Aus den Fugen geraten

„Uni-Gebäude vergiftet“ titelte im August letzten Jahres ein Artikel des Weser-Kuriers. Anfang dieser Woche postete die Uni Bremen auf ihrer offiziellen Facebookseite, dass Schadstoffe in alten Gebäuden noch immer ein Problem darstellten. In der Zwischenzeit waren seitens der Uni weitere Messungen in verschiedenen Gebäuden durchgeführt und seitens der EULe viele Anfragen gestellt worden.

Die Schadstoffe, über die in den vergangenen 5 Wochen, also EULe-Informationen nach seit einer Mail an die Studierenden des Fachbereichs 10, wieder verstärkt diskutiert werden, sind die Gruppe der PCB. Das steht für Polychlorierte Biphenyle, und heißt, wie der Name vermuten lässt, nichts gutes. Auf eine vor mehreren Wochen gestellte Anfrage der EULe antwortete nun der in Berlin ansässige Gesamtverband Schadstoffsanierung e.V. mit Verweis auf seine Veröffentlichung „Schadstoffe in Innenräumen und an Gebäuden – erfassen, bewerten, beseitigen“, in der als Gesundheitsrisiken von PCB chronische Toxizität, Verdacht auf krebserzeugende Wirkung, Fortpflanzungsgefährdung, Neurotoxizität, Immuntoxizität, Lebertoxizität und Anreicherung in Fettgewebe genannt werden. Um all diesen Risiken, die jedoch erst bei hohen PCB-Konzentrationen im Körper Gefahren mit sich bringen, entgegenzuwirken, wird in der selben Veröffentlichung ein Zielwert für die Raumluftkonzentration von unter 300 Nanogramm pro Kubikmeter genannt. Erst ab 3000 Nanogramm müsse sofort interveniert werden. Das hieße im Falle der Uni, dass Veranstaltungen aus den betroffenen Räumen bis zur Sanierung verlegt werden müssten. In Anbetracht der bestehenden Raumnot ein schwieriges Vorhaben. Doch laut dem eingangs erwähnten Artikel des Weser-Kuriers seien in der Uni an keinem Ort über 2200 Nanogramm gemessen worden. Die Aussage hatten sie von dem Pressesprecher der Uni erhalten.

Die PCB-Belastung in einigen Gebäuden der Uni erklärte Uni-Kanzler Dr. Martin Mertens Ende April in einer Mail an Stugen und Verwaltungseinheiten so: „PCB wurden in den 1960er bis 1980er Jahren als Zusatzstoff in Baustoffen verwendet (z. B. in Dichtungsmassen). Mittlerweile sind PCB überall in der Natur vorhanden und werden vom Menschen überwiegend mit der Nahrung aufgenommen.“ Gerade wegen der unvermeidlichen Aufnahme der Giftstoffe durch in belasteter Umwelt hergestellte Nahrungsmittel ist es jedoch wichtig, eine zusätzliche Gesundheitsbelastung durch kontaminierte Raumluft gering zu halten. In den Gebäuden GW1 und NW1 aus den 1970er-Jahren sind die PCB-Werte jedoch aus den Fugen, beziehungsweise die Giftstoffe womöglich wortwörtlich aus Fugen- und Dichtungsmasse in die Luft geraten. Die Beseitigung der ursprünglich PCB-haltigen Baustoffe alleine würde laut den Informationen des oben zitierten Fachbuches zur Schadstoffsanierung jedoch nicht ausreichen: „PCB-belastete Raumluft führt zu gegebenenfalls erheblichen Sekundärkontaminationen von Bauteilen und Materialien der Raumausstattung. Daraus resultieren hohe Anforderungen an die Planung und die Ausführung der Sanierung.“ Die Planung der Sanierungsarbeiten dauert vermutlich auch daher schon eine ganze Weile an. Schon Anfang letzten Jahres war im Rahmen jener Planung bei ersten Messungen die PCB-Kontamination festgestellt worden. Es folgten zwei Informationsveranstaltungen sowie eine Handreichung des Bremer Atmes für Gesundheit und Umwelt. In letzterer wurden die Studierenden beschwichtigt, bei der Festlegung der langfristig tolerablen Raumluftkonzentration sei nicht berücksichtigt worden, dass die Aufenthaltsdauer in den belasteten Räumen bei unter 24 Stunden pro Tag liege.

Insbesondere schwangere und stillende Frauen müssen jedoch vor jeder, auch geringen, PCB-Belastung geschützt werden. Betroffene Mitarbeiterinnen erhielten seit Bekanntwerden der Kontamination von GW1 und NW1 Ausweichbüros, betroffene Studentinnen sind dazu aufgerufen, sich an die Frauenbeauftragten ihrer jeweiligen Fachbereiche zu wenden, um sich über Möglichkeiten des Studiums ohne Aufenthalt in den belasteten Räumen zu informieren. Besonders für diese Personengruppe wäre es wünschenswert, wenn nicht ein einzelner Fachbereich das Thema alljährlich wieder ansprechen und andere Fachbereiche, deren Studierende die betroffenen Gebäude womöglich auch nutzen, auf Nachfrage nachziehen würden, wie es in diesem Jahr der Fall war, sondern die im vergangenen Jahr praktizierte transparente Informationspolitik weitergeführt werden würde, in einer Art und Weise, die es auch immer wieder neu immatrikulierten Studis ermöglicht, von vorneherein informiert zu sein. Dabei dürfen auch die Studierenden nicht vergessen werden, die wie ich als Autor dieses Artikels, zwar keine Pflichtveranstaltungen in den betroffenen Gebäuden haben, aber dort zwecks General Studies regelmäßig Zeit verbringen. Hätte ich von den Informationsveranstaltungen vor etwa einem Jahr gewusst, wäre dieser Artikel vermutlich schon ein Jahr älter. Bleibt noch ein Tipp für die warmen Monate: Gerade jetzt, wo die Sonne auf die alten Unigemäuer scheint, beginnen die Polychlorierten Biphenyle wieder verstärkt aus den Fugen zu kriechen. Trotz möglichen Straßenlärms gilt also: In jedem Falle die Fenster offen halten!

Hier geht’s zur Übersicht über die PCB-Belastung auf dem Campus! (Gebäudeplan als PDF zum Download)

 

1 Kommentar

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] Das GW1 steht irgendwie im Abseits, auf der vergessenen Straßenseite sozusagen. Was im schadstoffbelastenen Gebäude so verbessert werden muss, das antwortet uns diese […]

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert