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Es ist Dienstag der 31. Mai, Tag der Vollversammlung, und um fünf vor zwölf ist noch fast kein Mensch in der Glashalle. Zu Beginn gibt es daher noch lange Gesichter beim AStA, der versucht, auf den letzten Drücker Laufkundschaft anzuwerben und später mit Trillerpfeifen, Konfetti und kollektiven SMS-Nachrichten an den Konrektor wenigstens ein Bisschen Proteststimmung zu entfachen. Doch ganz entspannt – bei Studierenden muss man eben noch das akademische Viertel mit einplanen, und am Ende zählt der AStA immerhin 400 Personen, die gekommen sind, um für die Beschlüsse der Studentischen Vollversammlung abzustimmen.

Janine spricht für die LiSA über „desaströse Zustände im ZPA“

Zuvor gibt es kurze Redebeiträge und Erfahrungsberichte zu den drei Hauptanliegen der Versammlung – Reformen in der Prüfungsordnung, die komplette Abschaffung der Anwesenheitspflicht und die generelle Erhöhung der Regelstudienzeit sowie eine Reduzierung der Prüfungsdichte. Janine spricht für die Liste LiSA und bekundet, die „Uni sei vom selbstbestimmten Lernen weiter entfernt denn je“.

Trotz frenetischem Pfeifen und Applaus der anwesenden Teilnehmer fragt man sich, wo denn eigentlich die Leute geblieben sind. Bei einer Gesamtzahl von 20.000 Studierenden haben wir heute eine Beteiligung von 2%. „Es ist echt kaum Aufwand, sich hier für fünf Minuten hinzusetzen, ich kann das nicht verstehen, schließlich geht es um Dinge, die uns alle sehr stark betreffen“, sagt Lisa (21), die zum Abstimmen gekommen ist. Ich kann diesem Zitat nicht wirklich widersprechen und muss mich fragen was wäre, wenn der AStA sich nicht für uns Studierende einsetzen würde. Die Konsequenz wäre eine Verschlechterung der Bedingungen für uns alle. Ich für meinen Teil möchte keine „intelligenten Anwesenheitspflichten“, so wie es das Rektorat für uns vorsieht und höre auch meine Mitstudierenden über chronische Arbeitsüberlastung und Prüfungsdruck ächzen, der uns langsam aber sicher in Studienroboter verwandelt, die vergessen haben, warum sie das alles hier eigentlich machen.

Wenn man also davon ausgeht, das eigentlich 90% der Studierenden mit den Beschlüssen der Vollversammlung übereinstimmen, hat der AStA dann vielleicht zu wenig Werbung gemacht? Oder ist die Studierendenschaft doch ganz anderer Meinung? Vielleicht hält sie die Ziele des protestfreudig-aufmüpfig auftretenden Studienausschusses ja für zu utopisch. Wenn man genauer darüber nachdenkt, sind sie das eigentlich nicht. Man soll sich unbegrenzt und ohne Angabe von Gründen beliebig oft für Prüfungen an- und abmelden dürfen? Das klingt ja wie im Schlaraffenland! Tja, an der Universität Hildesheim ist das bereits Gang und Gäbe. Die Dozentin gibt eine Anwesenheitsliste rum? Ist doch kein Thema. Doch ist es, denn laut Prüfungsordnung darf die Anwesenheit nach wie vor kein Teil der Prüfungsleistung sein. Überlastungserscheinungen von Studierenden, die ihr Privatleben an den Nagel gehängt haben und eigentlich reif für die Klinik sind, sollen kein normales Bild mehr sein? Wieso muss es das, schließlich wird bereits in Kreisen der Hochschuldirektorenkonferenz und Kultusministerkonferenz über eine Erweiterung des Bachelorstudiums auf acht Semester diskutiert.

Mein Fazit zur Vollversammlung: Obwohl von den Studierenden bereits „viel Druck auf das Prüfungsamt ausgeübt wird“, so Tom Robin Hoffmann, Mitglied im AStA, frage ich mich, ob es dem Studierendenausschuss wirklich großartig bei der Durchsetzung seiner Vorhaben helfen wird, wenn er sagen kann, dass wenigstens 2% der Studierendenschaft seine Meinung teilen. Wie genau die Beschlüsse am Ende umgesetzt werden sollen, sei an dieser Stelle aus strategischen Gründen auch noch nicht verraten.

Der AStA jedenfalls bedankte sich für die Partizipation der 400 und ich kann nur sagen: Danke zurück! Denn ich bin froh, dass es Leute wie euch gibt, die sich in ihrer Freizeit die Hacken dafür ablaufen, dass wir selbstbestimmt studieren dürfen, wenn es schon der Rest der Studierendenschaft nicht schafft, den Hintern hochzukriegen, um sich für die Stärkung der eigenen Rechte einzusetzen.

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