So ein armer Mann! Geistig vergewaltigt und ausgeladen

Prof. Dr. Ulrich Kutschera hat einen Duktus, der an die „Besorgten Eltern“, PEGIDA und Tourette erinnert und eine Logik, die sich nur paranoiden Menschen erschließt. In seiner jüngsten Veröffentlichung erklärt der Kasseler Professor, warum eigentlich nur Naturwissenschaftler*innen richtig studieren, warum er aber trotzdem nie Naturwissenschaftler*innen sagen würde, das Sternchen in der Mitte hasst und warum Immigration in seinen Augen gefährlich ist. Und wir erklären, was er dachte, an der Bremer Uni verloren zu haben.

Was ist eigentlich geistige Vergewaltigung? Das war meine erste Frage, als ich die Überschrift las. Nicht meine eigene, sondern die von Prof. Dr. Ulrich Kutschera, der nicht nur Evolutionsbiologe und Physiologe ist, sondern auch als Kreationismuskritiker auftritt – oder zumindest auftreten will. Als ich den Text, der im Oktober dieses Jahres auf den Seiten des deutschen Arbeitgeberverbandes veröffentlicht wurde, trotz seiner zahllosen derben, heteronormativen, sexistischen und rassistischen Inhalte zwecks Recherche für diesen Artikel bis zu Ende las, wurde mir zumindest meine erste Frage beantwortet. DAS ist geistige Vergewaltigung.

Die zweite Frage, die sich beim Lesen des Artikels aufdrängt, ist: Was hat dieser Mann eigentlich für Komplexe? Der Arme fühlt sich diskriminiert, weil die Evolutionsbiologie und die Physiologie beide weibliche Artikel haben. Und so stellt er sich die Frage: „Warum darf ich nicht meine seit nunmehr fünf Jahrzehnten betriebene Tätigkeit als ‚der (bzw. das) Physiologie bzw. Evolutionsbiologie‘ um-deklarieren?“ Und er beschwert sich, dass es kein Ministerium für Männer gibt. Erstens spricht meines Wissens nach keine Studentin im Fachbereich Ingenieruwesen von „die Ingenieuerwesen“ (wenn doch, möge sie das gerne in den Kommentaren richtigstellen ;) ). Zweitens ist die Gleichstellung der Geschlechter traditionell nunmal ein gesellschaftlicher Kampf, der von Frauen angeführt wird. Kutschera hat aber offenkundig nicht nur keine Ahnung vom Gendern und der Thematik der Gleichstellung, sondern ein krass heteronormaitves – oder wie er es nennt „heteronormales“ – Bild von Geschlechterrollen. So lässt er sich unablässig über den Mann auf dem Foto einer Werbepostkarte des oben genannten Ministeriums aus, weil dieser junge Herr mit Blumenstrauß in der Hand seines Erachtens nach nicht maskulin genug wirke, um als Mann gelten zu dürfen. „Durch die langen Haare und eine Mütze auf dem Kopf versinnbildlicht dieser ‚Jüngling im optimalen Testosteron-Alter‘ das derzeitige politische Ideal des mitteleuropäischen Schoßhundes der Biospezies Homo sapiens: Intelligent-weißhäutig [sic.!], und somit mit dem Potential zum gutverdienenden beamteten Lehrer ausgestattet, aber gleichzeitig mit einem sensibel-weichgespülten Wesen. Die maskulinen Züge des Mit-Zwanzigers sind kaum noch erkennbar,“ echauffiert sich der Professor, dem anscheinend alles daran gelegen ist, dass Männer ihren Hormonen freien Lauf und sich Rauschebärte wachsen lassen und im Kampf gegen die Verweichlichung durch die Wälder streifen, um mit bloßen Händen Rehe zu erlegen. Währenddessen sollen die Frauen in der Konsequenz wohl daheim bleiben und sich um Kind und Küche kümmern, was dann „gleichberechtigt-arbeitsteilig“ ist, weil beide gleichermaßen nicht berechtigt sind, sich ihren Teil der Arbeit, ihre Geschlechterperformanz, ihre Rolle in der Gesellschaft auszusuchen. Seine steinzeitlichen Phantasien basiert der Biologe auf anatomischen Unterschieden, die von den gefährlichen „Kampf-Emanzen“ geleugnet würden. Dieser Mann scheint wirklich Angst vor Frauen zu haben. Vermutlich hat er in einem der berühmt-berüchtigten Emanzenkämpfe mal seinen Bart verloren… oder gar schmerzhafteres. Besagte anatomische Unterschiede rechtfertigten seiner Meinung nach also, dass Frauen keine Säge benutzen dürften. Dass auf der Postkarte des Ministeriums auch noch eine Frau MIT SÄGE (!) abgebildet ist, schießt für den sozial-darwinistischen Wirrkopf nun wirklich den Vogel ab. Das Postkartenpaar zeige insgesamt „eindrucksvoll, was die GM [Gender Mainstreaming]-Religion [sic.!] aus den ehemals arbeitsteilig-gleichberechtigten Männern und Frauen der Wirtschaftswunder-Jahre gemacht hat: Widernatürliche ‚Mann-Frauen‘ [sic.!] mit reduziertem Arbeitsleistungs- und Reproduktionspotential.“ Menschen werden also an ihrem Arbeitsleistungs- und Reporduktionspotential gemessen, Herr Kutschera? Da möchte man sich ja wirklich den braunen Dünpfiff ersparen, den Sie womöglich zur Frage nach Behinderten oder Homosexuellen abgeben würden. Aus dem selben Grund frage ich gar nicht erst danach, was bitteschön intelligent-weißhäutig für ein Attribut sein soll.

Kreationismus ist zugegebener Maßen eine Untergrabung der Aufklärung, weil er zugunsten religiöser Vorstellungen von der Entstehung des Lebens, wissenschaftliche Erkenntnisse leugnet. Ihn in Schulen mindestens als Alternativtheorie zur Evolution zu unterrichten, wie es manche seiner Verfechter fordern, wäre eine Rückkehr ins Mittelalter. Das Weltbild von Prof. Dr. Kutschera ist aber ähnlich rückschrittlich. Die von der Bremer Hochschulgruppe „Liga der Unbequemen“ organisierte Abendveranstaltung zum Thema Kreationismus, zu der sie den Kasseler Professor in den Hörsaal am Boulevard eingeladen hatte, wurde daher abgesagt. Sie hätte am 2. November stattfinden sollen. Der Gast wurde jedoch noch am selben Tag ausgeladen, nachdem der oben zitierte Text erst sechs Tage zuvor erschienen und in der Zwischenzeit zu den Verantwortlichen durchgedrungen war. Der AStA hatte diese dazu aufgefordert, die Veranstaltung abzusagen. Daraufhin wurde die Studierendenvertretung für ihre Forderung von Studierenden kritisiert, die die Veranstaltung gerne besucht hätten. „Einen Redner auszuladen, der als Kenner der Szene gilt und ihr auch in Deutschland engagiert und vehement entgegentritt, heißt meiner Meinung nach hier, das Kind mit dem Bade auszuschütten. […] So wie es jetzt gelaufen ist, sind religiöse Pseudowissenschaftler die einzigen, die sich freuen können,“ gab es von einer der kritischen Stimmen zu hören. Der AStA hat sich diese Woche nun auf eine Stellungnahme hierzu geeinigt. Hierin heißt es: „Wenn evolutionsbiologische Kritik am Kreationismus mit perfidem Sexismus (‚Gender ist die geistige Vergewaltigung des Menschen‘, Kutschera) verbunden wird, kann von Kampf gegen […] ein ‚längst überkommenes Frauenbild [der KreationistInnen] in der Gesellschaft‘ ja wohl kaum die Rede sein.“ Auch auf einen weiteren Abschnitt des eingangs zitierten Textes geht der AStA ein. In diesem werden Asylsuchende auf Ärgste diffamiert und kriminalisiert. „Auch sein unverholener Rassismus/ Nationalismus (‚Ureinwohner Deutschlands‘ vs. ‚Invasion‘ von Geflüchteten) ist unser Ansicht nach gerade in Kombination mit Evolutionsbiologie Teil einer Ideologie, der wir keinen Raum geben wollen,“ heißt es in der Stellungnahme der Studierenden weiter. Und abschließend: „Er mag Experte für Evolutionsbiologie sein, jedoch wurde mit der Absage an seinen Vortrag unserer Meinung nach nicht ‚das Kind mit dem Bade ausgeschüttet‘, sondern vor massiven Verbrühungen bewahrt.“

Dass Kutschera mit dem Bade ausgeschüttet worden ist, wird er vermutlich auch so sehen und sich ob der ohnehin schon imaginierten Diskriminierung weiter bemitleiden. Vielleicht stellt er sich ja in eine Reihe mit den anderen großen pseudo-diskriminierten Reaktionären Sarrazin und Pirinçci und lässt „Deutschland schafft sich ab“ und „Die Verschwulung des Abendlandes“ ein weiteres mit rassistischen, homophoben und sexistischen Provokationen im Vorfeld vermartketes Schundbuch folgen. In diesem Fall wäre es natürlich nicht nur peinlich, sondern auch gefährlich gewesen, wenn er an der Uni Bremen eine Bühne bekommen hätte. Schlimm genug, dass er eine in Kassel hat und unbegreiflich, wie der deutsche Arbeitgeberverband Kutscheras Texte publizieren kann. Zwar tangieren ethisch-moralische Fragen diesen ohnehin nur periphär, um es gelinde auszudrücken, aber der Grusel, den mir die Hetzschrift des Professors bereitet hat, geht weit, sehr weit über den des übrigen Gruselkabinetts auf www.deutscherarbeitgeberverband.de hinaus. Eine Bitte um Stellungnahme an die Betreiber*innen der Seite ist auf dem Weg.

2 Kommentare
  1. Mr. Tourette
    Mr. Tourette sagte:

    Warum werden hier Tourette-Erkrankte beleidigt??? Weiß der werte Autor des Textes, der die Weisheit scheinbar mit Löffeln gefressen hat, nicht, was diese Krankheit bedeutet und dass man diese nicht eben mal in einem Nebensatz verlacht?! Aber ich kann mir schon denken, was dieser Autor eine Sorte von Mensch ist. Lesen müsste man können!!! Lesen sie die Fachbücher und zahllosen Publikationen von Kutschera und anderen Evolutionsbiologen und machen Sie sich nicht über Behinderte wie die Tourette Erkrankten lustig. Sonst müssten Sie mit einer Anzeige rechnen.

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  1. […] des Kreationismus vielgefragte Referent gleich an zwei Universitäten Ausladungen erhielt. Erst in Bremen, dann in Marburg wurden bereits angekündigte Vorträge mit Verweis auf seinen Antifeminismus und […]

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