollmer-Eicken. Ich traf sie zum entspannten Kaffeklatsch im GW2. Natürlich nicht, ohne wenigstens einmal von einem ihrer fleißigen Studierenden unterbrochen zu werden. Frau Vollmer-Eicken ist anscheinend so beliebt, dass sie sich nicht in der Cafeteria sehen lassen kann, ohne von wissbegierigen, jungen Menschen umlagert zu werden, die sie fragen, ob sie dieses oder jenes Modul im nächsten Semester auch unterrichtet. Man würde den Kurs wenn, dann unbedingt bei ihr machen wollen. Auf die Frage, ob sie den Kommilitonen für diesen Auftritt bestochen hatte, konnte Sie sehr überzeugend mit nein antworten.

Also Frau Vollmer-Eicken, welches persönliche Erlebnis aus Ihrer Studienzeit würden Sie Ihren jetzigen Studierenden gerne mit auf den Weg geben?


Dr. Esther Vollmer-Eicken

Früher: Zunächst Studium der Germanistik in Hamburg, dann Germanistik, Musikwissenschaft und Religionswissenschaft in Bremen

Heute: Lehrende im Fachbereich 10 (Sprach- und Literaturwissenschaften) an der Uni Bremen, Schwerpunkt Germanistische Mediävistik

Als ich studierte und gesagt hab, dass ich einen Magisterabschluss machen will, war das erst einmal ’ne riesen Katastrophe zuhause. Die Fächer, die ich lernen wollte, konnte man damals als Magisterfächer oder auf Lehramt studieren und alle sagten mir: „Magister? Wie kannst du sowas tun? Dann bist du arbeitslos hinterher. Werd lieber Lehrerin!“ Lustiger Weise bin ich am Ende trotzdem in der Schule gelandet, wenn auch über ein paar Umwege.

Was hätten Sie denn noch für Optionen gehabt?

Man kann eigentlich alles machen, was man mit einem Lehramtsabschluss auch werden kann. Ein Weg ist natürlich, dass man an der Uni bleibt. Ich hätte es auch interessant gefunden, ein Bibliotheksreferendariat zu machen, ein ehemaliger Kollege von mir arbeitet nun in einem Verlag, auch Öffentlichkeitsarbeit wäre möglich gewesen. Das ist das tolle an den Sprach- und Geisteswissenschaften: Dass sie so breit gefächert sind!

Und welche ist Ihre Lieblingsanekdote aus Ihrer Studienzeit?

Unter anderem habe ich ja auch Religion studiert. Häufig muss man da noch eine Fremdsprache dazu lernen. In meinem Fall war es Griechisch. Damals gab es hier an der Uni einen sehr berüchtigten Altphilologen, das war ein total schräger Typ. Ich kam zu ihm in den Kurs und gleich in der ersten Stunde hatte er einen Text mitgebracht zum laut Vorlesen. Man muss dazu sagen, dass ich damals schon ein Bisschen fortgeschritten war, ich hatte zum Beispiel schon einen Gotischkurs gemacht. Die Sprache basiert sehr stark auf dem Griechischen und es gibt da diese eine Konsonantenkombination, das doppelte Gamma. Ich wusste, dass man das nicht wie ‚g‘ ausspricht sondern wie ’ng‘. Ich hab mich also zum Vorlesen gemeldet, weil ich mir dachte, ist doch ganz schön, wenn man gleich ’nen Draht zum Dozenten aufbaut. In dem Text kam das Wort ‚Angelos‘ vor, das aber wie ‚Aggelos‘ geschrieben wird – ich konnte es nun aber trotzdem richtig lesen.

Wie hat ihr Dozent reagiert?

Er war völlig irritiert und fragte mich, woher ich das denn nun wüsste. Und weil ich ihm gleich in der ersten Stunde seine Pointe verdorben hatte, hat er sich (leider?) gleich meinen Namen gemerkt. Das war nicht besonders förderlich, denn er hatte immer seine speziellen Leute, die er häufig dran genommen hat. Sonst sagte er immer nur: „Sie!“ oder „Die Person im grünen Hemd!“. Ich hab damals als Hilfskraft gearbeitet und war deswegen öfter nicht da in Griechisch. Außerdem war das auch eine ungünstige Zeit, zweimal die Woche von 8 bis 10 Uhr. Jedenfalls kam er dann irgendwann zu mir, baute sich vor mir auf und sagte: „Sie Frau Vollmer bringen sich also das Griechische autodidaktisch bei?“ Was sollte ich da sagen? Mich entschuldigen, es täte mir so furchtbar leid und ich würde jetzt immer kommen? Also hab ich eben ein Bisschen frech einfach ja gesagt. War vielleicht bescheuert und er antwortete dann: „SIE, Frau Vollmer, und ich, wir sehen uns in der Abschlussklausur!!“. Da hab ich dann doch ein Bisschen Angst gekriegt.

Sind Sie von da an konsequent gar nicht mehr gekommen?

Nein, ich bin schon manchmal da gewesen. Aber ich wollte mir die Blöße wirklich nicht geben, nicht zu bestehen. Ich hätte mir immer anhören müssen: „Sehen Sie, wären Sie doch mal in meinen Kurs gekommen!“. Ich habe mich wirklich auf den Hintern gesetzt und die gesamte vorlesungsfreie Zeit damit verbracht, Griechisch zu übersetzen. Ich hab quasi das neue Testament durchübersetzt. Das war es mir aber wert und am Ende hatte ich dann auch eine gute Note.

Gut, dass es geklappt hat!

Ich wusste auch, dass ich es schaffen würde! Jedes Mal, wenn wir uns hinterher trafen, der Dozent und ich, haben wir uns richtig gut unterhalten und uns dadurch besser kennen gelernt. Das hat mir gezeigt, dass man sich ruhig mal was trauen darf, wenn man was weiß oder das Gefühl hat, der Dozent liegt gerade voll daneben! Warum soll man nicht auch mal ’ne kritische Frage stellen? Und wenn ich gut darin bin, mir Sachen selbst beizubringen, warum soll ich das nicht auch machen dürfen? Es gibt bei mir einige solcher Erlebnisse und ich fand es immer sehr wichtig, auf die Leute zu zu gehen. Man muss das ja nicht so strebermäßig machen…

Wie geht’s denn strebermäßig?

So wie Hermine bei Harry Potter zum Beispiel (lacht)! Jedenfalls lohnt es sich. Ich weiß noch, in Hamburg hatte ich auch einen Professor in der Vorlesung, bei dem dachte ich immer so: „Woah, gefährlich…“. Doch dann hatte ich ihn mal in so einem ganz kleinen Seminar, das würde heute wahrscheinlich gar nicht mehr anerkannt werden. Wir waren alle sehr interessiert, es ging um Hartmann von Aue, und irgendwann meinte er dann: „Ja, haben Sie denn noch Lust, weiter zu diskutieren?“. Daraufhin hat er uns alle in sein Büro eingeladen. Im Vergleich zu ihm sind die Großstadtprofessoren heute regelrecht bescheiden, aber sein Büro war wirklich riesig. Er setzte sich zu uns und meinte: „Ach, ich hab hier auch noch Pralinen und möchten sie vielleicht noch einen Sherry dazu trinken?“. Ich dachte nur so ja, morgens um zehn Pralinen und Sherry  aber er war einfach super nett und es war ein tolles Erlebnis. Er war total interessiert, vor allem, wenn jemand mal ’ne andere Sichtweise hatte. Da hab ich gemerkt: Okay, das sind ja doch nur Menschen.

Mein Kunstlehrer auf dem Gymnasium war sogar noch mutiger, er hat mal mit uns allen im Unterricht zusammen gesessen und Shisha geraucht. Da kamen auch sehr schöne Bilder bei heraus.

Kann ich mir vorstellen! Jedenfalls kochen die Lehrenden auch nur mit Wasser. Manchmal ist es natürlich nicht ganz so einfach, den Kontakt herzustellen, bei einer Einstiegsvorlesung mit 140 Leuten. Aber gerade bei den kleineren Veranstaltungen werdet ihr merken: In den meisten Fällen sind die Lehrenden wirklich an den Studierenden interessiert. Früher, als ich studiert hab, konnte man nicht mal eben beim Professor vorbeigehen, die hatten ihre abgeschnittenen Büros und an der Sekretärin kam man sowieso nicht vorbei. Heute ist das was anderes. Deswegen mein Tipp: Nutzt das aus, stellt das Gespräch her und traut euch, was zu sagen! Ich finde, das sollte man unbedingt vermitteln. Denn meiner Meinung nach ist das Studium die tollste Zeit. Trotz der „Verschulung“ durch Bachelor und Master. Man hat so viele Freiheiten, man kann sich aussuchen und lernen, was man möchte, auch mal wegfahren und fehlen… Das ist nach wie vor ein großer Vorteil und später im Berufsleben gibt es diese Freiheiten meistens nicht mehr.

→ Für mehr Geschichten aus dem Leben der Lehrenden klick hier für die erste Folge.

Quelle: https://pixabay.com/de/yoda-starwars-actionfiguren-667955/, Foto: Fernando Ribas

3 Kommentare
  1. Ryke
    Ryke sagte:

    Das ist langweilig. Vielleicht einfach zu langatmig geschrieben. Macht lieber mehr so dokumäßige Videos um die Uni und weniger um irgendwelche No-Names. Das Video von der Mensa war bspw recht gut oder das zum Excellenzstatus.

    Antworten
  2. Jakob Seiferth
    Jakob Seiferth sagte:

    Das ist sehr interessant. Vielleicht weil es unterhaltsam und sympathisch geschrieben ist. Macht ruhig gerne weiterhin solche Interviews mit interessanten Persönlichkeiten wie Frau Dr. Vollmer-Eiken (die mir als meine ehemalige Lehrerin durchaus ein Begriff ist).

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