Drei Fragen zum „Fundbüro für Anwesenheitslisten“

Jessica Nuske, Mitglied der Grün Alternativen Liste (ehemals Campus Grün), AStA-Vorsitzende, engagierte Studentin für Geflüchtete und Mitbegründerin der Hochschulgruppe Animal Liberation Uni Bremen, die bei den kommenden SR-Wahlen erstmals eine eigene Kandidat*innenliste stellen wird, beatnwortete der EULe drei Fragen zum „Fundbüro für Anwesenheitslisten“. Dieses hatte Anfang des laufenden Semesters auf der AStA-Etage sozusagen eröffnet. Die Relativierung „sozusagen“ soll heißen, dass dieses Fundbüro natürlich kein neues, eigenständiges Büro ist, sondern die Anwesenheitslisten in der „Kommandozentrale“ des AStAs, an die auch Jessicas Büro angeschlossen ist, abgegeben werden können. Beworben wird es seitens des AStAs aber trotzdem als Neueröffnung.

Moin Jessica! Wir haben drei Fragen an dich:

  1. Seit Beginn dieses Semesters hat der AStA ein „Fundbüro“ für Anwesenheitslisten. Da ihr nicht dazu aufrufen wollt, diese aus Veranstaltungen mitgehen zu lassen, schreibt ihr auf euren Flyern: „Wir haben in letzter Zeit feststellen müssen, dass Anwesenheitslisten stark dazu neigen, verloren zu gehen. Aus diesem Grund eröffnet der AStA Uni Bremen ein Fundbüro…“ Wie viele Listen sind denn schon verloren gegangen?

Es haben 7 Listen inzwischen den Weg zu uns gefunden. Ein paar weitere Seminare mit Anwesenheitslisten wurden uns einfach so gemeldet. Es passiert natürlich nicht so oft, dass Listen von Studierende gefunden werden, weil die Dozierenden so gut auf sie achtgeben.

  1. In welchen Fachbereichen ist der Einsatz solcher Listen überhaupt oder besonders verbreitet? Und wo gehen eurer bisherigen Erfahrung nach die meisten verloren?

Das ist schwer zu sagen. Die Tendenz ist aber, dass eher die höher nummerierten Fachbereiche Probleme mit der Anwesenheitspflicht haben. Das hängt sehr wahrscheinlich damit zusammen, dass in den Seminaren dieser Fachbereiche eher auf Diskussionen angelegt sind und dort seitenweise Texte gelesen werden müssen und so. Allerdings sind die Beschwerden die uns erreichen breit über alle Fachbereiche gefächert. Fachbereich 12 ist dafür besonders bekannt, aber das kann sich auch zufällig ergeben, wenn die Studierenden dort sich schlicht öfter beschweren.

  1. Was ist deiner Meinung nach das Problem mit Anwesenheitslisten? Wen will der AStA vor Sanktionen durch Abwesenheit besonders schützen und was für Sanktionen sind dir überhaupt bekannt?

Das Problem der Anwesenheitslisten ist, dass sie das selbstbestimmt und autonome studieren Aller beschneidet. Der Zwang einer Anwesenheit widerspricht den Alltagsrealitäten der meisten Studierenden. Natürlich leiden Interessengruppen wie Studierende mit Kind(ern), mit zu pflegenden Angehörigen oder mit einer Behinderung enorm unter einer solchen Regelung. Aber auch Studierende die nebenbei arbeiten müssen, sich ehrenamtlich engagieren oder einem zeitintensiveren Hobby nachgehen tun das. Insbesondere fördert aber das Konzept der Anwesenheit den Leistungsdruck, den die allermeisten Studies ohnehin schon spüren. Dieser schlägt sich sogar in den steigenden Anfragen bei der Psychotherapeutischen Beratungsstelle nieder. Anwesenheitslisten unterbinden die Möglichkeit eines selbstbestimmten Studierens, welches all diese persönlichen Lebensrealitäten miteinschließt. Die Sanktionen die mit einer solchen Regelung einhergehen würden/werden sind das nicht-Bestehen des Kurses oder die Verweigerung der Teilnahme an der abschließenden Prüfung oder die Einforderung von „Ersatzleistungen“ in Form von Kurzessays oder ähnlichem. Die Anwesenheitspflicht inklusive dieser Sanktionen müssen in jedem Falle verhindert werden.

Auch die Sinnhaftigkeit der Anwesenheitspflicht ist stark in Frage zu stellen. Die Anwesenheitspflicht entmündigt Erwachsene, eigenständig und selbstbestimmt den Lernstoff zu erarbeiten. In vielen Seminaren mangelt es an didaktischer Kompetenz. Nicht immer ist die Anwesenheit in Seminaren der bestmögliche Weg, die Inhalte des Seminars zu erarbeiten. Studierende können selber am besten einschätzen, ob sie den Stoff lieber autodidaktisch erarbeiten wollen oder nicht.

Befürworter einer Anwesenheitspflicht argumentieren schnell damit, dass Studierende faul sind und sie durch eine solche Pflicht erzogen werden müssen. Im „Workshop Anwesenheitskultur im Studium“, bestehend aus dem Konrektor für Studium und Lehre, Dekan*innen, Lehrenden und Studierenden, wurde zwar versprochen solche Unterstellungen nicht zu machen, dann aber auf die Formulierung des ‚fehlenden Commitments‘ ausgewichen. Einzelne Dekan*innen fanden sie hätten einen ‚Erziehungsauftrag‘ für die Studierenden und es wurde einmal darauf gepocht, dass Lehrende durch ihre grundgesetzlich verankerte Freiheit der Lehre doch ein „Recht“ auf Anwesenheit hätten. Wir erachten eine solche Sicht auf die Studierenden als äußerst unverschämt und sehr respektlos. Sie bestätigt die zu Grunde liegenden Hierarchiestrukturen.

Danke für das Teilen deiner Meinung und Erfahrungswerte!

 

1 Antwort

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  1. […] alternative Liste) schon ein hochschulpolitisches Urgestein. Sie sind im aktuellen AStA durch Jessika Nuske vertreten, die wir kürzlich bereits zum Fundbüro für Anwesenheitslisten befragten. […]

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