Wenn man es mal auf den Kern der Sache herunter bricht, besteht unser Studium im Wesentlichen aus Fragen. Fragen, die einem Essay vorangestellt werden, Fragen die Wissenschaftler sich stellen, Fragen die beantwortet werden wollen oder eben auch nicht. Aber viele der Fragen, die wir uns als Studierende stellen, lassen sich etliche Male nicht mehr mit einem ordentlichen Lehrbuch beantworten.

Bei so viel Unklarheit könnte es sich lohnen, einen Experten zur Rate zu ziehen. Die haben wir ja direkt vor unserer Nase, nicht nur in Form von älteren Kommilitonen sondern (ihr ahnt es schon) auch in Form von Lehrenden. Eigentlich sind die eher dafür verantwortlich, dass unsere Köpfe noch mehr rauchen. Doch obwohl wir das gelegentlich vergessen, wenn wir sie in ihrer undurchschaubaren Weisheit erdrückend selbstbewusst oder fasziniert-entrückt am Rednerpult von ihren Fächern schwärmen hören, haben sie schließlich auch irgendwann mal studiert. Aber wie oft muss man eigentlich auf die Nase fallen, sich irren, umentscheiden und neu ansetzen, um Professor Doktor zu werden? Und was hat sich in der Zwischenzeit an den Universitäten und bei den Studierenden verändert?

Um das herauszufinden, bin ich an meine journalistischen Grenzen gegangen: Ich wagte mich auf unberührtes Terrain, in Mathematikvorlesungen und andere Landstriche auf dem Campusdschungel, die ein Geisteswissenschaftler freiwillig niemals betreten würde.

Gefunden habe ich hier Lehrende, die mir bereitwillig ihre Tipps und Geschichten lieferten, ganz frei nach dem Motto (denn auch hier haben wir es wie immer mit einer Frage zu tun):

Welches persönliche Erlebnis aus Ihrer Studienzeit
würden Sie Ihren jetzigen Studierenden gerne mit auf den Weg geben?  

 


 

Prof. Dr. Christian Wild

Früher: Zunächst Studium der Geographie und Biologie in Mainz auf Lehramt, dann Biologie Vollfach in Bremen

Heute: Lehrender im Fachbereich 2 (Biologie / Chemie) an der Uni Bremen: Meeresökologie

 

In meiner Studienzeit habe ich gelernt, dass es gerade als Erstsemester wichtig ist, erst mal anzukommen und sich in der neuen Umgebung wohl zu fühlen. Viele kommen aus der Schule und starten direkt durch. Sie sind in einer fremden Stadt, kennen kaum Leute und denken, sie müssten sofort funktionieren. Mein Tipp wäre, erst mal vom Gas zu gehen, das Sport- und Ausflugsangebot wahrzunehmen, Kontakte herzustellen und so weiter.

Was mir aus meiner „Erstie“-Zeit auch noch stark in Erinnerung geblieben ist, sind die Kommilitonen, die immer so wahnsinnig schlau daher geredet haben. Zu Beginn habe ich die Vorlesungen fast gar nicht verstanden und kam mir unglaublich blöd vor. Dann kamen auch noch meine Mitstudierenden an, die wussten scheinbar genau Bescheid und mich hat es sehr beeindruckt, wenn mir jemand etwas erzählt hat, was ich nicht verstanden hab. Ich habe lange gebraucht, um zu begreifen, dass solche Kommilitonen die Inhalte selbst nicht richtig durchblickt hatten, im Gegenteil. Das war nur eine Maske, mit der sie ihre eigenen Wissenslücken kaschiert haben. Denn diejenigen, die die Vorlesungen wirklich begriffen, konnten sie auch so nacherzählen, dass man es nachvollziehen konnte.

Wie haben Sie dann die Kurve gekriegt?

Ich finde es ganz normal, dass man am Anfang nicht alles versteht. Vielleicht braucht man auch einfach nur mehr Zeit. Ich habe die Inhalte für mich nachgearbeitet, in dem Tempo, das mir guttat. Ich war eben nicht so schnell wie andere, wobei das auch teilweise wirklich ziemliche Aufschneider waren. Die haben ja überhaupt nicht an sich gezweifelt.

Bei mir im Studiengang kommt es mir eher nicht so vor. Manchmal hat man sogar das Gefühl, es herrscht bei einigen ein gewisser Druck,  alles richtig zu machen. Da wird eher schon mal an sich gezweifelt. 

Was denn für ein Druck?

Naja, wir haben wahrscheinlich alle als Kommunikations- und Medienwissenschaftsstudierende schon mal zu hören bekommen, dass es nicht so leicht ist, in dem Feld einen Beruf zu bekommen. Angeblich wollen im Moment sehr viele „irgendwas mit Medien“ machen. Man soll sich möglichst profilieren und einen besonderen Lebenslauf haben, um aus der Masse herauszustechen.

Heißt das dann Ellenbogen raus bei ihnen?

Nein, das erlebe ich nicht so. Jedenfalls nicht in meinem Freundeskreis.

Ich glaube, es trifft sowohl für die Natur- als auch für die Geisteswissenschaften zu, dass man die Dinge ruhig angehen und sich von diesem Karrieredenken nicht mitreißen sollte. Ich erlebe das jetzt auch in meinen Kursen. Das sind 160 Bachelorstudenten, blutjung, frisch von der Schule und viele denken, es würde noch ähnlich ablaufen wie dort. Bei uns in der Biologie sind die meisten unglaublich strebsam, die machen alles super. Eigentlich sollten die Studierenden für meinen Kurs zwischen 8 und 10 Stunden pro Woche arbeiten,  aber viele machen das Doppelte, auch wenn sie schon längst die Punkte erreicht haben.

Das ist doch fantastisch! Und schön zu sehen!

Allerdings und tolles Feedback! Aber wenn man das mal überschlägt, kommen sie bei mir ja schon auf 20 Stunden die Wochen und die haben noch eine Menge anderer Kurse. Ich weiß nicht, ob die überhaupt noch Sport oder irgendwelche anderen Sachen schaffen. Wahrscheinlich sitzen die nur zuhause und arbeiten für die Uni.

Ich musste an der Uni recht schnell lernen, dass ich nicht immer für alles 150% geben kann. Die Anforderungen sind so, dass man, wenn man wirklich jedes Excerpt schreibt,  jeden einzelnen Text liest, jeden Film super macht und sich in jedes Referat richtig reinhängt, sehr schnell die Balance verliert. Dann kommt auch der Spaß abhanden, was sehr schade ist, denn ich hab zum Teil wirklich tolle Seminare in denen ich sehr gerne bin.

Der Stress kann am Anfang vielleicht noch positiv sein, aber mit der Zeit kann die Gefahr bestehen, dass er an die Substanz geht. Ich war relativ „Schluri-Schluffi“ ehrlich gesagt. Ich hab selten mehr über das erforderte Ziel hinaus gemacht, höchstens bei ganz bestimmten Kursen, nicht so wie jetzt meine Studierenden. Ich wünsche mir für sie, dass sie trotz allem noch die Zeit finden, über den Tellerrand zu schauen! Denn ich habe den wichtigsten Kontakt meines Studiums nicht im Rahmen einer Pflichtveranstaltung gemacht.

Was war das für ein Kontakt?

In einem Semester bin ich in keinen Kurs reingekommen, weil ich mich nicht rechtzeitig darum gekümmert hatte. Die Pflichtkurse waren also alle schon voll und dann hieß es erst mal okay, dann machst du jetzt wohl mehr oder weniger ein Semester Pause. Ich habe mich aber stattdessen für alle möglichen Praktika beworben und darüber meinen späteren Doktorvater gefunden! Dieses eine freiwillige Praktikum  war ausschlaggebend für meine gesamte berufliche Karriere, denn der Dozent von damals hat sich Jahre später an mich erinnert und irgendwie über Restgelder eine Doktorandenstelle für mich geschaffen. Die Stellen waren und sind heiß begehrt und ich hatte großes Glück, aber es war eben auch meine Eigeninitiative, denn er war immerhin doch sehr überzeugt von mir als „kleiner Student“ gewesen.

Wie wichtig ist Vitamin-Beziehung denn bei der Jobsuche?

Der persönliche Kontakt ist schon wichtig. Wenn ich mal eine Doktorandenstelle ausschreiben kann (was selten vorkommt), bewerben sich darauf meistens 100 Leute. Nach welchen Kriterien soll ich da wählen?

Sie suchen sich jemanden, den sie mal persönlich kennen gelernt haben und sich dachten, der kommt irgendwie smart rüber?

Das ist zum Beispiel ein weiches Kriterium, was den Ausschlag geben kann.

Haben sie vielleicht noch eine lustige Studienanekdote für mich?

In Mainz hatten wir einen Prof, der war echt eine Erscheinung. Er hatte in jeder Vorlesung so ein langes weißes T-Shirt an, auf dem drauf stand: „Hier kocht der Chef“. Da waren auch noch ein paar andere Macken und er hat uns jedes Mal total zum Lachen gebracht, wenn wir ihn gesehen haben. Was wir leider vergessen hatten: Er war fachlich eigentlich total super. Aber wir haben immer nur in den Vorlesungen gelacht und Strichlisten gemacht, wie oft er „eben“ oder „also“ gesagt hat.

Gutes, altes Lehrerbingo!

Ja, genau. Dass er uns eigentlich wirklich etwas vermitteln konnte, ist mir leider erst zu spät aufgefallen, aber da fehlten mir schon die Grundlagen in Chemie! (lacht)

Quelle: https://pixabay.com/de/yoda-starwars-actionfiguren-667955/, Foto: Fernando Ribas

 

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