Zwischenruf aus der Sommerpause: Deutschlandflaggen Pro und Kontra & Böhmi über Sommerloch und Uni

„Was ist das für 1 Sommerloch?“, fragt Jan Böhmermann in der ersten Folge „Neo Magazin Royale“ nach seiner Sommerpause, die heute Nacht (0:45 Uhr) im ZDF zu sehen sein wird. In Anspielung auf die juristische Auseinandersetzung mit Recep Tayyip Erdogan wegen der Beleidigung des türkischen Staatsoberhauptes ließ der Moderator vor der Ausstrahlung der Sendung in einer Pressemitteilung des ZDF verlauten: „Dass so viele spannende Dinge in der Welt passiert sind, während das ‚NEO MAGAZIN ROYALE‘  in der Sommerpause war, finde ich bewusst verletzend.“ Der gebürtige Bremer und mittlerweile nicht nur deutschland-, sondern weltweit bekannte Entertainer fasst daher in der neuen Ausgabe seiner Sendung einerseits die internationale Berichterstattung über seine Person aus den vergangenen Monaten in einem Musikvideo zusammen, beschwert sich andererseits aber auch, dass in letzter Zeit so viel wirklich berichtenswertes passiert sei. Das kenne man doch sonst gar nicht aus den Sommermonaten. Journalist*innen hätten sich bisher stets drittrangigen Themen annehmen müssen, um das sogenannte Sommerloch zu füllen.

So geht es seinen Kolleg*innen bei Radio Bremens jungem Multimediaprogramm „Bremen NEXT“ jedoch anscheinend auch in diesem Sommer. Zwei Mitarbeiter des Senders zogen jüngst mit Kamera und Mikro durch das Wohnheim des Studentenwerks, das sich bisher vor allem durch seine Halloweenparties und das Sommerfest einen Namen gemacht hat: Das Wohnheim an der Vorstraße. Dieses Mal kamen sie jedoch nicht, um über eines der genannten Events zu berichten, sondern über einen völlig banalen Nachbarschaftsstreit, der zuvor über eine Facebookgruppe der Bewohner*innen geführt worden war. Es ging dabei zunächst um eine Deutschlandflagge in einem Fenster, später auch um Trittbrettfahrer*innen, die aus „Protest“ weitere Balkone beflaggten. Der ganze Streit war, auch aufgrund der Art und Weise, wie er geführt worden war, ein ziemlicher Kindergartenkrieg unter Student*innen. Bremen NEXT hielt es von Interesse, hierüber zu berichten, stellte damit aber immerhin mal jene Menschen einander gegen, die diese Diskussion ursprünglich ausgelöst hatten. Wäre diese von vorneherein persönlich geführt worden, wäre es vermutlich nie zu diesem Streit, somit aber auch nicht zu diesem amüsanten Videobeitrag gekommen…

Unabhängig von der Frage, ob die „Stroy“ wirklich so wichtig ist, dass man darüber ein Video produzieren und online stellen muss, welches völlig unbeteiligte Patriot*innen auf den Plan ruft, die sich dadurch aufgefordert fühlen, in den Kommentaren hierzu Menschen zu differmieren, die sich in dem Beitrag äußern, möchte ich hier einmal möglichst sachlich darauf eingehen, ob man das Beflaggen eines gegenüberliegenden Fensters kritisieren kann, weil die Diskussion in der erwähnten Facebookgruppe und in den Kommentaren zu diesem Video jeglicher Sachlichkeit entbehren.

Pro

Ja, man kann so eine Beflaggung kritisieren. Ich habe das Video mit meinen Facebookfriends geteilt und von einem den Kommentar gelesen: „Eine Flagge allein beinhaltet keinerlei Aussage, sie wird vom Beobachter hineininterpretiert. Der gestörte Beobachter hat sich sein Problem also im Grunde selbst geschaffen.“ Das ist jedoch falsch. Eine Nationalflagge drückt Zugehörigkeit oder Verbundenheit mit einer Nation aus. Sieht man eine Deutschlandflagge beispielsweise an einer Bundeswehr-Uniform, sagt sie aus: Diese Person kämpft für Deutschland. Sieht man die Flagge in der Hand eines Fußballfans, sagt sie aus: Diese Person hofft auf einen Sieg der deutschen Nationalmannschaft. Egal, ob siegen oder kämpfen – beides geht nur gegen andere.

Soziolog*innen sprechen in diesem Zusammenhang von In- und Outgroup, wobei erstere in Abgrenzung von letzterer entsteht. Ein Nationalstaat basiert auf dem Unterschied zwischen  dem „Wir“ und „den anderen“. Es ist nicht etwa meine Deutschsprachigkeit, die mich zu einem Deutschen macht, sonst wären es Österreicher, Schweizer, viele Norditaliener, manche Rumänen, Tschechen und andere Menschen auch. Es sind nicht die Werte, die mich zu einem Deutschen machen. Ich teile mit Beate Zschäpe schließlich eine Nationalität aber sicherlich keine Werte. Es sind nicht Kultur und Geschichte, die mich zu einem Deutschen machen. Ich teile einiges an Kulturgut mit Lateinamerika, wie die dort entstammenden Kulturpflanzen (zum Beispiel Kartoffeln und Tomaten). Das macht einen Mexikaner trotzdem nicht zum Deutschen. Und obwohl queere oder jüdische Menschen in diesem Land die selbe Geschichte der Verfolgung durchleben mussten, wie dergleichen, die im besetzten Frankreich lebten, sind die Nachfahren der einen heute deutsch, die der anderen französisch. Nationalstaaten sind schlichtweg Konstrukte, die Menschen durch willkürlich gezogene Grenzen voneinander unterscheiden. Denn innerhalb welcher Grenzen meine Eltern und ich geboren sind, ist das einzige, was über meine Nationalität entscheidet. Ich habe nichts dafür geleistet Deutscher zu sein und kann daher auch nicht stolz darauf sein.

Dass die Menschen, die aus Stolz eine Deutschlandflagge hissen, also oftmals dem Irrglauben aufsitzen, von Natur (oder Zufall) aus etwas besseres zu sein, scheint daher selbsterklärend zu sein. Dass diese Menschen die Konstruktion von Staat und Nation nicht hinterfragen und somit in den unveränderlichen Kategorien „Wir“ und „die anderen“ denken, ist gefährlich. Durch ganz Europa geht ein Rechtsruck. Menschen lassen sich durch instrumentalisierten Patriotismus gegen „die anderen“ mobilisieren und schwenken dabei „ihre“ Nationalflaggen. In ihrer Mitte laufen knallharte Rassist*innen. Diese Bilder, diese Menschen, diese Ideologie machen Angst. Dass man vor diesem Hintergrund nicht noch mehr Flaggen im öffentlichen Raum sehen will, ist verständlich. Wenn man in einer Nachbarschaft kein „Wir“ gegen „die anderen“, sondern ein Miteinander befördern will, kann man über Beflaggung zumindest mal kritisch diskutieren. Dabei fühlen sich die Menschen, die sich anscheinend nur über ihre Nationalität identifizieren, jedoch schnell persönlich angegriffen und kontern mit persönlichen Tiefschlägen. „Was für ein Armleuchter! Deutsche Steuergelder kassieren und so etwas nicht sehen wollen! Wander am besten aus!“, schrieb ein Facebook-User unter dem Video von Bremen NEXT auf deren Seite. Dazu postete er ein Bild von einer Deutschlandflagge mit dem Schriftzug „Schweigen heißt zustimmen. Sei nicht mehr schweigsam, denn es ist dein Land! Hol es dir zurück!“ Am Anfang steht die Flagge. Am Ende der Wunsch nach Enteignung oder Deportation. Kein Wunder, dass man da beim Anblick des schwarz-rot-goldenenen Textils ein mulmiges Gefühl bekommt.

Kontra

Man muss die Flagge aber nicht kritisieren. Wie sich in diesem Fall herausstellte, war es ein Student aus Rumänien, der die Flagge aufgehängt hatte. Macht das einen Unterschied? Ja und Nein. Im nationalstaatlichen Sinne ist er ein Teil der Outgroup. Mit der Flagge kann er sich also nicht von „den anderen“ abgrenzen. Er ist einer von ihnen und er lebt gerne in Deutschland, wie er im Video sagt. Er ist dadurch, dass er hier lebt, ein Teil dieser Gesellschaft. Aber repräsentiert die Deutschlandflagge eine ganze Gesellschaft? Nein, sondern einen Nationalstaat. Daran ändert sich nichts, unabhängig davon, wer sie hisst. Der Unterschied liegt ledglich im Auge des Betrachters oder der Betrachterin.

Geflüchtete, die hier bei Public Viewings von Fußballspielen der deutschen Nationalmannschaft mitfiebern und deutsche Flaggen schwenken, tun es der Ingroup gleich, der sie angehören wollen. Vielleicht hängen sie sich sogar Flaggen in ihr Zimmer. Niemand würde bei Ihnen auf die Idee kommen, das zu kritisieren. Warum sollten sie nicht ihr Zugehörigkeitsgefühl für Deutschland zum Ausdruck bringen dürfen? Gerade sie, die so viel Ablehnung hier erfahren. Denen würde man wohl kaum eine Diskussion darüber zumuten wollen, dass sie nun auch dieses Symbol der Zugehörigkeit, was sie selbst ja anscheinend nicht als Symbol der Abgrenzung verstehen, lieber von der Wand nehmen sollten. Ich greife diesen Einwand auf, weil auch dieser als Reaktion auf das Video von einem Mitarbeiter aus einer Unterkunft für Geflüchtete gebracht worden ist. Sehen wir mal darüber hinweg, dass die erwähnten Geflüchteten die Flaggen entweder in ihren Händen halten oder an ihren eigenen vier Wänden hängen haben, wobei in ersterem Fall die Flagge für den Betrachter oder die Betrachterin nicht für sich alleine, sondern in einem Kontext steht, und in letzterem Fall die Flagge nicht nach außen getragen wird, in einem Fenster hingegen schon. Es bleibt jedenfalls die Tatsache, dass man dazu geneigt ist, dem oder der einen etwas wohlwollend zuzugestehen, was man den anderen gerne ausreden möchte: Das Zurschaustellen oder Zurschautragen eines nationalen Symbols. Wenn man es mit der Gleichbehandlung ernst nimmt, sollte man aber mit gleichen Maßstäben messen.

Im besagten Studentenwohnheim wohnen bislang keine Geflüchteten. Wenn man dort eine kritische Nachfrage an einen Nachbarn richtet, den man nicht kennt, läuft man also nicht Gefahr, damit jemanden zu treffen, mit dem man vielleicht nicht unbedingt über Ingroups und Outgroups diskutieren will, weil es albern scheint, sie oder ihn damit vor der eigenen Ausgrenzung schützen zu wollen. Doch nehmen wir mal an, der Mensch, der die Flagge im Wohnheim gehisst hat, wäre zwar nicht Geflüchteter gewesen, sondern der Student aus Rumänien, der er ist, aber man hätte ihn aus einem anderen Grund nicht kritisieren wollen: Weil er die rumänische Flagge gehisst hätte. Ich kann mir zumindest nicht vorstellen, dass irgendein*e Deutsche*r ihm diese Flagge hätte ausreden wollen. Zu groß wäre die Gefahr, den Eindruck zu erwecken, ihn und sein Land nicht zu respektieren. Dass Deutsche, die dem Konstrukt der Nationalität kritisch gegenüberstehen, nur ein Problem mit ihrer eigenen Flagge haben, belustigte den Studenten aus Rumänien wohl. Zumindest erklärt er im Video, dass er die Flagge angesichts dieser Tatsache auch als Provokation gemeint hat. Diese ist ihm geglückt und hat uns mit der darauffolgenden Diskussion vor Augen geführt, dass eine Kritik an nationalstaatlichen Symbolen nicht zu einem albernen Streit unter deutschen Nachbarn verkommen darf. Ein Streit, in dem es darum geht, wie viel Deutschlandfarben man als Deutsche*r in die Welt tragen darf und in dem sich aus Trotz am Ende mit noch mehr Beflaggung gegen vermeintliche persönliche Angriffe zur Wehr gesetzt wird.

Lieber sollte man in seiner Nachbarschaft über die Gefahren von Patriotismus und Rassismus im Allgemeinen sprechen und ein Bewusstsein dafür schaffen, wie nationalstaatliche Symbole aufgefasst werden können, als auf einzelne Flaggen zu zeigen.

Das Skurrilste an dieser Diskussion ist aber, dass sie nicht einfach bei einer ganz normalen Zusammenkunft von Nachbar*innen, sondern vor den Kameras von Bremen NEXT geführt wurde. Hätten die Redakteur*innen das Sommerloch nicht mit dieser Schlagzeile füllen können: „Böhmermann disst Bremer Uni“? Kurz bevor „Böhmi“ mit einer neuen Folge „Neo Magazin Royale“ aus seiner Sommerpause zurückkehrte, hatte er nämlich nochmal Texte von Gestern aufgewärmt. In einem Facebook-Post vom 20. August teilte er einen bereits vor drei Jahren veröffentlichten Text, in dem er dem kleinsten Bundesland und seinen Bewohner*innen seine Liebe erklärt, aber gleichermaßen kein Blatt vor den Mund nimmt. Heute, da der selbst so betitelte „blasse, dünne Junge“ viel mehr Gehör als zum Verfassungszeitpunkt findet, ist seine überspitzte Kritik an der Bremer Bildungspolitik Futter für bundesweit gehegte Vorurteile gegen Bremens Uniabsolvent*innen. Der Komiker behauptet: „Ein sehr gutes Bremer Abitur entspricht einem befriedigenden bayerischen Hauptschulabschluss, ein abgeschlossenes Bachelorstudium an der Universität Bremen ist äquivalent mit einem zweiwöchigen Volkshochschulkurs in Baden-Württemberg.“ Danke für den, Böhmermann! *seufz*

Bildnachweis für das Foto von Jan Bömermann: © JCS / Lizenz: CC-BY-SA-3.0 / GFDL

2 Kommentare
  1. Nicole
    Nicole sagte:

    Das mit der Flagge finde ich total übertrieben, vor der Wende sah man sowieso nie und nirgends in Wohngebieten oder sonst wo eine deutsche Flagge, und ich find das gut, dass die Leute wieder Flagge zeigen, hat doch nix mit Übertriebenheit zu tun, oder? Warum jetzt ein Rumäne die deutsche Flagge in sein Fenster hängt verstehe ich auch nicht, aber vielleicht hat er ja eine deutsche Freundin!

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